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Sozialdrama "Du bist nicht allein": Mond über Marzahn

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Melancholische Malermeister und alkoholkranke Akademiker: Der tragikomische Ensemblefilm "Du bist nicht allein" mit Axel Prahl und Herbert Knaup zeichnet die kleinen Verheißungen und großen Sehnsüchte in einer Berliner Plattenbausiedlung nach.

Berlin-Marzahn ist nicht unbedingt der schönste Fleck auf Erden, aber selbst hier ist man gelegentlich dem Himmel ganz nah. Zumindest, wenn man in einer der obersten Wohnungen der Plattenbautürme residiert. So wie der langzeitarbeitslose Anstreicher Moll (Axel Prahl), der seinen Balkon mit bescheidenen Wandgemälden verziert.

Moll, seine Name sagt es ja schon, ist Melancholiker. Seine Lebenspartnerin (Katharina Thalbach) gibt die Pragmatikerin, er selbst aber träumt ziellos vor sich hin. Und während Frau Moll nach langer Zeit als Sozialhilfeempfängerin eine Anstellung bei einem privaten Wachdienst bekommt, findet Herr Moll endlich ein menschliches Objekt, auf das er seine diffusen Sehnsüchte richten kann: die Russin von nebenan (Katerina Medvedeva).

Bei der Einweihungsfeier der neuen Nachbarin tanzt der Malermeister mit der schönen allein erziehenden Mutter zu schwermütigen Balladen, und der Mond über Marzahn wirft sein verführerisches Licht auf die beiden. In der eigenen Wohnung, der Galan ist noch verkatert, brät Molls Frau ihm dann ein schönes Kotelett – für nur 1,19 Euro beim Schlachter erworben. Günstig und gut, da kann man wirklich nicht meckern. Aber das ist nicht das Paradies, nach dem sich der verträumte Hartz-IV-Empfänger verzehrt. Moll muss hier weg, keine Frage.

Es ist eine Welt der kleinen Verheißungen und großen Sehnsüchte, die Bernd Böhlich ("Der Verleger") in seiner Tragikomödie leichthändig zeichnet. Der Elektro-Discounter am Bahnhof lockt mit tollen Angeboten, an der Tankstelle verteilen frühpensionierte Männer im Handy-Pappmaché-Kostüm Werbung fürs Flatrate-Telefonieren, und die schöne Russin kauft einer Friseuse deren alte Trockenhauben ab, um zu Hause freischaffend Haare zu schneiden. Ist hier am Ende also jeder seines Glückes Schmied?

Stiller Terror der Arbeitsagentur

So naiv kommt die Plattenbau-Träumerei, bei der man sich gelegentlich an Andreas Dresens "Halbe Treppe" oder Franziska Meletzkys "Nachbarinnen" erinnert fühlt, zum Glück nicht daher. Dabei beschwören Regisseur und Autor Böhlich mit leiser Ironie, was optimistische Gesellschaftsbeobachter gerne "soziale Durchlässigkeit" nennen. Doch in "Du bist nicht allein" steht dieses Wort lediglich für eine Art von Bewegung: Nach unten geht es immer. Und nur ganz selten geht es auch wieder ein Stückchen nach oben. Aber da sind Freundschaften, Beziehungen und Lieben manchmal eben schon längst auf der Strecke geblieben.

So wie zum Beispiel bei Herrn Wellinek (Herbert Knaup), der eine andere Nachbarswohnung in Molls Plattenbau bewohnt. Bei dem Mann handelt es sich um einen fast trockenen Alkoholiker mit akademischer Ausbildung, der aus seiner Zwei-Zimmer-Behausung samt Balkon auf ein schönes Einzelhaus mit Garten schauen kann. Dort hat er früher selbst gewohnt; jetzt lebt da nur noch seine Frau (Karoline Eichhorn), eine ehemalige Schauspielerin, die mit dem Einsprechen von Sex-Hotline-Werbung die hohen Raten fürs Haus abzahlt.

Wellinek träumt davon, irgendwann wieder aus seiner uneingerichteten Plattenbauwohnung ins gelobte Eigenheimreich hinabsteigen zu dürfen. Dafür bemüht er sich sogar aufs zuständige Amt, wo man den studierten Physiker sogleich mit einem Hilfsarbeiterjob abfertigen will: Der stille Terror der Arbeitsagentur, so präzise und unpolemisch wurde er bis jetzt in kaum einem anderen Spielfilm in Szene gesetzt. Da sieht man gerne über die Schwachstellen in dem Ensemblewerk hinweg. Die Figuren sind in ihrer Psychologie nicht immer wirklich ausgefeilt, dramaturgisch werden ihre Schicksale zuweilen recht grob miteinander verquickt; die zaghafte Annäherung der Wellineks gegen Ende wirkt zum Beispiel ein wenig erzwungen.

Aber wie Bernd Böhlich in seinem ersten Kinofilm die gesellschaftliche Vertikale ausmisst, das zeugt von Feingefühl und subtilen Witz. Ausnahmsweise darf die Unterschicht in "Du bist nicht allein" auf die Bessergestellten hinabschauen – die eigenwillige architektonische Tristesse Berlin-Marzahn macht’s möglich. Von den Plattenbaubalkonen auf die Einzelhausparadiese runterspucken zu können, so was nennt man wohl poetische Gerechtigkeit.

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Marzahn-Tragikkomödie: Nach unten geht es immer

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