Spezialeffekte Hightech im Auenland

Die Tolkien-Verfilmung "Der Herr der Ringe" besticht durch atemberaubende Landschaften, überzeugende Figuren und detailverliebte Bilder. Sie sind das Ergebnis des wohl beispiellosen Trickaufwands der neuseeländischen Effekteschmiede Weta und der Weigerung des Regisseurs Peter Jackson, sein Heimatland für die Dreharbeiten zu verlassen.

Von Julia Sturm


Furcht erregende Orks: Authentische Schlachtszenen durch künstliche Intelligenz
Warner Bros.

Furcht erregende Orks: Authentische Schlachtszenen durch künstliche Intelligenz

Für seinen spektakulärsten Film brauchte Peter Jackson nur einen geliehenen Computer. Damit entführte er Protagonisten und Publikum in eine Phantasiewelt und holte sich eine Oscar-Nomierung.

Doch die Tage von "Heavenly Creatures" (1994) sind lange vorbei. Jetzt gibt es in Jacksons neuseeländischer Heimatstadt die Effektfabrik Weta, die es mit den großen Trickhäusern Hollywoods aufnehmen will und kann. Im beschaulichen Wellington finden sich die Spielzeuge, mit denen die beeindruckenden Bilder der "Herr der Ringe"-Verfilmung leinwandfit gemacht wurden: von den Silicon Graphics Computern mit einer Speicherfähigkeit über 32 Terabyte und jeder Art von Top-Animationssoftware bis hin zu Brennöfen für Latexschaum.

Neuseelands Landschaften dienten als opulente Kulisse
Warner Bros.

Neuseelands Landschaften dienten als opulente Kulisse

Arbeiteten 1995, zur Gründerzeit der Firma, nur sieben Spezialisten bei Weta, so verfügt die Effekteschmiede mittlerweile über 240 Mitarbeiter. Andere Zahlen der "Ring"-Filme sind noch beeindruckender: 50.000 Requisiten, 60 Miniaturfiguren für die Filmcharaktere, 350 Drehorte. Eine der wichtigsten Faktoren für die visuelle Umsetzung hieß allerdings KI: Mit dem eigens für die Filmtrilogie entwickelten Programm "Massive" wurden Zehntausende künstlicher Intelligenzen geschaffen, die individuell auf ihre virtuelle Umwelt reagieren können. Jeder dieser Charaktere greift auf eine Datenbank zurück, in der eine Vielzahl von Bewegungsmustern abgespeichert ist. So stellen die Computerwesen ihre Gangart auf das jeweilige Terrain ab, interagieren mit anderen Figuren und kämpfen in individuellen Kampfstilen. Ihr Aussehen wird durch eine weitere Spezial-Software festgelegt, wie etwa das von Weta entwickelte Ork-Designprogramm. Nur so konnten die riesigen Schlachtszenen der Filme glaubhaft animiert werden, in denen zuweilen an die 100.000 Krieger aufeinander prallen.

Digital animierte Ringgeister: Individuell aufs Terrain abgestimmt
Warner Bros.

Digital animierte Ringgeister: Individuell aufs Terrain abgestimmt

Aber es gab auch Charaktere, bei denen sich eine Massenlösung verbot. Die aufwendigste Spezialbehandlung erfährt Gollum, der Antiheld der Tolkien-Saga, ein deformierter Hobbit, der nur am Computer entstehen konnte. Für seine Animation wurden völlig neuartige Codes entwickelt, immerhin ist seine Glaubwürdigkeit mitentscheidend für die Überzeugungskraft der gesamten Geschichte. Ein künstlicher "Jar-Jar Binks-Effekt" wie bei "Star Wars - Episode I" wäre in seinem Falle fatal gewesen.

Dennoch hieß - wie auch bei George Lucas - die Lösung "motion capture". Das bedeutet, dass die Bewegungen der Digitalkreatur auf den aufgezeichneten Bewegungen eines Menschen beruhen. In diesem Falle gab es ein ideales Vorbild: den britischen Schauspieler Andy Serkis, der bereits die Stimme Gollums übernommen hatte. Als Peter Jackson ihn bei den Tonaufnahmen sah, merkte er, dass Serkis beim Sprechen grimassierte und gestikulierte - so wie man sich Gollum in der Phantasie ausmalte. Die Entscheidung lag nahe: Serkis sollte auch das physische Vorbild für das in sich zerrissene Monsterwesen abgeben.

Massenkampfszene: Rückgriff auf eine riesige Datenbank mit Bewegungsmustern
Warner Bros.

Massenkampfszene: Rückgriff auf eine riesige Datenbank mit Bewegungsmustern

Die Computerfigur ist zwar schon kurz im ersten Teil der Trilogie zu sehen, aber erst bei ihren zahlreichen Szenen in den beiden Fortsetzungen wird sich entscheiden, ob Weta hier die digitale Animation zu einem neuen Höhepunkt bringen konnte.

Im Vergleich dazu war die Schrumpfung von Hobbits und Zwergen viel einfacher. Da Jackson keine kleinwüchsigen Darsteller besetzen wollte, mussten Elijah Wood (Frodo) und seine Kollegen per Trick-Kiste auf etwa einen Meter Körpergröße geschrumpft werden. Eine der Methoden war altbewährt: Waren Hobbits und Menschen im Bild, so stand der Mensch im Vordergrund und erschien dadurch größer. Da das nur funktionierte, wenn die Kamera starr blieb, wurde der Klein-Darsteller auf eine mobile Plattform gestellt, deren Bewegungen genau auf die der Kamera abgestimmt wurden.

"Geschrumpfte" Hobbit-Darsteller: Gemüse in Mini- und Maxiversion
Warner Bros.

"Geschrumpfte" Hobbit-Darsteller: Gemüse in Mini- und Maxiversion

Andere Szenen drehten die Schauspieler mit unterschiedlich großen Kulissen und Requisiten. So existiert beispielsweise das Gemüse in Bilbos Garten in einer Mini- und einer Maxiversion. Für Totalen wurden 1,20 Meter große Doubles eingesetzt, die Masken mit den Gesichtern der Darsteller trugen.

Der völlig neuartige Umfang des Effekte-Aufwands machte nicht nur die Postproduktion zum über sechs Monate dauernden Mammutunternehmen, auch der Dreh selbst erforderte enormen Koordinationsaufwand. Insgesamt drehten sieben Teams gleichzeitig an verschiedenen Standorten. Per Videosatellitenübertragung konnte Jackson drei Crews parallel dirigieren. Selbst als er in London zur Aufnahme des Soundtracks war, bekam er via Internet aktuelles Bildmaterial zugespielt und tauschte sich mit seinen Mitarbeitern in Neuseeland aus.

Die Gefährten des Rings auf ihrer Reise: Digitale Spielzeuge aus dem beschaulichen Wellington
Warner Bros.

Die Gefährten des Rings auf ihrer Reise: Digitale Spielzeuge aus dem beschaulichen Wellington

Doch manchmal wurde aus dem Hightech-Unterfangen "Herr der Ringe" auch ganz primitive Handarbeit: Während der Dreharbeiten in Queenstown drohte eine Überschwemmung die Stadt wegzuspülen. Das Filmteam hatte keine andere Wahl, als Sandsäcke zu schleppen und Barrikaden zu bauen. In Kalifornien wäre das alles vielleicht einfacher gewesen. Doch Jackson ist zu sehr verliebt in "sein verrücktes kleines Land am Arsch der Welt": "Ich weiß, wie man hier Filme macht. Aber ich weiß nicht, wie ich das in einem fremden Land tun soll." Gegenüber seinem Hauptdarsteller Elijah Wood formulierte er es angeblich noch viel schärfer: "Warum sollte ich das Auenland verlassen, um nach Mordor zu gehen?"



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