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Journalismus-Film "Spotlight": Die Unbestechlichen

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Wer "Lügenpresse" sagt, sollte diesen Film sehen: Das für sechs Oscars nominierte Journalisten-Drama "Spotlight" erzählt packend, wie ein Investigativ-Team aus Boston einen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche aufdeckt.

Paramount

Eine Zeitung funktioniert am besten, wenn sie alleine arbeitet. Das ist die Haltung des Chefredakteurs Martin "Marty" Baron (Liev Schreiber), als er 2001 aus Florida in den Nordosten der USA kommt, um den "Boston Globe" zu übernehmen. Baron ist nicht katholisch wie die meisten seiner neuen Kollegen. Er kennt niemanden in Boston, nicht aus dem Messdienst, nicht aus Schule oder College oder der feinen Gesellschaft. Manchmal braucht es einen Außenseiter wie ihn, um Verfilzungen zu lösen und die ganze Kraft der freien Presse zu entfachen, die in jeder Demokratie die Kontrollinstanz in einer Art vierten Gewalt innehat.

Die Unabhängigkeit der von Anzeigenschwund, Medienstrukturwandel und Wirtschaftskrise hart getroffenen Presse wird zurzeit von vorgeblich besorgten, in Wahrheit aber ängstlichen Bürgern gerne angezweifelt. "Lügenpresse" skandieren jene, die Journalisten im Dienst einer großen Verschwörung aus Politik und Lobbyverbänden wähnen. Oft gefällt ihnen nur nicht, was die Zeitungen schreiben, weil es nicht ihrem Weltbild entspricht. Als Journalist muss man diesen Unmut aushalten und trotzdem objektiv bleiben, der Aufklärung verpflichtet, unbequem sein, auch wenn man sich damit nicht nur Freunde macht.

Präzise am Prozedere entlang

Umso schöner, in diesen angespannten Zeiten, wenn ein Film wie "Spotlight" an die Tugenden und die Sternstunden des Journalismus erinnert. Das für sechs Oscars nominierte Newsroom-Drama von Regisseur Tom McCarthy, der zusammen mit Josh Singer auch das Drehbuch schrieb, basiert auf einer wahren Geschichte. Das Investigativ-Team der "Spotlight"-Sektion des Bostoner Traditionsblatts enthüllte damals in einer Serie von über 600 Artikeln, wie die katholische Kirche seit Jahrzehnten sexuelle Übergriffe ihrer Priester vertuscht und verharmlost hatte. Der zuständige Erzbischof Bernard Francis Law trat 2002 zurück und wurde vom Vatikan mit einem Posten in Rom versorgt. Die Schweigespirale war dennoch durchbrochen: Bis heute dauert die Aufklärung Hunderter weltweit bekannt gewordener Vergehen katholischer Priester an ihren minderjährigen Schützlingen an.

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Oscarkandidat "Spotlight": Recherche im Reich des Schweigens
Ruhig und konzentriert, aber mit der packenden Spannung eines Krimis erzählt "Spotlight" davon, wie Chefredakteur Baron und seine Reporter äußere wie innere Widerstände überwinden, Verschlussakten per Gerichtsbeschluss zugänglich machen und akribisch durchforsten, Täter wie Opfer interviewen und schließlich Detail um Detail des monströsen Skandals freilegen. Das erinnert in seiner präzisen, streng am Prozedere haftenden Art oft an den wohl besten Journalismus-Film, den es gibt: Alan J. Pakulas "Die Unbestechlichen" über die Watergate-Enthüller Bob Woodward und Carl Bernstein von 1976.

Hier sollen Helden arbeiten?

Die beiden arbeiteten damals für die "Washington Post", deren Chefredakteur seit 2013 Martin Baron ist. Als er zuvor beim "Boston Globe" anfing, gehörte zu seinen Antrittsterminen auch ein Besuch bei Erzbischof Law in dessen Ehrfurcht gebietendem Landsitz. Man plaudert eher unverfänglich, aber zum Abschied drückt der Prälat dem Journalisten, von dem er weiß, dass er jüdischen Glaubens ist, ein dickes Buch in die Hand, den Katechismus der Katholischen Kirche: "Das ist, woran wir glauben", sagt er zu Baron. Es klingt wie eine Drohung.

Zu jener Zeit waren einzelne Fälle von Priester-Missbrauch durchaus bekannt, aber niemand in der Redaktion machte sich die Mühe, nach einem System zu forschen. Die immanente Trägheit im Redaktionsalltag schildert "Spotlight" ebenso eindringlich wie später den Recherche-Furor der Reporter. Das Großraumbüro am Morrissey Boulevard, in dem der "Boston Globe" nahe der Universität residiert, wird nicht beschönigt: Das Licht von den Neonröhren an niedrig gehängten Decken ist so fahl wie die Gesichter der Journalisten, das Ambiente trist und unglamourös. Hier sollen Helden arbeiten?

Nein, nur Menschen, Profis in dem, was sie tun, die nicht eher ruhen, bis sie die Wahrheit wissen. Walter "Robby" Robinson (Michael Keaton) ist so ein Mann. Der drahtige Leiter der "Spotlight"-Sektion erhält von Baron den Auftrag, sich die Missbrauchsfälle genauer anzusehen, nicht von Fall zu Fall, sondern als Teil einer mutmaßlich größeren Geschichte. Robinson, der echte arbeitet bis heute beim "Globe", trommelt seine Leute zusammen: Die Reporter Michael Rezendes (Mark Ruffalo) und Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) und den Rechercheur Matt Carroll (Brian D'Arcy James). Sie alle müssen zunächst ihre eigene Befangenheit überwinden, sie alle sind katholisch erzogen worden.

Wie Kriegsveteranen

"Robby" Robinson, seit früher Kindheit bekannt und befreundet mit vielen Funktionsträgern der Kirche, sagte dem "New Yorker", seine Frau hätte ihn nach Abschluss der Recherchen wie einen Kriegsveteranen empfunden: "Sie sagte, wir hätten alle eine posttraumatische Belastungsstörung." Pfeiffer schafft es nicht mehr, mit ihrer Mutter wie gewohnt zum Sonntagsgottesdienst zu gehen, und Rezendes wird durch einen berührenden Ausbruch zum emotionalen Zentrum des Films, als er das ganze Ausmaß der Verbrechen und Verheimlichungsversuche erkennt. Es ist eine intensive Szene, die Mark Ruffalo den Oscar als bester Nebendarsteller einbringen könnte.

Ja, Journalisten sind auch nur Menschen, und auch das zeigt "Spotlight", ohne Melodrama oder Heroisierung. Im Gegenteil, auch die Versäumnisse der Redaktion werden geschildert: Als das Team sich mit einem Missbrauchsopfer-Aktivisten zum Hintergrundgespräch trifft, gibt der sich fassungslos: Er habe sein Material doch schon vor Jahren an den "Globe" geschickt: "Worauf habt Ihr denn so lange gewartet!?"

Vielleicht auf einen wie Marty Baron, der sich nicht von den Drohgebärden des Kirchenoberen beeindrucken ließ, der ihm sanft suggerierte, die Stadt könne nur gedeihen, wenn die großen Institutionen zusammenarbeiteten. Der sich durch diese Begegnung mit selbstgefälliger Macht erst recht angespornt fühlte, der Wahrheit auf den Grund zu gehen.

Ende gut, alles gut? Das "Spotlight"-Team um Walter Robinson bekam für seine Enthüllungen im Bostoner Kirchenskandal den Pulitzerpreis verliehen. Und Tom McCarthys Film hat gute Chancen, am kommenden Sonntag den einen oder anderen Oscar zu gewinnen. Preise sind wichtig, als Bestätigung und Anerkennung. Viel wichtiger aber ist das, woran "Spotlight" erinnert: dass jede Gesellschaft freie, unabhängige und dadurch furchtlose Redaktionen braucht.

Trailer zu "Spotlight" ansehen:

Paramount
Spotlight

USA 2015

Regie: Tom McCarthy

Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer

Darsteller: Michael Keaton, Mark Ruffalo, Rachel McAdams, Liev Schreiber, Brian D'Arcy James, John Slattery, Stanley Tucci, Billy Crudup

Produktion: Participant Media, First Look Media, Anonymous Content

Verleih: Paramount

Länge: 129 Minuten

FSK: k.A.

Start: 25. Februar 2016

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