Sozialdrama "Der Albaner" Die Illegalen vom Bahnhof Zoo

Stundenlohn drei Euro: "Der Albaner", preisgekröntes Spielfilmdebüt von Regisseur Johannes Naber, führt in eine Schattenwelt brutaler Ausbeutung, die ein Bundesbürger kaum jemals wahrnimmt. Das Sozialdrama überzeugt auch als Großstadt-Thriller - und durch einen tollen Hauptdarsteller.

Von Jörg Schöning


So haben sie sich das Land ihrer Träume ganz gewiss nicht vorgestellt: bei Nacht und Nebel über die Grenze, dann im dunklen Laderaum des Lkw über die Autobahn, statt einer Toilette gibt's nur einen verbeulten Eimer, und alles, was sie anschließend von Berlin zu sehen kriegen, ist eine durchnässte Baugrube, wo schon der nächste Pritschenwagen auf sie wartet. Es sind "Illegale", Menschen aus dem Osten, ohne Aufenthaltsgenehmigung. Vor allem aber sind es Arbeitskräfte, und jedes Mal, wenn ihre "Besitzer" wechseln, gehen auch Geldscheine durch deren Hände.

"Illegale" sind Menschen ohne Namen und ohne Gesicht. Nur eine Person sticht aus der nächtlichen Versammlung hervor. Es ist ein junger Mann, der auf den Zuruf "Die Frau muss weg!" eine junge Asiatin mit Kind von den anderen trennt und beiseite führt. Das ist Arben aus Albanien, selbst ein "Illegaler", der von diesem Menschenhandel lebt. Er ist die Titelfigur dieses Films.

Zehn Jahre hat der Regisseur Johannes Naber für die Fertigstellung seines Spielfilmdebüts "Der Albaner" gebraucht - von den ersten Recherchen 2001 in Berlin-Neukölln bis zur Premiere im Sommer 2010 beim Filmfest München; beim Festival Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken gewann der Film schließlich den Hauptpreis.

Wohl mehr als eine Million nicht gemeldeter Migranten leben in der Bundesrepublik. Was bringt sie her? Was treibt sie um? Wie schlagen sie sich durch? Das waren die Fragen, auf die der studierte Dokumentarfilmer Naber, ein Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg, Antworten finden wollte. Dass Naber die Ergebnisse seiner Recherchen und Reisen nach Albanien nun in einem Spielfilm zusammengefasst hat, ist ein unbedingter Gewinn. Löst er auf diese Weise doch etwas im Kinozuschauer aus, das Illegalen für gewöhnlich nicht entgegenschlägt: Mitgefühl.

Eine Liebe im Heu mit Folgen

Denn zum einen präsentiert "Der Albaner" zwar eine präzise Ökonomie der Arbeitsmigration in Europa mit Preisangaben für Visa, Transitkosten und Stundenlöhnen - drei Euro zum Beispiel verdient in Deutschland ein nicht gemeldeter Arbeitnehmer fürs Toilettenputzen, 2500 Euro bringen vier Albaner nach zwei Monaten Arbeit aus Griechenland mit. Doch darüber hinaus ist "Der Albaner" vor allem ein berührendes Melodram, ein Liebesfilm mit starken Thriller-Elementen. Und irgendwie ist "Der Albaner" dann auch noch ein Heimatfilm.

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"Der Albaner": Entwurzelte Menschen, zerstörte Biografien
An dessen "heile Welt" erinnert jedenfalls kurz das nordalbanische Bergdorf, in dem man Arben (Nik Xhelilaj, gesprochen: Dschelilai) kennenlernt. Schroffe Gipfel, grüne Wiesen, fruchtbare Felder. Doch aus dem bäuerlichen, bildungsfernen Milieu rekrutieren sich jene schlechtbezahlten Arbeitsmigranten, zu denen auch Arben gehört. Nach einem Aufenthalt in Griechenland schließt er nur allzu glücklich die geliebte Nachbarstochter Etleva (Xhejlane Terbunja) in die Arme - doch dann soll Etleva zum Zweck der Schuldentilgung nach Amerika zwangsverheiratet werden. Denn im Grunde ist das Leben hier archaisch: Nachdem sich herausstellt, dass die Liebe im Heu für Etleva Folgen gehabt hat, verlangt ihr Vater von Arben, der sie heiraten will, für die schwangere Tochter ein Brautgeld von 10.000 Euro.

In der nahen Kreisstadt hat dann aber schon die Moderne mit all ihren Verlockungen Einzug gehalten - mit HipHop, Bayern-München-T-Shirts und Erzählungen von tollen Verdienstmöglichkeiten in Leverkusen. Ein Café dient als eine Art "Reisebüro", und schon versetzt Naber seinen Protagonisten ins graue, herbstliche Deutschland, wo der radebrechende Alien an einer Autobahntankstelle mit einem freundlich gemeinten "Ich helfe du" gleich schon mal den ersten Eingeborenen in Angst und Schrecken versetzt.

Wo nur noch Gewalt den Markt reguliert

Zwar schildert Nabers Spielfilm einen Einzelfall, doch können die Situationen und Begegnungen, die er durchspielt, als repräsentativ gelten. Wenn Arben zunächst Unterkunft bei einem Landsmann findet, der in einer schwulen Lebensgemeinschaft auch finanziell abgesichert wird, bestätigt diese Konstellation, was Rosa von Praunheim kürzlich in seinem Dokumentarfilm "Die Jungs vom Bahnhof Zoo" offenbarte: nämlich dass die männliche Straßenprostitution in Berlin dort ganz wesentlich von jungen Sexarbeitern aus osteuropäischen Ländern ausgeübt wird.

Arben widersteht den Reizen des vermeintlich schnellen Geldes - dafür reichen die Einahmen in einer Putzkolonne dann aber auch nur für eine Unterkunft in einem Abbruchhaus. Erst als er dem kranken Immigranten Slatko (Ivan Shvedoff) und sich selbst mit Hilfe eines deutschen Apothekers (André Hennicke) ein Quartier in der Rumpelkammer einer Fremdenpension verschaffen kann, bessert sich die Lage. Mit Slatko wird er für einen Metallhändler (Stipe Erçeg) tätig, der nebenher auch Menschen vertickt. Arben wird zum Schlepper.

"Der Albaner" zeigt ein übersehenes Deutschland, das ein Bundesbürger in der Regel kaum wahrnimmt: Brachen und Ruinen neben Glaspalästen, Schrottlager in Hinterhöfen. Nabers Film führt in eine Schattenwelt, in der die Verwertung des Menschen als Arbeitskraft ihre radikalste Ausprägung findet. Arben wird am Ende als "Gewinner" auf diesem schließlich nur noch von physischer Gewalt regulierten Markt dastehen. Er wird die Heimat wiedersehen und die Mutter seines Kindes. Doch ein Happy End ist nicht in Sicht, stattdessen: entwurzelte Menschen, zerstörte Biografien.

Dass "Der Albaner" dies nachvollziehbar transportiert, liegt ganz wesentlich an seinem Darsteller. Nik Xhelilaj, 1983 in Tirana geboren, hat dort Schauspiel studiert und bereits in einigen Filmen mitgewirkt. Ihm ist es zu verdanken, dass die Verwandlung des hoffnungsvollen Jungen in einen "eiskalten Engel" glaubhaft wird. Die seelische Verhärtung, die das Leben unter dem Druck einer sozial von nichts mehr besänftigten Ökonomie mit sich bringt, teilt sich in seinen Zügen, in seinen immer kantigeren Bewegungen unmittelbar mit. Illegalität geht unter die Haut. Dieser Film tut es auch.

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insgesamt 78 Beiträge
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Seite 1
kurtwied, 05.08.2011
1. Illegal.
Die Frage ist, was dieser Film bewirken will. Menschen brechen bewusst das Gesetz. Dass das Probleme macht ist logisch - denn die Gesetze sind ja aus einem bestimmten Grund entstanden und beschlossen worden. Dass dann auch noch in dieser Situation verharrt wird, zeigt wie menschenverachtend die Regierungen in den Heimatländern agieren - und auch, dass die Änderungen die Wurzel das Problem sind. Nur, läuft der Film denn dort, damit dort etwas geändert werden kann?
eNc.orporation 05.08.2011
2. .
werd ihn mir reinziehn.....
Tungay 05.08.2011
3. Vielfältig verwendbar
"die ein Bundesbürger kaum jemals wahrnimmt." Dieser Satz ist vielfältig verwendbar und vom Bundesbürger, auf das Bildungsbürgertum und das Parlament übertragbar, insbesondere was Zuwanderung betrifft.
sir.viver 05.08.2011
4. da hilft nur eines:
Die Albaner, bzw. Illegalen vor dieser Ausbeutung schuetzen. Die beste Methode waere dann die Ausweisung/Abschiebung/Rueckfuehrung in die Heimatlaender.
Atheist_Crusader 05.08.2011
5. ...
Zitat von kurtwiedDie Frage ist, was dieser Film bewirken will. Menschen brechen bewusst das Gesetz. Dass das Probleme macht ist logisch - denn die Gesetze sind ja aus einem bestimmten Grund entstanden und beschlossen worden. Dass dann auch noch in dieser Situation verharrt wird, zeigt wie menschenverachtend die Regierungen in den Heimatländern agieren - und auch, dass die Änderungen die Wurzel das Problem sind. Nur, läuft der Film denn dort, damit dort etwas geändert werden kann?
Da will doch Niemand etwas ändern. Schon gar nicht für irgendeinen Film aus einem Land, das man sowieso verachtet.
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