"The Amazing Spider-Man 2" Eine Spinne zum Verlieben

Küsse, Kämpfe, spektakuläre Kulisse: Der neue Spider-Man-Film "Rise of Electro" bietet beste Unterhaltung. Das liegt auch am tollen Hauptdarsteller Andrew Garfield, bei dem man sogar unter der Superheldenmaske Gefühle erkennen kann.


Nachdem Spider-Man einen Überfall auf eine Drogerie vereitelt hat, indem er den Täter in sein megastarkes Spinnennetz gewickelt hat, stellt er sich an die Kasse, um ein paar Erkältungsmedikamente zu bezahlen. "Ach du bist's, der Spider-Typ", sagt der Verkäufer hocherfreut. "Spider-Mab, ich heiße Spider-Mab", nuschelt Spider-Man mit verstopfter Nase und rotzt zum Abschluss noch mal in seine Maske.

"The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro", die nunmehr zweite Folge des Superhelden-Reboot, orientiert sich in Gagdichte und -aufbau zuweilen an einem Slapstick-Film. Der schlaksige Andrew Garfield alias Peter Parker/Spider-Man, dessen kleiner Kopf auf dem langen Körper hervorragend zum Comic-Origin der Marvel-Verfilmung passt, stolpert, stammelt und nestelt, ist gleichzeitig nassforsch und tölpelig, kriegt seinen Anzug nicht ausgezogen und netzgrabscht statt des Handys aus Versehen eine Metallstange, die er sich prompt ans Gesicht knallt.

Dazu passt, dass der zentrale Kampf zwischen Spidey und seinem neuem Kontrahenten, dem aus dem Körper eines einsamen, unglücklichen Elektrikers mutierten Superschurken "Electro" ausgerechnet in einem alten Uhrwerk endet, mitsamt riesigen Zahlenrädern und stoppenden Zeigern: Wenn Harold Lloyd im Stummfilmklassiker "Safety Last" (1923) von einer radioaktiven Spinne gebissen worden wäre, hätte er an den Zeigern garantiert eine andere Figur gemacht.

Der Schurke kommt durch die Steckdose

Die Story von "Rise of Electro" ist kaum der Rede wert, aber dennoch unterhaltsam genug: Neben Herzschmerz, weil der spätpubertäre Spidey dem verstorbenen Vater seiner Freundin Gwen (Emma Stone) versprochen hatte, sich aus Sicherheitsgründen von ihr fernzuhalten, machen ihm vor allem der tricktechnisch fabelhafte, charakterlich aber eher grob gezeichnete Electro (Jamie Foxx) und sein alter Freund Harry zu schaffen. Harry ist der Sohn des in den ersten Spider-Man-Filmen (und vielen Heften) kämpfenden Green Goblin und wird bald selbst zum Schurken - dem alten, aber rührend menschenfreundlichen Comic-Muster folgend, dass das Böse stets aus Enttäuschung und Verbitterung entsteht.

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"The Amazing Spider-Man 2": Er klebt wieder
Der feinnervige Garfield spielt gefühlvoll die vielen, eines Teenie-Blockbusters würdigen On- und Off-Liebesszenen mit Emma Stone. Genauso zeigt er sich in der schwierigen Beziehung zum neuen Green Goblin/Harry (Dane DeHaan, "The Place Beyond the Pines") voller Menschlichkeit. Als Harry sich wütend auf die dunkle Seite der Superkräfte begibt, weil die Spinne ihm nicht helfen kann, seine schleichende Goblin-Krankheit zu besiegen, meint man gar, Mitleid in Spider-Mans unbeweglicher Maske zu erkennen, so verwachsen ist Garfields Körpersprache mit seinem Kostüm.

Dass der Goblin sich mit dem ehemaligen Spider-Man-Fan und jetzigem Stromschleuderer Electro sozusagen kurzschließt, um dem verhassten Spidey gemeinsam den Garaus zu machen, versteht sich von selbst. In nächtlichen Weltuntergangsszenarien kämpfen, blitzen, knallen und donnern die bösen und guten Helden gegeneinander, und Electro, der sich durch Steckdosen bewegen kann (und dennoch nicht ein Wort zur Energiewende verliert), saugt der ganzen großen Stadt den Saft ab. Das Stromnetz Electros gegen das Spinnennetz Spider-Mans: Herrlich, wenn Superkräfte aufeinanderprallen.

Ein Film wie ein LSD-freier Trip

Das Spektakulärste an "The Amazing Spider-Man 2", der wie der erste Film von Mark Webb inszeniert wurde, ist jedoch das Setting. Nie konnte man beim lustvollen, dreidimensionalen Durch-die-Wolkenkratzer-Schwingen des Helden, beim Kämpfen, Küssen, Zweifeln und Zersplittern von Häuserfassaden, so wenig reale Stadt identifizieren. Das Stromkraftwerk, in dem ein großer Teil der Kämpfe stattfindet, wirkt wie ein futuristischer Bau auf einem fremden Planeten. Electros unablässig zuckenden Superblitze verstärken die Surrealität, das Wesen des Comics noch - nicht dass man von Superheldenfilmen unbedingt Naturalismus erwartet, aber "Spider-Man 2" geht noch einen Schritt weiter.

Und das macht saumäßig Spaß: Man kann diesen Film wie einen LSD-freien Trip genießen, zusammengehalten durch den Kampf Gut gegen Böse, aufgelockert von Spider-Mans fast schon Harrison-Ford-artigen One-Linern, emotional berührend durch Liebes-, Moral- und Freundschaftskonflikte. Zuweilen ist der Film zwar von Kitschsoße überzogen, und die Figur des sadistischen mad scientist Dr. Kafka mit Kajalstrich und deutschem Akzent ist ein wenig abgegriffen, aber sei's drum. So ein freundlicher Spider-Man von nebenan, wie ihn Andrew Garfield verkörpert, könnte einem garantiert jede Menge Ärger ersparen.

The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro

USA 2014

Regie: Marc Webb

Buch: Alex Kurtzman, Robert Orci, Jeff Pinkner

Darsteller: Andrew Garfield, Emma Stone, Jamie Foxx, Dane DeHaan, Sally Field, Campbell Scott

Produktion: Marvel Enterprises, Columbia Pictures

Verleih: Sony Pictures

Länge: 152 Minuten

Start: 17. April 2014

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
bitte_weitergehen 15.04.2014
1. Wow!
Das nenne ich mal eine Filmkritik, die einem jegliche Lust auf den neuen Spider-Man nimmt. Eine Kritik, die vordergründig nett gemeint ist, bei der aber zwischen den Zeilen eindeutig ein 'hey, das ist vielleicht ein schlechter Film' zu erkennen ist. Na toll. Jetzt gehe ich ohne Erwartungen ins Kino.
Jonny_C 15.04.2014
2. Als Comic....
...immer noch eine meiner Lieblingsfiguren, kann ich als Filmfigur weniger mit Spider-Man anfangen. Wahrscheinlich wegen den in den Filmen doch sehr aufgeblasenen "Liebesgeschichten" und meinem fortgeschrittenem Alter ?! Als Comic-Verfilmungen mag ich die Avengers (Rächer) und ihre einzelnen Protagonisten. Thor, Ironman, Hulk und Cap. America. Der Film also die Umsetzung mit den Fantastic Four und dem Silversurfer war ebenfalls gelungen. Der erste Film nicht. Filmisch reisst auch die X-Man Reihe mich nicht vom Hocker, da fand ich persönlich die reinen Wolverine-Filme besser. Auf jeden Fall werde ich mir den Spidey-Film aber anschauen...... Ich lass mich gern mal überraschen.
HaioForler 15.04.2014
3.
Zitat von sysopSony PicturesKüsse, Kämpfe, spektakuläre Kulisse: Der neue Spider-Man-Film "Rise of Electro" bietet beste Unterhaltung. Das liegt auch am tollen Hauptdarsteller Andrew Garfield, bei dem man sogar unter der Superheldenmaske Gefühle erkennen kann. http://www.spiegel.de/kultur/kino/spider-man-2-rise-of-electro-mit-andrew-garfield-emma-stone-a-963861.html
Na, wenn der Hauptdarsteller "Gefühle" zeigt, dann ist ja alles in Ordnung. Das müßte ja dann ein super Film sein. Dann mal gutes Fühlen.
rockyrod 15.04.2014
4. Nachdem ich den Trailer gesehen habe:
Gähn. StarWars-DunkleMacht-Lichtblitze, dümmliche Dialoge, sonst noch was? Wann gibts mal wieder ne packende Story statt noch mehr Effekte? Gähn.
frubi 15.04.2014
5. .
Zitat von sysopSony PicturesKüsse, Kämpfe, spektakuläre Kulisse: Der neue Spider-Man-Film "Rise of Electro" bietet beste Unterhaltung. Das liegt auch am tollen Hauptdarsteller Andrew Garfield, bei dem man sogar unter der Superheldenmaske Gefühle erkennen kann. http://www.spiegel.de/kultur/kino/spider-man-2-rise-of-electro-mit-andrew-garfield-emma-stone-a-963861.html
Spiderman = Tobey Maguire Wolverine = Hugh Jackmann Batman = Christiane Bale Hellboy = Ron Perlman Ich kann es einfach nicht leiden wenn erfolgreiche und gute Filme nach kurzer Zeit neu verfilmt werden. Wo bleibt das Herr der Ringe Remake mit Zac Efron als Frodo und Alec Baldwin als Gandalf?
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