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Spielberg-Weltpremiere in Cannes: Nimm den Hut, Indiana Jones!

Aus Cannes berichtet

Die Erwartungen waren groß, die Ernüchterung danach ist es auch. Steven Spielbergs "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" ist ein wahnwitziges, mitunter wirres Spektakel. Dass die Außerirdischen nicht nach Hause telefonieren wollen, macht es kaum besser.

Cannes - Indiana Jones kommt durch die Küche. Quasi unbemerkt von den Journalisten hat sich sein Darsteller Harrison Ford ins La Cote Restaurant im Hotel Carlton in Cannes geschlichen. Fords neuer Film "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" wird dort mit einem Empfang gefeiert - rund hundert Gäste, Jahrgangs-Champagner und als Dekoration der berühmte Indy-Hut in einer Saalnische. Harrison Ford, 65, mit schwarzem Ohrstecker im linken Ohrläppchen, dunklem Anzug und grauen Haaren, schafft es sogar, ein paar Shrimps-Häppchen vom Buffet zu essen, bevor ihn einige Reporter entdecken und mit Fragen löchern: Wie es denn gewesen sei, nach 19 Jahren wieder in das berühmte Indiana-Jones-Kostüm zu schlüpfen? Ford lächelt.

Steven Spielberg dagegen nimmt, in Begleitung von zwei Leibwächtern, den Haupteingang ins Restaurant. Spielberg trägt eine Baseballkappe. "Relax", "Entspann dich", steht vorne auf der Mütze. Ein frommer Wunsch, denn Spielberg wird fast erdrückt im Gedrängel. Ja, natürlich freue er sich auf die Premiere des Films, sagt Spielberg. Dass das Festival von Cannes in Hollywood auch als Schlachthaus gilt - vor zwei Jahren wurde hier etwa die Dan-Brown-Verfilmung "The Da Vinci Code" von der Kritik verhöhnt -, sagt er nicht.

Doch selbst bei den meisten der notorisch mäkeligen Filmkritiker war die Vorfreude groß auf Spielbergs neuen Film "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels". So groß, dass viele Journalisten bei der Pressevorführung am Sonntagnachmittag im Festival-Palais von Cannes schon frenetisch klatschen, als das Licht im Saal ausging. Einige singen sogar laut die berühmte Indiana-Jones-Fanfare.

Das vierte Abenteuer über den unverwüstlichen Archäologen Indiana Jones (Harrison Ford) war vorab zum Kinoereignis des Jahres hochgejubelt worden - auch dank der strikten Geheimniskrämerei von Regisseur Spielberg. Daran gemessen, ist der Film eine Enttäuschung.

Bei den ersten Bildern - zur Musik von Elvis Presley brettert ein Cabrio durch Nevada und liefert sich ein Wettrennen mit einem vermeintlich amerikanischen Armee-Konvoi; Erdhörnchen verkriechen sich verschreckt in ihren Löchern - gibt es noch Szenenapplaus. Am Ende, als der Abspann läuft, wird dagegen nur noch verhalten (und sehr kurz) geklatscht.

Eine Atombombe explodiert? Ab in den Kühlschrank!

Dazwischen muss sich der Held - das Spektakel spielt im Jahr 1957 - mit bösen Sowjetrussen herumschlagen, angeführt von der schönen Irina Spalko (Cate Blanchett). Die Russen wollen Indy mit vorgehaltener Waffe zwingen, ihnen bei der Suche nach einem geheimnisvollen Kristallschädel zu helfen. Natürlich kann Indy entkommen, immer wieder und wieder.

(Achtung! Liebe Leser, wenn Sie sich vom Inhalt von "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" lieber überraschen lassen wollen, sollten Sie an dieser Stelle mit dem Lesen aufhören!)

Auf der Flucht gerät er anfangs ausgerechnet ins Atombombentestgebiet der US-Regierung. Nur wenige Sekunden vor einer Detonation irrt er durch eine nur von Schaufensterpuppen bevölkerte Siedlung, an denen die Wirkung der Bombe ausprobiert werden soll. Indy versteckt sich in einem Kühlschrank, bevor ihn die Druckwelle erfasst. In einer apokalyptischen Einstellung zeigt Spielberg die Silhouette seines Helden vor einem grellen Atompilz. Anschließend muss Indiana Jones unter die Dusche wie einst James Bond, nachdem der in "Dr. No" radioaktiv verstrahlt worden war; dann geht das Spektakel weiter.

Denn die Gegner lassen nicht locker: Indiana Jones, nicht mehr der Jüngste, braucht Verstärkung. Auftritt Shia LaBeouf, Hollywoods Nachwuchsstar ("Transformers"), mit Lederjacke und Motorrad ausstaffiert wie Marlon Brando in "The Wild One". LaBeouf spielt den Hitzkopf Mutt, von dem sich bald herausstellt, dass er Indys Sohn ist. Gemeinsam überstehen sie eine Verfolgungsjagd über einen Uni-Campus. Nicht mal die Bibliothek ist vor Mutt sicher: Er rast mit seiner Maschine einfach hinein.

Während diese Szenen noch den grandiosen Spielberg-Schwung besitzen, perfekt choreografierte Action-Sequenzen mit Witz, wird die Geschichte bald immer konfuser. Gute Gags, Humor? Weitgehend Fehlanzeige.

Kriechen im Staub, Prokeln in Mumien und Kreisch-Attacken

Indy und Mutt reisen nach Südamerika, kriechen dort durch unzählige staubige Tempelruinen, prokeln in Mumien herum und überstehen die Attacken von Skorpionen, gefräßigen Riesenameisen, halbnackten Kriegern sowie die Kreischanfälle von Indys Ex-Gefährtin Marion, erneut gespielt von Karen Allen. Und wenn nicht gerade Irina und ihre Russengang den nächsten Überraschungsangriff landen oder eine neue Materialschlacht im Dschungel ansteht, doziert Indiana Jones lang und breit über die mögliche Herkunft des Kristallschädels. Handelt es sich dabei vielleicht um den Kopf eines Außerirdischen? Oder eher in Wahrheit um nie verfilmte Drehbuchfassungen von Spielbergs Science-Fiction-Filmen "Unheimliche Begegnung der dritten Art" und "E.T. - Der Außerirdische"?

Einige Szenen, vor allem in den letzten 30 Minuten, erinnern nämlich verdächtig an Spielbergs alte Alien-Filme. Zwar gucken die Außerirdischen diesmal nicht so treuherzig wie einst E.T., und sie wollen auch nicht nach Hause telefonieren. Aber das macht die Sache nicht besser: Je länger der neue "Indiana Jones" dauert, desto bombastischer und phantasieloser werden die Spezialeffekte. Es blitzt und scheppert ununterbrochen, ein nahezu ironiefreier Overkill. Am Ende landet die halbe Statistenriege des Films, einige Hauptfiguren sowie ein Großteil der Dekoration in einem riesigen Quirl, der alles zu verschlingen droht.

Indiana Jones jedoch, und das ist die gute Nachricht, findet schließlich seinen Frieden: Er heiratet und führt seine Braut aus der Kirche. In der allerletzten Einstellung nimmt er, im Wortsinn, seinen Hut.

Danke, Indy, es reicht!

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 91 Beiträge
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1. Und nun?
malaki 18.05.2008
Zitat von sysopDie Erwartungen waren groß, die Ernüchterung danach ist es auch. Steven Spielbergs "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" ist ein wahnwitziges, mitunter wirres Spektakel. Dass die Außerirdischen nicht nach Hause telefonieren wollen, macht es kaum besser. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,553962,00.html
Was ist der Unterschied zwischen einer Ente?
2. Ja, was soll man sagen, ...
sam clemens, 18.05.2008
... wenn man den Film selbst noch nicht gesehen hat! In der anderen Diskussion hat jemand geschrieben, dass der Film von berufener Seite gar nicht so schlecht beurteilt wird. Wie auch immer - ich mag Indy viel zu sehr, um die Kritiken so ernst zu nehmen. Also was solls - ins Kino!
3. Mr.Jones
straff&locker 18.05.2008
Der Thread ist echt sinnvoll, gerade weil super viele Indiana Jones Fans den Film schon gesehen haben. Bisher ist alles reine Spekulation. Abwarten.
4. Also wirklich
LCorso 18.05.2008
Dieser Artikel grenzt an eine Frechheit. Könnte vielleicht mal jemand dem Herrn Wolf beibringen, wie man einen Film rezensiert, ohne bereits den gesamten Inhalt zu verraten?
5. ui
silenced 18.05.2008
wie auch immer, bisher war JEDER vierte teil, egal von welcher vorangegangenen trilogie, ein reinfall und eine enttaeuschung und wie war das ? in 20 jahren wird evtl. mal jemand das als meisterwerk preisen °gruebelwohabichdasschonmalgelesenvorkurzem° schoenen sonntag abend
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