Stauffenberg-Film Mit dem Zweiten sieht man besser

Der Action-Star Tom Cruise spielt Stauffenberg - ob das gutgeht? "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher meint: mehr als das! Der Hollywood-Held ist nach seiner Auffassung eine Ikone der Gegenwart, die mit dem Film den Blick des Auslands auf Deutschland revolutionieren wird.


Wie viele seiner Kollegen sieht sich Bryan Singer, der zuletzt "Superman Returns" gedreht hat, seine Filme im Kino nicht mehr an. Tom Cruise geht manchmal unbeobachtet in Filmvorführungen. Man kennt jede Szene, jede Einstellung, jedes Wort, sagt Singer, wieder und wieder. Man gibt sich solche Mühe mit Ton und Bild; und dann ist es im Kino total übersteuert, und die Leinwand vergilbt, sagt Tom Cruise.



Die Deutschen haben ihren eigenen Film. Wieder und wieder: das Dritte Reich, der Untergang, der 20. Juli. Die Deutschen haben Hitler und sein Reich als Kino im Kopf. Sie kennen jede Einstellung, jedes Wort, jede Szene. Weil das Dritte Reich sich selbst als Film begriff, läuft es ab wie in einer Endlosschleife. Ungezählte Filme, Dokumentationen und all die Wissenschaftler, aber es scheint immer wieder von vorne zu beginnen. Man gibt sich solche Mühe, und dann ist die Leinwand vergilbt.

Drei immer noch relativ junge Männer namens Bryan Singer, Jahrgang 1965, Tom Cruise, Jahrgang 1962, Christopher McQuarrie, Jahrgang 1968, die sich in diesem Augenblick in Babelsberg befinden – dort, wo Goebbels das Dritte Reich in unseren Köpfen erfand –, waren in diesem System nicht vorgesehen. Jetzt verändern sie das System.

Zwei Finger an Tom Cruise' linker Hand sind von einer schwarzen, gummiartigen Substanz überzogen. Wenn er beim Essen gestikuliert, wirken sie wie ein geheimer Code für geheime Eingeweihte. Allerdings kein Code für den Verfassungsschutz. Es sind die Markierungen, an denen der Regisseur später die Finger abschneiden wird. Stauffenberg fehlten zwei Finger der linken Hand. Im Film werden sie Tom Cruise durch Bildbearbeitung amputiert.

Original und Fälschung: Finden Sie die Fehler, die sich im rechten Bild versteckt haben. Jeder kennt diese Bilderrätsel. So ungeheuer ähnlich ist der amerikanische Schauspieler Tom Cruise dem historischen Bildnis Stauffenbergs, dass es einzig diese schwarze Markierungen sind, die sein Äußeres vom Original unterscheiden. Wir sind mit der Ikone Stauffenberg groß geworden. In fast jedem Geschichtsbuch gab es immer wieder die zwei gleichen Fotos: Stauffenberg im Profil und das berühmte Foto vom 15. Juli 1944, das einzige, das Stauffenberg und Hitler zusammen zeigt.

"Schauen Sie sich an, wie er dasteht", sagt Tom Cruise, als läge das Foto vor uns auf dem Tisch, "Stauffenberg steht extrem aufrecht, leicht nach rechts gewendet, aber wirklich auffällig aufrecht. Und er trägt die Aktentasche, in der fünf Tage später die Bombe hochgeht." Wer ihn auf dem Set beobachtet, kann keinen Zweifel haben, dass Tom Cruise dieses Foto bis in alle Details der Körpersprache studiert hat. Er ist für ein paar unwirkliche Momente Stauffenberg, aber er ist auch Tom Cruise.

Auch Cruise ist eine Ikone und ohne Zweifel einer der berühmtesten Menschen der Gegenwart. Wenn Ruhm, diese einst militärisch-ästhetische Kategorie, eine aktuelle Entsprechung hat, dann in ihm. Und es streift einen eine Ahnung von der möglichen Wirkung dieses Films, wenn einem diese Ikone der Gegenwart nicht nur in der Uniform eines deutschen Wehrmachtsoffiziers, sondern auch noch mit der Maske Stauffenbergs begegnet, um, während eines langen Nachmittags, über Hitler und Roosevelt, über Albert Speer und Major Remer und die stillstehende Zeit zwischen 1945 und 1989 zu sprechen.

"Das Deutschland des Jahres 1944 war nicht auf einem anderen Planeten, es war nur weit von Amerika entfernt", sagt Tom Cruise, während sein Jugendfreund, der die Küche betreut, eine wirklich unfassbare und unvergessliche Torte serviert. "Er hat mir versprochen, mich mitzuziehen, wenn er Karriere macht", sagt Cruise über den Koch, und der fühlt sich bemüßigt, zurückzukommen und vertraulich zu erklären: "Glauben Sie Tom nicht. Kein Wort wahr. Es war umgekehrt. Tom hat die Karriere gemacht, und ich bin seit dreißig Jahren dabei. Ich bin jetzt weit über sechzig. Immerhin ist Tom genauso alt wie ich."

Tom Cruise und Bryan Singer – geboren in New York und ein Mann, der seit seinem Film "Die üblichen Verdächtigen" zu Recht als einer der klügsten Regisseure Hollywoods gilt – wissen nicht nur, wovon sie reden, sie wissen mehr davon als der Großteil der deutschen Öffentlichkeit. "Ich traue Speer nicht", sagt Cruise, "er war am Abend des 20. Juli am Bendler-Block, aber sein Bericht wirkt so künstlich."

Beim Verwandeln nackter Daten und Fakten in den Film werden Wahrscheinlichkeiten neu sortiert, bestimmte Behauptungen stellen sich als unlogisch oder gar unmöglich heraus, und dazu zählt auch Speers Behauptung, am 20. Juli trotz der Nachricht vom Attentat bis zum frühen Nachmittag normal weitergearbeitet zu haben. Singer rekapituliert, aus dem Kopf, die selbst für Eingeweihte komplizierten Beziehungsstrukturen zwischen militärischem und zivilem Widerstand.

Sähe man den Regisseur irgendwo in Berlin-Mitte, man würde ihn für den Szenekritiker des deutschen "Vanity Fair" halten können, der sich im "Grill Royal" über die Editorials seines Chefs beschwert. Tut er aber nicht und ist er auch nicht: Bryan Singer ist dabei, einen Film zu drehen, der, wenn nicht alle Zeichen trügen, Deutschland mehr verändern wird als irgendein anderer denkbarer Film der letzten Jahrzehnte. Diese Veränderung wird eine Veränderung des Blicks sein, den das Ausland auf uns wirft und der uns verändern wird, ob wir wollen oder nicht.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
sam clemens, 02.09.2007
1. Was???
Was ist denn das für ein Text? Falls der Film unser Stauffenberg-Bild für die kommenden Jahrzehnte prägen sollte, spräche das entschieden gegen uns (nicht unbedingt gegen den Film). Ist denn ein Film tatsächlich wirkmächtiger als die Berichte der Zeitgenossen, die vielen, oft hervorragenden Dokumentationen, die historische Detailforschung? Brauchen wir - beinahe wie Analphabeten - die Belehrung durch Bilder? Ich glaube nicht. Auf Einzelheiten einzugehen, lohnt jetzt noch nicht. Schirrmacher Text ist meist banal, das Pathos wirkt unecht oder peinlich und die Beschreibung des historischen Sachverstandes in unserem Land geht an der Realität völlig vorbei.
chribo, 02.09.2007
2.
Die schauspielerischen Leistungen von Tom Cruise sind meines Erachtens nicht gerade berauschend. Der Gipfel seiner bisherigen Laufbahn besteht darin, dass er den Film 'Eyes wide shut' von Stanley Kubrick ruinierte. In bleibender Erinnerung, wie der weltberühmte Tom Cruise in einer Kurzeinstellung von zwei Nebendarstellern (Buttler und Partybesucher) in weniger als fünf Sekunden als Diletant demaskiert wird. Und dieser Diletant, der auf einer deutschsprachigen Provinzbühne wohl keine Aussicht auf eine Hauptrolle hätte, wird als Geschichtsvisionär gefeiert? - chribo PS: Mein Beileid gilt allen Abgängern von Schauspielakademien, die mehr gelernt haben als dämlich zu grinsen und mit einer übertriebenen alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und trotzdem keine gut bezahlten Rollen kriegen.
Permutator 02.09.2007
3. Schirrmacher ist eben nicht Fest
Schirrmacher wirkt mit seinem bemühten aufgeblähten Pathos, als habe er sich kaufen lassen. Auch dass er Scientology als Religion bezeichnet, spricht für sich. Nur in einem Punkt hat er vermutlich recht: Wie Hollywood durch Schindlers Liste, Soldat James Ryan und Der Pianist Fehlinterpretationen der deutschen Geschichte verbreitete, so wird es auch dieser Film tun und sich in die Köpfe der klassenweise in die Kinos gekarrten Schüler implantieren. Keine nüchterne, analytische Darstellung, wie z.B. der Zweiteiler von Fest aus den 70er Jahren, in dem er noch Zeitzeugen auftreten lies, die für sich selbst sprachen, kommt gegen den computeranimierten Hokuspokus an. Ob die beiden Finger nun Bild für Bild wegretouchiert werden oder nicht, ist doch völlig belanglose Effekthascherei, die Scheinauthentizität schaffen will und in deren Huckepack übliche antideutsche Schwarzweißklischees transportiert werden.
angel29.01, 02.09.2007
4. Abwarten
Der Autor übertreibt maßlos! Aber ich man Tom Cruise und werde mir den Film anschauen. Egal ob er nun bei Scientology ist, oder nicht! Beschränktes Deutschland!
d.aust 02.09.2007
5. Wie bitte?
Christopher McQuarrie, der Autor von "Valkyrie" hat bis 2002 nichts von Stauffenberg gewusst? Auf der Grundlage eines so "historisch fundierten" Autors soll also ein Film entstehen, der das deutsche Selbstverständnis revolutionieren wird? Hollywood soll den Deutschen nun, nach jahrzehntelanger moralischer und mehr noch wissenschaftlicher Aufarbeitung, ihre eigene Geschichte erklären? Bei allem Verlangen auch Sichtweisen jenseits des eigenen Tellerandes zuzulassen, dieser Anspruch wäre doch anmaßend!
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