"Spider-Man: Homecoming" Willkommen im Klassenkampf, Spidey

"Spider-Man: Homecoming" überführt den Comic-Superhelden ins Kino-Universum von Marvel und in die Realität der Trump-Ära. Tom Holland überzeugt als freundlicher Nachbarschafts-Rächer mit Teenager-Problemen.

Sony Pictures

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Drei Spider-Man-Neuerfindungen in 15 Jahren sind zu viel? Lächerlich! Der mit Abstand beliebteste Superheld des US-Comicverlags Marvel hat in den 55 Jahren seiner medialen Präsenz schon ein Vielfaches an Inkarnationen überstanden. Der ewig juvenile "Webcrawler" aus New York ist eine so universell gültige Figur, dass sie immer wieder dem herrschenden Zeitgeist angepasst werden kann. Allein am Kiosk gibt es ihn momentan in multiplen Versionen.

Der Film "Spider-Man: Homecoming" überführt ihn nun ins Kino-Universum von Marvel. Newcomer-Regisseur Jon Watts ("Cop Car") gelingt jedoch das Kunststück, die Figur einerseits zu ihren Sixties-Ursprüngen als freundlicher Rächer von Nebenan mit Highschool-Problemen zurückzuführen - und sie gleichzeitig attraktiv für das mit den Kino-"Avengers" sozialisierte Teenager-Publikum des 21. Jahrhunderts attraktiv zu halten.

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"Spider-Man: Homecoming": Zurück in die Nachbarschaft

"Homecoming" spielte über das vergangene Wochenende weltweit bereits 250 Millionen Dollar ein. Ein Beleg nicht nur dafür, dass Superhelden-Filme (zuletzt "Wonder Woman" und "Guardians of the Galaxy 2") dauerhaft zu den größten Umsatzgaranten des US-Mainstream-Kinos zählen, sondern auch für ein scheinbar ungebrochenes, breites Interesse am guten alten "Spidey".

Trotz zwei vorangegangener Filmreihen, eine mit Tobey Maguire zu Beginn der Nuller-, eine mit Andrew Garfield in den Zehnerjahren, strömte laut US-Branchenmeldungen vor allem ein jugendliches Publikum in die Kinos, um den jungen Schauspieler Tom Holland als Spider-Man zu sehen. Sechs Drehbuchautoren arbeiteten mit Regisseur Watts daran, die erste Superhelden-Kooperation zwischen Sony, Inhaber der "Spider-Man"-Filmrechte, und Marvel zu einer Erfolgsgeschichte zu machen. 175 Millionen Dollar soll "Homecoming" gekostet haben.

Highschool statt Hightech

Das zwanghafte Nummer-sicher-Spiel solcher Big-Budget-Produktionen ist beklagenswert und bremst die wegen ihres Indie-Charmes angeheuerten Regie-Talente regelmäßig aus (zuletzt bei Fantastic Four und"Star Wars"). Im Falle von "Homecoming" hat die Blockbuster-Industrie jedoch einen sympathischen und mitreißenden Film hervorgebracht, der glücklicherweise nicht noch einmal die Origin-Geschichte seines Helden erzählt (Spinnenbiss, Onkel Ben, große Kraft, große Verantwortung, etc.), sondern sich den seriellen Charakter der Comics zu eigen macht: "Spider-Man: Homecoming" wird zur Nebenhandlung in der großen, wachsenden "Avengers"-Erzählung des Marvel Cinematic Universe.

Folglich knüpft der Film dort an, wo der neue "Spider-Man" erstmals dem Publikum vorgestellt wurde: In der Flughafen-Schlacht in "Captain America: Civil War". Der Teenager Peter Parker, von "Iron Man" Tony Stark (Robert Downey Jr.) als Verstärkung rekrutiert, hat von seinem ersten "Avengers"-Einsatz altersgerecht ein verwackeltes Handy-Video gedreht, dass er nun seinem Betreuer, Starks Bodyguard "Happy" Hogan (Jon Favreau), hysterisch plappernd vorspielt. Sein mit KI ausgestattetes Spider-Kostüm darf er vorerst behalten, aber statt Hightech-Heldentum ist Highschool angesagt. Wie schnöde!

Viel Komik zieht "Homecoming" in seinem ersten Drittel aus dem SMS-Terror, mit dem Parker versucht, sich beim stoischen Hogan für neue Heldentaten zu bewerben - vergeblich. Das gewaltige Action-Spektakel der Marvel-Filme wird hier immer wieder auf Alltagsscharmützel heruntergebrochen. Der Pulp-Charakter der Siebzigerjahre-TV-Serie gibt den visuellen Stil des Films vor, die Tonart setzt der "friendly neighborhood Spider-Man", wie ihn Stan Lee und Steve Ditko 1962 erfunden haben.


"Spider-Man: Homecoming"
USA 2017
Regie: Jon Watts
Drehbuch: Jonathan M. Goldstein, John Francis Daley, Jon Watts, Christopher D. Ford, Chris McKenna, Erik Sommers
Darsteller: Tom Holland, Michael Keaton, Laura Harrier, Marisa Tomei, Jacob Batalon, Donald Glover, Jon Favreau, Robert Downey Jr., Zendaya
Produktion: Columbia Pictures, Marvel Studios, Pascal Pictures
Verleih: Sony

Länge: 134 Minuten
FSK: ab 12
Start: 13. Juli 2017


Parker, der Wissenschafts-Nerd, schmachtet in der Schule seine schöne Debattierklub-Kollegin Liz (Laura Harrier) an und schwingt in seiner Freizeit nicht durch die Straßenschluchten Manhattans, sondern durch die vorörtlichen Gassen von Queens. Das "Homecoming" im Filmtitel bezieht sich nicht nur auf den bevorstehenden Schulball, zu dem Parker noch ein Date braucht, sondern vor allem auf die Hinwendung zu den allzu menschlichen Details, die "Spider-Man" zur Identifikationsfigur mehrerer Generationen gemacht haben.

Ground Zero des Marvel-Universums

Ein Nostalgiefest ist "Homecoming" deswegen aber nicht, und schon gar nicht betulich. Vieles wirkt fast schon angestrengt auf zeitgemäß, wenn nicht politisch korrekt getrimmt, zum Beispiel die ethnisch diversen Mitschüler, zu denen neben der schwarzen Liz auch die klug-sarkastische Latina Michelle (Disney-Star Zendaya) und Filipino-Kumpel Ned (Jacob Batalon) gehören. Der hochgerüstete Spider-Suit wird samt Siri-Stimme und Hunderten Funktionen zum Sinnbild für die Allgegenwart von Smartphones und technischer Vernetzung im modernen Teenager-Alltag mit all seinen Überforderungen und hormonell bedingten Übermütigkeiten. Immerhin, man erinnere sich, verschießt Spider-Man ständig eine klebrig-weißliche Flüssigkeit aus seinen "Web-Shootern" - eine der schönsten Pubertäts-Metaphern der Popkultur.

Filmtrailer ansehen - "Spider-Man: Homecoming":

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Schüler-Stress und Hunger auf Heldentaten verdichten sich, als Peter dem Bösewicht des Films auf die Spur kommt: Adrian Toomes (Michael Keaton) ist ein mittelständischer Bauunternehmer, der sich von Stadtverwaltung und Großkonzernen um einen lukrativen Räumungsauftrag betrogen sieht. Eine Szene zu Beginn zeigt ihn mit seinen Arbeitern in den Trümmern des "Avengers"-Towers - das Ground Zero des Marvel-Universums. Aus den aus dem Schutt geborgenen Artefakten des Alien-Angriffs baut er Waffen, die er auf dem Schwarzmarkt an Gangsterbanden verkauft - und sich selbst einen Flugapparat mit schweren Metallschwingen. Fans erkennen in Toomes alsbald Spider-Mans Erzgegner Vulture, aber auch als Hommage an Keatons Aufritte als Bat- und Birdman im Kino funktioniert diese herausragend gespielte Rolle.

Mit dem Toomes-Charakter des mittelalten, vom System enttäuschten weißen Manns, der sein Leben lang hart geschuftet hat, nur um dann marginalisiert zu werden, erhält "Homecoming" dann doch noch eine Verankerung in der politischen und gesellschaftlichen Gegenwart: "Die Reichen und Mächtigen", so wie der Industrielle Tony Stark, "die interessieren sich nicht für uns", sagt er zum "Avengers"-Praktikanten Parker, der ebenfalls aus einfachen Verhältnissen stammt. Toomes, so der US-Kritiker Abraham Riesman, sei der wohl erste Super-Bösewicht im Kino, der Donald Trump gewählt haben könnte.

So ist diese erneute Heimkehr des ur-amerikanischen Helden "Spider-Man" auch eine Ankunft im aktuellen Klassenkampf, der die USA spaltet. Auf wem, wenn nicht auf der Jugend, mit oder ohne Superkraft, lastet dabei die größte Hoffnung und Verantwortung.

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insgesamt 17 Beiträge
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retterdernation 12.07.2017
1. Die Superhelden ...
sind halt real geworden in ihrer animierten Darstellung. Das begeistert zum einen die "Generation Comic" - die sich seit den 50er Jahren in Deutschland entwickelte und auch die Jüngeren, die sich durch die real anmutende Darstellung des eigentlich Unmöglichen, genau so faszinieren lassen. Die Filme sehen also so aus, wie es sich die Comicfans in den unendlichen Jahrzehnten der analogen Filmdarstellung, in ihrer Fantasie ausmalten. Dazu werden oftmals dann witzige oder auch interlektuelle Handlungsstränge eingebaut, die in Verbindung mit den Bildgewalten der Animationen einnehmen, in eine Gefühlswelt des Irrealen. Beim lesen meiner vielen Comic in den 19hundert 70er Jahren habe ich mir das immer so vorgestellt und mit mir bestimmt viele Millionen anderer Comic-Fans - wie es sich heute darstellt - diese Art der Fantasie müssen sich die Jüngeren heute nicht mehr erarbeiten, sie bekommen sie einfach geboten. Das macht es dann auch leichter konsumierbar - von daher ist es kein Wunder - das die Superhelden ansprechen ...
monoman 12.07.2017
2. Spidey kehrt heim
Der zentrale Held des Marveluniversums kehrt heim ins Marveluniversum der Bewegtbilder, wird ja auch Zeit! Den Artikel und auch sonst alles andere werde ich mir durchlesen, wenn ich den Film kenne ;-)
Hipster 12.07.2017
3. lol
"Spider-Man: Homecoming" überführt den Comic-Superhelden ins Kino-Universum von Marvel und in die Realität der Trump-Ära" Die Dreharbeiten zu Spider-Man wurden Anfang Oktober 2016 beendet, Trump wurde am 08.11.2016 zum Präsidenten gewählt. Was hat das Eine also mit dem Anderen zu tun?
gamerboymanuel16 13.07.2017
4. 100% Typische Darstellung von Teenagern zu erwarten :(
Ich wette das man den Darsteller von Spiderman wieder mal ohne Tshirt sieht wie er dann mit Sixpack und untypisch vielen Muskeln für sein Alter rumposiert.. Wie in allen Filmen :( Ich frage mich echt ob das irgendwann mal endet.
Hosterdebakel 13.07.2017
5. Schon
Zitat von gamerboymanuel16Ich wette das man den Darsteller von Spiderman wieder mal ohne Tshirt sieht wie er dann mit Sixpack und untypisch vielen Muskeln für sein Alter rumposiert.. Wie in allen Filmen :( Ich frage mich echt ob das irgendwann mal endet.
mal die Mühe gemacht sich ein paar Trailer von dem Film anzusehen? Da ist nix mit "untypisch vielen Muskeln für sein Alter" o. ä. Auch verständlich, denn Peter Parker gehört eher zu den unsportlichen Bücherwürmern. Daher passt das schon soweit.
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