Stauffenberg-Film Das Geheimnis des Claus Cruise

Ein mieses Image frisst einen Schauspieler allmählich auf - doch Tom Cruise kann genau dafür dankbar sein. Sein Ruf als besessener Sektierer wird in "Operation Walküre" zum Geschenk: Der Star schafft es, aus der Rolle des Hitler-Attentäters Stauffenberg das Letzte herauszukitzeln.

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Da hockt er in einem Zelt in Nordafrika, bringt ein paar Zeilen zu Papier, schreibt sie in ein geheimes Tagebuch. Historisch verbürgt ist die Szene nicht. Die Worte beklagen die Verbrechen der Nazis und dass es nicht mehr so weitergehen dürfe mit diesem Führer, diesem Deutschland, diesem Krieg. Kurz darauf wird der Autor dieser Klage im Wüstensand liegen, niedergestreckt von einem Tieffliegerangriff. Nach seinem Glauben an Hitler wird er also auch noch sein linkes Auge verlieren und seine rechte Hand.

So knapp führt Regisseur Bryan Singer die große Symbolfigur des deutschen Widerstands ein. Nur in dieser Anfangsszene seiner "Operation Walküre" darf Tom Cruise als Claus Graf Schenk von Stauffenberg räsonieren, sich ausführlich als Gegner des Regimes bekennen. Dass er erst danach Auge und Hand verliert, ist ein Kniff um klarzustellen: Der Krüppel begeht das Attentat nicht aus Rache.

Das war's dann aber auch an Motivforschung. In den folgenden zwei Stunden verwandelt das Drehbuch den Attentäter in einen Mann ohne Innenleben, einen rebel with a cause, aber ohne personal history, weil es sich ganz auf den 20. Juli 1944 fokussiert; den Tag, an dem Stauffenberg mit seinem Attentat scheiterte - und der Widerstand mit ihm.

Der große dramaturgische Reiz des Stoffes liegt ja auch in dieser komplexen Mechanik der Machtübernahme, nicht in einer biografischen Studie. Dennoch lässt der Film mehr von der Person des Widerständlers erahnen, als etwa Jo Baiers deutsche Verfilmung "Stauffenberg" (2004), die allenfalls alberne Details hinzuerfand (etwa die Verlobung Stauffenbergs in Bayreuth zu Wagner-Gedonner).

Und das leistet "Operation Walküre" paradoxerweise nur deshalb, weil das unfassbar schlechte Image der Medienfigur Cruise alles überlagert - und dadurch Nuancen aus der Biografie Stauffenbergs herausgekitzelt werden, die so noch nie zu sehen waren.

Denn Claus Graf Schenk von Stauffenberg war anfangs kein strahlender Held, sondern ein Anti-Demokrat, der Hitler begeistert folgte. Vor allem aber war er: ein Jünger.

Gemeinsam mit seinen zwei Brüdern gehörte Stauffenberg dem Kreis um den deutschen Dichter Stefan George an, dessen anfänglicher, elitärer Glaube an eine l'art pour l'art 1928 in "Das neue Reich" mündete. Diese Schrift war ein Plädoyer für eine neue Gesellschaftsordnung, für eine streng hierarchisch gegliederte Aristokratie des Geistes, später missverstanden als Apologie für das heraufdämmernde NS-Regime.

Im seinem kleinen George-Kreis hatte der Dichter seine Ziele bereits verwirklicht, er war ein gestrenger "Seelenführer im kultischen Sinn" wie der George-Deuter Manfred Riedel schrieb. Er etablierte einen (Ver-)Führerkult, der auch um Männerliebe kreiste (bis hin zur Päderastie), schwor seine Zöglinge mit dem Gestus des Propheten ein auf seine sphärisch anmutende Vision einer neuen Zeit.

Apolitisch war George dennoch nicht: Er verachtete Bismarck, den kühlen Realpolitiker par excellence - und bewunderte den kühnen Eroberer Napoleon für seinen Tatendrang. Die geistige Co-Vaterschaft für den Nationalsozialismus leugnete George nie, selbst wenn er sich vom Regime nicht vereinnahmen ließ.

Der Jünger Stauffenberg, im Geiste gereift an einem sektiererischem Tatmensch und beseelten Weltverbesserer: Von dieser Prägung des Widerständlers will "Operation Walküre" eigentlich gar nichts erzählen. Und dennoch sehen wir sie in den besten Szenen aufblitzen - dank Tom Cruise.

Wenn etwa Cruise seinen Stauffenberg, den er ansonsten eher unterkühlt spielt, mit Verve über die palavernden Herren Politiker im Verschwörerkreis herzieht, steht er plötzlich vor uns, Stauffenberg, der Mann der Tat.

Unwillig, kostbare Zeit mit Geschwätz zu vergeuden, verfolgt er nur ein Ziel: Tod dem Tyrannen. Auch die am Attentat beteiligten Offiziere verkommen im Film (historisch völlig überzogen) fast ausnahmslos zu Zauderern, die allein der vor Entschlusskraft berstende Tatmensch Stauffenberg vor sich hertreibt. Mangelnden Mut wirft er ihnen vor, ruft mehrfach und wörtlich zur "Tat" auf, fordert wiederholt ein: Handeln!

Und wenn Cruises ansonsten wortkarger Stauffenberg den Aufstand organisiert, energisch in Blick und sichtbar mühsam kontrolliert in seiner Bewegung, verleiht er ihm eine Aura unbedingter Entschlossenheit, dann strahlt er einen heiligen Ernst aus, dann haftet ihm etwas Getriebenes an.

Sicher, wir haben einen American Action Hero vor uns, der sich dem Schicksal stellt - und der lendenlahmen Politik entgegen; eine Figur, wie sie der klassischen Logik Hollywoods folgt.

Aber es ist eben auch ein Auftritt der Medienfigur Cruise. Des Mannes, der 2006 bei der Talkmasterin Oprah Winfrey in frischerblühter Liebe zu Katie Holmes so obsessiv über die Couch gehopst war, dass man sich in einer Teenie-Komödie wähnte. Der einst mit wutfunkelndem Blick seine Kollegin Brooke Shields für ihr Bekenntnis zu Antidepressiva attackierte, die ja unter Scientologen als Teufelszeug gelten.

Der also, einem Maniker gleich, stets unter unmenschlicher Spannung zu stehen scheint, selbst wenn er strahlend lächelt. Und der in Deutschland so umstritten ist, wie vielleicht nirgends sonst auf der Welt: Man kann in Deutschland nicht an Cruise als Stauffenberg denken - und dabei Scientology vergessen.

Anfang 2008 tauchte ein internes, etwas betagtes Video auf, das Cruise wohl die mit Abstand schlechtesten Schlagzeilen in Deutschland seit langem bescherte (ZDF-Historiker Guido Knopp verglich Cruise deswegen sogar mit Goebbels). Die bizarre Aufnahme zeigt den Schauspieler, wie er - man muss es so sagen - vor Scientology-Anhängern predigt. Fanatisch und von einer Mission beseelt präsentiert er sich, neben ihm steht Scientology-Chef David Miscavige.

Cruise schwärmt bei seinem Auftritt davon, wie erfüllend es sei, "dabei zu sein", und schwadroniert voller Inbrunst darüber, wie wichtig es sei, "etwas zu tun". Es geht dabei um nichts weniger, als die Welt zu retten. Da steht er plötzlich vor uns: Tom Cruise, Weltverbesserer, Mann der Tat.

Auf absurde Weise fallen sie in diesem Punkt zusammen, das Image des Schauspielers und das Leben des Attentäters. Tom Cruise, Anhänger einer obskuren Organisation mit zweifelhaftem Geschäftsgebaren und Weltbesserungsanspruch. Und Hitler-Attentäter Claus Graf Schenk von Stauffenberg, Jünger eines fragwürdigen, esoterischen Künstlerkultes.

Und so weit die geistigen Wurzeln der beiden natürlich auseinander liegen, so sehr ihr persönlichen Motive, das Zeitalter, in dem sie Leben, so sehr das alles ja so offensichtlich nicht zu vergleichen ist, wird plötzlich doch plausibel: darum kann ausgerechnet der so verfemte Cruise der Figur Stauffenbergs biografische Fülle geben.

Oft ist es ja ein Unglück, wenn ein Schauspieler von seinem Image aufgefressen wird. Cruise darf sich in diesem Fall dafür bedanken.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
kdshp 21.01.2009
1. Aw
Zitat von sysopEin mieses Image frisst einen Schauspieler allmählich auf - doch Tom Cruise kann genau dafür dankbar sein. Sein Ruf als besessener Sektierer wird in "Operation Walküre" zum Geschenk: Der Star schafft es, aus der Rolle des Hitler-Attentäters Stauffenberg das Letzte herauszukitzeln. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,602244,00.html
Hallo, der film ist eher mittelmaß und sorry der schauspieler herr cruise paßt irgendwie nicht in die rolle ist meine meinung.
Eutighofer 21.01.2009
2. Joachim Fest "Staatsstreich"
Ich habe den Film noch nicht gesehen, deshalb kann ich ihn nicht beurteilen. Mir ist nicht klar, wieso der Film mit Cruise so oft in den Medien auftaucht. Es gibt hervorragende Werke über Stauffenberg, wie z.B. Joachim Fests Buch "Staatstreich", über dieses Buch lohnt es sich vermutlich mehr zu diskutieren wie über den aktuellen Film. Und irgendwelche Paralellen zwischen Cruise und Stauffenberg sind an den Haaren herbeigezogen. Paralellen zwischen Biographien im 3. Reich und im Filmbusiness von heute kann ich nicht erkennen.
tetaro 21.01.2009
3. Gar nicht so verkehrt
Ich denke schon, dass Cruise nicht die schlechteste Besetzung ist, und dass amerikanische Filme nicht in das deutsche Fernsehspiel-Szenario passen, muss man eben akzeptieren. Cruise wird häufig unterschätzt, tatsächlich hat er ein ziemlich weitreichendes Ausdrucks-Spektrum, was einen ganz bestimmten Typus repräsentiert, jemanden, der zwischen totaler Krise und überschwänglichem Handeln pendelt. Der entscheidende Vorteil an dieser Verfilmung ist, dass viele Amerikaner vermutlich erstmalig in ihrem Leben erfahren werden, dass es einen deutschen Widerstand gegeben hat. Manchmal kommt es mir vor, dass die Deutschen ihre liebgewonnenen Dritte-Reichs-Spektakel so gern haben haben wie "Dinner for One" am Silversterabend. Und wehe, jemand will das mal in Farbe zeigen.
christiane006, 21.01.2009
4. der Wolf im Schafspelz
Zitat von sysopEin mieses Image frisst einen Schauspieler allmählich auf - doch Tom Cruise kann genau dafür dankbar sein. Sein Ruf als besessener Sektierer wird in "Operation Walküre" zum Geschenk: Der Star schafft es, aus der Rolle des Hitler-Attentäters Stauffenberg das Letzte herauszukitzeln. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,602244,00.html
Wenn wir aus der Biografie eines Claus Schenck Graf von Stauffenberg etwas lernen sollten, dann die Tatsache, dass wir Faschisten die Tür vor der Nase zuschlagen sollten. Herr Cruise gehört einer faschistischen Organisation in leitender Position an. Scientology ist streng hierarchisch geordnet, oben wird angeordnet und unten ausgeführt. Neueinsteiger werden gnadenlos finanziell ausgebeutet. Kritiker des Systems gnadenlos verfolgt und terrorisiert. Meinungsfreiheit? Fehlanzeige! Das sind genau die Methoden, die Widerstandskämpfer im 3. Reich bekämpft haben und dafür einen hohen Preis bezahlt haben. Wie kann man einem Vertreter einer derart verbrecherischen Organisation, eine solche Aufmerksamkeit schenken. Ich mag die Amerikaner, aber auf diesen Herrn, ganz speziell gemünzt, kann man nur fordern: Ami go home! Das hat Graf von Stauffenberg nicht verdient.
cochran, 21.01.2009
5. stauffenberg film
Schwulstiges Geschwätz über eine mittelmäßigen Hollywood Film, und einem Versager, der es nicht fertig brachte einen Kerl aus nächster Nähe zu erledigen. Themen aus dieser Zeit kotzen mich langsam an, dienen sie doch dazu schwachen Schreiberlingen darzulegen wie lupenrein demokratisch doch wir Neudeutschen im Grunde unseres Herzens sind. Armselig!
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