Drehbuchautor von "Star Wars" Er beherrscht die Macht

Lawrence Kasdan hat die Drehbücher geschrieben für "Das Imperium schlägt zurück", "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" und den neuen "Star Wars"-Film. Da verzeiht man ihm fast, dass er auch für eine der schlimmsten Hollywood-Schnulzen verantwortlich ist.

Lawrence Kasdan: "Ich hatte das Gefühl, Teil von etwas gigantisch Großem zu sein"
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Lawrence Kasdan: "Ich hatte das Gefühl, Teil von etwas gigantisch Großem zu sein"

Von Lars-Olav Beier


Tausende jubeln ihm frenetisch zu. Sie stecken in Kostümen, haben sich als Darth Vader, als Prinzessin Leia und Han Solo verkleidet, als Helden der "Star Wars"-Filme. Wohl noch nie wurde ein Drehbuchautor so begeistert begrüßt wie Lawrence Kasdan, als er Mitte Juli in San Diego auf der Comic-Con, der größten Comicmesse der Welt, über "Das Erwachen der Macht" spricht. Die Fans feiern ihn wie eine One-man-Boygroup.

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Heft 51/2015
Verliert Deutschland seine Mitte?

Kasdan ist für sie ein Held. Vor über 30 Jahren schrieb er die Drehbücher zu den beiden Fortsetzungen von George Lucas' "Star Wars", "Das Imperium schlägt zurück" und "Die Rückkehr der Jedi-Ritter". Sie spielten zusammen rund eine Milliarde Dollar ein, das Zwanzigfache ihrer Budgets. Nun hat Kasdan, 66, auch den neuen "Star Wars"- Film "Das Erwachen der Macht" geschrieben, der Mitte Dezember ins Kino kommt.

Kasdan sitzt in San Diego auf dem Podium vor seinen Fans, beugt sich tief über den Tisch und macht sich noch kleiner, als er ohnehin schon ist. Der Moderator Chris Hardwick sagt zu ihm: "Technisch gesehen sind Sie ja schon tot." Kasdan ist irritiert und lacht nervös. Er zögert kurz, dann sagt er: "Vom Alter her noch nicht." Aber Hollywood misst das Leben eines Menschen nicht in Jahren, sondern in Erfolgen.

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"Star Wars"-Fan in Odessa: Herr Vader, der Spießer
Einst war Kasdan als Autor und Regisseur ein Star, er schrieb Filme wie "Jäger des verlorenen Schatzes" und inszenierte Thriller wie "Die heißkalte Frau" mit Kathleen Turner. Doch irgendwann Mitte der Neunzigerjahre fand Hollywood kaum noch Gefallen an seinen Stoffen, jede Produktion war für ihn ein gewaltiger Kraftakt. Nun erlebt Kasdan ein unerwartetes Comeback.

"Als ich da oben saß, vor all diesen Fans, fühlte sich das ziemlich irreal an", erzählt er. "Ich fand das extrem anstrengend. Der ,Star Wars'-Hype erzeugt einen gewaltigen Überdruck, den man ständig spürt. Ich hätte mich da oben auf dem Podium gerne wohlgefühlt, hätte es gerne genossen, aber ich konnte das alles leider nicht persönlich nehmen. Ich hatte das Gefühl, Teil von etwas gigantisch Großem zu sein."

"Ich kann mit diesen Zahlen nichts anfangen"

Kasdan wirkt wie jemand, der seine eigene Wiederauferstehung noch nicht ganz fassen kann und sich selbst vorsichtig abtastet, um herauszufinden, ob er wirklich der ist, für den ihn alle halten. Er fühlt sich, als sei er in eine Galaxie geschossen worden, die sehr, sehr weit entfernt ist von der Welt, in der er lebt.

Kein Film, den Hollywood je produziert hat, ist mit so hohen Erwartungen verbunden wie "Das Erwachen der Macht". Sollte er weniger als eine Milliarde Dollar einspielen, würde er als Flop gelten. "Ich kann mit diesen Zahlen nichts anfangen", sagt Kasdan. "Sie haben nichts mehr mit dem Hollywood zu tun, in dem ich angefangen habe."

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Star Wars VII: Wo ist Luke?
Ende Mai 1977 kam der erste "Stars Wars"-Film ins Kino. Wenige Monate später begann Kasdans Hollywoodkarriere. Er verkaufte sein erstes Drehbuch, nachdem es zuvor 67-mal abgelehnt worden war. Es hieß "The Bodyguard". Bis daraus ein sehr erfolgreicher Film mit Kevin Costner und Whitney Houston wurde, sollten 15 Jahre vergehen. Im November hatte eine Musicalversion von "Bodyguard" in Köln Premiere.

Kasdan hatte die Geschichte über einen Leibwächter, der sich in seine Klientin verliebt, für Steve McQueen geschrieben, Barbra Streisand sollte die weibliche Hauptrolle spielen. Doch weder McQueen noch Streisand waren an dem Stoff interessiert. Dafür wurde Steven Spielberg auf Kasdan aufmerksam und stellte ihn George Lucas vor. Die beiden ließen ihn das Drehbuch zu "Jäger des verlorenen Schatzes" schreiben.

"George und Steven waren nur ein paar Jahre älter als ich, aber schon dabei, Hollywood umzukrempeln", erzählt Kasdan. "Sie waren auch deshalb so ungeheuer erfolgreich, weil sie noch als erwachsene Männer wie kleine Jungs waren und sich immer noch ganz und gar für das begeistern konnten, was sie einst als Kinder geliebt hatten." Im Lucas-Spielberg-Kindergarten war Kasdan die Stimme der Vernunft.

In den Siebzigerjahren erzählte Hollywood düstere Geschichten mit desillusionierten, manchmal sogar psychopathischen Helden wie etwa in "Taxi Driver" (1976). Die jungen Regisseure schienen auf einmal mehr Macht zu haben, als die alten Produzenten und die Filmindustrie von Grund auf erneuern zu können. Es war ein Hollywood, in dem Kasdan gern gearbeitet hätte. Ohne sich dessen bewusst zu sein, half er mit, es zu zerstören.

Mit dem Erfolg von "Star Wars" und den Fortsetzungen begann die Ära des Blockbusters. Hollywood begriff damals, dass sich mit einem großen Film weit mehr Geld verdienen lässt als mit vielen kleinen. "Heutzutage suchen die Studios nach dem, was den meisten Leuten gefällt und was die wenigsten verstört", meint Kasdan. "In den Sechziger- und Siebzigerjahren ging es darum, möglichst viele Leute zu verstören."

Kasdan wollte von den Konflikten zwischen den Generationen und der Gewalttätigkeit der US-Gesellschaft erzählen. George Lucas gab ihm die Gelegenheit, diese Themen zu behandeln, nur eben im Weltraum. Kasdan mochte die Idee von Lucas, den Bösewicht Darth Vader als mächtigen Übervater des Helden Luke Skywalker zu zeichnen. Der Zerfall der klassischen Familie war schon immer Kasdans Thema.

Doch er wollte darüber lieber kleine, persönliche Filme machen. In seiner zweiten Regiearbeit, "Der große Frust" (1983), zeigt er ein paar Alt-68er, die viele Jahre nach ihrem Studium wieder zusammenkommen. Der Film stellt eine große Frage: Können Freunde die Familie ersetzen? Die "Star Wars"-Filme beantworteten diese Frage mit einem kindlich begeisterten Ja. Kasdan wusste, dass die Antwort komplizierter ist.

Er wollte von Beginn an mehr Ernst in die Serie bringen und schlug George Lucas schon damals vor, eine der Hauptfiguren sterben zu lassen. "Das gibt einer Geschichte Gewicht", sagt er. Lucas war dagegen. Doch Kasdan wollte herausfinden, wie ein Akt der Gewalt das Leben von Menschen verändern kann. Er wollte zeigen, wie gefahrvoll eine Welt ist, in der sich familiäre und soziale Strukturen auflösen.

Seine eigenen Filme erzählen von tiefer existenzieller Unsicherheit, jederzeit und allerorten kann Gewalt in das Leben der Figuren hereinbrechen, selbst in das eines rund um die Uhr bewachten Popstars. Wer nach einem Kasdan-Film das Kino verlässt, fühlt sich danach nicht unbedingt wohler. Das machte es Kasdan in Hollywood nicht leichter.

Ein sehr sympathischer Kauz

Wenn er heute durch Los Angeles fahre, fühle er sich halbwegs sicher, in seinem Wagen, dieser "Isolationszelle auf Rädern", sagt er. Er klingt, als spreche er über ein Raumschiff, das einen guten, aber keineswegs hundertprozentig verlässlichen Schutzschild hat. "Aber was ist mit den vielen Menschen, die sich das nicht leisten können?"

Wenn Kasdan über das heutige Los Angeles spricht und im nächsten Moment über die "sehr gewalttätige Galaxie" der "Star Wars"-Filme, scheint die Entfernung zwischen den beiden Welten gar nicht mehr so groß zu sein. Um genau das über die Wirklichkeit erzählen zu können, was ihn wirklich an ihr interessiert, muss Kasdan ins All entfliehen. Das ist sein Dilemma. Aber das ist auch sein stiller Triumph.

Kasdan ist ein sehr sympathischer Kauz. Er redet voller Ironie über den jungen Kevin Costner, dessen Selbstbewusstsein keine Grenzen kannte, und von der Arbeit mit Whitney Houston, die bei den Dreharbeiten von "Bodyguard" voller Energie steckte. Er erzählt amüsant von George Lucas und dessen Geschäftspartnerin Kathleen Kennedy, die ihn für "Das Erwachen der Macht" zurückholten und ihn wieder ins Epizentrum Hollywoods stellten, er schwärmt von dem Regisseur J. J. Abrams.

Aber er gibt keine Details zum neuen Film preis. Er hält sich an das Schweigegelübde, das für alle an dem Film Beteiligten gilt. "Wird einer der Helden sterben?" Kasdan: "Wer weiß das schon..." - "Kennt die NSA das Drehbuch?" - "Die wissen ohnehin schon viel zu viel." Ja, "Das Erwachen der Macht" ist der erste Film in der Geschichte, der wie ein Staatsgeheimnis behandelt wird. Kasdan ist der Mann dahinter und genießt es. In dem Bewusstsein, dass dieser ganze Hype ein ziemlich lustiger Irrsinn ist.

Im Video: Der Trailer zu "Star Wars - Das Erwachen der Macht"


"The Force Awakens" kommt am 17. Dezember 2015 in die deutschen Kinos.

insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
h.hass 14.12.2015
1.
Und was ist denn nun "eine der schlimmsten Hollywood-Schnulzen"? Das sollte man schon konkret sagen, wenn man es extra herausstellt.
tart 14.12.2015
2. schöner kleiner Artikel
belegt auch warum die Filme früher mehr in mir ausgelöst haben....weil Ideen und nicht nur Gier hinter Ihnen steckte.
spon-facebook-10000015195 14.12.2015
3. Schlimm
Ich mag Star Wars, aber dieser extreme Hype geht mir langsam richtig auf die Nerven. Da kann man nur hoffen, dass der Film nicht hinter seinen Erwartungen zurückbleibt.
herrbianco 14.12.2015
4. @h.hass
Wird sich wohl um seinen Erstling handeln, Bodyguard. Davon war jedenfalls mehrfach die Rede im Text und mit der Macht hat das ja nur so halb was zu tun...
Atömchen 14.12.2015
5.
@h.hass: Na, "The Bodyguard" natürlich. Lawrence Kasdan mochte ich schon immer gerne. Nicht zu vergessen "Grand Canyon", "Silverado" und "Ich liebe dich zu Tode".
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