Splatter-Kunstwerk "Machete": Alles außer Gnade

Von Maren Keller

Erst die Legende, dann das Schlachtfest: Zusammen mit Quentin Tarantino schuf Regisseur Robert Rodriguez einen Fake-Trailer über den mexikanischen Kinokiller Machete. Nun hat Rodriguez den Film tatsächlich gedreht - eine Gewaltorgie zwischen Unerträglichkeit und Kunst.

Splatter-Kunstwerk "Machete": Alles außer Gnade Fotos
Sony Pictures

Für Filmkritiken gilt eine sehr einfache Regel: Man sollte den Film, über den man schreiben will, aufmerksam und komplett sehen. Ich aber habe weggesehen, als Machete einem Gegner den Bauch aufschlitzt, um sich an dessen Darm aus einem Fenster zu schwingen. Ich habe weggesehen, als einem Priester Eisennägel, dick wie Wurstfinger, durch die Hand geschlagen werden. Ich habe weggesehen, als eine nackte Frau ihr Handy aus der Vagina zieht. Ich habe weggesehen, als Machetes Familie abgestochen wird. Ich habe bei allem Unappetitlichen weggesehen. Und weil es in diesem Film nicht gerade wenig Unappetitliches gibt, habe ich große Teile des Films nicht wirklich gesehen.

Für gute Filmkritiken gilt außerdem: Man sollte eine klare Position finden und keinen memmenhaften Einerseits-andererseits-Text schreiben.

Einerseits ist dieser Film eine Zumutung. Er ist unerträglich. Er ist gewaltverherrlichend. Er besteht nur aus Klischees, Sex und Gewalt.

Andererseits aber ist der Regisseur Robert Rodriguez ein verdammter Künstler. Er führte schon bei den Filmen "From Dusk Till Dawn" und "Sin City" Regie. Und nun hat er einen Film geschaffen, der ganz anders und doch genauso grandios ist. "Machete" ist keine Satire, sondern eine Hommage an Splatterfilme, Italo-Western und B-Movies. Und noch dazu so unglaublich cool, dass man danach kurzzeitig das eigene Leben im bewaffneten Untergrund an der Grenze zwischen den USA und Mexiko fortsetzten möchte (bis einem einfällt, dass das auch einiges an Unappetitlichem beinhalten würde, siehe oben).

Machete ist kein Mann für einen Trailer

Alles an Machete ist die perfekte Legende. Zum Beispiel seine Entstehungsgeschichte: Vor einigen Jahren filmten Rodriguez und Quentin Tarantino zusammen das Double-Feature "Grindhouse". Dabei drehte Rodriguez auch einen Fake-Trailer für einen Film, den es noch gar nicht gab. "Machete". Und sofort war klar: Machete ist kein Mann nur für einen Trailer. Machete gebührt ein eigener Film.

Machete ist schweigsam, schwitzig und schmutzig. Machete schreibt keine SMS. Machete ist ein Ex-Cop, ein illegaler Einwanderer, ein Frauenheld. Machete ist der männlichste Mann, der jemals auf der Leinwand zu sehen war. Und niemand hätte ihn besser spielen können als Danny Trejo, dieser ehemals ewige Nebendarsteller, der nun mit 66 Jahren und über 200 Filmauftritten endlich einen Titelhelden spielt. Rodriguez hat einmal über Trejo gesagt, er sollte eigentlich eine mexikanische Version von Jean-Claude Van Damme sein. Und, so heißt es, als sich alle am Filmset zu Machete trafen, sagte Robert De Niro (der diesmal der Nebendarsteller sein würde), er habe schon immer geglaubt, dass Trejo es eines Tages schaffen würde.

Schurken, Drogenbosse, Schießwütige

Trejo hat die Heldenrolle bekommen, die ihm gebührt. Machete hat den Film bekommen, den er verdient. Rodriguez hat eine Welt um ihn herum geschaffen, die einem augenblicklich als natürlicher Lebensraum einleuchtet. Sie ist staubig und hart. Und wird fast ausschließlich von Schurken, Drogenbossen und Schießwütigen bevölkert.

Da gibt es den konservativen Politiker, der während der langen Wahlkampfnächte selbst auf Grenzpatrouille geht, um illegale Einwanderer aus Mexiko abzuknallen (Robert De Niro). Da gibt es die mexikanische Revolutionärin, die aus einem Imbisswagen heraus ein Untergrundnetzwerk organisiert und zum Showdown mit erhobenen Waffen engelhaft einem Krankenwagen entsteigt (Michelle Rodriguez). Da gibt es die ehrgeizige Polizistin, die im Laufe des Films lernt, ihrer Intuition statt den Gesetzen zu folgen ( Jessica Alba). Und da gibt es den verschlagenen Drahtzieher, der die ganze Geschichte in Gang bringt, als er Machete einen schwarzen Aktenkoffer mit 150.000 Dollar anbietet, um einen anderen Politiker (Jeff Fahey) zu erschießen. Das Attentat wird sabotiert, misslingt. Der Politiker wird zum Helden, das Gemetzel beginnt. Machete wird gejagt, und jede Wende in der Handlung resultiert im Grunde nur daraus, dass die Bösen noch verschlagener sind als man eh schon dachte.

In dieser Filmwelt gibt es alles außer Gnade. Selbst Dinge, von denen man nicht einmal zu träumen gewagt hätte, wie Lindsay Lohan im Nonnenkostüm. Es ist ein grausiges Vergnügen, diesen Film anzusehen, das heißt, manchmal lieber wegzusehen.

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1. Leider
Smoke 04.11.2010
In Deutschland wird man nicht wegsehen brauchen. Das erledigt die Filmzensur schon für uns. Auf FSK 16 zurechtgeschnitten, wird der Film dann ab FSK 18 freigegeben und wir sehen ein verstümmeltes Etwas. Vielen Dank an die Zensoren...
2. Wie pervertiert
Ridcully 04.11.2010
sind wir eigentlich schon? Wieso wundern wir uns, wenn dann doch irgendein Durchgeknallter "kurzzeitig das eigene Leben im bewaffneten Untergrund an der Grenze zwischen den USA und Mexiko fortsetzt(..)", nur eben nicht dort sondern hier? Angeblich werden junge Menschen durch ihr Umfeld, durch Vorgelebtes und Erfahrenes geprägt - nur, komisch, für den grossen (Kommerz)Bereich der "Kunst" gilt das nicht? Da perlt angeblich jede Perversion rückstandfrei ab ... Ist zwar böse, aber hoffentlich werden Leute wie Tarantino und Co. irgendwann selbst Opfer des realen Horrors, der tagtäglich geschieht.
3. Besser ist das!
Robert Rostock 04.11.2010
Zitat von SmokeIn Deutschland wird man nicht wegsehen brauchen. Das erledigt die Filmzensur schon für uns. Auf FSK 16 zurechtgeschnitten, wird der Film dann ab FSK 18 freigegeben und wir sehen ein verstümmeltes Etwas. Vielen Dank an die Zensoren...
Können Sie mir vielleicht mal erklären, wozu man sich solche widerlichen Bestialitäten ansieht? Was hat man davon? Außer dass man irgendwann abstumpft?
4. ...
vali.cp 04.11.2010
Zitat von SmokeIn Deutschland wird man nicht wegsehen brauchen. Das erledigt die Filmzensur schon für uns. Auf FSK 16 zurechtgeschnitten, wird der Film dann ab FSK 18 freigegeben und wir sehen ein verstümmeltes Etwas. Vielen Dank an die Zensoren...
Wird man sehen, wobei es tatsächlich schon fast sicher ist, dass die unzensierte mindestens auf dem Index landet. Dann muss man halt die Volkswirtschaft Österreich wieder mal unterstützen. Wobei die FSK war dieses Jahr schön öfters gnädig. Immerhin wurde unlängst Terminator vom Index gestrichen :D
5. Fsk
Gungan 04.11.2010
Zitat von SmokeIn Deutschland wird man nicht wegsehen brauchen. Das erledigt die Filmzensur schon für uns. Auf FSK 16 zurechtgeschnitten, wird der Film dann ab FSK 18 freigegeben und wir sehen ein verstümmeltes Etwas. Vielen Dank an die Zensoren...
Wer darüber nachdenken m, ob ein Film ab 16 oder 18 freigegeben wurde, ist wahrscheinlich ohnehin zu jung dafür.
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Machete

USA 2010

Regie: Robert Rodriguez, Ethan Maniquis

Drehbuch: Robert Rodriguez, Álvaro Rodriguez

Darsteller: Danny Trejo, Robert De Niro, Don Johnson, Michelle Rodriguez, Jessica Alba, Jeff Fahey

Produktion: Rodriguez International Pictures, Troublemaker Studios

Verleih: Sony Pictures

Länge: 105 Minuten

Start: 4. November 2010

Offizielle Website zum Film