"Spider-Man" Held mit Herz

Ein Blockbuster zum Verlieben: Die Comic-Verfilmung "Spider-Man" gehört schon jetzt zu den erfolgreichsten Filmen aller Zeiten. Statt auf bombastische Effekte und bestechende Tricks setzte Regisseur Sam Raimi auf die Beherztheit seiner Darsteller und die Superkräfte einer Teenager-Liebe.

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Begegnung mit dem schüchternen Superheld: "Spider-Man" Tobey Maguire und Kirsten Dunst in einer der schönsten Liebesszenen des Jahres
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Begegnung mit dem schüchternen Superheld: "Spider-Man" Tobey Maguire und Kirsten Dunst in einer der schönsten Liebesszenen des Jahres

Rekorde, Rekorde, Rekorde. Schon Wochen, bevor der deutsche Starttermin von "Spider-Man" in greifbare Nähe rückte, schwappten die Sensationsmeldungen über den Ozean: In Amerika, wo Superlative zum Alltag gehören, schaffte die Verfilmung des legendären Marvel Comics den wohl eindrucksvollsten und erfolgreichsten Kinostart der Filmgeschichte. Ein Schatten, in dem selbst die mit Pomp und Spezialeffekten protzende "Episode II" des erfolgreichen Sternenkriegers George Lucas verblasste. Was mag nur dran sein an diesem Sommer-Blockbuster, der die amerikanischen Kritiker und Kinogänger zu einhelligen Lobeshymnen animierte?

Die Antwort ist so einfach wie erfreulich: "Spider-Man" ist ein Action-Abenteuer, das mehr bietet, als die neueste Leistungsschau der Effekteschmiede. Sam Raimis Film ist ein Comic-Roman, dem es gelungen ist, in adäquater Form auf die Leinwand zu gelangen. Die Spezialeffekte, die computergenerierten Bilder und Tricks, sie dienen dem Regisseur nur als Mittel zum Zweck, um eine Geschichte erzählen zu können, die sich seit ihrer Uraufführung - gezeichnet, betextet, getuscht und gedruckt - bereits als Bestseller erwiesen hat.

Ein Underdog dreht auf: Peter Parker (Tobey Maguire) entdeckt seine Superkräfte
Columbia TriStar

Ein Underdog dreht auf: Peter Parker (Tobey Maguire) entdeckt seine Superkräfte

1962 schufen die Marvel-Künstler Stan Lee und Steve Ditko einen Superhelden, der eigentlich gar keiner war: Der New Yorker Teenager Peter Parker ist der unscheinbarste Underdog aller Underdogs und wird vom Leben und seinen Mitmenschen wie ein ekliges Insekt betrachtet. Erst als Peter durch den Biss einer radioaktiv verseuchten (im Film: genetisch mutierten) Spinne Superkräfte erlangt und fortan als Spider-Man durch die Schluchten seiner Stadt schwingt, eröffnet sich ihm ein Leben voller Möglichkeiten. Unter der Maske des Superhelden bleibt er jedoch stets der zweifelnde, unsichere und verzagte, der schlichtweg sympathische Peter Parker.

Anders als beim außerirdischen Superman oder dem düster-aristokratischen Batman, gibt es kaum eine Distanz zwischen dem Spinnenmann und seinem Publikum. Spider-Man ist einer von uns und kämpft zunächst einmal mit weitaus kleineren Problemen als Superschurken, die die Welt bedrohen. Peters Kosmos besteht aus den Straßen von New York und der Vorort-Hölle von Queens, in der er aufwächst, in der kein Mädchen ihn anguckt und noch nicht einmal der Schulbusfahrer auf ihn wartet.

Schwingt seine Netze über den Dächern New Yorks: "Spider-Man"
REUTERS

Schwingt seine Netze über den Dächern New Yorks: "Spider-Man"

Raimi lässt sich die gesamte erste Hälfte seines Films Zeit, um uns diese Szenerie, die Brutstätte Spider-Mans, näher zu bringen. Wir lernen Peters besten Freund Harry Osborn (James Franco) kennen, der durch den überwältigenden Reichtum seines Vaters, eines mächtigen Industriellen und Wissenschaftler, ebenso ein Außenseiter ist. Wir lernen auch Peters ewiges Objekt der Begierde kennen, die allseits begehrte High-School-Schönheit Mary Jane Watson (bezaubernd und rothaarig: Kirsten Dunst), nach deren Aufmerksamkeit sich unser Held sehnt, seit er sechs Jahre alt ist.

Vor allem aber lernen wir Peter Parker selbst kennen, der mit Tobey Maguire nahezu perfekt besetzt ist. Lange und eisern musste Sam Raimi kämpfen, um seinen Wunsch-Darsteller durchzusetzen, das produzierende Studio Columbia hätte sich für die Besetzung eines Superhelden lieber einen kräftigen, muskelbepackten Hollywood-Recken gewünscht, kein schmalbrüstiges Bübchen mit quäkender Stimme und großen Träumeraugen. Aber Maguire, der sich bereits in Ang Lees "Eissturm" und Curtis Hansons "Wonder Boys" bewährte, ist eben nicht Elijah "Frodo" Wood, sondern einer der besten Schauspieler seiner Generation. Mit scheuen Blicken und seinem unvergleichlichen Lächeln, das zunächst zaghaft an einem Mundwinkel beginnt, um sich dann schelmisch und einnehmend über das ganze Gesicht zu verbreiten, schafft es der 26-Jährige, unser Herz für Peter Parkers pubertäre Sehnsüchte und Nöte zu erwärmen.

Terror über New York: Der Green Goblin bedroht die Stadt
Columbia TriStar

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So ist es auch vor allem Maguire zu verdanken, dass die Szenen, in denen Parker seine neuen Spinnenkräfte entdeckt und - zuerst zögernd, dann draufgängerisch - erprobt, zu den besten und unterhaltsamsten Teilen des Films gehören. Als Spinnenmann kann Peter endlich so cool sein, wie er es - wie jeder andere Teenager - sich in seinen kühnsten Träumen ausgemalt hat. Als "Spider-Man" schwingt er sich befreit vom adoleszenten Unbill durch die Lüfte und gewinnt in einer der schönsten und ungewöhnlichsten Kuss-Szenen des Kino-Jahres sogar das Herz seiner Angebeteten.

So weit so gut, doch mit den Superkräften kommt auch die Last der Verantwortung. Peter, von seinem Onkel Ben (Cliff Robertson) und seiner Tante May (Rosemarie Harris) mit einem ehernen Wertesystem ausgestattet, muss sich plötzlich zwischen seinen persönlichen Träumen und dem Wohl der ganzen Stadt entscheiden, als ein weiterer maskierter Mann auf der Bildfläche erscheint und die Stadt terrorisiert: der böse Green Goblin. "Große Macht bringt große Verantwortung mit sich", mahnt Peters Onkel, bevor er durch einen tragischen Zwischenfall stirbt, und "Spider-Man" entscheidet sich schließlich, seine Kräfte zu nutzen, um die Verbrecher der Stadt in ihre Schranken zu verweisen.

Begehrte High-School- Schönheit: Mary Jane Watson (Kirsten Dunst)
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Hinter dem giftgrünen Goblin verbirgt sich Harrys Vater, der Nanotechniker Norman Osborn, der sich dank eines missglückten Selbstversuches einem bösen und mächtigen Alter Ego gegenüber sieht. Der Green Goblin - bewaffnet mit Brandbomben und einem fliegenden Surfbrett - bündelt und verstärkt alle Aggressionen des Wissenschaftlers und schickt sich an, die Stadt in Schutt und Asche zu legen. Obwohl der Goblin leider mit einer starren Plastikmaske ausgestattet ist, schafft es Willem Dafoe in einer seiner vielleicht besten Leistungen, auch diesen comicartigsten Charakter des Films annähernd glaubhaft zu machen.

Eines der vielen erfreulichen Details des liebevollen Drehbuchs von David Koepp ("Panic Room") ist die Andeutung, dass sich Bösewicht und Held in ihrer Schizophrenie sehr ähnlich sind. Beide müssen sich sowohl mit ihren inneren Jekylls und Hydes auseinander setzen, als auch mit der New Yorker Bevölkerung, die zunächst beide Maskenmänner als Bedrohung empfindet und mit Feindseligkeit reagiert. Dass der eine primär Böses tut, der andere hingegen mit Netz und Tücke gegen Verbrecher vorgeht und Menschen aus brennenden Häusern rettet, ist den Leuten egal. Angestachelt durch die Sensationspresse - im Film als eigentlicher "Feind" dargestellt - wehren sich die Leute gegen das Fremde.

Im Netz der Liebe: Als "Spider-Man" ist Peter Parker seiner Geliebten ganz nah
Columbia TriStar

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Erst zum Finale des Films, als Spider-Man und der Goblin sich einen erbitterten und effektvollen Kampf über den Dächern der Stadt liefern, kann die menschliche Spinne auf die Solidarität seiner Stadt zählen. In einer sehr amüsanten Hommage an den Zusammenhalt der New Yorker Bürger nach dem 11. September, schallt dem Goblin die aus vielen Kehlen gebrüllte Warnung: "Wenn Du Dich mit einem von uns anlegst, legst Du Dich mit uns allen an!" entgegen. Am Ende umarmt die Stadt eben doch ihre Helden, auch wenn sie ausnahmsweise nicht in Gestalt von Feuerwehrmännern, sondern in hautengen, bunten Kostümen daherkommen und klebrige Netze schwingen.

Leider hält Raimi es nicht durch, den grandiosen Start seines Films in der zweiten Hälfte aufzufangen. Zu wenig haben die Kämpfe mit dem Goblin letztlich mit dem zuvor gezeigten Schicksal Parkers zu tun, zu groß wird am Ende der Rahmen dessen, was sich zuvor so trefflich auf den Mikrokosmos der Pubertät und ihrer Widrigkeiten konzentrierte. Doch auch hier ist es dem Darsteller-Ensemble zu verdanken, dass dieser leichte Bruch dem Gesamteindruck keinen Schaden zufügt. Wohl selten gab es in den vergangenen Jahren einen Blockbuster aus Hollywood - von Comic-Verfilmungen ganz zu schweigen - in dem man über die gesamte Länge des Films so viel Sympathie für die Figuren und ihre Belange entwickelte.

Schicksalhafter Selbstversuch: Der Wissenschaftler Norman Osborn (Willem Dafoe) wird zum Green Goblin
Columbia TriStar

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Bereits am Anfang, in seiner auktorialen Einführung aus dem Off, verrät der Held selbst das Geheimnis seiner Story: Wie so viele andere Geschichten, so sagt der künftige Superheld mit seiner hellen und brüchigen Stimme, sei auch diese eine Geschichte über ein Mädchen." Wer muss noch mit Action und Effekten glänzen, wo echte, leidenschaftliche Teenager-Liebe im Spiel ist?

"Spider-Man". USA 2002. Regie: Sam Raimi; Buch: David Koepp, Stan Lee/Steve Ditko (Comic); Darsteller: Tobey Maguire, Kirsten Dunst, Willem Dafoe, James Franco, Cliff Robertson, J.K. Simmons; Produktion: Marvel Enterprises, Laura Ziskin, Columbia Pictures; Verlieh: Columbia; Länge: 121 Min.; Start: 6. Juni 2002



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