"Soy Nero"-Regisseur Rafi Pitts "Existiert Amerika nur in unseren Köpfen?"

Einwanderer ohne Papiere gehen in die US-Armee, um eingebürgert zu werden - und werden am Ende häufig abgeschoben. Hier erklärt "Soy Nero"-Regisseur Rafi Pitts, was die Geschichte der "Green Card Soldiers" über unsere Zeit verrät.

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Ein Interview von


Zur Person
  • Getty Images
    Rafi Pitts, wurde 1967 in Mashad (Iran) als Sohn eines Engländers und einer Iranerin geboren. Er ist Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Pitts zählt zu den renommiertesten Vertretern des iranischen Kinos und wurde mit verschiedenen Filmpreisen ausgezeichnet. Am 10. November startet sein neuer Film "Soy Nero".

SPIEGEL ONLINE: Herr Pitts, Ihr neuer Film handelt von einem jungen Mexikaner, der amerikanischer Staatsbürger werden will und dafür in die US-Armee eintritt. Wann erfuhren Sie vom sogenannten Dream Act, der es Immigranten erlaubt, Staatsbürger zu werden, wenn sie im US-Militär dienen?

Pitts: Ursprünglich wollte ich einen Film drehen, in dem jemand über einen Grenzzaun nach Kalifornien gelangt. Dann aber dachte ich mir: Wie oft haben wir das schon gesehen? Tausende Male. Ich bin Filmemacher, ich muss eine andere Perspektive finden. Also suchte ich einfach mal im Internet nach Antworten auf die Frage: Was ist der schnellste Weg, eine Green Card zu bekommen? Zuerst wird die Lotterie angezeigt, gleich danach aber das Militär und der Dream Act. Das hat mich gewundert. Also habe ich zu recherchieren begonnen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Weg führte Sie nach Mittelamerika.

Pitts: Ich suchte einen mexikanischen Green Card Soldier. Aber keiner, mit dem ich dort sprach, wusste, was das ist. Eines Abends saß ich mit einem Freund in einer Kneipe und war sauer, weil ich nicht weiterkam. Nach ein paar Drinks bat ich den Freund, mal in den Raum hinein zu fragen, ob jemand Green Card Soldiers kennt, ob sie überhaupt existieren. Drei Typen hoben die Hand und riefen: "Klar gibt es die." Einer von ihnen riet mir, nach Los Angeles zu fliegen und dort zu suchen.

Rafi Pitts
DPA

Rafi Pitts

SPIEGEL ONLINE: Das taten Sie.

Pitts: Ich suchte in den Latino-Vierteln von L.A. und fand dort meinen Green Card Soldier, einen netten Kerl. Ich sagte ihm, dass ich einen militärischen Berater suche. Er fragte, ob ich es schon in Tijuana versucht hätte, im "Bunker". Er erklärte mir, dass dort alle abgeschobenen Green Card Soldiers landen und dass bereits tausende von Veteranen wegen vergleichsweise geringer Vergehen ausgewiesen wurden. Also fuhr ich zurück nach Mexiko, nach Tijuana.

SPIEGEL ONLINE: Was erwartete Sie dort?

Pitts: Ein Haufen junger Männer, die alles verloren hatten. Sie lebten im "Bunker", den ein Mann namens Hector Barajas aufgebaut hat, selbst ein abgeschobener Veteran der US-Armee. Er versucht, andere Green Card Soldiers vom Selbstmord abzuhalten und ihnen ein neues Leben zu ermöglichen.

SPIEGEL ONLINE: Das Thema ist nicht wirklich bekannt.

Pitts: Ich schäme mich, dass diese Geschichte so lange unerzählt geblieben ist. Ich schäme mich auch, in einer Welt zu leben, die sich nie dafür interessiert hat. Derselben Welt, die behauptet, Zuwanderungsprobleme lösen zu wollen, und Menschen dazu auffordert, sich in ihre Gesellschaften zu integrieren. Diese Welt ist unfähig, eine humanitäre Katastrophe bekannt zu machen, die direkt nebenan geschieht.

SPIEGEL ONLINE: "Soy Nero" nimmt beispielhaft einen 19-jährigen Green Card Soldier und sein Schicksal in den Blick. Was wollten Sie mit Ihrem Film vermitteln?

Pitts: Ich wollte eine Geschichte über das Bedürfnis nach Zugehörigkeit erzählen. Dabei kam auch meine Obsession ins Spiel: neutrale Landschaften.

SPIEGEL ONLINE: Und die fanden Sie in Amerika?

Pitts: Es mag sonderbar klingen, aber zum Thema Immigration sind die USA für mich der denkbar neutralste Ort. Weil es ein Land voller Immigranten ist. Jean- Luc Godard pflegte zu sagen: "Das Tolle an Amerika ist, dass es als Nation nicht existiert." Die Bewohner kommen aus der ganzen Welt, sie sind Europäer, Südamerikaner, Indianer. Wie es der berühmte Ausdruck des "Schmelztiegels" deutlich macht. Ich hatte mein Niemandsland gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Die USA dienen noch immer vielen Menschen auf der Welt als Sehnsuchtsort.

Pitts: Das stimmt. Auf jedes Kind, das irgendwo aufwächst, strahlt Amerika eine Faszination aus, sei es durch Filme, Musik oder Literatur. Diese Faszination war immer da - aber gibt es das Land dahinter wirklich? Oder existiert es nur in unseren Köpfen? Ich denke, jeder Mensch hat sich im Geiste sein eigenes Amerika erschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Ihr Bild der USA während der Arbeit an "Soy Nero" verändert?

Pitts: Ich habe kein wirkliches Bild eines Landes. Ich bin der Ansicht, dass unser Leben aus Ereignissen und Menschen besteht. Ich glaube auch nicht, dass Landschaften ein Land ausmachen. Die Menschen tun es. Was uns auf unseren Reisen passiert, hängt immer davon ab, mit wem wir unterwegs sind.

"Soy Nero"

    Deutschland, Frankreich, Mexiko 2016

    Regie: Rafi Pitts

    Drehbuch: Rafi Pitts, Razvan Radulescu

    Darsteller: Johnny Ortiz, Rory Cochrane, Aml Ameen, Khleo Thomas, Darrell Britt-Gibson

    Verleih: Neue Visionen

    Länge: 118 Minuten

    FSK: Freigegeben ab 12 Jahre

    Start: 10. November 2016

SPIEGEL ONLINE: In einer Szene des Films wird Ihr Held per Anhalter mitgenommen. Von einem Mann, der US-Klischees vereint: Er hat eine Pistole im Handschuhfach und glaubt an Verschwörungstheorien.

Pitts: Ja, für mich repräsentiert er definitiv einen großen Teil der USA. Er liebt seine Waffe und glaubt, dass sie ihm dabei hilft, die "natürlichen Grenzen" zu schützen. An seine Verschwörungstheorien glaubt er, weil er von seinem Land im Stich gelassen wurde. Der Mann ist Kriegsveteran und will nun seinem Kind Ratschläge erteilen, wie es sich in der Welt zurechtfinden kann. Dabei ist er selbst verloren. Heutzutage glaubt jeder die Lösung zu haben, aber in Wahrheit hat sie keiner.

SPIEGEL ONLINE: Auch der junge Green Card Soldier hat in gewisser Weise eine verengte Weltsicht.

Pitts: Er glaubt, dass alle seine Probleme gelöst wären und er selbst glücklich bis ans Lebensende, wenn er doch nur dieses eine Stück Papier hätte: den amerikanischen Pass. Davon ist er überzeugt, wie viele andere Immigranten auch. Das ist verrückt.

SPIEGEL ONLINE: Ihr eigenes Leben ist von Migration bestimmt, von Einwanderung und Ausweisung.

Pitts: Ja, ich bin Sohn eines Engländers und einer Iranerin, mein Stiefvater ist Franzose. Ich habe immer in zwei Ländern zugleich gelebt. Erst waren das Iran und Frankreich, inzwischen sind es Frankreich und die USA, da ich nach Iran nicht zurückdarf. Frankreich war jedenfalls stets der Mittelpunkt. Vielleicht wegen meiner Liebe zum Kino.

SPIEGEL ONLINE: Seit der Flüchtlingskrise ist die Integration von Immigranten in Europa wieder ein großes Thema.

Pitts: Genau deshalb wollte ich den Film woanders drehen. Ich hätte über Zuwanderung nach Frankreich reden können, nach England oder sogar nach Iran - falls ich denn in Iran hätte drehen dürfen. Aber wenn ich das getan hätte, wäre die Geschichte sehr speziell geworden. Green Card Soldiers kommen hingegen aus aller Welt: Es gibt iranische, jamaikanische, auch deutsche. Amerikanischer Staatsbürger wollen viele werden. Aus jedem Land, in dem "Soy Nero" zu sehen sein wird, kommen Green Card Soldiers. Für sie ist dieser Film.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein Spielfilm das geeignetere Medium für eine solche Geschichte als ein Dokumentarfilm?

Pitts: Ich mache keinen großen Unterschied zwischen Realität und Fiktion. Ein Film, ob nun Doku- oder Spielfilm, ist in erster Linie Emotion. Da gehöre ich mehr zur Godard- als zur BBC-Schule (lacht).

SPIEGEL ONLINE: War denn jemals im Gespräch, die Hauptrolle mit einem echten Green Card Soldier zu besetzen?

Pitts: Ich hätte das tun können, aber ich wollte jemanden, der noch an den amerikanischen Traum glaubt. Alle Green Card Soldiers, die ich getroffen habe, hatten den Glauben längst verloren.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film hat absurde Momente. Kam Ihnen mal die Idee, eine Komödie aus dem Stoff zu machen?

Pitts: Für mich ist "Soy Nero" ein ziemlich lustiger Film. Ich halte das Thema für so unglaublich, dass Absurdität der einzige Weg ist, damit klarzukommen. Zum einen für meine geistige Gesundheit, zum anderen für den Zuschauer. Über vieles in der Welt lässt sich nur noch lachen - denn was soll man sonst tun?

SPIEGEL ONLINE: Ihr Film feierte seine Weltpremiere in Berlin, wo auch mal eine Mauer stand. Zufall oder Absicht?

Pitts: Berlin ist ein besonderer Ort für mich, wirklich. Zum ersten Mal war ich mit meinem Film "It's Winter" hier, der ebenfalls von Migration handelt. Es geht darin um einen Mann, der abhaut. Dann kam ich mit "Zeit des Zorns" zurück. Berlin hat sich um mich gekümmert, als ich mein Heimatland verloren hatte. Später habe ich "Soy Nero" in der Stadt geschrieben. Von Anfang an habe ich gesagt: "Wir werden den Film hier zuerst zeigen, nirgendwo sonst." Denn diese Stadt kennt die Mauer - und Berlin hat sie zum Einsturz gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Ein Vierteljahrhundert nach Ende des Kalten Krieges werden in Europa wieder Mauern errichtet, diesmal gegen Flüchtlinge aus Afrika und Nahost.

Pitts: Ich denke, "Soy Nero" ist auch dazu der passende Film. Meiner Meinung nach entwickelt sich die Welt gerade mit einem rapiden Tempo in eine sehr primitive und verantwortungslose Richtung, wenn man glaubt, dass Mauern die Lösungen für Probleme sind. Vor allem, nachdem man sie einst selbst eingerissen hat.

SPIEGEL ONLINE: Wozu raten Sie dem "alten Kontinent"?

Pitts: Europa muss Integration lernen und wie man Multikulturalismus akzeptiert, statt ihn zu bekämpfen. Ich bin eine multikulturelle Person und habe nie versucht, meine iranische oder britische Seite zu verleugnen. Das wäre eine Schande, aus beidem lässt sich so viel Nutzen ziehen. Ich bin immer fasziniert davon, wenn Menschen wollen, dass jeder gleich ist. Was die Amerikaner getan haben, war ziemlich klug: Ihnen gefiel der Gedanke, dass Menschen aus der ganzen Welt bei ihnen leben - und das wurde ihre Stärke. Europa sollte genauso denken.

Im Video: Drama "Soy Nero" - Ein einziger Kampf

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insgesamt 8 Beiträge
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fottesfott 09.11.2016
1. In einer zunehmend zynischen Welt
ist ein "Green Card Soldier", der zunächst ausgenutzt und dann in sein altes Leben zurückgeworfen wird schon ziemlich an der Spitze der Zynismus-Pyramide. Wobei ja schon im ersten Irakkrieg viele militärische Operationen von Privatunternehmen mit Söldnertruppen durchgeführt wurden. Jedenfalls habe ich meine Einstellung über die Wehrpflicht in Deutschland um 180° geändert. Seinerzeit war ich durchaus Befürworter von Guttenberg und seinem Wehrpflicht-Moratorium. Heute bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass nur durch allgemeine Wehrpflicht das enge Band zwischen Bürgern und ihrer Armee erhalten bleiben kann. Wer weiß, ob sonst nicht das Dreamteam von der Leyen - de Maizière auf ähnliche Ideen zur Beseitigung der Personalnot in der Bundeswehr kommt. Aufenthaltstitel gegen 2 Jahre Afghanistan-Einsatz oder 3 Jahre Flüchtlingseinsatz im Mittelmeer...
Newspeak 09.11.2016
2. ...
Interessantes Interview. Nur leider, warum hat man immer den Eindruck, daß Journalisten ihre vorbereiteten Fragen durchgehen, anstatt wirklich mal Antworten aufzugreifen und nachzufragen und so einen echten Dialog zu ermöglichen? Das ist so schade. Z.B. hier: "Heutzutage glaubt jeder die Lösung zu haben, aber in Wahrheit hat sie keiner." Das ist so schön gesagt, wie unhinterfragt. Man könnte z.B. nachfragen, ob die Erkenntnis dieser Wahrheit, wenn es eine ist, nicht die Lösung wäre. Oder hier: "Ich bin immer fasziniert davon, wenn Menschen wollen, dass jeder gleich ist." Was meint er denn genau damit? Was wollen denn die Menschen wirklich? Gleichheit in den Eigenschaften? Gleichheit in der Oberfläche? Oder vielleicht nicht einfach "nur" gleiche Rechte, gleiche Chancen? Das eine ist naiv gedacht, utopisch und langweilig, das andere ist im Grunde eine völlig verständliche, triviale Forderung, die dennoch so schwer und gegen viele Widerstände umzusetzen ist, aber keinesfalls utopisch und, sofern diese Art der Gleichheit existiert, wirklich eine gute und harmonische und menschenfreundliche und funktionierende Lösung.
schlaueralsschlau 09.11.2016
3. @ fottesfot
In meiner Jugend war ich auch gegen die Wehrpflicht. Mein Wendepunkt kam damals, als uns auf einem Lehrgang erzählt wurde, warum die Wehrpflicht wichtig ist. Es ist Ihr angesprochenes Band in die Gesellschaft. Solange mittel- und Oberschicht keinen Bezug mehr zum Bund haben oder sich dort engagieren, landen dort nur Abhängte und es kann so gut wie jeder Krieg geführt werden, da die Opfer kein Sprachrohr haben. Green Card Warriors toppen das natürlich noch einmal: günstiger als Privatarmeen und noch weniger im Blick der Gesellschaft.
schlaueralsschlau 09.11.2016
4. @ newspeak
Ich kenne Ihre Einstellung zu anderen Themen und bin nie auf Ihrer kruden Linie. Auch jetzt verstehe ich Ihre Kritik am Interview nicht. Der Kern ist ein ganz anderer, da sind Ihre Punkte überflüssig und gehen am Thema vorbei. Ich finde es interessant zu wissen, dass es eine Green Card durch Eintritt ins Militär zu geben scheint. Hier hätte ich aber zu gerne gewusst, wie die USA die Soldaten dann wieder abschieben. Das wäre interessant und nicht Ihr Geschwurbel.
snurdlebug 10.11.2016
5. Gesetzesbrecher sind nicht
Diese politisch korrekten Beschöniger gehen mir langsam auf die Nerven. Wieso nennen sie diese Eindringlinge immer "Einwanderer ohne Papiere " , so als ob die nur irgendwie ihre Papiere verloren haben? Nennt sie doch Gesetzesbrecher, das ist was die sind die unter Umgehung des Einwanderungsgesetzes sich heimlich in die USA geschlichen haben - leider schon über 10 millionenfach.
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