Biopic über Stephen Hawking "Die richtige Frau zur richtigen Zeit"

Das Biopic "Die Entdeckung der Unendlichkeit" erzählt die Liebesgeschichte zwischen Stephen Hawking und seiner ersten Frau Jane, ohne die es der Wissenschaftler wohl nie zu Weltruhm gebracht hätte. Eddie Redmayne brilliert in der Rolle des genialen Physikers.

Universal

Von


Zweieinhalb Jahre habe er noch zu leben, sagten die Ärzte. Die Signale des Gehirns würden zunehmend nicht mehr an die Muskeln gesendet werden, schließlich würden im Körper des jungen Mannes nur noch Herz, Lunge und Gehirn funktionieren. Sein Körper verfalle, während der Verstand unbeeinträchtigt bleibe.

Mehr als 50 Jahre ist das nun her. Stephen Hawking lebt seitdem mit der nervenzerstörenden Krankheit ALS, er sitzt im Rollstuhl und teilt sich über einen Sprachcomputer mit - und er ist zu einem der bekanntesten Wissenschaftler unserer Zeit geworden. Er berechnete, dass auch Schwarze Löcher Strahlung abgeben, die Hawking-Strahlung. In seinem Buch "Eine kurze Geschichte der Zeit" erklärte er physikalische Theorien so, dass auch Laien sie verstehen konnten - das Werk verkaufte sich millionenfach. 1992 erschien ein gleichnamiger Dokumentarfilm dazu, der nicht nur seine bahnbrechenden Theorien zum Anfang der Zeit, sondern auch die Person Hawking zu erklären versuchte.

Mit dem Biopic "Die Entdeckung der Unendlichkeit" gibt es nun einen weiteren Film über das außergewöhnliche Leben des Astrophysikers. Im Mittelpunkt der Erzählung steht jedoch weniger Hawking, der Wissenschaftler, sondern die Liebesbeziehung zu seiner ersten Frau Jane. Ihre Memoiren "Die Liebe hat elf Dimensionen: Mein Leben mit Stephen Hawking" sind die Grundlage des Films und eröffnen einen ganz neuen Blick auf den weltweit gefeierten Physiker - aber auch auf die Frau, die viele Jahre an seiner Seite war.

Fotostrecke

13  Bilder
Hawking-Biopic: Wie alles begann
Die Verfilmung von Regisseur James Marsh zeigt Hawking (gespielt von Eddie Redmayne, "Les Misérables") zunächst als unbeschwerten Studenten der Universität Cambridge, der zwar extrem intelligent ist, aber die Abende lieber mit Freunden und Bier verbringt als mit den Aufgaben des Professors. Eine Party wird schließlich zum Wendepunkt in seinem Leben: Er trifft Jane (Felicity Jones) und verliebt sich in die Geisteswissenschaftlerin. Doch kurz darauf folgt die Diagnose, die sich für ihn wie ein Todesurteil anfühlen muss.

Bald fällt dem damals 21-Jährigen das Koordinieren seiner Bewegungen schwer, die Füße verdrehen sich, die Finger lassen sich nicht mehr vollständig bewegen. Apathisch verbringt er seine Tage von da an im Pyjama in seinem Zimmer oder vor dem Fernseher - bis Jane wieder auftaucht und ihn zwingt, noch eine Partie Krocket mit ihr zu spielen. Hawking schleppt sich letztlich strauchelnd über das Spielfeld, während Jane danebensteht - zitternd und weinend vor Schock. Trotzdem entschließt sie sich, bei ihm zu bleiben. Sie heiraten und bekommen drei Kinder.

Großes Spiel mit minimalen Gesten

Und so ist "Die Entdeckung der Unendlichkeit" das Porträt einer Liebesbeziehung, die allen Widrigkeiten zu trotzen versucht. Dieser private Teil seiner Vita wurde auch zu einem Wendepunkt in Hawkings wissenschaftlicher Laufbahn. Eigentlich habe er seine Forschungsarbeit nicht fortsetzen wollen, weil ihm die Ärzte nur noch kurze Zeit zu leben gegeben hatten, sagt er selbst in dem Dokumentarfilm von 1992. Die Verlobung mit Jane habe ihm dann einen Grund zum Leben gegeben - und zum Forschen, schließlich musste er sich einen Job suchen. "Sie war die richtige Frau zur richtigen Zeit", sagt Hawkings Mutter.

Diese Verbindung zwischen der Liebesbeziehung und der intellektuellen Leistung Hawkings wird in dem Biopic weniger deutlich; die Entwicklungen seiner Doktorarbeit und späterer Theorien werden eher oberflächlich abgehandelt. Regisseur Marsh (Oscar-Preisträger für den Dokumentarfilm "Man on Wire") zeichnet dazu in weichen Farben das Bild eines humorvollen, aber schwer kranken Ehemannes und das einer Frau, die stoisch versucht, die Fassade einer normalen Familie aufrechtzuerhalten, bald aber an ihre Grenzen stößt.

Die Dramatik, die dieser Konstellation innewohnt - in ihrem Buch schreibt Jane, dass nur noch der Gedanke an ihre Kinder sie von einem Freitod abgehalten hätte -, inszeniert Marsh subtil. Im Film reagiert Jane etwa auf die nachdrückliche Ansage ihres Mannes, trotz mehrmaliger Erstickungsanfälle keinen Arzt konsultieren zu wollen, indem sie in einem verlassenen Waldstück in sich hinein weint. Janes Lage wird nochmals vertrackter, als sie sich auf der Suche nach Ablenkung im Kirchenchor in den Leiter der Gesangsgruppe verliebt. Sie ist zusehends hin- und hergerissen, was auch ihr Mann bemerkt. Der akzeptiert schließlich die Anwesenheit des Nebenbuhlers. Doch dann kommt es erneut zu einer Zäsur, und Jane entscheidet sich abermals, ganz für ihren Ehemann da zu sein.

Parallel zu dieser emotionalen Gemengelage muss sich Hawking selbst mit den Auswirkungen seiner Krankheit arrangieren, mit den anfänglichen Stolperern und der späteren Bewegungslosigkeit. Hauptdarsteller Redmayne schafft es, diesen inneren Kampf genauso wie die Unerschütterlichkeit Hawkings mit minimalen Gesten zu vermitteln. Als Hawking letztlich als Folge einer Operation verstummt und sich somit kaum noch mitteilen kann, verleiht ihm Redmayne allein durch das Muskelspiel im Gesicht eine ganz eigene emotionale Tiefe.

Der Brite, der selbst an der Universität Cambridge studiert hat, bereitete sich akribisch auf diese Herausforderung vor. Für seine Leistung bekam Redmayne von den Kritikern in den USA bereits viel Lob, er ist für einen Golden Globe nominiert und gilt als Oscar-Anwärter. Letztlich ist es dann auch sein Spiel, das "Die Entdeckung der Unendlichkeit" von einem konventionellen zu einem außergewöhnlichen Film macht und Hawking auch denen nahebringt, die sich bislang nicht für den Wissenschaftler interessiert haben.

Die Entdeckung der Unendlichkeit
    Großbritannien 2014

    Originaltitel: The Theory of Everything

    Regie: James Marsh

    Buch: Anthony McCarten

    Darsteller: Eddie Redmayne, Felicity Jones, David Thewlis, Emily Watson, Charlie Cox

    Produktion: Le Grisbi Productions, Crave Films, Huayi Brothers Media

    Verleih: Working Title Films

    Länge: 123 Minuten

    Start: 25. Dezember 2015

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
noalk 25.12.2014
1. geadelt
Hawking war offensichtlich von dem Film und Redmaynes Leistung so angetan, dass er gestattete, seine unter Urheberschutz stehende Computerstimme für den Film zu verwenden.
Websingularität 25.12.2014
2. Nach allem was mir so erzählt wurde, ...
gibt es nicht "die" richtige Frau für's Leben. Es gibt nur die richtige Frau zum richtigen Anlass. Oder zur richtigen Lebensphase. Wie kann man sich so lange festlegen? Es trägt ja auch kaum jemand jahrelang die gleichen Klamotten. Kommt drauf an, was man im Leben vorhat. Familie gründen, Karriere machen, etc.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.