Spike Lees "Inside Man" Der Finger auf der 9/11-Wunde

Spike Lees neuer Film "Inside Man" ist eine Verbeugung vor Hollywoods großen Banküberfällen und der erste Mainstream-Blockbuster des schwarzen Autorenfilmers. Unter der Thriller-Handlung verbirgt sich jedoch ätzende Kritik an der Rassen- und Kriegspolitik Amerikas.

Von Uh-Young Kim


Dass sich etwas in Spike Lees Blickfeld verschoben hat, kündigt sich schon im Vorspann von "Inside Man" an. Statt typischem Jazz oder HipHop eröffnet der Bollywood-Hit "Chaiyya Chaiyya" den Film vor der verlassenen Vergnügungskulisse von Coney Island. Die Kurven einer Achterbahn stimmen auf die vielfachen Wendungen eines ausgeklügelten Banküberfalls in Manhattan ein. Das hybride Bild aus indischem Bombastkino und amerikanischem Traumland führt mit der Geste größtmöglicher Unterhaltung in Spike Lees ersten Film von Blockbusterformat ein. Dennoch lässt es sich der Provokateur unter den Autorenfilmern nicht nehmen, das Mainstream-Publikum mit den Konflikten in New York nach dem 11. September 2001 zu konfrontieren.

Beständig hat sich der wichtigste Regisseur des New Black Cinema in seinem Werk mit dem Zusammenleben in den Vierteln der Metropole auseinandergesetzt. Sein Debüt "She's Gotta Have It" von 1989 zelebrierte das afrozentrische Brooklyn, sein "Malcolm X" schritt mit Black Power durch Harlem, und "Bamboozled" parodierte den Rassismus am Broadway. Erst "25th Hour" (2002) markierte Lees Ankunft in Downtown. Mit Edward Norton in der Hauptrolle emanzipierte er sich aus der Nische des Black Cinema und verschränkte nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center das persönliche mit dem kollektiven Trauma.

Nach dem ernüchternden Kommentar über die Symptome der Krise dringt Lee nun mit intelligenter Action zu den Ursachen vor: mitten ins Herz der Weltfinanzen. In der Wall Street ist New York nicht der nachbarschaftliche Mikrokosmos aus "Do The Right Thing" oder "Summer Of Sam". Es ist ein kulturell entgrenztes Panorama, an dem Machtinteressen aufeinanderprallen und ständig ausgehandelt werden.

Binnen weniger Minuten ist die Grundkonstellation für den Bankraubfilm aufgestellt. Vier maskierte Gestalten verschanzen sich in der Manhattan Trust Bank und nehmen 50 Geiseln. Zum folgenden Katz-und-Maus-Spiel versammelt sich eine Reihe von Hollywoodstars. Um nur einige zu nennen: Denzel Washington – in seiner vierten Hauptrolle in einem Spike-Lee-Joint – soll als Verhandlungsführer Keith Frazier die Geiselnahme beenden; Clive Owen (u. a. "Sin City") stellt seinen Gegenspieler dar, den coolen, strippenziehenden Meisterdieb Dalton Russell. Erst als Jodie Foster als zwielichtige Power-Brokerin Madeleine White das Spielfeld betritt, ahnt Frazier, dass es um mehr als Geld geht.

Woraus die Beute besteht, entwickelt sich in einer Aneinanderreihung cleverer Twists. Zwar bleibt so der eine große Überraschungseffekt aus, in dessen Licht sich das vorangegangene Geschehen vollkommen anders präsentiert. Geschmeidig schlägt Lee stattdessen gleich mehrere Haken im Plot und setzt Zeitsprünge ein, um die Auflösung aus einer Kette aus Wendungen lückenlos aufzubauen. Somit schafft er auch den nötigen Raum, um die ästhetischen und politischen Dimensionen von "Inside Man" präzise ineinandergreifen zu lassen.

Der Film ist zunächst eine Verbeugung und Aktualisierung der sogenannten Heist-Filme aus den siebziger Jahren. Bis ins Absurde werden hier Konventionen des Bankraubfilms unterlaufen, wenn Frazier daran zweifelt, dass es sich um einen echten Überfall handelt und in die Bank ruft: "Dies ist kein Banküberfall!" Im Subtext des Klassikers "Hundstage" (1975) von Sidney Lumet wurde durch die Figur des Bankräubers als Vietnam-Veteran das Motiv der Wiedergutmachung eingeführt. Lee setzt die eigenmächtige Wiederherstellung von Recht prominent als Leitmotiv ein, anhand dessen sich das allegorische Potential des Films entfaltet.

Kriegsgeschäfte bilden den roten Faden zwischen dem Klassiker und seinem Widergänger unter anderen Vorzeichen. Dabei eröffnet sich ein Kontinuum der Bereicherung auf Kosten anderer, vom Zweiten Weltkrieg über Vietnam und den Kalten Krieg bis zum Krieg gegen den Terror. Mit offensichtlichen Anspielungen wird nicht gegeizt. So weist die blutbefleckte Geschichte des Bankchefs Arthur Case deutliche Parallelen zu den Geschäftsverbindungen von George W. Bushs Großvater Prescott Bush zum Nazi-Regime auf. Mit dem Profit wurde das Familienimperium aufgebaut. Bereits in seinem Beitrag zur Kurzfilmsammlung "Ten Minutes Older" (2002) stellte Spike Lee den US-Präsidenten wegen Wahlbetrugs an den Pranger. Neustes Ziel seiner Kritik ist die US-Außenministerin: "Ich kann Condoleezza Rice noch weniger leiden als Bush", sagte er unlängst. Ihren Shopping-Ausflug während der "Katrina"-Katastrophe verarbeitet er gerade für seine Dokumentation "When The Levee Breaks" über den Hurrikan in New Orleans.

Die aktuellen Folgen des Kriegsgeschäfts werden sichtbar, wenn ein unschuldiger Sikh, der in der Bank arbeitet, pauschal als "fucking arab" beschimpft wird. Die Geiseln sehen außerdem nicht unbedingt wie verschleppte US-Bürger aus. Von den Bankräubern in identische Anzüge gezwungen und schließlich von den Polizisten am Boden fest gehalten, gleichen sie den gesichtslosen, entrechteten Gefangenen von Guantanamo. Nicht mehr zwischen Schwarz und Weiß verlaufen die Fronten bei Spike Lee. In der Ordnung, die "Inside Man" vorschlägt, stehen wenige Kriegsgewinner vielen -verlierern und noch mehr Zivilopfern gegenüber.

Doch selbst im formvollendeten Mainstreamformat bleibt Lee seiner Agenda treu: Die Konfliktsituation der Geiselnahme ist mit rassistischen Stereotypen und deren Derivaten aufgeladen. Da steht ein weißer Banker, der den Kanye-West-Rap "Golddigger" als Klingelton hat, einem schwarzen Jungen gegenüber, der im Videospiel als 50-Cent-Figur andere Gangster abknallt - "Kill that Nigger!" suggeriert das Game. Vereint sind sie im Konsumismus und Nihilismus der HipHop-Industrie, zu deren schärfsten Kritikern der einstige Vorzeige-B-Boy Spike Lee mittlerweile zählt. Auch der schwarze Verhandlungsführer Frazier und der weiße Einsatzleiter (Willem Dafoe) müssen erst einmal die Hackordnung untereinander ausfechten. Moderat wirken diese Spannungen im Vergleich zu den schwarznationalistischen Haltungen in Spike Lees frühen Werken gegenüber Asiaten und Juden. Vor letzteren scheint sich Lee mit dem Ausgang des Films sogar selbst rehabilitieren zu wollen.

Das Zusammenleben im Moloch New York bleibt dennoch vom alltäglichen Rassismus durchdrungen. Die Wunde, die in der Skyline von Manhattan klafft, erinnert aber alle daran, dass die Errungenschaften und kleinen Erfolge des multi-ethnischen Zusammenlebens umso wichtiger werden. Mit "Inside Man" hat sich Spike Lee so nicht nur seine nächste Miete gesichert. Konsequent etabliert sich der New Yorker Filmemacher als einer der schlagfertigsten Regisseure der Post-9/11-Ära. Für ihn schließen sich handwerklich makellose Mainstream-Unterhaltung und offene Kritik an den Verhältnissen nicht aus – im Gegenteil: Zusammen bilden sie eine smarte Allianz.



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