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"Soul Kitchen"-Regisseur Fatih Akin "Ich hatte Bock zu lachen"

Regisseur Akin: "Mensch, ich hab' eine Komödie!"Zur Großansicht
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Regisseur Akin: "Mensch, ich hab' eine Komödie!"

2. Teil: "Wir brauchen kein Wachstum, sondern einen funktionierenden Sozialstaat"

Akin: Sicher. Der Weltvertrieb zum Beispiel. Alleine in Deutschland machen meine Filme keinen großen Gewinn. Ich mache keinen Verlust, aber das ist nicht wie bei "Männerherzen" oder "Keinohrhasen". Wir haben meistens eine halbe Million Zuschauer, große Sprünge machen kann man damit nicht. Es geht ja nicht darum, dicke Autos oder Häuser zu kaufen, sondern darum, die Firma am Laufen zu halten. Dafür brauche ich das Ausland. "Auf der anderen Seite" hat in Frankreich genauso viel eingespielt wie in Deutschland - auf einmal ist das ein Markt. Auch daher rührte meine zögerliche Haltung "Soul Kitchen" gegenüber. Ich hatte das Gefühl, der Film funktioniert vielleicht nicht außerhalb Deutschlands.

SPIEGEL ONLINE: Von "Gegen die Wand" und "Auf der anderen Seite" haben Sie einmal gesagt, die Geschichten seien so universell, dass sie überall auf der Welt spielen könnten. "Soul Kitchen" ist sehr auf Hamburg zugeschnitten, aus internationaler Sicht also tatsächlich ein Wagnis. Warum musste Ihre erste Komödie auch gleichzeitig ein Heimatfilm sein?

Akin: Es ist vielleicht gar nicht mein erster Heimatfilm, es gibt da eine Verbindung zu "Kurz und schmerzlos", der in Altona spielt, kurz bevor es zur Boomtown wurde. Altona ist mein Viertel, also ist die Videothek im Film dann halt die Videothek, wo ich immer hingehe, und der Lessing-Tunnel, der im Film vorkommt, liegt auf dem Weg zu mir nach Hause. Bei "Soul Kitchen" hatte ich die Sehnsucht, Hamburg ganz ins Zentrum zu rücken. In den vergangenen Jahren gab es ja so eine Art Korrespondenz zwischen mir und der Presse über meine Filme und über die Frage, wo ich denn nun eigentlich hingehöre. Diesen Dialog setzt "Soul Kitchen" fort. Der Film setzt einen Akzent, vielleicht sogar eine Zäsur.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Akin: Normalerweise verlassen meine Charaktere das Land, um von außen auf ihr Leben zu gucken und sich zu finden. In "Soul Kitchen" bleibt der Held zu Hause. Adams Freundin verlässt zwar das Land, aber er selbst bleibt da. Viele Regisseure sagen, man macht eigentlich immer denselben Film. Natürlich bemühe ich mich, dieser These zu widersprechen. Aber vielleicht gibt es da tatsächlich ein übergreifendes Thema: Der Held in "Soul Kitchen" muss nicht mehr herausfinden, wo er hingehört, diese Suche ist mit "Auf der anderen Seite" zu Ende erzählt. Meine Figuren laufen jetzt nicht mehr weg, sondern verteidigen, was hier ist. In "Soul Kitchen" wehren sie sich zum Beispiel gegen die neoliberalen Kräfte in der Stadt.

SPIEGEL ONLINE: So politisch wirkt der Film gar nicht. Soll man "Soul Kitchen" etwa als Manifest gegen den städtebaulichen Umbruch lesen, der in Hamburg herrscht und zu Protestaktionen wie zuletzt im besetzten Gängeviertel führt?


Akin: Nein, aber es gefällt mir überhaupt nicht, wie sich die Stadt verändert. Ob Gängeviertel oder alte Kontorhäuser, alles soll einfach abgerissen werden. Nicht weil die Bausubstanz schlecht ist, es geht nur um Profit. Das ist der falsche Weg! Architektur ist immer auch ein Ausdruck der Menschen, die in der Stadt leben. Wie können wir denn eine verantwortungsbewusste Gesellschaft werden, die ältere Menschen respektiert, wenn wir die Zeugnisse unserer Eltern einfach abreißen? Das führt dann dazu, dass wir sagen: Ab 65 bringst Du keine Leistung mehr, also zahl' ich deine Krankenversicherung nicht mehr und lasse dich sterben. So ähnlich ist das mit den Gebäuden auch.

SPIEGEL ONLINE: So wütend, wie Sie werden, scheint Sie das alles auch ganz persönlich zu betreffen.

Akin: Es gibt in "Soul Kitchen" eine Szene, die im Mojo-Club spielt, diesem legendären Club an der Reeperbahn, kurz bevor sie ihn wirklich endgültig zugemacht haben. Was hab ich da für Partys gefeiert! Schlüsselmomente meines Lebens habe ich da erlebt, Prince habe ich da mal kennengelernt. Und den Club gibt's jetzt einfach nicht mehr! Auch viele Kneipen wird es bald nicht mehr geben, und aus dem Laden, der als "Soul Kitchen" diente, wird ein Parkplatz. Wir haben bewusst Drehorte ausgesucht, die wir festhalten wollten.

SPIEGEL ONLINE: Alles schön nostalgisch, wie es sich für einen Heimatfilm gehört.

Akin: Sentimental sicher, nostalgisch weiß ich nicht. Der Film handelt ja auch von einer Art Partykultur, vom Ausgehen und Spaßhaben. Das geht nur bis zu einem bestimmten Alter. Heute gehe ich auf Elektropartys und bin der Älteste! Irgendwie ist "Soul Kitchen" also auch ein persönlicher Abschied von einem Lebensstil. Filmpartys wird es immer geben, aber Clubkultur und so, das ist durch für mich - und das muss es auch so langsam. Ich hab' da auch keinen Bock mehr drauf. Ich lege gern noch mal in einer Kneipe Platten auf, aber richtiges Nachtleben muss nicht mehr sein.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem Heimatstadtteil Altona rebelliert gerade eine Künstlergruppe gegen den Neubau eines Ikea-Kaufhauses in einer etwas heruntergekommenen Einkaufszone. Sie unterstützen den Protest. Worum geht es Ihnen dabei?

Akin: In der Großen Bergstraße gibt's doch genug Geschäfte! Glauben Sie etwa, der Döner-Mann um die Ecke hat dadurch einen Gewinn, dass die da Ikea hinsetzen? Die bauen doch eine Stadt in der Stadt: Die Leute fahren mit ihrem Auto ins Parkhaus, kaufen ein, essen ihre Hackbällchen und fahren wieder weg. Und die Einzelhändler gucken dumm aus der Wäsche. Das einzige, was passieren wird, ist, dass die Immobilienhändler die Mieten erhöhen. Und dann fliegen alle kleinen Händler raus.

SPIEGEL ONLINE: Was ist dagegen zu sagen, wenn die Gegend durch ein paar neue Geschäfte und ein neues Publikum aufgewertet wird?

Akin: Wer sagt denn eigentlich, dass die Einkaufszone nicht belebt ist? Sie können da in vielen kleinen Geschäften einkaufen. In Ottensen zum Beispiel, gleich nebenan, kann man sich ansehen, wie eine sogenannte Aufwertung aussieht: Da gibt es von 20 türkischen Gemüsehändlern nur noch zwei. Stattdessen überall schicke Sushi-Läden, Bars und Kneipen, Balzac und Starbucks. Niemand braucht das. Aber unsere Gesellschaft ist ja nur auf Wachstum, Wachstum, Wachstum ausgerichtet. Und wir lernen nicht! Wir brauchen kein Wachstum, sondern einen funktionierenden Sozialstaat.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll Hamburg dem denn Einhalt gebieten?

Akin: Man müsste mehr Stiftungen gründen, die solche alten Gebäude erhalten. Davon gibt es viel zu wenig in der Stadt, obwohl alles voller Millionäre ist. Wir haben das Gängeviertel in "Soul Kitchen" ganz bewusst als Kulisse für Adams Wohnung gewählt. Wir wollten nicht, das er aus Altona kommt oder einem anderen Stadtteil, wir wollten einen neutralen Hintergrund, keine Ghetto-Folklore. Er sollte ein Gesamthamburger sein, deshalb haben wir ihn mitten in der Innenstadt angesiedelt. Das Gängeviertel war ideal: Schöne alte Gebäude und drumherum neue Stahl- und Glasdinger. Das repräsentiert auch die Figur Adam: Er ist derjenige, der sich gegen den Wandel sträubt, der das alles nicht mitmacht.

Das Interview führte Andreas Borcholte

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insgesamt 15 Beiträge
csaa6966 23.12.2009
Der Film ist ebensowenig sehenswert wie der Artikel lesenswert. Auszug aus dem Interview: "In Ottensen zum Beispiel (...) kann man sich ansehen, wie eine sogenannte Aufwertung aussieht: Da gibt es von 20 türkischen [...]
Der Film ist ebensowenig sehenswert wie der Artikel lesenswert. Auszug aus dem Interview: "In Ottensen zum Beispiel (...) kann man sich ansehen, wie eine sogenannte Aufwertung aussieht: Da gibt es von 20 türkischen Gemüsehändlern nur noch zwei. Stattdessen überall schicke Sushi-Läden, Bars und Kneipen, Balzac und Starbucks. Niemand braucht das. Aber unsere Gesellschaft ist ja nur auf Wachstum, Wachstum, Wachstum ausgerichtet. Und wir lernen nicht! Wir brauchen kein Wachstum, sondern einen funktionierenden Sozialstaat." Soso, mehr türkische Gemüsehändler und Staatsgeld wünscht der Herr. Die 800.000 Euro Förderung für diesen Film dürfen getrost auch als Sozialleistung im weiteren Sinne angesehen werden - und wären andersweitig gewiss besser aufgehoben gewesen. http://kino-zeit.de/news/filmforderung-hamburg-setzt-auf-fatih-akins-soul-kitchen
shaim74 23.12.2009
...einer von vielen sinnlosen beiträgen dessen tiefe abneigung gegen alles türkische wohl eher der grund des textes ist. der spiegel trägt ja auch mit seinen nicht gerade versöhnlichen titeln dazu bei.
Zitat von csaa6966Der Film ist ebensowenig sehenswert wie der Artikel lesenswert. Auszug aus dem Interview: "In Ottensen zum Beispiel (...) kann man sich ansehen, wie eine sogenannte Aufwertung aussieht: Da gibt es von 20 türkischen Gemüsehändlern nur noch zwei. Stattdessen überall schicke Sushi-Läden, Bars und Kneipen,....
...einer von vielen sinnlosen beiträgen dessen tiefe abneigung gegen alles türkische wohl eher der grund des textes ist. der spiegel trägt ja auch mit seinen nicht gerade versöhnlichen titeln dazu bei.
avollmer 23.12.2009
... zeigt gleichzeitig mit drei Fingern auf sich selbst. csaa6966 zeigt doch nur mit seinem Beitrag, dass er keine Ahnung hat wieviele Arbeitsplätze die Filmbranche sichert und wie viel Steuereinnahmen sie generiert. Wo landen [...]
Zitat von shaim74...einer von vielen sinnlosen beiträgen dessen tiefe abneigung gegen alles türkische wohl eher der grund des textes ist. der spiegel trägt ja auch mit seinen nicht gerade versöhnlichen titeln dazu bei.
... zeigt gleichzeitig mit drei Fingern auf sich selbst. csaa6966 zeigt doch nur mit seinem Beitrag, dass er keine Ahnung hat wieviele Arbeitsplätze die Filmbranche sichert und wie viel Steuereinnahmen sie generiert. Wo landen denn die Einnahmen der internationalen Markterfolge von Akins Filmen? In Filmproduktionen und wenn die beispielsweise in Hamburg stattfinden, dann bedeutet das Einnahmen für Schauspieler, Kameraleute, Beleuchter, Toningenierue ... blablabla ... soll sich csaa6966 mal den Abspann im Kino ansehen und nicht nur im Privatfernsehen die Werbung rechts von den Short Credits angucken. Korrigier mich jemand, aber meines Wissens nach landen über 60% der Produktionskosten derartiger CGI-armer Filme in Lohntüten. Filme sind ein Handwerk, dessen Förderung sich für den Staat lohnt und ausserdem zukunftsträchtig ist. Im Gegensatz dazu stehen vielfach höhere Subventionen für sterbende Industrien, die zusammenbrechende Exportraten haben. Man braucht sich nur die aktuelle Statistik anzusehen. Die Film- und Videobranche ist auch ein zukunftssichereres Berufsfeld, als viele traditionelle Branchen (Auto, Metallverarbeitung, Bäckereien, Lehrer) und trotzdem bekommen Kinder wenn sie einen derartigen Berufswunsch äussern meist noch zu hören: Lern lieber was Richtiges. Wenn ich aber sehe was Regisseur Akin und andere um ihn auf die Beine stellen ... die haben was Richtiges gelernt.
Mülheimer 23.12.2009
Darf man nicht mehr schreiben, dass man sich wundert, dass ein türkischer Regisseur (meinetwegen mit deutschem Pass) mit deutschen Steuergeldern in Deutschland Filme dreht, aber gleichzeitig immer über Deutschland schlecht [...]
Zitat von shaim74...einer von vielen sinnlosen beiträgen dessen tiefe abneigung gegen alles türkische wohl eher der grund des textes ist. der spiegel trägt ja auch mit seinen nicht gerade versöhnlichen titeln dazu bei.
Darf man nicht mehr schreiben, dass man sich wundert, dass ein türkischer Regisseur (meinetwegen mit deutschem Pass) mit deutschen Steuergeldern in Deutschland Filme dreht, aber gleichzeitig immer über Deutschland schlecht redet. Und keine Stadt in Deutschland braucht ernsthaft 2o türkische Gemüsehändler!
elandy 23.12.2009
Soso Akin ist für sie kein Deutscher?! Interessant.. Übrigens spricht er auch mir als Deutschem im Bezug auf Hamburg aus der Seele. Hier wird aus reiner Profitgier seelenlose Baute aus Glas und Beton auf den Ruinen von [...]
Zitat von MülheimerDarf man nicht mehr schreiben, dass man sich wundert, dass ein türkischer Regisseur (meinetwegen mit deutschem Pass) mit deutschen Steuergeldern in Deutschland Filme dreht, aber gleichzeitig immer über Deutschland schlecht redet. Und keine Stadt in Deutschland braucht ernsthaft 2o türkische Gemüsehändler!
Soso Akin ist für sie kein Deutscher?! Interessant.. Übrigens spricht er auch mir als Deutschem im Bezug auf Hamburg aus der Seele. Hier wird aus reiner Profitgier seelenlose Baute aus Glas und Beton auf den Ruinen von gesellschaftlicher Kultur gelegt. Kann man auch in Berlin beobachten. Und die sozialen Probleme (die meisten Millionnäre--> unbezahlbarer Wohnraum in der City auf der einen, Aufbau von Ghettos für die "sozial Schwächeren" auf der anderen Seite) existieren ebenso.
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Zur Person
Fatih Akin wurde 1973 in Hamburg als Sohn türkischer Einwanderer geboren und gehört zu den international erfolgreichsten Regisseuren Deutschlands. 1998 debütierte er mit seiner Scorsese-Hommage "Kurz und schmerzlos" über eine Jugendbande im Hamburger Stadtteil Altona. Es folgten die Spielfilme "Solino" und "Im Juli", bevor Akin mit seiner deutsch-türkischen Amour fou "Gegen die Wand" endgültig den Durchbruch als Autorenfilmer erlebte. Der Film gewann den Goldenen Bären bei der Berlinale 2004 sowie den Deutschen und Europäischen Filmpreis. 2005 wurde er in die Jury der Internationalen Filmfestspiele von Cannes eingeladen, wo er 2007 auch "Auf der anderen Seite" vorstellte, den zweiten Teil seiner noch unvollendeten "Liebe, Tod und Teufel"-Trilogie. Zwischendurch drehte Hobby-DJ Akin die Dokumentation "Crossing The Bridge" über Istanbuls Musikszene. Als Produzent zeichnete er u.a. für Özgür Yildirims Debütfilm "Chiko" verantwortlich (2008). Für "Soul Kitchen" erhielt er 2009 den Spezialpreis der Jury beim Filmfestival in Venedig. Akin lebt mit seiner Ehefrau, der Schauspielerin Monique Obermüller, in Hamburg-Ottensen.

Soul Kitchen
(Deutschland 2009)
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, Adam Bousdoukos
Darsteller: Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu, Anna Bederke, Pheline Roggan, Birol Ünel, Wotan Wilke-Möhring, Lucas Gregorowicz
Produktion: Corazón International
Länge: 100 Minuten
FSK: 12
Start: 25. Dezember 2009
Website: www.soul-kitchen-film.de





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