Sozialdrama "Tyrannosaur" Was für eine wundervolle Zumutung!

Kino, das wehtut, aber glücklich macht: In "Tyrannosaur - eine Liebesgeschichte" versuchen ein verbitterter Witwer und eine zutiefst unglückliche Hausfrau in einer Welt zu überleben, die nur Elend für sie bereit hält. Gekonnt lässt Regisseur Paddy Considine trotzdem Hoffnung durchschimmern.

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In den ersten Minuten dieses Films stirbt ein Hund. Er hat nichts Böses getan, nur gebellt und gewinselt, wahrscheinlich aus Sorge um sein Herrchen, das betrunken ist und wütend, und dann für einen Moment die Kontrolle verliert. Ein Tritt, heftiger als geplant, trifft die falsche Stelle. Knacksende Rippen. Aus.

Joseph (Peter Mullan), das Herrchen, ein Berg von einem Mann, steht für einen Moment nur so da, dann sinkt er in sich zusammen. Trägt das sterbende Tier nach Hause, hält es im Arm, streichelt ihm den Kopf. Nimmt einen Baseballschläger. Bringt es zu Ende. Schaufelt ein Grab im Garten und wünscht sich, es wäre sein eigenes.

Man kann es niemandem verübeln, der nach diesem Anfang keine Lust mehr auf den Film hat. "Tyrannosaur - eine Liebesgeschichte", das Spielfilmdebüt des britischen Schauspielers Paddy Considine, ist eigentlich ein ruhig erzählter, melancholischer Film über einen Mann, einen vielleicht 50-jährigen arbeitslosen Trinker aus Leeds, der ziellos durch die Trümmer seines Lebens stakst. Aber genauso wie in diesem Joseph eine alles zerfressende Wut brodelt, so steht auch der Film immer kurz vor der Eruption.

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"Tyrannosaur - eine Liebesgeschichte": Wundervolle Zumutung
Im Mittelpunkt steht eine Liebesgeschichte, oder eher die Geschichte der vorsichtigen Annäherung zwischen dem vermeintlichen Monster Joseph und der sanften aber ebenso unglücklichen Hannah (Olivia Colman). Doch drum herum lauert die Gewalt. Gegen Tiere, Männer, Frauen, Jugendliche, Kinder. Das Elend ist grenzenlos und oft kaum zu ertragen in der Welt von Joseph und Hannah. Vor allem weil es so selbstverständlich in den Alltag hinein bricht. Bilder einer Vergewaltigung, eines siechenden Krebskranken, eines Kampfhundes, der einen Jungen angreift. Alles frei von Sensationslust oder Voyeurismus bebildert. Und dadurch umso gnadenloser, weil beängstigend realistisch.

Auf dem Weg in die Katastrophe

Die größte Qualität von "Tyrannosaur" ist damit auch sein größtes Problem. Dieser Film geht einem so nah, dass man weglaufen möchte. Man will Joseph verfluchen, nachdem er seinen Hund getötet hat, aber das ist nicht so einfach, wenn man ihm in das zerfurchte Gesicht sieht und in die unendlich traurigen Augen. Ein Mann, der sich selbst nicht mehr versteht. Der gern anständig wäre, aber immer wütender wird, auf die ganze Welt, aber vor allem auf sich. Er hat keine Arbeit, verbringt seine Tage in Kneipen oder Wettbüros, seine Frau ist seit Jahren tot, sein bester Freund hat nur noch ein paar Tage. Mit Blue, seinem Hund, hat er das letzte Wesen ausgelöscht, das sich um ihn geschert hat.

Bis er Hannah kennenlernt. Sie ist das Gegenteil von ihm. Verheiratet, eine tief gläubige und gutmütige Frau aus der Mittelklasse, die in einem Laden der Wohlfahrt arbeitet und in jedem Monster den guten Kern zu finden versucht. Auch in Joseph, der für sie erst nur Verachtung übrig hat und sie als verwöhnten Gutmenschen beschimpft, und dann trotzdem immer wieder ihre Nähe sucht. Und in ihrem Ehemann (Eddie Marsan), der ihr ein schönes Heim, Sicherheit und einen teueren Wagen bietet, aber auch eine Hölle aus Eifersucht, Verachtung und ständiger Demütigung. Eine Konstellation, in der die Katastrophe vorbestimmt ist.

Ja, dieser Film ist eine Zumutung. Aber er hat mit Peter Mullan und Olivia Colman zwei wundervolle Hauptdarsteller, die den Zuschauer an die Hand nehmen und sicher durch diese unwirtliche Welt führen. Er hat mit Paddy Considine einen Regisseur und Autor, der seine Geschichte furcht- und kompromisslos erzählt, aber in all dem Unglück immer den letzten Funken Hoffnung sucht. Er hat ein Ende, das so subtil und überraschend die Tonlage ändert, dass man plötzlich mehr als je zuvor an das Leben glaubt. "Tyrannosaur - eine Liebesgeschichte" ist ein unendlich furchtbarer und unendlich schöner Film. Einer der besten, die es in diesem Jahr zu sehen gibt.

Tyrannosaur - eine Liebesgeschichte. Start: 13.10. Regie: Paddy Considine. Mit Peter Mullan, Olivia Colman, Eddie Marsan.



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filmforist 13.10.2011
1. nicht gut
Eine Zumutung ist vor allem die unverhohlene Kirchwerbung des Films im immer gleichen simplen Erlösungsplot. Neutrale Filmkritiken gibt es auf www.kritikertipp.de. Die immer gleichen Geschichten von der Erlösung des armen Ungläubigen sind einfach nur unglaublich öde und ermüdend.
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