Krawall-Film "Spring Breakers" Die Teenie-Pop-Porno-Provokation

In "Spring Breakers" zeigen sich die Teenie-Stars Selena Gomez und Vanessa Hudgens als vergnügungssüchtige Beach Bunnies, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Ist das große Kunst? Oder Riesenmist? Ein Pro und Contra zu einem der umstrittensten Filme der letzten Zeit.

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Von und


Große Kunst!

Ein Pool direkt am Ozean. Ein weißer Flügel. Ein tätowierter Mann mit Sonnenbrille, Rasta-Löckchen und Zähnen aus Gold. Drogendealer Alien (James Franco) spielt mit Inbrunst Britney Spears' Kitsch-Ballade "Everytime". Umringt von seiner Posse: Mädchen in ultraknappen Bikinis, die mit Knarren fuchteln.

Was wirkt wie von Trash-Filmer Russ Meyer erdacht, war für Regisseur Harmony Korine der Ausgangspunkt für "Spring Breakers": Seinen ersten kommerziellen Film wollte der Mann drehen, der bisher vor allem als Drehbuchautor für Larry Clarks Skandalfilme "Kids" und "Ken Park" in Erscheinung getreten war. Eigene Arbeiten wie "Trash Humpers", in dem Menschen mit Mülltonnen kopulieren, fanden zwar Fans, liefen aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Mit "Spring Breakers" sorgte Korine 2012 bei den Filmfestspielen von Venedig für Aufsehen.

Und genau das will er doch, oder? Um jeden Preis? Sexismus und Voyeurismus im Austausch für maximale Medienaufmerksamkeit? Eine kalkulierte Provokation, die Moralwächter herausfordert? Tja: Ja! Und: Nein. "Spring Breakers" irritiert nachhaltig, trotz seiner bonbonbunten Bilder von halbnackten Studenten am Strand, denn Korine rammt seinen Zuschauern einen zuckrigen Lolli in die Kehle. Dort hängt er wie eine Fischgräte, die einfach nicht weiterrutschen will, auch nicht nach Verlassen des Kinos.

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"Spring Breakers": Was taugt der Krawall-Film wirklich?

Dabei haben sich schon unzählige TV-Dokus am Skandal-Potential des Themas geweidet: Spring Break, die Frühlingsferien der US-Colleges, zu denen über eine Million Studenten die Küste von Florida heimsuchen und in eine Partymeile verwandeln. Alkohol, Drogen, Sex und Körperkult, hemmungslos ausgelebt, eine Woche lang. Eine orgiastische Episode. Danach bitte wieder brav in die Gesellschaft einfügen.

Korine wirft sich mitten ins Geschehen. Auch wenn man meint, das alles schon gesehen zu haben: In ihrer grellen Unmittelbarkeit überraschen seine Bilder doch. Mittendrin die vier Heldinnen des Films, die sich die Kohle für den Spring Break bei einem Raubüberfall besorgt haben. Für sie steht fest: "Wir sind am spirituellsten Ort der Welt gelandet." Inmitten der Nackten und Besoffenen fühlen sie sich angekommen. Eine andere Orientierung haben sie nicht, die Welt der Erwachsenen existiert in "Spring Breakers" nicht. Dealer Alien holt sie nach einer Drogenparty aus dem Knast. Er meint: "Es dreht sich alles um Kohle. Das ist der amerikanische Traum." Und entblößt sein Gebiss aus Gold.

Man kann den Film als Kapitalismus- und Medienkritik lesen. Er zeigt eine Welt, die sich in Oberflächlichkeit verliert, die sich im Rausch selbst vergessen will. Er feiert den Teen-Pop und zerdehnt ihn gleichzeitig, legt sein Innenleben zwischen Kleinmädchenromantik und Porno frei. Nicht zufällig besetzt er zwei der Mädchen mit den Disney-Stars Vanessa Hudgens und Selena Gomez. Aber Korine weigert sich konsequent, den moralischen Zeigefinger zu heben. "Spring Breakers" ist mutige, herausfordernde Filmkunst abseits von Genres und Schubladen. Gerade sein Spiel mit dem Kommerz macht den Film so gefährlich. Oliver Kaever

Riesenmist!

Strahlende Sonne, glitzernder Strand, Männer in Badehosen, Frauen oben ohne, die Männer stehen in einer Reihe hinter den hockenden Frauen und spritzen ihnen aus der Schrittgegend heraus Alkohol in die offenen Münder, dazu läuft der schrill bratzende Track "Scary Monsters and Nice Sprites" von Dubstep-Schänder Skrillex - in den ersten Minuten ist "Spring Breakers" Bürgerschreck-Kino vom Feinsten. Nur leider hat Regisseur und Autor Harmony Korine mit dem Einstieg auch schon alles auf den Tisch gepackt, was er an Themen und Bildern aufzufahren hat.

Die folgenden rund 90 Minuten ziehen sich in elliptischer Trägheit dahin, einzelne Szenen - die vier Hauptdarstellerinnen in Bikinis auf Motorrollern - und Textfragmente - "Spring break forever" - werden uninspiriert geloopt. Das soll natürlich auch Kommentar sein und die hirnlose Redundanz der raunch culture verdeutlichen. Aber diese eh nicht besonders komplexe Botschaft wird in der Wiederholung auch nicht gehaltvoller. Vielmehr zeigt sich mit jedem Loop umso schmerzhafter, dass Korine mindestens der Wille, wenn nicht sogar die Mittel fehlen, um seinem Film so etwas wie Rhythmus oder Poesie zu verleihen.

Beispielhaft dafür ist, dass Songs von Britney Spears gleich zweimal prominent auftauchen - nämlich nicht nur in der oben beschriebenen, vergleichsweise gelungenen Szene, sondern auch, als die vier Mädchen nachts in knapper Strandbekleidung vor einer Tankstelle abhängen und beiläufig in "Hit Me Baby One More Time" einstimmen. Britney Spears als Initialzündung für die Hypersexualisierung des US-Teenies zu präsentieren, ist so naheliegend, dass es fast schon narkotisiert. Und dass die Disney-Stars-auf-dem-Absprung Selena Gomez und Vanessa Hudgens damit einen Song des Disney-Stars-nach-dem-Absturz Spears singen, kann smart finden, wer will. Erzählerisch kommt der Film damit keinen Zentimeter weiter voran.

Am interessantesten an "Spring Breakers" ist noch die Frage, wer vom PR-Volltreffer "Arthouse-Regisseur trifft Teenie-Stars" am meisten profitiert. Natürlich kann sich Korine über nie da gewesene Aufmerksamkeit freuen. Aber die Leichtigkeit, mit der Gomez und Hudgens den wohl kalkulierten Imagewandel auf einer halbbekleideten Arschbacke abreißen, spricht sehr dafür, dass sie den besseren Deal gemacht haben.

Gomez ist eh nur den halben Film dabei - ihre Figur zieht sich als erste aus dem Feierwahn zurück -, und Hudgens hat in der zweiten Hälfte so gut wie keinen Text mehr zu sagen. Fast schon gelangweilt lässt sie den gierigen Blick der Kamera auf ihren Körper über sich ergehen, wohl wissend, dass hier kaum etwas anderes gemacht wird als bei ihren vermeintlich saubereren Filmen. Nur kann sie sich nach "Spring Breakers" einen Arthouse-Film in den Lebenslauf schreiben und damit auf die Suche nach Rollen gehen, die wirklich etwas von ihr fordern.

Welche Perspektiven sich für Korine nach "Spring Breakers" ergeben, ist dagegen unklar. Ein Video für die nächste Skrillex-Single scheint noch das passendste zu sein. Hannah Pilarczyk

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insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
ctwalt 19.03.2013
1. Stars.......
Frau Gomez ist keine Schauspielerin, Herr Bieber kein Musiker. Eine 14 jährige HighSchool Tussi darzustellen, könnte ihr aber gelingen........
m_scholz11@web.de 19.03.2013
2. spricht wiedermal bände...
es spricht wiedermal bände, dass der spiegel allen ernstes die frage stellt, ob dieser grenzenlose mist "große kunst" sein könnte. einen derartigen artikel hätte ich maximal in der bravo vermutet. peinlich...
spiekr 19.03.2013
3. Die angeblichen "Exzesse"
sind eine natürliche Reaktion auf die Versuche, die natürliche Sexualität zu beschneiden. Der '68er Befreiungsversuch ist immerhin bei uns nachhaltiger als die Hippiebewegung in USA.
privat23 19.03.2013
4. Ganz großes Kino
Zitat von sysopWILD BUNCHIn "Spring Breakers" zeigen sich die Teenie-Stars Selena Gomez und Vanessa Hudgens als vergnügungssüchtige Beach Bunnies, die auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Ist das große Kunst? Oder Riesenmist? Ein Pro und Contra zu einem der umstrittensten Filme der letzten Zeit. http://www.spiegel.de/kultur/kino/spring-breakers-krawall-film-mit-selena-gomez-vanessa-hudgens-a-888690.html
wenn Filme wie "Angriff der Killerzombies" "Catwoman" oder "Independence Day" der Maßstab sind. Aber in einem Land wo "Schnappi" monatelang auf Platz 1 der Charts sein kann, wird er trotzdem megaerfolgreich sein.
salty68 19.03.2013
5. Braucht doch kein Mensch,
allein die Fotos sehen derart aufgesetzt aus! Ein klarer Kandidat für ne Himbeere
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