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Schauspieler Stellan Skarsgård: Der Bassist des Weltkinos

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Von "Nymphomaniac" bis "Medicus" reichen die Auftritte von Stellan Skarsgård. Zur Krönung eines intensiven Arbeitsjahres holt der schwedische Filmstar in der schwarzen Komödie "Einer nach dem anderen" den Schneepflug raus.

Stellan Skarsgård ist kein Kostverächter: Er spielt für Lars von Trier und für Joss Whedon. Er gewann 1998 den Europäischen Filmpreis für die "beste europäische Leistung im Weltkino", und er verpasste acht Jahre später knapp den "Chainsaw Award" des Horrormagazins "Fangoria". Er wirft sich mit Verve in die Überzeichnungen manches Genrefilms und zieht sich weit in sein Inneres zurück für die stilleren Rollen - und er spricht neben Schwedisch und Englisch auch noch Deutsch und Französisch, jedenfalls, wie er bescheiden sagt, "gut genug, um im Restaurant etwas zu essen zu bestellen."

Die Thrillergroteske "Einer nach dem anderen", Skarsgårds nunmehr vierte Zusammenarbeit mit dem norwegischen Regisseur Hans Petter Moland ("Ein Mann von Welt"), beendet ein künstlerisch turbulentes Jahr für den 63-Jährigen. Skarsgård spielt Nils Dickmann, einen schwedischen Immigranten in Norwegen, bestens integriert, gar auf dem Weg in die Kommunalpolitik - bis sein Sohn der Drogenmafia zum Opfer fällt und Nils sich auf einen blutigen Rachefeldzug macht, der ihn und seinen mächtigen Schneepflug mitten hinein führt in einen Bandenkrieg zwischen einheimischen und serbisch-stämmigen Dealern.

Neben Skarsgård und Bruno Ganz, der den Boss der Serben verkörpert, spielt der norwegische Winter die dritte Hauptrolle des Films: "Teilweise ging es runter bis auf minus dreißig Grad", erinnert sich Skarsgård. "In manchen Szenen sieht man, dass ich die Muskulatur im Gesicht kaum bewegen konnte - was andererseits aber auch ganz gut zu meiner Figur passt." Stoisch, aufrecht, wie ein furchteinflößendes Symbol der Vergeltung stapft der hochgewachsene Skarsgård durch den Film, allen Schmerz und alle Zweifel, die den Musterbürger Nils Dickmann, der sich schon einen Gewehrlauf in den Mund geschoben hatte, plagen müssen, verschließt er tief in seinem schockgefrosteten Herzen.

Von Größe und Wahrhaftigkeit

Einen Winter zuvor, an Weihnachten 2013, konnte man in den deutschen Kinos noch einen ganz anderen Skarsgård sehen. In Philipp Stölzls Verfilmung von Noah Gordons "Der Medicus" spielte er einen fahrenden Bader, den ersten Mentor des wissbegierigen Titelhelden. Ein mürrisches und gleichzeitiges sympathisches Großmaul ist dieser Typ, der seine Dienste mit großer Geste anpreist, der die fettigen Locken um den Kopf wirbelt und im Zorn die Oberlippen hebt, als wolle ihm gleich ein gequältes Knurren entfahren.

"Diese Rolle hat mich genau deswegen gereizt, weil ich sie expressiv anlegen konnte", sagt Skarsgård. Bei der Berlinale 1982 gewann er für "The Simple-Minded Murderer" den Silbernen Bären als bester Darsteller, er spielte darin einen Mann, der wegen seiner Hasenscharte für einen Idioten gehalten wird. In seiner Heimat Schweden war Skarsgård damals durch seine Arbeit fürs Fernsehen bereits ein Star. Nun wurde die europäische Arthouse-Öffentlichkeit auf ihn aufmerksam. "Damals habe ich beschlossen, dass es so etwas wie Overacting für mich nicht gibt", erinnert er sich. "Die Gewaltigkeit des Ausdrucks muss aber immer zum Ton des Films passen. Die Größe ist eigentlich egal, solange man wahrhaftig bleibt."

Der internationale Durchbruch kam trotz Berlinale-Erfolg viel später, erst 1996 mit Lars von Triers "Breaking the Waves". Skardsgård spielte den paralysierten Jan, der vom Krankenhausbett aus zusehen muss, wie sich seine Ehefrau (gespielt von Emily Watson) in falsch verstandenem religiösen Eifer für ihn aufopfert. "Breaking the Waves" wurde für den Golden Globe und den Oscar nominiert, fortan kamen die Angebote aus Hollywood: 1997 trat Skarsgård sowohl in Steven Spielbergs Sklavereidrama "Amistad" als auch in Gus van Sants "Good Will Hunting" auf. Für diesen Doppelschlag erhielt er schließlich den eingangs erwähnten Europäischen Filmpreis.

Seitdem springt Skarsgård mühelos zwischen Kontinenten und Erzählformen hin und her. Treu ist er gewissermaßen nur Schweden als Wohnort und den Regisseuren Moland und Trier geblieben. Mit letzterem hat er in diesem Jahr seinen bereits fünften Film gedreht, "Nymphomaniac 1+2", für den Skarsgård vor Kurzem als bester Darsteller für den Europäischen Filmpreis nominiert worden ist. In dem kontroversen Epos spielt er den asexuellen Seligman, der sich Charlotte Gainsbourgs Nymphomanin als Beichtvater anbietet.

Ein starker Schauspieler, aber kein Star

"Ich mag Figuren, die Erfahrungen mit den düsteren Seiten des Lebens gemacht haben", erklärt er. Sein Glück ist es, zu den wenigen Schauspielern zu gehören, die abgründige Charaktere, ja bisweilen recht eindimensional gezeichnete Schwerverbrecher darstellen können, ohne fortan auf die Rolle des Antagonisten festgenagelt zu bleiben. "Ich spiele die Basstöne, die nötig sind, damit die Flöten ihre Melodie entfalten können."

Diese Betonung der Kombinatorik und des Zusammenspiels in einem Ensemble taugt zum einen sicher wunderbar als Utopie einer kooperativen Kunst. Aber gleichzeitig degradiert Skarsgård sich selbst damit auch im Beruf zum Ermöglicher, zum Diener im Namen der Solisten. Womöglich steckt darin auch eine bittere Prise Wahrheit: Stellan Skarsgård ist ein starker Schauspieler, der auffallend häufig im Kino zu sehen ist und ebenso häufig beeindruckt. Aber er ist kein Star.

Kompensiert er seinen fehlenden Status vielleicht mit seiner Dauerpräsenz? Oder ist es schlicht fehlende Eitelkeit, die ihn dazu bringt, auch kleine Nebenrollen in unbedeutenden Produktionen anzunehmen? "Manchmal geben die Kollegen den Ausschlag, manchmal das Skript und manchmal die Gage", erklärt Skarsgård. "Ich achte auch darauf, mich nicht zu wiederholen."

Stellan Skarsgård wirkt womöglich auch deshalb so sympathisch, weil er sich nicht die geringste Mühe gibt, all die Widersprüche zu verdecken, die es in jeder Schauspielkarriere nun einmal gibt, vermutlich geben muss. Im kommenden Jahr jedenfalls wird er wieder seinen einzigartigen Skarsgård-Mix an Filmen in die Kinos bringen: Neben einem Auftritt als psychisch versehrter britischer Kriegsveteran ("Quarry") wird er noch in Kenneth Branaghs Märchenfilm "Cinderella" und in "Avengers 2" zu sehen sein. In Joss Whedons Blockbuster wird er den Astrophysiker Erik Selvig spielen - nach dem ersten "Avengers"-Film sowie den zwei "Thor"-Teilen bereits zum vierten Mal. Ein bisschen Kontinuität scheint Skarsgård dann doch zu mögen.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Ein großartiger Schauspieler
noalk 20.11.2014
Der dazu noch mit einem herausragenden Durchschnittsgesicht gesegnet ist, mit dem er in jede Rolle passt. Zum Glück nicht in die des Sexiest Man Alive. Oder doch?
2.
nichzufassen 20.11.2014
Einer der ganz wenigen (auch Michael Caine ist so einer), die glaubhaft so gut wie alles spielen können. Der sollte sich mal eine richtig tragende Rolle zutrauen
3. Er spielte
Hornblower, 20.11.2014
in "Tiefe Sehnsucht" auch schon mit William Fichtner.Damit eine dritte Staffel von "Crossing Lines" produziert wird, packt doch die Beiden in eine lange Geschichte.Bitte.Dorothee Sehrt-Irrek
4.
buerger_nr_x 20.11.2014
Eine wunderbare Analogie (der Bassist / DER Bassist) zu einem wunderbaren Schauspieler, der das "DER Bassist" ganz sicher nie von sich sagen würde, dafür liebt er die wohl Schauspielerei zu sehr ganz ohne Eitelkeiten.Und das macht Ihn dann genau zu dem, was er still und heimlich ist, einer Marke (einem Markenzeichen), dem Merkmal also, das einen wirklichen "Star" ausmacht, ohne dass er ein "Star"-Management um sich herum braucht.Und zum Glück weiß er wohl auch, dass er da nicht der Einzige ist und verschmäht so, sich über Andere heben zu lassen, obwohl das Bewunderer ganz schnell machen. (== Ein Star zu sein.)Diese wunderbare Analogie hält also uns, dem Publikum, einen Spiegel vor, denn wir sind die, die einen Star (einen König, das Besondere) in unserem Tun und Denken erst erschaffen.
5. Hat er doch
noalk 20.11.2014
Zitat von nichzufassenEiner der ganz wenigen (auch Michael Caine ist so einer), die glaubhaft so gut wie alles spielen können. Der sollte sich mal eine richtig tragende Rolle zutrauen
Z.B. in "Ein Mann von Welt". Großartiges Drehbuch, grandios gespielt.
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