Sterbedrama "Biutiful" Passion eines Ghetto-Messias

Von "Babel" ins Prekariat Barcelonas: Alejandro González Iñárritu erzählt in seinem neuen Film "Biutiful" die Geschichte eines Menschenschmugglers, der seine Seele retten will, bevor er stirbt. Hauptdarsteller Javier Bardem bewahrt das Drama vor der Pathos-Falle.

PROKINO

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Für manche Sünden gibt es keine Absolution, und wer erst einmal im falschen Leben angekommen ist, kann fast nichts mehr richtig machen. Das erlebt Uxbal, die Hauptfigur von "Biutiful", am eigenen Leib. Weil die Schmerzen beim besten Willen nicht mehr auszuhalten sind, geht er zum Arzt. Diagnose: Prostata-Krebs im fortgeschrittenen Stadium, Uxbals Tage sind gezählt. Was macht man nun mit der verbliebenen Zeit? Innehalten, in Schockstarre oder gar Depression verfallen?

Dafür hat Uxbal keine Zeit: Tagsüber betreut er eine Drogendealer-Gang und schleust illegale chinesische Billiglöhner ins Land, die er an Großbaustellen vermittelt, abends muss er seine beiden kleinen Kinder bekochen, die seit der Trennung von seiner psychisch kranken Frau Marambra bei ihm in seiner rummeligen kleinen Wohnung leben.

Hin und wieder stellt er seine übersinnlichen Fähigkeiten in den Dienst von trauernden Angehörigen: Uxbal kann mit Toten, die keine Ruhe finden, kommunizieren und agiert als Überbringer letzter Nachrichten an die Verwandten. Nachdem sie Uxbal ihre finalen Worte, Beweggründe oder Grüße übermittelt haben, finden sie ewige Ruhe.

Kurzum: Etliche Existenzen stützen und verlassen sich auf Uxbal, der im bunten, multiethnischen Viertel El Raval, mitten in der Altstadt Barcelonas, wie Jesus im Barrio wirkt: Für jeden hat er Zuspruch oder ein paar Euro aus dem Bündel in seiner Hosentasche, selbst wenn es Polizisten sind, die er schmieren muss. Wer aber kümmert sich um ihn?

So kalt war es in Barcelona noch nie

Niemand. Uxbal muss sich selbst helfen. Um keinen Preis der Welt möchte er als einer jener rastlosen Geister enden, zu denen er in der Stille der Leichensäle spricht. Also versucht er, Ordnung in sein Leben und sein Sündenregister zu bringen, um Erlösung zu erfahren, bevor er stirbt. Diese Passionsgeschichte eines Ghetto-Messias erzählt Alejandro González Iñárritu in seinem vierten Spielfilm.

Zum ersten Mal bedient sich der mexikanische Regisseur, bekannt geworden durch die chronologisch vertrackten Dramen "21 Gramm" und "Babel", einer streng linearen Erzählstruktur: Uxbals Weg in den Tod ist unabwendbar, die Frage ist nur, was er richten und retten kann, bevor es so weit ist: Wer kümmert sich um die Kinder? Was ist mit der aus Afrika eingewanderten Frau seines inhaftierten Kumpels? Was geschieht mit der jüngsten Ladung Chinesen, die zusammengepfercht in einer kalten Lagerhalle auf ihre Ankunft in Europa warten?

Barcelona, die strahlendste der spanischen Städte, ist in "Biutiful" alles andere als eine Schönheit. Iñárritus Stamm-Kameramann Rodrigo Prieto zeigt die Seitenstraßen der City, in die sich selten Touristen verirren, und taucht sie in ein fahles, kalt-blaues Licht. Das harmoniert mit den frostigen Temperaturen, gegen die Uxbal frierend und kränkelnd seine schäbige Lederjacke enger um sich wickelt. Winterlicher war Spanien im Kino selten zu sehen.

Uxbal versucht, seinen Illegalen die prekäre Lebenssituation etwas angenehmer zu machen, indem er einen Posten Gas-Heizstrahler besorgt und sie in der zum Flüchtlingslager umfunktionierten Garage aufstellen lässt. Doch Barmherzigkeit im kriminellen Akt - das geht im moralischen Konstrukt fiktionaler Kino-Geschichten meist nach hinten los.

Die Billig-Heizer versagen und die auf engstem Raum schlummernden Chinesen sterben an Gas-Vergiftung, darunter auch die gelegentliche Babysitterin für Uxbals Kinder mit ihrem Säugling. Uxbals Verzweiflung wächst parallel zu seinem körperlichen Verfall: Beim Wasserlassen kommt bald mehr Blut als Urin; gegen die immer stärker werdende Inkontinenz muss der kräftige Kerl Erwachsenenwindeln tragen. Das Leben entweicht auf viele Arten in diesem elegischen, aber nie pathosschweren Requiem.

Antithese zu Woody Allens Latin Lover

Das ist vor allem Hauptdarsteller Javier Bardem zu verdanken, der den gesamten Film schultert wie sein Uxbal das Leiden der ganzen komplizierten, globalisierten Welt voller Flüchtender und Entwurzelter. Prietos Kamera kommt seinem geduckten, leidgebeugten Leib immer wieder ganz nahe. Sie fängt jede kleinste Gemütsregung in der von Melancholie geprägten Miene des Schauspielers ein. Der schafft es, dieser hochstilisierten Filmfigur menschliche Züge und Glaubhaftigkeit zu verleihen.

Bardems Ausnahmetalent, große Vitalität und Körperpräsenz mit sensibelster Charakterfühlung zu verbinden, kommt hier auf bislang eindrucksvollste Weise zum Tragen. Kaum einem anderen würde es gelingen, gehüllt in billigste Proletenkluft, ausgestattet mit einer lächerlichen Vokuhila-Frisur, noch so viel Schönheit, Stolz und Würde auszustrahlen. Sein Uxbal ist so etwas wie die Antithese zu dem Latin Lover, den Bardem noch vor wenigen Jahren in Woody Allens flockigem Spanien-Lustspiel "Vicky Cristina Barcelona" gab. Dennoch gelang es ihm auch dort noch, seiner Künstlerfigur eine gewisse Lebensschwere zu verleihen. Für seine Darstellung in "Biutiful" gewann er den Darstellerpreis des Festivals in Cannes und wurde für einen Oscar nominiert.

Es ist Iñárritus Glück, in Bardem einen so wirkmächtigen Schauspieler gewonnen zu haben. Denn beim Verfassen des Drehbuchs verzichtete der Regisseur auf seinen langjährigen Co-Autor Guillermo Arriaga und heuerte stattdessen mit Armando Bo und Nicolás Giacobene zwei merkbar unerfahrene Kollegen an.

Was Iñárritu an erzähltechnischer Vielschichtigkeit spart, stopft er umso beherzter in seinen Plot, der dadurch arg überladen wird. Es reicht ihm nicht, den Verlauf einer persönlichen Leidensgeschichte zu erzählen, es muss auch noch ein Panorama des von Flüchtlingsströmen gezeichneten Südeuropas sein, die gescheiterte Liebesbeziehung zwischen Marambra und Uxbal - und obendrein auch noch dessen spirituelle Suche nach dem Vater, den er nie gekannt hat, weil er als junger Mann nach Mexiko auswanderte und dort umkam.

Sozialdrama, Meditation über das Sterben, Erlösungsgeschichte - ganz schön viel für einen Film, der sich denn auch knapp zweieinhalb Stunden Zeit nimmt, um all dem gerecht zu werden. Dass er daran nicht scheitert, verdankt er Javier Bardem, der durch sein konzentriertes Spiel alle Fäden und Stränge zusammenhält und in seiner Figur bündelt. So ist "Biutiful" vor allem ein Schaukasten für einen überragenden Darsteller und besitzt nicht die formale und gesellschaftspolitische Wucht, die "Babel" zu einem Kinoereignis machte.

Dennoch ist es wichtig und lobenswert, dass sich Filmemacher wie Iñárritu, die im angloamerikanischen Raum agieren, mit den sozialen Verwerfungen innerhalb Europas befassen, wie zuletzt auch Joshua Marston mit seinem Berlinale-Film "The Forgiveness Of Blood" über die Folgen einer Blutrache in Albanien.

Alejandro González Iñárritu ist kein so feinnerviger Regisseur wie die Brüder Dardenne oder Jacques Audiard ("Ein Prophet"), seine religiösen Motive verrutschen bei näherem Hinsehen und werden unklar. Aber wie seine belgischen und französischen Kollegen besitzt er den Mut, harte Straßendramen mit übersinnlichen Motiven zu verquicken, um ihnen dadurch größere Intensität zu verleihen und dem Mysterium der menschlichen Existenz gerecht zu werden. Dass er seiner Story in diesem Fall zu viel auf einmal abverlangt, ist eine Sünde, die man gerne vergibt.



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insgesamt 8 Beiträge
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Systemrelevanter 09.03.2011
1. bei so viel Vorschussloorbeeren..
..dürfte es schwierig werden, der Lobhudelei gerecht zu werden. Für mich hat der Film es nicht geschafft, sich vom Pathos zu lösen und das religiöse Leitmotiv ist und bleibt ein etwas abgegriffenes Deutungsmuster für das "Mysterium" unserer Existenz.
niela 09.03.2011
2. Spoiler Gefahr
Man sollte meinen eine Spiegel Kritik ist erhaben ueber Anfaengerfehler des Film Journalismus, aber dem ist nicht so. Ich konnte diesen Wunderbaren Film gluecklicherweise schon vor einigen Wochen in London sehen, aber wie der Autor das Drama um die Chinesen und dem Heizer einfach so veraten kann ist mir ein Raetsel. Sind dem Author schlichtweg Ideen ausgegangen? Eine Kritik sollte uber den Film reden, nicht den Film erzaehlen.... Werde mich hueten in Zukunft weitere Kritiken auf SPON zu lesen.
wonghan 09.03.2011
3. Spoiler Alarm!
Dem möchte ich mich Anschliessen. Eine Frechheit, einfach die überraschendsten Eckpunkte des Films zu erzählen. Trotzdem, ein hervorragender Film der mich noch tagelange beschäftigt hat.
morgen_wurde 09.03.2011
4. Deutungsmuster
Zitat von Systemrelevanter..dürfte es schwierig werden, der Lobhudelei gerecht zu werden. Für mich hat der Film es nicht geschafft, sich vom Pathos zu lösen und das religiöse Leitmotiv ist und bleibt ein etwas abgegriffenes Deutungsmuster für das "Mysterium" unserer Existenz.
Was sind denn neuartige, unabgegriffene Deutungsmuster? Und wieso Muster?
ergo_789 10.03.2011
5. Übersinnliches weglassen!
Hätte man alles Übersinnliche weggelassen, wäre es sicherlich ein besserer Film geworden. Warum ein so ernstes Thema unnötig mit mystischen Elementen aufladen, die eher in einen Fantasystreifen gehören. Es sollte sich langsam herumgesprochen haben, dass sehr wenig dafür spricht, dass der Mensch so etwas wie eine Seele hat, die Aussicht auf ein Nachleben hat.
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