Starregisseur Annaud Letzter Auftritt im "Schlachthaus" Berlin

Jean-Jacques Annaud ärgert sich über die Kritik an seinem Stalingrad-Spektakel "Duell ­ Enemy at the Gates". Er will künftig auf der Berlinale keine Filme mehr zeigen.


SPIEGEL:

Monsieur Annaud, haben Sie sich inzwischen vom Berlinale-Schock erholt?

Fühlt sich unverstanden: Jean-Jacques Annaud
AP

Fühlt sich unverstanden: Jean-Jacques Annaud

Annaud: Ich war nicht geschockt, denn ich war vorbereitet: Ich hatte zwei Sakkos dabei und drei Hemden, falls man mich mit Eiern und Tomaten beworfen hätte.

SPIEGEL: Viel hat nicht gefehlt. Kaum ein Festivalbeitrag ist so verrissen worden wie Ihr Film "Duell ­ Enemy at the Gates". Auch das Premierenpublikum war entsetzt. Lässt Sie das kalt?

Annaud: Ich kann gut damit leben, denn das war nur in Berlin so. Überall sonst, wo ich den Film bisher gezeigt habe, sind die Zuschauerreaktionen und die Kritiken hervorragend.

SPIEGEL: Sie meinen vermutlich nicht das US-Branchenblatt "Variety", das über "schlechte Dialoge und eine uninspirierte Regie" klagte.

Annaud: Der Typ von "Variety" hat meinen Film ja auch in Berlin gesehen. Alles, was in Berlin geschrieben wurde, war bösartig. Es war wie bei einem Wolfsrudel: Nachdem der Erste angefangen hatte zu beißen, sind die anderen durchgedreht. Noch einmal tue ich mir das nicht an. Ich mag die Deutschen sehr, aber ich bin kein Masochist.

SPIEGEL: Der Festivalleiter Moritz de Hadeln hatte "Enemy at the Gates" als Eröffnungsfilm ausgesucht, weil Sie ausschließlich in Brandenburg gedreht haben. Die Berlinale wollte so für den Produktionsstandort Deutschland werben. Stimmt es, dass Sie nur widerwillig zugestimmt haben?

Annaud: Ja, ich war dagegen, den Film dort zu zeigen, denn Berlin gilt als Schlachthaus. Wie alle großen Filmfestivals steckt die Berlinale in einem Dilemma: Einerseits braucht sie Filme mit internationalen Stars, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Andererseits versucht man, solche Filme zu bekämpfen, weil man glaubt, sie hätten in der Welt der Filmkunst nichts zu suchen. Es ist schizophren: Man will etwas haben, um es zu zerstören. Aber meine Freunde bei Constantin ...

SPIEGEL: ... dem Filmverleih von Bernd Eichinger, mit dem Sie schon bei "Der Name der Rose" zusammengearbeitet hatten ...

Annaud: ... waren sehr enthusiastisch. Sie haben mich gedrängt. Außerdem kommt ein großer Teil meines Teams aus Deutschland, und auch das wollte ich würdigen.

SPIEGEL: Warum sieht man auf der Leinwand so wenig von den mehr als 85 Millionen Dollar, die "Enemy" gekostet hat?

Annaud: Diese Zahl haben die Investoren in die Welt gesetzt; ich weiß nicht, warum. Tatsächlich waren es 74 Millionen, und das ist ziemlich wenig für so einen aufwendigen Film. Wir hatten hervorragende Spezialeffekte, großartige Kulissen und grandiose Schauspieler. Was soll's? Wenn ich "Enemy at the Gates" in Hollywood gedreht hätte, würde das Budget, das nur knapp über dem Durchschnitt liegt, niemanden interessieren.

SPIEGEL: Immerhin wurde "Enemy" penetrant als "teuerster europäischer Film aller Zeiten" beworben.

Annaud: "Gladiator" oder die letzten James-Bond-Filme wurden auch in Europa gedreht und waren teurer. Wenn wir mit Hollywood konkurrieren wollen, müssen wir in dieser Liga spielen, oder wir verlieren die Schlacht. Wenn wir in Europa bei Airbus Flugzeuge bauen, geben wir ja auch genauso viel Geld aus wie die Amis bei Boeing. Im Übrigen kann ich Sie beruhigen: Die Kinokarte kostet genauso viel wie bei einem billigen Film.

SPIEGEL: "Enemy at the Gates" zeigt, nach einer wahren Begebenheit, den Zweikampf zwischen einem russischen und einem deutschen Scharfschützen. Vom sinnlosen Massensterben drum herum, der Schlacht um Stalingrad, zeigt der Film dagegen praktisch nichts. Ist Ihre Perspektive ­ die Kamera blickt ständig durchs Zielfernrohr ­ nicht zu beschränkt angesichts des Todes von Hunderttausenden von Menschen?

Annaud: Der Film heißt "Duell". Ich hatte nie die Absicht, die ganze Schlacht um Stalingrad zu zeigen, sondern wollte mich auf einen Mikrokosmos konzentrieren. Stalin soll einmal gesagt haben, der Tod eines Mannes sei vielleicht eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik. Mein Film ist eine Metapher: Der Krieg zwischen Hitler und Stalin wird verkörpert durch das Duell zweier Männer.

SPIEGEL: Hat ein Regisseur eine besondere moralische Verantwortung, wenn er einen Film über ein historisches Ereignis dreht?

Annaud: Ja, natürlich, aber um mit einem Missverständnis aufzuräumen: Ich hatte nie die Absicht, eine Dokumentation über das Leiden der Deutschen zu drehen. Es ist ­ wie der Titel nahe legt ­ ein Film über eine Verfolgungsjagd, ein Western. Ich hätte auch ein Musical über die Schlacht von Verdun drehen können ­ warum nicht? Ich bin schließlich ein freier Filmemacher.

SPIEGEL: Verstehen Sie, dass viele Kritiker Ihrem Weltkriegs-Western vorwerfen, er sei geschichtsvergessen?

Annaud: Ich habe eben ein anderes Geschichtsverständnis. Auf der ganzen Welt weiß kein Mensch mehr, was Stalingrad bedeutet. In Paris ist "Stalingrad" der Name einer Metro-Station, sonst nichts. Nur in Deutschland sind die Wunden von damals offenbar immer noch nicht verheilt. Das tut mir Leid, aber die Deutschen sollten endlich vergessen, das Leben genießen und kapieren: Hey, es ist nur ein Film!

INTERVIEW: MARTIN WOLF



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