Punk-Tragikomödie "Sons of Norway": Die Nackten und der Pogo

Von

Okay, die Sicherheitsnadel in der Backe kann bleiben - aber nur, wenn du dich im FKK-Camp ausziehst! In "Sons of Norway" üben ein Althippie und sein Punker-Sohn die Selbstbefreiung zum Sound der Sex Pistols. Das gefällt Johnny Rotten so gut, dass er als Gaststar eine harte Weisheit verbreitet.

Die Revolution gehört den Jungen. Und wenn die Alten den Jungen auch sonst nichts gönnen, das Aufbegehren können sie ihnen nicht nehmen. Oder etwa doch? Nikolaj (Åsmund Høeg) ist 14 und hat Punk entdeckt, die Haare trägt er jetzt grün, auf den Rücken hat er sich eine angekokelte Norwegen-Flagge genäht, die Backe ist mit einer riesigen Sicherheitsnadel zerstochen. Eine 1-a-Revolte für ein Vorstadtkind Ende der siebziger Jahre - die Nikolajs Vater Magnus (Sven Nordin) jedoch wohlwollend aufnimmt. Anarchie? Findet der Papa gut.

Während der Junge durch den Supermarkt rennt und auf Salatköpfe rotzt, lächelt der Alte mit väterlichem Stolz. Diese Punkmusik, für Althippie, Architekt und Freigeist Magnus ist das eine hochinteressante Sache. Das Album der Sex Pistols erinnert ihn doch glatt ans "Dadaistische Manifest" von 1918. Die Sicherheitsnadel in der Backe seines Sohnes darf ruhig drinbleiben, solange sich der Junge während der Ferien im Nudisten-Camp brav nackig macht.

Und als der Vater zum Schuldirektor gerufen wird, weil der von Nikolaj eine Bierflasche an den Kopf geknallt bekommen hat, hält der Alte ein flammendes Plädoyer für den Widerstand gegen das System. Vater und Sohn vereint in der Rebellion gegen eine in Konventionen und Konsumwahn erstarrte Gesellschaft? Beinahe.

Du und drei Riffs gegen den Rest der Welt

Als der kleine Nikolaj eines Nachts auf Speed nach Hause kommt, merkt er, dass sein Vater auch ohne illegale Substanzen längst in eine andere Realität abgedriftet ist: Auf irre anmutenden Zeichnungen will er dem Jungen demonstrieren, dass die Siedlung, in der sie wohnen, eine geometrische Anordnung schöner Holzquader, nichts anderes als ein teuflisches Konstrukt ist, das die Bewohner zum Erwerb unnützer Waren anhalten soll.

Fotostrecke

6  Bilder
Norwegische Tragikomödie: Letzte Haltestelle Punk
"No Future" im puscheligen norwegischen Sozialstaat-Ambiente: Der nihilistische Slogan, den die Sex Pistols 1977 aufs Vereinigte Königreich niederfahren ließen, wird in "Sons of Norway" zum Motto von Vater und Sohn. Aber woher diese Zukunftsverachtung? Die Frau und Mutter von Magnus und Nikolaj ist bei einem Straßenunfall ums Leben gekommen, die Familie wurde zerrissen, eine Zukunft kann es nicht geben. Letzte Haltestelle Punk (oder Paranoia).

Die kollektive Verweigerungshaltung einer Jugendbewegung als Resonanzraum für ein Vater-und-Sohn-Trauerstück stellt ein Risiko dar. Denn allzu leicht hätten die Posen und Chiffren der Blank Generation, wie der Punk-Philosoph und Sex-Pistols-Stichwortgeber Richard Hell seinen Jahrgang 1977 nannte, hier als Therapiemaßnahme für zwei hoffnungsleere Gestalten verwurstet werden können. Doch Regisseur Jens Lien nimmt den Spirit des Punk durchaus ernst: Er ist bei ihm der Brandbeschleuniger fürs Familiendrama. Fackelt den ganzen Psycho-Ballast nieder, bis die puren unverfälschten Egos darunter auftauchen!

Ist das asozial? Gar nicht, bei Filmemacher Lien funktioniert die Explosion der Verhältnisse ganz unverlogen - als Rettung des Sozialen. Was für ein Augenblick, als Nikolaj zum ersten Mal "Anarchy in the UK" hört: wie seine Augen sich vor Glück weiten, während sich der Mund zu einer grimmigen Grimasse verzieht! Wie großartig es sich anfühlt, lächerlich auszusehen! Wie unangreifbar der Held scheint, als er einfach seiner Schwäche freien Lauf lässt. Da gönnt Lien dem Jungen sogar eine Zeitlupensequenz, lässt ihn durch den Supermarkt stürmen und Chaos verbreiten, während die Sex Pistols aufjaulen: du und drei Riffs gegen den Rest der Welt.

Als Gaststar für seinen wilden, klugen und zärtlichen Punk-Film konnte Regisseur Lien übrigens einen großen Namen gewinnen. In der Nacht hat Nachwuchs-Punk Nikolaj eine Erscheinung: Es ist der heilige Johnny Rotten, der Sex-Pistols-Sänger, der den Menschen mit der gleichen Weltverachtung entgegentritt wie anno 1977. Hier starrt er mit gewohnt übellauniger Visage in den Schnee, der vom Himmel rieselt, und sagt: "Freiheit ist scheiße." Im nächsten Moment aber auch: "Scheiße ist Freiheit."

Vielleicht seine persönliche Art, den Nihilismus von einst mit Sinn zu füllen, ohne die alten Ideale zu verraten. Das Glück liegt noch immer im Dreck, schnapp es dir. Auch wenn es übel riecht.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Immer diese Sex Pistols
dasbeau 04.07.2012
Die Schaffung der Band (aus Boutique-Kunden) war vielleicht noch Punk im weiteren Sinne, der Bestand der Band bzw. die Band selbst aber eigentlich das genaue Gegenteil: Zusammengecastet und nach der Pfeife von Malcolm McLaren tanzend (im Grunde nichts anderes, als das, was Dieter Bohlen heute so macht). Ramones, The Clash, Stiff Little Fingers.... Das war Punk (bei den Ramones allerdings rein musikalisch, bei Clash und SLF auch inhaltlich). Die Pistols waren nicht viel mehr als ein Konsumprodukt, das ein Bedürfnis befriedigte, welches McLaren sehr clever erkannt hatte.
2. Eine Nonkonformisten-Uniform
zappa99 04.07.2012
war der Punk. Heute habens die Kids aber noch schwerer mit der Provokation. Bei uns damals haben schon Bluejeans ausgereicht, um dem Opa den Adrenalinspiegel zu heben.
3.
bicyclerepairmen 04.07.2012
Zitat von zappa99war der Punk. Heute habens die Kids aber noch schwerer mit der Provokation. Bei uns damals haben schon Bluejeans ausgereicht, um dem Opa den Adrenalinspiegel zu heben.
Echt ? Meine ersten, richtigen "Nietenhosen" hatte ich von Opa. (Eine habe ich übrigens immer noch, frühe 50er, warte immer noch auf einen reichen Japaner...)
4.
holgermesle@web.de 04.07.2012
Weiß jemand was das für ein Lastenmoped ist mit dem die Zwei zerumfahren? Um zu provozieren genügte es in meiner (Katholischen) Gegend übrigens schon eine Evangelische Freundin mit nach Hause zu bringen.
5.
holgermesle@web.de 04.07.2012
Weiß jemand was das für ein Lastenmoped ist mit dem die Zwei zerumfahren? Um zu provozieren genügte es in meiner (Katholischen) Gegend übrigens schon eine Evangelische Freundin mit nach Hause zu bringen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema Kino
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 12 Kommentare
  • Zur Startseite
"Sons of Norway"

Norwegen 2011

Regie: Jens Lien

Drehbuch: Nikolaj Frobenius

Mit: Sven Nordin, Sonja Richter, Åsmund Høeg, John Lydon, Trond Nilssen

Verleih: Alamode

Länge: 88 Minuten

FSK: 12 Jahre

Start: 5. Juli 2012