"Star Wars - Episode II" Die Macht der Künstlichkeit

Das Imperium schlägt zurück: Dem "Star Wars"-Erfinder George Lucas scheint seine komplexe Sternensaga über den Kopf zu wachsen. Was der neuen "Episode II - Angriff der Klonkrieger" an Charme und Witz fehlt, soll durch überbordene Technik und pure Effekthascherei wettgemacht werden.

Von Oliver Hüttmann


Jedi-Ritter im Einsatz: Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor) und sein Schüler Anakin (Hayden Christensen) kämpfen mit Lichtschwertern gegen das Böse
Lucasfilm

Jedi-Ritter im Einsatz: Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor) und sein Schüler Anakin (Hayden Christensen) kämpfen mit Lichtschwertern gegen das Böse

George Lucas ist Gott, sagen manche. Für andere ist er nur ein mürrischer Märchenonkel und unfassbarer Hans im Glück, der aus ein paar Pappkameraden, mythischen Platitüden und viel Popcorn ein Kino des Mainstreams und Marketings geleimt hat. Einen Judas könnte man Lucas zudem schelten, der mal ein Sohn New Hollywoods war, so wie Francis Ford Coppola, Martin Scorsese und andere Autorenfilmer der Siebziger. Sie brachen die Macht der Studios, verpulverten Berge von Kohle und Koks und ebneten Jungs wie Lucas und Steven Spielberg den Weg zu einer ganz neuen Macht. Coppola hatte Lucas einst die Regie zu "Apocalypse Now" angeboten ­ und als dieser ablehnte, seinen schwindenden Einfluss bei den Studiobossen für dessen wirre Filmidee eingesetzt, aus der 1977 "Star Wars" wurde. Die Apokalypse war gestern, "Heaven's Gate" ist geschlossen, aber der "Krieg der Sterne" tobt noch heute.

"Star Wars" war eine Zäsur, der Beginn der Fortsetzungs- und Ereignisfilme, mit denen die Kinosäle ab den Achtzigern gefüllt wurden. Darüber ist ebenso unendlich viel geschrieben, geschwärmt, gedeutet und gelästert worden wie über Luke Skywalker, Darth Vader, R2-D2, C-3PO, Yoda, die "Macht" und den Kampf von Gut und Böse. Wer davon noch nichts weiß, wird sich auch jetzt so wenig dafür interessieren wie für die Bibel. Seit Lucas aber Mitte der Neunziger angekündigt hatte, der ursprünglichen Trilogie eine ebenfalls dreiteilige Vorgeschichte folgen zu lassen, erdröhnt zu jedem neuen Kapitel mit vorauseilendem Bangen und in erschlagender Lautstärke ein mediales Nebelhorn.

Die dunkle Seite der Macht: Kanzler Palpatine (Ian McDiarmid) verführt Anakin Skywalker
Lucasfilm Ltd.

Die dunkle Seite der Macht: Kanzler Palpatine (Ian McDiarmid) verführt Anakin Skywalker

Seit Monaten quellen Zeitungen, Zeitschriften, TV-Sendungen, Online-Dienste und Chats in vielfachen Superlativen nur so über mit Gerüchten und Berichten um "Star Wars: Episode II ­ Angriff der Klonkrieger". Sogar vorab gestreute Trailer, Lockinstrumente reiner Vermarktungsstrategie, wurden als verheißungsvolle Quelle zu Lucas' erweiterten Evangelium rezipiert. Der Tenor war stets gleich: Niemand weiß etwas, alle wissen dasselbe, schreiben voneinander ab oder wieder die alten Geschichten. Kein Kreis-, sondern ein Leerlauf, bei dem letztlich Lucas alle schluckt: Presse, Leser und Zuschauer.

Trotz der bewussten Geheimhaltung, der kontrollierten Preisgabe von Infos und Bildern und aller medialen Hörigkeit war der Lärm um "Episode II" zunächst nur routiniert und lau, die Erwartungen blieben nach der enttäuschenden "Episode I" eher niedrig. Doch dann geschah die Sensation: Der Amerikaner Harry Knowles, sozusagen ein Han Solo der Filmkritik, der sich in Hollywoods Testvorführungen schmuggelt und mit frechen Verrissen auf seiner Website das Imperium der Multiplexe ärgert, hatte das Werk heimlich gesehen. Er schwadronierte eine miese Spionagestory zusammen und schloss mit einer Lobpreisung auf "Episode II". Jede Wette: Der Typ hatte sich kaufen lassen. Und dann tauchte knapp eine Woche vor der Weltpremiere auch noch eine Raubkopie im Internet auf. Ein Desaster? Wahrscheinlich wäre es für das Image von "Star Wars" schlimmer gewesen, wenn sich niemand so hartnäckig und erfolgreich bemüht hätte, den Film abzufilmen.

Jedi-Ritter Ewan McGregor sind die Hände gebunden: George Lucas lässt wenig Raum für darstellerische Leistungen
Lucasfilm Ltd.

Jedi-Ritter Ewan McGregor sind die Hände gebunden: George Lucas lässt wenig Raum für darstellerische Leistungen

Doch was bietet der "Angriff der Klonkrieger" nun wirklich? Es gibt viel zu sehen und wenig zu erzählen. "Episode II" handelt vom Wandel und davon, wie das Gleichgewicht der "Macht" aus den Fugen gerät. Anakin Skywalker, der in "Episode I" noch ein Bub war und der später einmal zu Darth Vader wird, ist hier zu einem stattlichen Jüngling gereift. Hayden Christensen, ein hübscher Kanadier und Leinwandnovize, verkörpert ihn mit der gleichen steifen Haltung, die bei fast allen Schauspielern der Sternenkriegsaga auffällig ist. Der Nachwuchs-Jedi und die Senatorin Padme Amidala (Natalie Portman) treffen erneut aufeinander und verlieben sich ineinander. Die ohnehin problematische Romanze zwischen Ritter und Politikerin wird allerdings zusätzlich überschattet vom gewaltsamen Tod der Mutter Anakins. Trauer, Schuldgefühle und Rachegelüste lassen den Jüngling dann erstmals die dunkle Seite der Macht verspüren.

Kanzler Palpatine (Ian McDiarmid) lässt derweil eine riesige Armee aus Klonen aufstellen, um so die Spaltung der Republik durch den abtrünnigen Jedi-Meister Dooku (Christopher Lee) zu verhindern. Tatsächlich verfolgt der verschlagene Politiker eigene Machtziele und zeigt sich in einer Szene mit Dooku als böser Sith-Lord Darth Sidious.

Das sind die Eckpunkte der Geschichte, deren 142 Minuten bis zur finalen Schlacht ausgefüllt werden mit zähem Geplänkel und zahlreichen Gefechten, die man schon effektvoller erlebt hat. "Episode II" wirkt kaum anders als "Episode I", nur noch opulenter. Auch hier erstaunt wieder, wie viel Zeit mit betulichen einzeiligen Dialogen verschwendet werden kann, ohne dass der Film wirklich von der Stelle kommt. "Episode II" ist ein langatmiger, humorloser, in visueller Perfektion erkalteter und erstarrter Brocken, den sich gewiss weit weniger Menschen anschauen würden, wenn es eben nicht "Star Wars" wäre.

Armee der Klonkrieger: Eindrucksvoller Aufmarsch der Computergrafiken
Lucasfilm Ltd.

Armee der Klonkrieger: Eindrucksvoller Aufmarsch der Computergrafiken

Der einst erste Film (jetzt der vierte Teil) und seine unmittelbaren Fortsetzungen waren dagegen kleine, schnelle, schäbige Science-Fiction-Streifen, gedreht von Freaks und Fricklern, die statt an einer Eisenbahn an Raumschiffmodellen bastelten. Sie waren in sich geschlossen, liefen stets nach ähnlichem Muster ab und steuerten zielstrebig auf knappe emotionale Höhepunkte zu wie: "Ich bin dein Vater, Luke." Die Hauptcharaktere waren immer wieder dabei, ihre klaren Rollen machten eine Identifikation möglich. Für die Prequels muss Lucas jedoch eine tatsächliche Entwicklung schildern und folglich eine echte Geschichte entwickeln - über große Politik, Intrigen, moralischen Zerfall, Tragödien und Liebe.

Doch für eine derartige Unternehmung fehlt ihm das Timing und das dramaturgische Gespür. Rund ein Dutzend neue und wichtige Charaktere sind in Episode I und II dazu gekommen oder verjüngt worden - viele von ihnen sind schon wieder verschwunden. Zwischen diesem Personal und zahllosen außerirdischen Kreaturen werden zentrale Gestalten wie Obi-Wan Kenobi (Ewan McGregor), Mace Windu (Samuel L. Jackson) und sogar Jedi-Meister Yoda zu Mitläufern, über die man so gut wie nichts erfährt.

Dieser Beliebigkeit und Unübersichtlichkeit setzt Lucas mit einzigartigen Schauwerten etwas Monumentales entgegen: Städte mit mächtigen Bauten, Sälen, Säulen und Bibliotheken, für die am Rechner die Architektur von Venedig, Byzanz, Alexandria, des Vatikans und antiken Roms kopiert wurde. Dennoch sind diese Kulissen nicht atemberaubend, sondern nur anschaulich - eine Abfolge von leblosen Sets, die manchmal wie eine Tapete oder ein gigantisches Aquarium anmuten. Darin schrumpfen die Darsteller, die ohnehin größtenteils vor dem Blue Screen agieren, zu bloßen Kaulquappen.

Unmögliche Liebe im Sternenkrieg: Anakin (Hayden Christensen) und Amidala (Natalie Portman)
Lucasfilm Ltd.

Unmögliche Liebe im Sternenkrieg: Anakin (Hayden Christensen) und Amidala (Natalie Portman)

George Lucas hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass ihn Schauspieler nicht interessieren. Damit aber mangelt es "Episode II" an jener menschlichen Nuance, die im Gegensatz zur ersten Trilogie jetzt nötig wäre. Die Balz- und Liebesszenen zwischen Anakin und Amidala beim Picknick auf einer grausam grünen Wiese, auf einer Terrasse mit Blumentöpfen vor einem glitzernden See und zwischen Passagieren auf einem Raumfrachter sind lächerlich übertriebener Kitsch, den sich noch nicht einmal James Cameron in "Titanic" erlaubt hat. Mit seinen digitalen Illusionen ermüdet "Episode II", statt einen durch Frechheit mitzureißen wie "Krieg der Sterne".

Lucas größtes Problem ist offenbar die eigene Größe. Denn er muss den seit mehr als zwei Jahrzehnten bestehenden Nimbus von "Star Wars" bewahren, junge Zuschauer und alte Fans zugleich beglücken und eine weltumspannende Marken- und Marketing-Industrie bedienen. Dafür muss er nicht nur versuchen, sich selbst zu überbieten, sondern gleichzeitig auch alles, was nach dem ersten "Star Wars"-Film folgte.

So ist Lucas' Firma zu einer Maschinerie mutiert, die für eine Szene mehr Einfälle produzieren muss als ein normales Studio für sein Jahres-Repertoire. Das ist natürlich kaum zu schaffen und führt daher zu erkennbaren Kompromissen, einem Klon-Kino. Wiederholt werden nicht nur etliche eigene Szenen aus der bekannten Original-Trilogie ­ Lucas klaut sogar bei Kollegen, bei "Blade Runner", "Das fünfte Element" und "Herr der Ringe". Vor allem der letztgenannte Film dürfte dem Vater der Sternenkriege im vergangenen Jahr ziemliche Angst eingejagt haben.

Anakin als futuristischer "Easy Rider": George Lucas bedient sich bei Kollegen
Lucasfilm Ltd.

Anakin als futuristischer "Easy Rider": George Lucas bedient sich bei Kollegen

Als Regisseur hatte Lucas einmal einen großen Moment: 1973, als "American Graffiti" für fünf Oscars nominiert wurde (aber dann doch keinen gewann). Nach "Krieg der Sterne" wurde bewundert, wie Lucas als Produzent und Gründer der Effektschmiede Industrial, Light & Magic Milliarden machte. Künstlerischen Respekt aber hat Lucas nie wirklich erlangt. Vielleicht hat ihn dieser Mangel und das eitle, ausschweifende Gehabe der Genies von New Hollywood so sehr geärgert, dass er an einen anderen Weg glauben musste: an den der Macht.

Letztlich aber hat er in "Episode II" dennoch vollendet, woran sein Mentor Coppola mit seiner Produktionsfirma American Zoetrope und dem Film "One From The Heart" vor drei Jahrzehnten gescheitert war: Unabhängig von Kinobossen, Schauplätzen, Wetter und anderen Einflüssen hat Lucas einen Film komplett im Studio gedreht und damit die absolute Künstlichkeit erreicht. Wer weiß, vielleicht erweist sich Lucas ja erneut als Visionär.

"Star Wars: Episode II ­ Angriff der Klonkrieger" ("Star Wars: Episode II: Attack Of The Clones"). USA 2002. Regie: George Lucas; Drehbuch: George Lucas, Jonathan Hales; Darsteller: Ewan McGregor, Natalie Portman, Hayden Christensen, Christopher Lee, Samuel L. Jackson, Ian McDiarmid; Produktion: JAK Productions, Lucasfilm; Verleih: 20th Century Fox; Länge: 142 Minuten; Start: 16. Mai 2002



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