Star-Regisseur Cameron: "Wir entwickeln uns zur Avatar-Gesellschaft"

3. Teil: "Aufwendige Spektakel werfen den größten Profit ab."

SPIEGEL ONLINE: Nun haben Sie erst mal mit den Schauspielern angefangen - und sie durch digitale Doubles ersetzt.

Cameron: Wir ersetzen nicht den Schauspieler, wir ersetzen das Make-up. Statt fünf Stunden in der Maske zu sitzen, kommen sie nur für 20 Minuten, lassen sich ein paar grüne Marker auf ihr Gesicht auftragen, und schon geht's los. Eine aufwendige Maske ist wie eine Barriere zwischen dem Schauspieler und der Kamera, denn sie nimmt dem Gesicht einen Großteil seiner Ausdrucksmöglichkeiten. Die moderne Computertechnik dagegen zeichnet noch die feinsten Regungen auf und überträgt sie auf das virtuelle Gesicht der Figur. Für die Schauspieler war es einziger Workshop.

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, sie hätten während der Arbeit an den Film oft Besuch von Regie-Kollegen gehabt.

Cameron: Ja, David Fincher hat sich über die High-Definition-Fotografie kundig gemacht. Steven Spielberg hat sich am meisten dafür interessiert, wie er Kameras durch virtuelle Räume führen kann. Ridley Scott denkt seit dem Besuch bei uns ernsthaft darüber nach, wieder einen Science-Fiction-Film zu drehen. Das macht mich besonders stolz. Wir haben jeden willkommen geheißen, der sich für das Projekt und den Stand der Technik interessiert hat. Ein Film, der dem Kino neues Terrain erschließt, bringt alle Filme voran.

SPIEGEL ONLINE: Nun haben Sie also wieder ein Trumm von einem Film gestemmt. Um die 250 Millionen Dollar soll "Avatar" gekostet haben. Haben Sie nie daran gedacht, mal einen netten, kleinen Film zu drehen, aus der Portokasse, so für 20 Millionen?

Cameron: Ich habe einen Film in Planung, der "The Dive" heißt und relativ klein ist, wenngleich er etwas mehr als 20 Millionen Dollar kosten dürfte. Ein intimes Drama, das in der Gegenwart spielt, mit einigen Unterwasser-Szenen. Wenn ich den Film drehe, dann in 3D. Ich bin nun mal sehr ehrgeizig, was die visuelle Seite meiner Filme angeht, das ist ja kein Geheimnis. Für mich war das immer ein gut laufendes Geschäft. Ich habe viele Menschen damit in Lohn und Brot gebracht.

SPIEGEL ONLINE: Bevor "Titanic" ins Kino kam, gingen viele Branchenexperten davon aus, der Film werde floppen. Das Gegenteil war der Fall, und seither scheint es in Hollywood keine Budget-Obergrenzen mehr zu geben. Beunruhigt Sie das nicht?

Cameron: Es ist ja nun mal so: Von allen Hollywood-Filmen werfen die superteuren, aufwendigen Spezialeffekte-Spektakel den größten Profit ab. Das Blockbuster-Geschäft boomt. Gut für mich, denn das war schon immer mein Metier. Dagegen wird der Markt für die unabhängigen, billigen Filme immer kleiner, und das macht mir viel mehr Sorgen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen bei dem vielen Geld, das Sie für "Avatar" ausgegeben haben, nicht doch mal blümerant geworden?

Cameron: Der Film hat sehr viel Geld gekostet. Aber das sind Entwicklungskosten, die sich am Ende auszahlen werden. Jetzt ist alles da, was wir brauchen. Wir könnten einen zweiten Teil von "Avatar" für ein erheblich geringeres Budget drehen. Wenn das Publikum es will.

SPIEGEL ONLINE: Die Fans werden in Hollywood zu einer immer bedeutenderen ökonomischen Größe. Können Sie noch ruhig schlafen, wenn Sie mit einem Film wie "Avatar" zur größten Fan-Messe, der Comic-Con, nach San Diego fahren?

Cameron: Vielleicht hätte ich nervöser sein sollen, als ich zur Comic-Con ging. Aber ich sehe mich in erster Linie selbst als Fan. Ich habe einen Film gemacht, der genau so geworden ist, wie ich ihn mir als Fan wünsche. Deshalb war ich zuversichtlich, dass er gut ankommen würde. So war es denn auch, aber die Fans können auch ein übler Mob sein.

SPIEGEL ONLINE: Tatsächlich haben die Fans schon einige Male den kommerziellen Misserfolg von Filmen besiegelt. Wie sehr könnten sie "Avatar" schaden?

Cameron: Ein Film, der so teuer ist wie "Avatar", muss ein Publikum ansprechen, das viel größer ist als der harte Kern der Science-Fiction-Fans. Aber natürlich nimmt die Mundpropaganda bei den Fans ihren Anfang, weil die sich schon mit Filmen beschäftigen, bevor sie überhaupt gedreht werden. Das ist ein ganz wichtiger Faktor.

SPIEGEL ONLINE: Die Reaktionen der Fans auf den ersten Teaser von "Avatar" waren großteils vernichtend. Hat Sie das nicht nervös gemacht?

Cameron: Nicht wirklich. Jeder Fan hatte inzwischen seinen eigenen Film im Kopf, und nun kam ich mit meinem. Das mussten sie erst mal verkraften. Sie haben ihrem Unmut freien Lauf gelassen. Daraufhin haben wir einen "Avatar"-Day anberaumt und rund um den Globus in vielen Kinos 16 Minuten aus dem Film auf der großen Leinwand gezeigt. Die meisten der Zuschauer haben sofort ein Ticket für den fertigen Film reserviert!

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie beim Teaser Fehler gemacht?

Cameron: Wir hatten zu viel Wert auf die Bilder gelegt und zu wenig auf die Story. Aber ich mag nun mal Teaser und Trailer, die nichts verraten, wie den zu "Unheimliche Begegnung der Dritten Art", in dem man nur eine nächtliche Straße sieht, über der plötzlich ein helles Licht erscheint. Da wird einem nichts erzählt - und das ist gut so! Aber am "Avatar"-Day mussten wir dann noch etwas mehr über unsere Geschichte und unsere Figuren preisgeben.

SPIEGEL ONLINE: Nun heißt es vielerorts, "Avatar" werde das Kino grundlegend verändern, der Film sei ein "game changer". Glauben Sie das selbst auch?

Cameron: Nein, das schafft kein einzelner Film. Aber wenn "Avatar" ein Erfolg wird, führt er sicher dazu, dass 3D zu einem ganz gebräuchlichen Werkzeug von Filmemachern wird. Und zwar nicht nur in Animationsfilmen für Kinder, sondern im Erwachsenenkino. Als ein Mittel, dramatische Geschichten zu erzählen.

Das Interview führte Lars-Olav Beier

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 110 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Avatar-Gesellschaft
toskana2 21.12.2009
Zitat von sysopSein 3-D-Spektakel "Avatar" ist der teuerste Film der Geschichte - und könnte das Kino grundlegend verändern. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht Regisseur James Cameron über das boomende Blockbuster-Business, pöbelnde Science-Fiction-Fans und die Verfettung des Menschen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,667576,00.html
"Wir entwickeln uns zur Avatar-Gesellschaft" (SPON heute) ... das ist was ganz Neues!
2. Botschaft des Films
peterregen 21.12.2009
Sehr interessant fand ich die Botschaft des Films: Wenn Du Frieden haben möchtest, mußt Du die Amerikaner vertreiben und sie im Zweifel auch töten. Ob sich Herr Cameron in seiner Heimat viele Freunde macht, in dem er einen Film produziert, der es hervorragend schafft einen starken Amerika-Hass zu schüren? Zumindest auf das amerikanische Militär und die amerikanischen Großkonzerne?
3. Die Avatar-Realität ist bereits da
Schreiberling 21.12.2009
Letztens habe ich mich bei dem Gedanken ertappt, ob es nicht sinnvoll wäre, meine verschiedenen Pseudonyme und Avatare auf den verschiedenen Plattformen zu vereinheitlichen.
4. USA? Nein.
yello 21.12.2009
Wieso? Der Film ist in der Hinsicht unpolitisch. Hätte auch eine deutsche Firma sein können die Söldner anheuert.
5. Amerikaner?
sgift 21.12.2009
Zitat von peterregenSehr interessant fand ich die Botschaft des Films: Wenn Du Frieden haben möchtest, mußt Du die Amerikaner vertreiben und sie im Zweifel auch töten. Ob sich Herr Cameron in seiner Heimat viele Freunde macht, in dem er einen Film produziert, der es hervorragend schafft einen starken Amerika-Hass zu schüren? Zumindest auf das amerikanische Militär und die amerikanischen Großkonzerne?
Woher die Ueberzeugung, dass das amerikanisches Militaer und amerikanische Grosskonzerne gewesen sein sollen? Weil die Soeldner (teilweise?) ehemalige US-Soldaten sind? Oder weil alle fiesen Grosskonzerne Amerikaner sind? Manche Kommentare sagen mehr ueber den Kommentator als ueber das Kommentierte. ;-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Kino
RSS
alles zum Thema James Cameron
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 110 Kommentare
Zur Person
Getty Images
James Cameron, der Mann, der die teuersten Filme der Welt dreht: Bekannt wurde der gebürtige Kanadier als Autor, Produzent und Regisseur der "Terminator"-Reihe. Er drehte zudem 1986 "Alien 2" mit Sigourney Weaver und den Blockbuster "Titanic", der 1998 sagenhafte elf Oscars gewann. Seither verantwortete Cameron vor allem Dokumentationen sowie die Fernsehserie "Dark Angel". Das Science-Fiction-Projekt "Avatar", Camerons erster Kino-Spielfim seit zwölf Jahren, wurde dank spektakulärer 3D-Optik und epischer Story zum erfolgreichsten Film aller Zeiten. Fast drei Milliarden Dollar Umsatz machte "Avatar" weltweit - ganz ohne große Stars.