Thriller mit Ryan Gosling: Der Psycho in meinem Bett

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Premiere online ganz ohne Raubkopie - könnte es schlimmer für ein Debüt kommen? Der Thriller "All Beauty Must Die" mit Ryan Gosling und Kirsten Dunst zeigt, dass das auch ein Glück sein kann. Jetzt ist der Schocker nach einem wahren Verbrechen endlich auch bei uns auf DVD und im Netz zu sehen.

True-Crime-Schocker "All Beauty Must Die": Schrecken im Wohnzimmer Fotos
The Weinstein Company

Straight to DVD: In den USA kommt das einem Todesurteil gleich. Film abgedreht, keinen Kinoverleih gefunden, schnell als DVD rausgehauen. Dem Thriller "All Beauty Must Die" (Originaltitel "All Good Things") erging es 2010 ganz ähnlich. Trotzdem hat er sich zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt, die die Filmbranche hat aufhorchen lassen. Und sehenswert ist der Film auch noch.

Ein spektakulärer, ungeklärter Mordfall sowie zwei Schauspieler auf dem Sprung auf Hollywoods A-List - als sich Andrew Jarecki 2008 daran machte, seinen ersten Spielfilm zu drehen, standen die Chancen nicht schlecht, dass er einen Hit landen würde. Der wahre Fall des Robert Durst wühlte nach wie vor die USA auf. Der Sohn eines Immobilien-Tycoons schien in gleich drei Schwerverbrechen verwickelt zu sein: das Verschwinden seiner Ehefrau Kathie, den Mord an seiner Jugendfreundin Susan Berman sowie den Totschlag und das Zerteilen der Leiche seines Nachbars Morris Black. Mit rund 20 Millionen Dollar stand Jarecki genug Geld zur Verfügung, um Dursts Geschichte in aller Opulenz zu verfilmen.

Was dann genau schief lief, lässt sich nur schwer rekonstruieren. Zwei Jahre später fand sich "All Good Things" jedenfalls auf dem Streamingdienst Movies On Demand wieder. Premiere im Netz ganz ohne Raubkopie - könnte es etwas deprimierenderes für einen Debütfilm geben?

Hoffen auf die Mundpropaganda

"Ich habe mich mit dem Stigma des Video-on-Demand etwas versöhnt", sagte Jarecki später der "New York Times". "Die Möglichkeit, deinen Film einer so breiten Masse zugänglich zu machen, ist außergewöhnlich." Die Zahlen dürften ihm bei der Versöhnung allerdings geholfen haben. Nach Angaben vom Verleih Magnolia machte "All Good Things" als Video-on-Demand (VOD) innerhalb eines Monats rund vier Millionen Dollar, bei einem deutlich höher angesetzten Ausleihpreis von knapp 11 Dollar. Als der Film anschließend in ausgewählte Kinos in den USA kam, fuhr er noch rund 580.000 Dollar ein.

Zeitenwende durch VOD? Noch hat sich der Strukturwandel in der US-Filmindustrie nicht vollzogen. Der relative Erfolg von "All Good Things" stimmt aber hoffnungsvoll. Zum einen zeigt er eine Möglichkeit auf, wie Independent-Produktionen doch noch ein vergleichsweise breites Publikum erreichen können. Gerade in einem Flächenland wie den USA, wo Arthouse-Kinos weit verstreut sind, wird VOD besonders interessant.

Zum anderen könnte sich die Online-Auswertung auch als kostengünstigere Werbemaßnahme erweisen. "Unser Ansatz ist es", sagt Magnolia-Chef Eamonn Bowles, "VOD zu einer Art bezahlter Mundpropaganda-Kampagne zu machen. Early adopters und die Leute, die sich speziell für das Thema interessieren, werden den Film online finden und dann hoffentlich ihren Freunden erzählen, dass es sich lohnt, ihn im Kino zu sehen."

Egal, wie sich VOD in Zukunft entwickeln wird - ein Faktor beim Erfolg von "All Good Things" darf nicht unterschätzt werden: Der Film eignet sich perfekt, ihn daheim zu sehen. Er handelt nämlich von der Gewalt, die in den eigenen vier Wänden entstehen kann.

Kann ein Vater so kaltherzig sein?

Es beginnt mit grobkörnig-bunten Privataufnahmen aus einer scheinbar glücklicheren Zeit. Eine Familie schwelgt im Rausch eines Sommers: kleine Jungen spielen, weite Röcke flattern, der Blick gleitet über üppige Wiesen hin zu einem imposanten Herrenhaus. Dann nimmt die Kamera eine bedrohliche Gestalt, die im Hintergrund das Geschehen verfolgt, in den Fokus und stockt. Es ist der Familienvater, der wie zum Angriff bereit lauert.

Eine erste Spur, wie aus dem einen Jungen später ein Mann wird, der seinen Nachbarn mit dem Tranchiermesser und einer Axt zerlegen wird, ist damit gelegt: Frank Langella ("Frost/Nixon") gibt als Sanford Marks einen wirklich furchteinflößenden Patriarchen. Als sein Sohn David (Ryan Gosling, "Drive") eines Abend die mittellose Katie (Kirsten Dunst) als neue Freundin in die Familie einführt, ist diese zutiefst erschrocken. Kann ein Vater wirklich so kaltherzig sein?

David ist zum Glück ganz anders, und so dient das Familienoberhaupt dem jungen Paar bald als gemeinsame Negativfolie. Sie ziehen weg aus seinem Herrschaftsbereich New York City und eröffnen auf dem Land einen Naturkostladen - namens "All Good Things". Es ist 1973, und David und Katie scheinen die Ideale der Zeit zu leben. Da nimmt David plötzlich doch das Angebot des Vaters an, für ihn in New York zu arbeiten - und treibt fortan Schutzgelder für ihn ein.

Eine Leiche wird nie gefunden

Warum genau David das tut, lässt das Drehbuch von Marcus Hinchey und Marc Smerling dankenswerterweise offen. Bei den späteren Morden, für die der echte Robert Durst nie verurteilt wurde, bezieht der Film dagegen eindeutig Stellung. Er sieht David/Robert als Strippenzieher, der mindestens bei seinem Nachbarn selbst zu den Waffen gegriffen hat und die anderen Morde zumindest eingefädelt hat. So werden Davids Motive letztlich zum eigentlichen Rätsel des Films.

Ryan Gosling spielt Davids Janusköpfigkeit gewohnt souverän. Eben noch vor Liebe strahlender Ehemann, jetzt Selbstgespräche führender Schläger: Seine Figur schwankt beständig zwischen den Extremen - und macht es gerade deshalb so plausibel, warum Katie trotz allem so lang bei ihm bleibt. Immer wieder sieht sie den alten David hinter seiner zunehmend versteinerten Fassade aufblitzen, immer wieder redet sie sich seine Aussetzer schön. Dann zwingt David sie zu einer Abtreibung, und ein Strudel, der sie nie wieder loslassen wird, reißt sie nach unten. 1982 verschwindet sie schließlich spurlos. Eine Leiche wird nie gefunden.

Eindringlich spielt Kirsten Dunst, wie bei Katie die Lippen schmaler und die Augen glasiger werden. Im Nachhinein nimmt sich ihre Rolle wie eine Vorstudie zu ihrer Meisterleistung in Lars von Triers "Melancholia" aus. Katies Wandel ist jedoch nur ein Vorgeschmack darauf, wie krass sich David nach ihrem Verschwinden ein weiteres Mal verändern wird. Wegen neuer Ermittlungen in ihrem Fall taucht er zehn Jahre später unter und wird schließlich seinem Nachbarn zum Verhängnis.

Der Vater, der Ehemann, der Nachbar: "All Good Things" zeigt, dass das Grauen jeweils nur eine Wand entfernt sein kann. Wo ließe sich dazu schöner zittern als im eigenen Wohnzimmer?


Die DVD von "All Beauty Must Die" ist bei Ascot Elit Home erschienen. Online bietet ihn u.a. iTunes im Verleih an.

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1.
BlakesWort 07.04.2012
Zitat von sysopPremiere online ganz ohne Raubkopie - könnte es schlimmer für ein Debüt kommen? Der Thriller "All Beauty Must Die" mit Ryan Gosling und Kirsten Dunst zeigt, dass das auch ein Glück sein kann. Jetzt ist der Schocker nach einem wahren Verbrechen endlich auch bei uns auf DVD und im Netz zu sehen. Thriller mit Ryan Gosling: Der Psycho in meinem Bett - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,825697,00.html)
Die Anzahl der Filme, die sich durch diese Art des Vertriebs refinanzieren können, dürfte sich in Grenzen halten. "All Beauty Must Die" profitiert meiner Meinung nach von der überaus treuen Fangemeinde von Ryan Gosling, der in eher "unterfinanzierten" Filmen brilliert und den in die Jahre gekommen George Clooney ablösen wird. In "Lars und die Frauen" war er super, in "Drive" lief es mir eiskalt den Rücken runter, in "Die Iden des März" sah Gosling wie der Sohn aus, den sich vor allem Frauen für Clooney wünschen mögen.
2.
cargath 07.04.2012
Zitat von sysopPremiere online ganz ohne Raubkopie - könnte es schlimmer für ein Debüt kommen? Der Thriller "All Beauty Must Die" mit Ryan Gosling und Kirsten Dunst zeigt, dass das auch ein Glück sein kann. Jetzt ist der Schocker nach einem wahren Verbrechen endlich auch bei uns auf DVD und im Netz zu sehen. Thriller mit Ryan Gosling: Der Psycho in meinem Bett - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,825697,00.html)
Also hat man den einfachen englischen Titel "All Good Things" hier durch den etwas komplizierteren englischen Titel "All Beauty Must Die" ersetzt? WARUM? Verstehe einer die deutschen Verlage...
3. ...
monotram2 07.04.2012
Ich denke auch eher das es an dem Ryan Gosling Jahr 2011 lag. Er hat schön alles abgedeckt: Politthriller, Komödie und Arthouse mit einem Hauch von Remake. Und 2! Schauspieler auf dem Weg zur A-List... damit war nicht Kirsten Dunst gemeint?! Als Rothaarige schlaff im Arm von Spiderman zu hängen - das Image wird man nur schwer los ;). Nichts gegen sie persönlich -wie auch?- aber in "All beauty must die" fand ich sie nicht überwältigend.
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