Sophies Welt Die Julia-Jentsch-Festspiele

Im Wettbewerb sieht man schönen Sex im England der fünfziger Jahre und eine Liebeserklärung an die Kleinkriminellen Europas. Außerhalb der Kinos kann man dem deutschen Berlinale-Gesicht Julia Jentsch kaum entgehen. Wie lange bleibt sie der Liebling des Feuilletons?


Schauspielerin Jentsch als Sophie Scholl: Beängstigender Hype
Internationale Filmfestspiele Berlin

Schauspielerin Jentsch als Sophie Scholl: Beängstigender Hype

Medienvielfalt ist was Schönes, das sieht man auch und gerade in diesen filmverrückten Tagen in Berlin. Damit Deutschland richtig heiß wird auf die große Berlinale-Party, haben sich ganz viele gewitzte Medienmenschen ganz viele Gedanken gemacht - und sind auf die irrsten Heißmacher-Drehs verfallen.

Die Berliner Zeitschrift "tip" zum Beispiel beschämt die Konkurrenz durch den originellen Einfall, die Schauspielerin Julia Jentsch auf dem Titel zu präsentieren; mit sehr blassem Gesicht, sehr weißen bloßen Schultern und einem schwarzen Spaghettiträgerhemd, dazu die Zeile: "Die weiße Rose - Julia Jentsch ist Sophie Scholl".

Auch das Berlinale-Heft der Hamburger Wochenzeitschrift "Die Zeit", hat sich dafür entscheiden, Julia Jentsch auf den Titel zu heben; und zwar in Sepiafarben, mit der Zeile: "Star der 55. Berliner Filmfestspiele: Julia Jentsch in der Rolle der Sophie Scholl".

Besonders kreativ war man beim "Stern". Dort ist aus Anlass der Berlinale ein besonders schönes Julia-Jentsch-Porträt erschienen, das schon im Vorspann verspricht, die Darstellerin werde "auf der Berlinale triumphieren". Auf dem zugehörigen Foto faltet Julia Jentsch allerliebst die Hände.

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Berlinale-Eröffnung: "Der rote Teppich liegt richtig"

Wer ist der Titelstar des gemeinsamen Berlinale Hefts von "Rheinischer Merkur" und "Film-Dienst"? Tatsächlich Julia Jentsch. Wer wurde im "Tagesspiegel" ganzseitig interviewt zur Einstimmung auf die Berlinale? Julia Jentsch. Wen sieht man auf Berlinale-Faltblättern, auf Litfasssäulen, auf den Werbetafeln der Bushaltestellen in Berlin? Julia Jentsch!

Also ich finde Julia Jentsch auch toll. Ich habe sogar mal sehr verzückt über sie geschrieben, als sie gerade mit "Die fetten Jahre sind vorbei" im Kino zu sehen war und in München eine große Theaterpremiere hatte. Aber ein bisschen beängstigend sind die Julia-Jentsch-Festspiele in diesen Berlinale-Tagen schon. Nicht weil man sich sorgen muss, dass es Marc Rothemunds "Sophie Scholl"-Film, der in den nächsten Tagen im Wettbewerb läuft, bei soviel Vorab-Hype um die Hauptdarstellerin etwas schwerer haben wird (in der "FAZ" moserte man schon leicht pietätlos, dass die Heldin Scholl halt leider verglichen mit US-Helden wie Howard Hughes keinen richtigen Glamour habe) - aber das hält der Film schon aus.

"Zweitklassigkeit" und Überdruss

Alexandra Maria Lara im Film "Der Untergang": Schnell wieder abserviert
Constantin Film

Alexandra Maria Lara im Film "Der Untergang": Schnell wieder abserviert

Zum Fürchten ist das Julia-Jentsch-Fieber eher deshalb, weil man ahnt, wie schnell unsere lieben deutschen Medien die im Augenblick so gefeierte Schauspielerin auch wieder abservieren könnten. Ungefähr so grob, wie sie es gegenwärtig mit Alexandra Maria Lara tun, über die man schon lesen kann, sie sei zu oft in deutschen Filmen zu sehen (in der "Sonntags-"FAZ") und solle sich doch bitte nicht auch noch "die Lara" nennen lassen (in der "Abendzeitung").

Oder so boshaft, wie manche Journalisten derzeit mit Franka Potente umspringen. Die sitzt in der Jury des Wettbewerbs und wurde zum Auftakt in der "Berliner Zeitung" in Verbindung mit dem hässlichen Wort "Zweitklassigkeit" als "unterbeschäftigte deutsche Schauspielerin" begrüßt. Ihren Jury-Kollegen Nino Cerruti nannte man dort einen "nicht mehr angesagten Modemacher".

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Mondo Berlinale: Alle Wettbewerbsfilme in Bildern

Ja, das ist der Berliner Charme! Cannes ist für seine Bikini-Schönheiten und seine Strandpromenade, die Croisette, berühmt; Venedig für seine Lagune und die darauf herumkurvenden gut gelaunten Schnellbootfahrer und Gondelschaukler; und Berlin? Für Regenpfützen und Stadtbewohner, die ihr schlechtes Benehmen für den Ausweis eines gewitzten Charakters halten.

Insofern hat die Berlinale natürlich perfekt angefangen. Es nieselte lauwarm am ersten Tag, die Eröffnungsparty war ein einziges beherztes Geschimpfe über den Eröffnungsfilm "Man To Man"; und dass Anke Engelke eine schlagfertige, charmante, echt großartige Moderation des Eröffnungsfestakts hingelegt hatte, "ist doch keine Überraschung - das hätten wir dir vorher sagen können", sagten die Berliner Kollegen.

Die ratlosen Mienen der Uno-Soldaten

Klar wird in Berlin auch an den Kinoeingängen gerempelt und gedrückt, wie man es sonst nur von Fersehbildern aus der Tokioter U-Bahn kennt. Am Freitag (draußen war übrigens ausnahmsweise erstaunlich schönes Wetter) herrschte bei der Pressevorführung von "Hotel Ruanda" ganz schlimmes Geschiebe, in dem man Todespanik kriegen konnte, was im Film selber dann eine grausige Entsprechung findet. Beklemmend schildert Terry Georges Speilfilm eine weitgehend wahre Begebenheit aus der Menschenschlächterei von Ruanda im Jahr 1994, als Hutu-Milizionäre und der ihnen ergebene Straßenpöbel rund eine Million Tutsi-Kinder, -Frauen und -Männer umbrachten.

Berlinale-Film "Asylum": Verschraubte Handlung
Internationale Filmfestspiele Berlin

Berlinale-Film "Asylum": Verschraubte Handlung

Don Cheadle spielt einen Hutu-Hotelmanager, der selber mit einer Tutsi verheiratet ist und in seinem Haus, einer vorher ziemlich luxuriösen Hotelanlage, in ständiger Lebensgefahr Hunderte von Flüchtlingen unterbringt. Manchmal ist dieser Film eine Qual, weil man dauernd in vom Schrecken verzerrte Frauen- und Kindergesichter blickt, in grinsende Mördervisagen und in die ratlosen Mienen der letzten Uno-Soldaten (darunter Nick Nolte), die auch nicht wissen, wie sie die Metzelei aufhalten sollen.

Der mit Geld aus Großbritannien, Südafrika und Italien gedrehte Film ist ein ruhiges und umso erschütternderes Schreckenswerk. Hier wird nicht wütend angeklagt, sondern fassungslos, fast bedächtig und sehr geradeaus von einem Massenmord unter den Augen der ganzen Welt erzählt - und das ist ebenso schlicht wie ergreifend. Terry Georges Film hätte vermutlich Chancen auf einen Preis; er läuft bei der Berlinale aber außer Konkurrenz, weil er zuvor schon beim Festival in Toronto zu sehen war. Naja, so sind die Regeln.

Irrer liebt schöne Ärztin

Natasha Richardson in "Asylum": Prachtvolle Beischlafsszenen im Irrenhausgarten
Internationale Filmfestspiele Berlin

Natasha Richardson in "Asylum": Prachtvolle Beischlafsszenen im Irrenhausgarten

Beim Wettbewerbsfilm "Asylum" denkt man wegen des Titels ja auch gleich, es handle sich um ein politisch engagiertes Werk, aber dann fällt David Mackenzies Werk, über das ja schon der Tagebuch-Kollege Lars-Olav Beier berichtet hat, doch vor allem durch schwelgerisch schöne Sexszenen auf. Die Story vom schönen Irren (Martin Csokas) und der schönen Irrenarztgattin (Natasha Richardson), die sich im England der 1950er Jahre sehr fatal ineinander verlieben, mag ein bisschen schwerfällig sein, die prachtvollen Beischlafsszenen im Irrenhausgarten und erlesenenen Landschaftsbilder haben zumindest mich über die trübe verschenkte und verschraubte Handlung hinweggetröstet.

Die bisher schönste Überraschung des Wettbewerbs bisher war aber Hannes Stöhrs Film "One Day in Europe": Der ist nämlich gar nichts so öde, wie sich das beim Inhalt-Aufsagen so anhört.

Vier Episoden, die am Tag des Champions-League-Finales in Moskau, Istanbul, Santiogo de Compostela und Berlin spielen, und immer geht's darum, dass ein Diebstahl bei der Polizei gemeldet wird. Mal hat es den Diebstahl wirklich gegeben, mal nicht.

Péter Scherer, Miguel de Lira in "One Day In Europe": Blick in kleine Abgründe
Internationale Filmfestspiele Berlin

Péter Scherer, Miguel de Lira in "One Day In Europe": Blick in kleine Abgründe

Stöhrs Film verblüfft durch einen eigenwilligen, nie redundanten Erzählstil. Nie verweilt er zu lange bei einer Pointe, dafür lässt er viel Raum für die Kunst der Schauspieler. Florian Lukas spielt zum Beispiel einen ostdeutschen Rucksacktouristen, der in Istanbul auf dreiste Art zu Geld kommen will, Megan Gay eine britische Geschäftsfrau, die ihre ganze reizvolle Zickigkeit auf einem Moskauer Polizeirevier herausbrüllen darf.

"One Day in Europe" feiert naheliegenderweise die Gemeinsamkeiten, die es bei allen Unterschieden und trotz der babylonischen Sprachverwirrung im Europa von heute gibt. Überall sind die Menschen vom Fußball begeistert, überall pflegen sie ihre fröhlichen und miesen Liebeslügen, überall schlummern kleinkriminelle Abgründe in scheinbar ganz braven Zeitgenossen. Und überall findet ein Poet wie der Regisseur Stöhr ein paar Kamerablicke, die einen als Zuschauer vor Heim- und Fernweh ganz zappelig machen: Schön ist es, das zwar nicht moralische, aber sehr menschliche Europa, das hier zu bestaunen ist.



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