Sterbehilfe-Film Die Mukomagie

Lea leidet an der Krankheit Mukoviszidose. Sie fährt zum Sterben in die Schweiz. Kann ein Film über den letzten Tag eines Lebens lustig, herzerwärmend und bunt sein? Ja, wenn er so gut gemacht ist wie "Und morgen Mittag bin ich tot".

Von Maren Keller


Wenn Lea (Liv Lisa Fries) alles zu viel wird, zieht sie sich in eine Traumwelt zurück, in der sie alles kann. Auch Motorrad fahren. Der einzige Hinweis auf das, was sie sonst quält, ist in dieser Welt das Motorradkennzeichen: MU KO. Die Abkürzung für Mukoviszidose, eine Stoffwechselkrankheit, die die Lebenserwartung statistisch auf 35 Jahre verringert.

Im Film "Und morgen Mittag bin ich tot" hat Muko, wie die Betroffenen sagen, mehrere von Leas Freunden und ihren Bruder umgebracht. In absehbarer Zeit wird Muko auch Lea umbringen. Wenn sie ihr nicht zuvorkommt. Und genau das ist ihr Plan. Lea ist zum Sterben in die Schweiz gefahren. Hat sich in einer Pension in Zürich ein Zimmer gemietet. Hat einen Termin mit einem Verein für humanes Sterben vereinbart. Sie will nicht warten, bis sie erstickt. Sie will selbst bestimmen, wie sie stirbt. Und wann. Der letzte Tag soll ihr Geburtstag sein.

Sterben im Lieblingskleid

Lea ist gerade einmal 22 Jahre alt. Sie hat sich extra das Lieblingskleid eingepackt, das sie in Mailand gekauft hat. Und sie hat ihre Familie gebeten, am letzten Tag bei ihr zu sein. Zu Leas Familie gehört eine patente Großmutter (Kerstin de Ahna), die ihr heimlich bei der Organisation geholfen hat. Eine Schwester (Sophie Rogall), mit der sich Lea den hinreißenden Sinn für Sarkasmus und Ironie teilt. Eine Mutter (Lena Stolze), von der man nicht genau weiß, wie - oder wie lange noch - sie sich zusammenreißen kann. Zu Leas Familie gehört nicht mehr der Vater, der lieber mit einer neuen Frau und gesunden Kindern in Südamerika einen Kajak-Verleih betreibt. Und auch nicht mehr dazu gehört ihr verstorbener großer Bruder, mit dem sie sich so gut verstand, dass sie einander ansahen, wo es weh tut. Das war Mukomagie, sagt Lea.

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Sterbehilfe-Film: Das letzte Schnitzel ist das beste
Der Film erzählt Leas Geschichte auf so zärtliche Weise in warmen Farben, mit Großaufnahmen von missratenen Torten und verwackelten Videoaufnahmen von Kindern, die im Schnee spielen, dass man bei flüchtigem Hinsehen auch in einer romantischen Komödie gelandet sein könnte. Doch es gibt auch die anderen, die düsteren Szenen wie Leas Erstickungsanfall in der Nacht, der minutenlang gezeigt wird und unaushaltbar großartig gespielt ist.

Ob bewusst oder nicht - der Film wird Teil der Sterberechtsdebatte werden, deren Aktualität sich auch darin zeigt, dass das Thema Kulturschaffende beschäftigt. Gerade ist der Roman "Alles ist gutgegangen" der französischen Schriftstellerin Emmanuèle Bernheim erschienen, in der sie über den Wunsch ihres kranken Vaters nach Sterbehilfe schreibt. Das Buch und dieser Film haben gemeinsam, dass sie das Thema nicht als abstrakte, gesellschaftliche Frage diskutieren, sondern eine persönliche Geschichte erzählen.

Der letzte Tag als großes Abenteuer

"Und morgen Mittag bin ich tot" enthält keine politische Forderungen. Keine Wertungen. Wenn dieser Film zwischen den Dialogzeilen eine Botschaft hat, dann wohl die, dass das Leben so grausam, so schön, so traurig und gleichzeitig so lustig ist, dass auch der letzte Tag noch ein großes Abenteuer sein kann. Selbst wenn der eigene Atem nur noch für eine Bootsfahrt über den Zürichsee reicht und nicht mehr für die Durchschwimmung des Ärmelkanals. Selbst wenn es nur um das letzte Schnitzel-Essen geht und um kein Staatsbankett. Selbst wenn der Typ, den man liebt, ein Idiot ist, dem man Wochen voll Kummer verdankt.

Durch seine Originalität ist der Film bereits den Kritikern bei den Hofer Filmtagen aufgefallen. Lea-Darstellerin Liv Lisa Fries fiel den Filmpreisjurys auf: Sie wurde als beste Nachwuchsdarstellerin mit dem Bayerischen Filmpreis und dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. Und sie wird ganz sicher auch jedem Zuschauer auffallen. Denn bei all den schön komponierten Bildern, bei allem Witz der Geschichte (Drehbuch: Barbara te Kock), bei allem Respekt für das schwierige und wichtige Thema - Liv Lisa Fries bringt die Magie in diesen Film. Die Mukomagie.


Und morgen Mittag bin ich tot. Start: 13.2. Frederik Steiner. Mit Liv Lisa Fries, Sophie Rogall, Lena Stolze, Kerstin de Ahna, Johannes Zirner, Max Hegewald.



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