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"Star Wars - Episode III": Land des Röchelns

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Am 19. Mai ist es soweit: Darth Vader wird wieder sein schwarzes Haupt erheben und Sturmtruppen von Fans weltweit ins Kino befehlen. Wieso sind wir trotz Trash-Ästhetik und Merchandise-Terror immer noch wild auf George Lucas' filmgewordene Gelddruckmaschine? Ein Erklärungsversuch.

"Episode III"-Plakat: Wir wollen wieder Teil des Phänomens sein
20th Century Fox

"Episode III"-Plakat: Wir wollen wieder Teil des Phänomens sein

Sind wir wirklich so leicht zu kriegen? Aus dem Dunkel eine Stimme, die raunt: "Lord Vader?" Vertraut scheppernd hallt es zurück: "Yes, Master?" Dann befiehlt die körperlose Stimme "Rise", woraufhin unter allerhand Zischen eine schwarze Ganzkörperrüstung ins Blickfeld gehievt wird.

Ja, wahrscheinlich sind wir so leicht zu kriegen. Denn was sich da im aktuellen Trailer zu "Star Wars: Epsiode III - Revenge of the Sith" erhebt, ist nicht nur Darth Vader, sondern die ikonografische Quintessenz des fast 30-jährigen Kriegs der Sterne. Und ungeachtet des Wissens um die ebenso lang währende Debatte über Sinn und Unsinn von George Lucas' filmgeschichtlichem Privatunternehmen, trotz der abertausend Seiten Kritik am Output der technokratischen Märchenmanufaktur in Marin County und entgegen der sicher legitimen ideologischen und ästhetischen Bedenken angesichts einer weiteren Offensive der Merchandise-Strategen - der Anblick der wandelnden Eisernen Lunge Vader löst schier unwiderstehliche popkulturelle Schlüsselreize aus. Gleichgültig ob es ein guter oder schlechter Film wird, wir wollen wieder Teil des Phänomens "Star Wars" sein.

Triumph der Tolldreistigkeit

Szene aus "Star Wars" (1977, mit Mark Hamill): "The Story of a Boy, a Girl and a Universe"
AP/ Lucasfilm

Szene aus "Star Wars" (1977, mit Mark Hamill): "The Story of a Boy, a Girl and a Universe"

Wie viel unschuldiger müssen sich da Kinobesucher im Jahr 1977 gefühlt haben, als ihnen die ersten bilderarmen Werbespots "The Story of a Boy, a Girl and a Universe" versprachen. Nun, sie bekamen obendrauf Jedis, Wookies, Droiden sowie einen Paradigmenwechsel, der die US-amerikanische Unterhaltungsindustrie revolutionierte.

Mit tolldreister Selbstverständlichkeit warf "Star Wars" sein begeistertes Publikum in den Konflikt zwischen galaktischem Imperium und Rebellenallianz, ohne sich dabei lange mit einer Exposition, geschweige denn Erklärungen für die zahlreichen wirren Informationsfetzen aufzuhalten. Alles, was zum Verständnis des simplen Abenteuerplots notwendig war, lieferte ja bereits der berühmte Vorspanntext.

Szene aus "Star Wars": Hochtechnisierter Nostalgietrip
AP/ Lucasfilm

Szene aus "Star Wars": Hochtechnisierter Nostalgietrip

Dass der naive Farmerjunge Luke Skywalker (Mark Hamill) zusammen mit Schmuggler Han Solo (Harrison Ford), dem knurrigen Fellriesen Chewbacca und dem Roboter-Duo C-3PO und R2-D2 die kesse Prinzessin Leia (Carrie Fisher) aus den Klauen Darth Vaders rettet, gehört heute ebenso zur trivialen Allgemeinbildung wie die Kalendersprüche von Jedi-Meister Obi-Wan Kenobi (Alec Guiness), der Luke und allen gutgläubigen Zuschauern einen Crashkurs in Sachen dunkler und heller Seite der Macht erteilte.

Wenn Luke dann am Ende mit seinem X-Wing Fighter den absurd riesigen Todesstern des Imperiums vom Himmel holte, war das Feld für die bis heute andauernde Auseinandersetzung um den hochtechnisierten Nostalgietrip abgesteckt. Allerdings scheint es müßig, noch mal die zahllosen Quellen - von den Flash Gordon-Serials der dreißiger Jahre über Akira Kurosawas Samurai-Epen bis hin zum Popular-Mystizismus eines Joseph Campbell - aufzuzählen, derer sich der Eklektiker Lucas beim Zusammenzimmern seiner Retro-Science-Fiction ohne Rücksicht auf Verluste bediente.

"Star Wars"-Promotion einer US-Burgerkette: Die Taschen voller Sternentaler

"Star Wars"-Promotion einer US-Burgerkette: Die Taschen voller Sternentaler

Was keineswegs bedeutet, dass die abschließende Szene der Siegesfeier im Rebellenstützpunkt nicht zu Recht von der Ideologiekritik als bedenkliche Reminiszenz an Leni Riefenstahls NS-Propagandafilm "Triumph des Willens" angeprangert wurde. Doch der Vorwurf, Lucas habe einen Reichsparteitag im Weltraum inszeniert, ist letztlich ebenso schlüssig wie jene Lesart, die das Ganze als idealistische Parabel auf den Vietnam-Krieg verstehen wollte: die Rebellen als putzige Vietcong-Variante, die dem industriell-militärischen Komplex eines übermächtigen Imperiums heimleuchtet.

Von Vatermord und Blümchensex

Es ist ein unauflösbares Dilemma: So sehr die einzelnen "Star Wars"-Filme Teil einer gutgeölten Bedeutungsmaschine sind, die jedwedes Bedürfnis nach Sinnstiftung erfüllt, so sehr sind sie auch ein Schwarzes Loch der Kulturkritik, das gierig jede Interpretation schluckt und zum Multiplikator seiner sogartigen Selbstbewerbung macht.

Regisseur Lucas: Reichsparteitag im Weltall?
REUTERS

Regisseur Lucas: Reichsparteitag im Weltall?

So geschehen bei den nächsten Episoden der ersten Trilogie, die im prä-digitalen Zeitalter die Maßstäbe des tricktechnisch Machbaren setzte. Nunmehr als "Episode V" ausgewiesen, hielt "The Empire Strikes Back" was der Titel versprach: Vom Eisplaneten Hoth vertrieben, bekommen die Rebellen unter der Regie von Lucas' Dienstleister Irvin Kershner kein Bein mehr auf den Boden. Während Luke Skywalker vom grünen Philosophen-Muppet Yoda lernt, wie ein Jedi mit der Macht, bzw. "Force", denkt, kämpft und nebenbei die englische Grammatik verbiegt ("Face him, you must"), kommt es auf der Flucht vor den imperialen Häschern zum Beinahe-Blümchensex zwischen Prinzessin Leia und Han Solo.

Doch Darth Vader friert mit den Gefühlen auch gleich Solo ein, was zum großen Showdown in Cloud City führt. Im Laserschwert-Duell outet sich Vader dann als Vater von Luke, der daraufhin neben den Nerven seine Hand verliert. Der ödipale Horror lässt die Helden nur mit dem bloßen Leben davonkommen, gewonnen haben sie diesmal lediglich einen neuen Sidekick in Form von Glücksritter Lando Calrissian - der als intergalaktischer Soul Brother den armen Pelzpiloten Chewbacca über den Verlust von Solo hinwegtrösten muss.

Szene aus "Episode II" (mit Ewan McGregor):Unausgegorenes Kuddelmuddel
Lucasfilm

Szene aus "Episode II" (mit Ewan McGregor):Unausgegorenes Kuddelmuddel

Dass "Episode V" von "Star Wars"-Fans manchmal etwas übermütig die dramatische Tragweite eines "King Lear" attestiert wird, hängt wohl mit der daran gemessen enttäuschenden "Episode VI" zusammen. In "Return of the Jedi" bot Lucas' Spezialeffekt-Schmiede Industrial Light & Magic zwar neue visuelle Superlative auf, doch das Finale geriet trotz der schicksalhaften Konfrontation zwischen Luke und seinem Vater Darth Vader - jetzt auch als Anakin Skywalker bekannt - eher holprig. Dabei wurde auf dem Papier alles nach Plan erledigt: Solo aufgetaut, zweiten Todesstern zerstört, Imperator besiegt und Vader bekehrt.

Doch die drei Hauptdarsteller Hamill, Fisher und Ford ließen jenen hölzernen Charme vermissen, der den vorherigen Abenteuern eine liebenswürdige Naivität verliehen hatte. Und die kalt kalkulierten Merchandise-Geschöpfe namens Ewoks taten als enervierende Armee der Flauschigkeiten ihr Übriges, um der Rückkehr der Jedi-Ritter jeglichen dramaturgischen Drive zu nehmen.

Hassfigur Jar-Jar Binks: In jeder Hinsicht blutarm
REUTERS

Hassfigur Jar-Jar Binks: In jeder Hinsicht blutarm

Übrigens lohnt es sich, in den Ewok-Szenen auf den extrem gereizten Harrison Ford zu achten: Nur bewundernswerte Selbstkontrolle scheint den angehenden Filmstar davon abzuhalten, die drolligen Teddys gegen den nächsten Baum zu klatschen. So aber blieb der dritte Teil in jeder Hinsicht blutarm, da halfen weder die Yellow Press-taugliche Neuigkeit, dass Luke und Leia Zwillingsgeschwister sind, noch der Umstand, dass ein sterbender Darth Vader am Ende versöhnlich seinen Helm an den Haken hängt.

Ikone statt Klone

Dem Erfolg tat dies selbstverständlich keinen Abbruch, und 16 Jahre nachdem die Rebellen auf dem Waldmond Endor mit den Ewoks einen erbarmungswürdigen Siegestanz hinlegten, begann Lucas mit "Star Wars Epsiode I - The Phantom Menace" (1999) seine Prequel-Trilogie über das Werden von Darth Vader und den Aufstieg des Imperiums.

"Star Wars"-Kultfigur R2-D2: Triviale Allgemeinbildung
DPA

"Star Wars"-Kultfigur R2-D2: Triviale Allgemeinbildung

Allerdings mussten die beiden bisherigen Neueinträge gegen die seit 1983 veränderten Sehgewohnheiten und eine durch Computerspiele, Romane und Comicreihen genährte Fan-Fiktion bestehen. Die Taschen voller Sterntaler digitalisierte Lucas neue Welten und Kreaturen gleich dutzendweise herbei; nicht wenige Fans verloren dabei Übersicht und Interesse. Oft schien es, als ob der Filmemacher selbst der Pseudo-Seriosität detailversessener "Star Wars"-Anhänger auf den Leim gegangen wäre.

Denn wo früher simple Schwarz-Weiß-Malerei genügte, bemühen Episode I und II ein unübersichtliches, und zugleich haarsträubend unausgegorenes Kuddelmuddel aus diversen Fraktionen, die sich um die Vormacht in der alten Republik streiten. Die hirnweichen Exkurse über Jedi, Sith, Trade Federation, Senat und, natürlich, "The Force", erinnern somit in den schlimmsten Momenten an jene kryptischen Streitgespräche, mit denen manische Rollenspieler die ahnungslose Restwelt nerven.

Alec Guiness als Obi-Wan Kenobi (in "Star Wars, 1977): Kalendersprüche von Jedi-Meister
AP

Alec Guiness als Obi-Wan Kenobi (in "Star Wars, 1977): Kalendersprüche von Jedi-Meister

Und mittendrin der junge Anakin Skywalker - seit "Episode II: Attack of the Clones" gespielt von Hayden Christensen -, der es auch nicht leicht hat: Mama verloren, strenge Jedi-Meister im Nacken, verliebt in eine deutlich älteres Mädchen und Lucas' digitalen Geschmacksausfall Jar-Jar Binks ("Ichse, Michse") als Freund. Wer will da nicht zur dunklen Seite wechseln?

Fünf Filme und geschätzte 3,4 Milliarden Dollar Kinoeinnahmen später steht nun endlich eben dieser Übertritt an. Vielleicht versöhnt er die Popkultur sogar mit dem Imperium des George Lucas, aber in jedem Fall gilt: Solange Darth Vader röchelt, ist die Weltraumoper nicht zu Ende

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