Kultur

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Bestseller-Verfilmung "So was von da"

Dann lieber das Buch

Der Roman von Tino Hanekamp über einen Hamburger Klub hat viele Fans. Jetzt wagte sich Regisseur Jakob Lass an die Verfilmung. Leider lässt seine Improvisationslust die Wirkung des Films verpuffen.

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Mittwoch, 15.08.2018   17:48 Uhr

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Im Impro-Kino zählt der Moment. Dieser eine Moment, in dem sich das "echte" Leben mit der Fiktion vermischt und etwas Neues entstehen lässt: Einen Funken von Wahrhaftigkeit, eine direkte, unvermittelte Verbindung zwischen Künstler, Kunst und Betrachter. Darum arbeiten Impro-Filmer ohne ausformuliertes Drehbuch, deshalb stoßen sie ihre Darsteller in reale Situationen und lassen sie neben Laiendarstellern spielen.

Der Regisseur Jakob Lass hat diesen Filmstil mit "Love Steaks" und "Tiger Girl" in Deutschland bekannt gemacht. In seinem neuen Film "So was von da" geht es um den Exzess einer Partynacht. Um nichts anderes also, als den Versuch, ganz im Hier und Jetzt, im Moment zu sein. Nur eben nicht mittels Yoga und Meditation, sondern mit pumpenden Beats, Drogen, Alkohol. Erleuchtung durch Enthemmung, gewissermaßen.

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Perfekt geeignet für Lass' Stil, sollte man meinen. Als erste improvisierte Romanverfilmung wird "So was von da" angekündigt, denn die Geschichte beruht auf dem gefeierten Buch von Tino Hanekamp. Dass ausgerechnet bei diesem Stoff der Funke nicht überspringen will, hat mit beidem zu tun: dem Impro-Charakter des Films und der Tatsache, dass er auf einer literarischen Vorlage beruht.

Das Leben als Party

Es geht um Oskar (Niklas Bruhn), der auf St. Pauli einen Klub betreibt. Beziehungsweise noch betreibt, denn die bevorstehende Silvesterparty wird die letzte vor der Schließung. Oskar ist hoch verschuldet, das Gebäude marode, und überhaupt: Ist das Leben wirklich eine einzige Party? Oder gibt's da noch mehr?

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Abgesehen von schwierigen Erörterungen wie dieser plagen Oskar noch andere Probleme: Er hat Schulden bei Kiez-Kalle, sein bester Freund Rocky droht am Ruhm als Rockstar zu zerbrechen, seine beste Freundin Nina steht scheinbar kurz vor dem Durchdrehen - und dann ist da noch Mathilda, Oskars Ex, die er nicht vergessen kann und die unerwartet bei der Party hereinschneit. Und noch dazu Rockys Vater (Bela B.) und die Hamburger Innensenatorin (Corinna Harfouch).

Eigentlich wäre es an der Zeit, dass Jakob Lass einem breiteren Publikum bekannt wird. Hat bisher noch nicht geklappt. Dass ihm "So was von da" nun so gründlich misslingt, bietet aber keinen Anlass zur Häme. Denn es steht außer Frage, dass der 37-jährige Wahlberliner zu den talentiertesten, interessantesten deutschen Regisseuren gehört. Funktionieren will sein neuer Film trotzdem nicht.

Die Figuren bleiben bestenfalls grobe Skizzen

Lass' Plan war, den Roman, der schon von diversen Regisseurinnen und Regisseuren adaptiert werden sollte und von dem diverse Drehbuchversionen in Umlauf waren, auf seinen Kern zu reduzieren. Statt eines Drehbuchs erarbeitete er wie für seine früheren Arbeiten eine Art dramaturgischen Fahrplan. Und statt im Studio drehte er in einem echten Klub, in dem er echte Partys veranstaltete, während derer er mit seinem Team und den Schauspielern drehte.

Das hat allerdings zur Folge, dass die Figuren bestenfalls grobe Skizzen bleiben, die im Kunstnebel der Tanzfläche vollends zu verschwinden drohen. Das gilt vor allem für Oskar, dessen existenzielle Krise nie wirklich greifbar wird. Dass Lass als Schuldeneintreiber die echte Kiez-Legende Kalle Schwensen engagierte, ist zwar eine lustige Idee, macht aus der Figur aber eben das: einen Gag.


"So was von da"
Deutschland 2018
Regie: Jakob Lass
Drehbuch: Jane Ainscough, Tino Hanekamp
Darsteller: Niklas Bruhn, Martina Schöne-Radunski, David Schütter, Tinka Fürst, Bela B., Mathias Bloech, Corinna Harfouch, Karl-Heinz Schwensen
Produktion: C-Films
Verleih: DCM
Länge: 91 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Kinostart: 16. August 2018


"So was von da" ist voll davon. Der schwerkranke Vater von Rocky: eine Witzfigur. Ninas Hirntumor: vielleicht gar nicht echt, vielleicht doch, auf jeden Fall aber Vorlage für einen Witz. Nichts und niemanden nimmt dieser Film ernst.

Im Kontrast zum Impro-Charakter behielt Lass dann ausgerechnet ein typisches Element von Literaturverfilmungen bei, mit dem sich Filmemacher behelfen, wenn sie es dann doch nicht wie geplant schaffen, sich von der Vorlage zu lösen: den Ich-Erzähler. Oskar gibt auf der Tonspur eine Art "Best of" des Roman-Sounds zum Besten, das aber, aus dem erzählerischen Fluss gelöst, sperrig in diesem Film herumsteht. "Mein Tür ist so kaputt wie meine Seele", sagt er, und das ist nicht nur prätentiös, sondern hegt auch den gefilmten Exzess ein, lässt das pausenlose Drogeneinwerfen und Saufen und Schreien und Sich-in-Erbrochenem-Suhlen verdammt spießig erscheinen.

Schon früher hatte man das Gefühl, dass Jakob Lass vor guten Einfällen beinahe platzt, dann aber nicht so recht weiß, was er damit anfangen soll. In "So was von da" geht das nun endgültig nach hinten los. Vielleicht zählt eben doch nicht nur der Moment, sondern auch das große Ganze, zumindest wenn man glaubt, etwas zu erzählen zu haben.

Im Video: Der Trailer von "So was von da"

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