Sportlerfilm "Lauf um dein Leben" Härter als Heroin

Er kiffte, soff und spritzte Heroin: Andreas Niedrig war ganz unten, bevor er als Triathlet Karriere machte. Adnan G. Köse hat aus der unglaublichen Sportlervita einen Kinofilm gemacht - "Lauf um dein Leben", ein packendes Anti-Drogen-Plädoyer mit viel Moral und Ruhrpottkolorit.

Von Steffen Gerth


Es war der Wille von Andreas Niedrig, dass die sportlichen Momente keine große Rolle spielen. "Denn sonst wäre es eine Heldengeschichte geworden", sagt er zu SPIEGEL ONLINE. Doch wie soll das funktionieren – ein Kinofilm über einen Athleten, in dem der Sport kaum vorkommt? In "Lauf um dein Leben" muss es gehen, denn so phänomenal die Lebensgeschichte von Andreas Niedrig ist, so gefährlich ist dieser Stoff. Vom Junkie zum Ironman lautet die bekannte Kurzformel seiner Vita, ein halbtoter Fixer aus dem Ruhrgebiet rettet sein Leben und seine Familie – und wird zu einem der besten Triathleten der Welt. Diese Story durfte Ende der neunziger Jahre in keiner gut sortierten Sportredaktion fehlen, vieles las sich jedoch als schlimmstmöglicher Kitsch.

Vier Jahre hat Regisseur und Autor Adnan G. Köse gebraucht, um "Lauf um dein Leben" ins Bild zu setzen – und diese lange Dauer beweist, wie schwer die Umsetzung dieses überladenen Themas ist. Ein Filmemacher kann damit brutal scheitern, wenn er dem Pathos dieses Überlebenskampfes erliegt. Oder es gelingt ihm eine Milieustudie, die das spießige Leben in der Kleinstadt Oer-Erkenschwick dokumentiert, die Sehnsüchte junger Leute, die Flucht in die Drogen, das Abgleiten in eine kranke Welt, in der die besten Kumpels in die Irrenanstalt kommen oder sich ausgerechnet am Geburtstag den goldenen Schuss setzen.

Köse bekommt oft die Kurve, aber nicht immer. Dafür knarzt sein Drehbuch zuweilen vor Sätzen aus dem Moralbaukasten. "Wenn du Angst hast vor einem Leben auf der Überholspur, dann lass' die Finger davon", spricht aus dem Off die Stimme von Hauptdarsteller Max Riemelt, der Niedrig im Film spielt. "Wut ist gut, man muss nur lernen, sie richtig einzusetzen", sagt Uwe Ochsenknecht, dessen Besetzung gewiss gut ist für die Vermarktung des Films, dem man aber die Rolle des Triathlontrainers nicht abnehmen möchte. Axel Stein jedoch erklimmt mit der Rolle als Kumpel Kurt die Stufe zum ernsthaften Schauspieler. Bisher fiel der füllige Mann unter anderem als Dumpfbacke in der grausigen TV-Serie "Hausmeister Krause" auf. Ingo Naujoks schließlich tritt als schmieriger Dealerteufel auf.

Am Donnerstag kommt "Lauf um dein Leben" in die Kinos, bereits dieser Tage wird er zwecks Aufklärung vor Schulklassen gezeigt – so wie Ende vergangene Woche in Frankfurt am Main. Niedrigs Anliegen ist seit Jahren die Drogenprävention, er zieht durchs Land (demnächst präsentiert er den Film sogar in New York) und hält Vorträge – allerdings vor einer Jugend, die möglicherweise mit einer Drogenwelt aus den späten achtziger Jahren nicht mehr viel anfangen kann.

Der echte Niedrig wird im Oktober 41 Jahre alt – als 13-Jähriger hatte er zum ersten Mal gekifft, es folgten Suff und Heroin. Nur die "Zwei" in Sport rettete seinen Hauptschulabschluss mit dem Durchschnitt von 4,5. Statt wie sein Vater Polizist zu werden, wird er Hilfsarbeiter, um Frau und Tochter durchzubringen. Irgendwann hat er so viele Straftaten angesammelt, dass er vor der Wahl steht: Vier Jahre ins Gefängnis – oder Drogentherapie. Er wählt die Behandlung. Am ersten Tag danach verabredet er sich mit seinem Vater zu einem Waldlauf über vermeintlich sieben Kilometer. Doch der Vater hört auch nach Erreichen der Distanz nicht auf zu rennen. Der knorrige Polizist versteht diesen Lauf als Peitsche für seinen Sohn. Für Andreas Niedrig ist die Kraftprobe der Turnaround in ein neues Leben. 1997 startet er zu seinem ersten Ironman im bayerischen Roth und wird nach 8,06 Stunden, 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen Fünfter. 2001 erreicht er Platz sieben beim Ironman auf Hawaii.

Auch im Film gibt es den legendären Lauf mit dem selbstherrlichen Vater ("In deinem Alter habe ich mir die Zähne selber gezogen"), gespielt von Udo Schenk. Es gibt aber auch viele Läufe von Niedrig mit seinem Trainer Oscar (Ochsenknecht), der den Vater als Bezugsperson längst überholt hat. Da geht es vorbei an der Ruhrpottkulisse, über alte Stahlbrücken und kohlenschwarze Abraumhalden hinauf. Man trägt dunkle Wollmützen und erinnert ein bisschen an "Rocky". Und es gibt sportliche Ungenauigkeiten – denn ein Triathlet würde niemals mit Laufschuhen Rennrad fahren. Aber dieser Fauxpas ist dem Hauptdarsteller und passionierten Kickboxer Max Riemelt geschuldet, der mit den üblichen Klickpedalen nicht zurechtkam und bei den Dreharbeiten ständig hinfiel.

Der stärkste Moment des Filmes ist Niedrigs Entschluss, Selbstmord zu begehen. Seine Kumpels sind weg oder tot, die Drogen haben ihm das Hirn zerfressen, er halluziniert, reißt sich den seit Wochen schmerzenden Zahn aus dem Mund, fährt mit voller Wucht gegen einen Baum. Und überlebt.

Drogen sind böse, böse, böse – diese holzschnittartige Belehrung ist die Botschaft von "Lauf um dein Leben". 27 Jahre nach dem Film "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" gibt es wieder einen großen deutschen Anti-Drogen-Film im Kino. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: "Christiane F." war besser. Damals sang im Film David Bowie, heute singen Extrabreit und die Achtziger-Funpunks United Balls ihr "Pogo in Togo". Am Ende läuft in der Lavawüste von Lanzarote doch noch der echte Andreas Niedrig ins Bild. Und strahlt. Und wirkt wie ein Held. Ein bisschen.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.