"Star Trek Beyond" Die teuerste TV-Episode aller Zeiten

Spock und Pille zicken sich an, die Felsen wirken wie aus Pappmaché. Alles wie früher, nur teurer, lauter, größer: Justin Lins neuer "Star Trek"-Film bedient Action-Fans und Serien-Nostalgiker - mehr aber auch nicht.

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"Ich hab mir mal wieder die Uniform zerrissen", sagt Captain Kirk und stapft aus dem Transporterraum. Das obligatorisch süffisante Grinsen hat Chris Pine längst drauf, und auch physiognomisch nähert sich der junge US-Schauspieler seinem ikonischen Vorgänger William Shatner inzwischen auf unheimliche Weise an. Nur eine Schmalzsträhne wird ihm sobald nicht in die verschwitzte Stirn fallen, wir sind ja nicht mehr in den Sechzigern.

Oder? 50 Jahre alt wird das " Star Trek"-Universum um die Crew des Raumschiffs "Enterprise" dieser Tage. Pünktlich zu den Jubiläumsfeiern kommt ein neuer Film ins Kino, der dreizehnte insgesamt, der dritte nach dem erfolgreichen Reboot der Reihe vor sieben Jahren durch den Produzenten und Regisseur J.J. Abrams. Bei "Star Trek Beyond" überließ Abrams, inzwischen mit der Wiederbelebung einer anderen großen Kult-Franchise, "Star Wars", beschäftigt, den Chefsessel dem aus Taiwan stammenden Regisseur Justin "Fast and Furious" Lin. Für das Drehbuch war erstmals federführend der britische Komiker und Scotty-Darsteller Simon Pegg verantwortlich.

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"Star Trek Beyond": Nicht episch, aber ehrlich

Dem Action-Meister und dem Spaßvogel gelang zusammen ein ganz ordentlicher Film, der über einige atemberaubende Schauwerte verfügt, sich aber dennoch über weite Strecken so pragmatisch, um nicht zu sagen: uninspiriert zusammengezimmert anfühlt, wie eine besonders hemdsärmelige Folge der Originalserie - bis hin zu extraterrestrischen Felsen, die wie angesprühtes Pappmaché wirken. Ein Retro-Gag, natürlich und ein ziemlich guter sogar. Aber er ist auch symptomatisch für einen Film, der sich damit begnügt, bekannte Motive zu variieren.

Das mit den beiden epischen Abrams-Filmen gestartete "Star Trek"-Projekt der Kino-Neuzeit geht jetzt, da die neuen Darsteller und ihre Rollen etabliert sind, etwas weniger hochglanzpoliert in Serie, in die Mühen der Ebene des kontinuierlichen Kassemachens. Einem vierten Teil der Reihe wurde soeben noch vor dem Start von "Beyond", grünes Licht gegeben. Das Vertrauen in die selig machende Nostalgiemacht von "Star Trek" ist groß.

Zusammen gehts am besten

So groß, dass für "Beyond" das Rudiment einer Story ausreicht: Nach drei von fünf Jahren auf Mission im Weltall stellt sich bei Kirk langsam aber sicher Langeweile ein. Die Ödnis des Alltags endet, als das Schiff durch einen Notruf in einen Hinterhalt im Orbit eines erdähnlichen, verwilderten Planeten gelockt wird. Tausende bemannte Raumjäger, die sich wie im Schwarm bewegen und sich durch Schilde und Schiffsrumpf bohren, machen dem stolzen Flaggschiff der Erdföderation den Garaus, Kirk und Crew stranden verstreut und verletzt auf dem Planeten.

Einige von ihnen geraten in Gefangenschaft des echsenartigen Schurken Krall (unkenntlich bis kurz vor Schluss: Idris Elba), der es auf ein ominöses Alien-Artefakt abgesehen hat, das sich durch Zufall in Kirks Besitz befindet. Es ist der Schlüssel zu einer monströsen, vernichtenden Waffe. Am Ende wird es auf die Beschwörung der basalsten - und banalsten - Wertbotschaften aller "Star Trek"-Inkarnationen hinauslaufen: Die Einheit, ob als Pärchen, Team, Besatzung, Welt- oder kosmische Planetengemeinschaft, ist immer stärker als das Individuum. Der Rest ist ein trotz brillanter 3D-Optik und aufwendigster CGI-Technik recht unübersichtliches, von gleich vier Cuttern choreographiertes Action-Spektakel.

Aber das Ganze hat dennoch Herz: Die offensichtlich tief empfundene Liebe, die Autor Pegg für die Charaktere und Figuren der Serie hegt, überträgt sich eins zu eins auf den Zuschauer: Vulkanier Spock (Zachary Quinto) und Schiffsarzt Pille (Karl Urban), bei denen analytischer Stoizismus stets frontal auf ätzenden Sarkasmus prallt, liefern sich einige sehr amüsante Zickereien, Draufgänger Kirk darf sich ausgiebig mit bloßen Fäusten prügeln und sogar, mehrfach mit sich selbst multipliziert, Motocross auf einer antiken Maschine fahren. Und Ingenieurs-Genie Scotty selbst? Lässt sich als kalauernde Schotten-Karikatur inszenieren und nennt die mechanisch begabte, zebragestreifte Alien-Kriegerin Jaylah (Sofia Boutella), einem erfrischenden Crew-Neuzugang, so beharrlich Lassie (schottisch für Liebchen), dass man sich fragt, warum sie ihm nicht zwischendurch einfach mal eine ballert.

Diversität als Mission

Zwei Nebenfiguren erhalten außerdem viel Raum: Die eine ist der sensible russische Steuermann Chekov, dessen Darsteller Anton Yelchin unlängst durch einen tragischen Unfall ums Leben kam, "Star Trek Beyond" ist eine der letzten Produktionen, an denen er beteiligt war. Die Szenen mit ihm und der Crew erhalten dadurch eine besondere Intensität, der Film ist ihm und dem ebenfalls verstorbenen Ur-Spock Leonard Nimoy gewidmet.

Die andere in besonderen Fokus rückende Randfigur ist "Enterprise"-Pilot Sulu (John Cho). Er wird in einer kurzen, aber effektvollen Szene auf der Raumstation Yorktown als homosexuell geoutet und küsst seinen Gatten (Co-Drehbuchautor Doug Jung), der die gemeinsame Tochter mitgebracht hat. Originaldarsteller George Takei fand das bekanntlich gar nicht gut, da "Star Trek"-Schöpfer Gene Roddenberry die sexuelle Orientierung der Figur nicht festgelegt hatte.

Andererseits steht ja gerade die "Star Trek"-Reihe, in der es einst den ersten Fernsehkuss zwischen einem Weißen und einer Afroamerikanerin gab, in der guten und nachhaltig sympathischen Tradition, Diversität, Humanismus und Toleranz zu propagieren. Angenehmerweise tappen Pegg, Jung und Lin nicht in die Falle, ihrem schwulen Sulu klischeehafte oder gar tuntige Attribute zuzuschreiben: In einer der spektakulärsten Szenen des Films gibt er, sehr männlich und tollkühn, einen wieder flott gemachten Raumschiff-Oldtimer Starthilfe mit einem freien Fall in einen gähnenden Abgrund.

Es sind sorgfältig inszenierte Szenen und Details wie diese, gepaart mit originellen Bezügen zu liebgewonnen Motiven und Marotten des Original-Stoffs, die in "Star Trek Beyond" sehr großen Spaß machen. Sie könnten den der Serie zugeneigten Zuschauer oder Fan darüber hinwegtrösten, dass "Beyond" sich ansonsten alles andere als jenseits bekannter Grenzen bewegt.

Trailer ansehen: "Star Trek Beyond":

"Star Trek Beyond"

    Originaltitel: Star Trek Beyond

    USA 2016

    Regie: Justin Lin

    Drehbuch: Simon Pegg, Doug Jung

    Darsteller: Chris Pine, Zachary Quinto, Karl Urban, Simon Pegg, Zoe Saldana, Sofia Boutella, John Cho, Anton Yelchin, Idris Elba

    Produktion: Paramount, Bad Robot, Perfect Storm Entertainment, Skydance, Sneaky Shark

    Verleih: Paramount

    Länge: 123 Minuten

    FSK: ab 12 Jahren

    Start: 21. Juli 2016

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insgesamt 83 Beiträge
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Seite 1
fusselsieb 20.07.2016
1. Schrecklich
Alle Star Trek Filme fand ich schrecklich. Fast alle Folgen der jeweiligen Serien waren besser. Aber die neuen Filme wollen, genretypisch alles noch bombastischer machen und werden immer oberflächlicher. Die Serien vermitteln ethisches und moralische Einstellunge, die Filme sind einfach nur dumme Action. Dazu noch diese Wackelkamera und schnelle Kamerafahrten. Wozu dann hochauflösendes Beiwerk. Kann man sowieso nicht erkennen.
robin-masters 20.07.2016
2. Kasse machen
die schnelle Abfolge von neuen Teilen und die reine Masse an neuen Filmen lassen Gutes kaum noch hervorstechen.. und wenn dann geht es gleich im nächsten Hype unter. Das ist mittlerweile überall so und der Kunde ist übersättigt. Am Besten man bleibt sich treu und nimmt sich selbst nicht zu ernst und das war bei TOS im Gegensatz zu Next Generation immer der Fall auch daher hat man diese Reihe wohl nochmal herangezogen. Man wird sehen.... Ansonst wär ich auch mal für neue Sci-Fi zu haben die dann auch in Serie geht. Stargate ist schon etwas her...
gehdoch 20.07.2016
3. Ich mag die neuen Star Trek Filme
Ich finde sie wirklich gut! Die Schauspieler gefallen mir (Ja auch Chris Pine), weil sie dicht genug an den Originalen dran sind, dass man sich wiederfindet, aber genug Eigenständigkeit mitbringen, um nicht zur Karikatur zu verkommen. Es ist Bombast Kino, klar, aber gut und liebevoll gemacht. Ich stimme Beitrag eins in sofern zu, als dass ich die ganzen alten Star Trek Kinofilme ebenfalls alle schrecklich finde, auch die New Generation, die es auch nur in wenigen Szenen geschafft haben über Fernsehserienniveau hinaus zu kommen. Ich freue mich auf den neuen Steifen und lasse mich einfach mal überraschen. Am Ende steht dann meine eigene Meinung. Erstaunlicherweise gefällt mir dieses Mal auch die Spiegel Kritik, im Gunde liest sie sich so, wie auch ich die Filme sehe: Nicht neu, aber humorig und liebevoll umgesetzt. Ich bin einer von denen, denen das reicht :)
hman2 20.07.2016
4. Die pressen den letzten Dollar aus dem Franchise
Und sehen nicht, dass in Science Fiction zumindest ein kleiner Rest von Science übrig bleiben sollte. Ich habe mich schon beim letzten Film geärgert über die EVA-Szene. Während Kubrick, ganz auf Akkuratesse bedacht, den Protagonisten beim Raumschiff-zu-Raumschiff-Sprung nur ein paar Meter fliegen ließ mithilfe des Luftdrucks, sind es jetzt schon bald Kilometer. Und natürlich ist es überhaupt kein Problem, hundert Schrottteilen elegant auszuweichen, die schon der Kinozuschauer kaum sehen kann. Wieso muss man aus einem Star-Trek- ein Superhero-Setting machen? Das wirklich doch albern. Genauso wie geleckte hochmoderne Raumschiffe voller Glaselemente und Flachbildschirme, von denen jeder weiß, dass es die VORGÄNGER der Sechzigerjahre-Entprise sein müssen, schon wegen der Chronologie. Ich warte immer noch darauf, wie man das mal dem Zuschauer verklickern will, warum die neueren Nachfolger dann mit älterer Technik ausgestattet sind. Diesen frappierenden Bruch ignorieren sie einfach. Gänzlich albern werden die Prequel-Figuren aber bei Chekov und Sulu. Denn die sind ja schon in TOS echte Jungspunde. Die müssten daher in den aktuellen Filmen Kinder sein!
h.hass 20.07.2016
5.
Nachdem wir bereits Spock und Uhura beim Knutschen erleben durften und Scotty zum drittklassigen Comedian erniedrigt wurde, werden wir wohl auch einen schwulen Sulu verkraften. Hauptsache, beim "Reboot" geht alles originell und tabubrecherisch zu... Mal sehen, welches SF-Franchise Jar Jar Abrahams demnächst in Grund und Boden rebooten darf. "Mondbasis Alpha 1"? "Kampfstern Galactica"? "UFO"? Auch "Raupatrouille Orion" harrt einer modernen Neuinterpretation, am besten mit einem/einer Transgender McLane, bevorzugt gespielt von Melissa McCarthy.
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