Kultur

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Doku über Stephen Bannon

Wer mit Rechten redet, wird einsam

Für seine Interview-Doku mit Stephen Bannon wurde US-Regisseur Errol Morris beim Filmfestival in Venedig scharf kritisiert. Der Ex-Trump-Berater kam selbst zur Aufführung - inkognito.

Aus Venedig berichtet

DPA/ Filmfest Venedig

Stephen Bannon in der Dokumentation "American Dharma"

Mittwoch, 05.09.2018   18:50 Uhr

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Wer mit Rechten redet, wird einsam. So schien es zumindest am Mittwochvormittag, als der renommierte US-Regisseur Errol Morris seinen neuen Dokumentarfilm "American Dharma" beim Filmfestival in Venedig uraufführte. Morris, ein grau gewordener, leicht korpulenter, aber stets jovialer Workaholic, schritt fast ganz alleine über den roten Teppich.

Auch Schaulustige und Paparazzi, die sich sonst bei jeder Premiere vor dem Festivalpalast an den Absperrgittern drängen, waren nur spärlich gekommen, die meisten waren Fotografen und Journalisten. Sie waren vor allem neugierig, ob das Sujet von Morris' Film, der US-amerikanische Rechtspopulist Stephen K. Bannon, ebenfalls zur Gala auftauchen würde. Gerüchten zufolge sollte er sich schon seit Dienstag in Venedig aufhalten, jedoch nicht als Teil der offiziellen Film-Entourage.

AP

Errol Morris in Venedig

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Bannon selbst schritt letztlich nicht über den Teppich. Im Saal, berichtete später ein Branchenblatt, sei er dann allerdings gewesen, durch einen Hintereingang hineingeschleust, und habe sich den Film von einer Balkonloge aus angesehen. Angeblich hätten ihm seine Sicherheitsleute dazu geraten.

Vielleicht war es auch Biennale-Programmchef Alberto Barbera, der sich vor seinem Festivalpalast gerne mit Morris zeigte - aber vielleicht eher ungern mit Bannon fotografiert werden wollte. Barberas Entscheidung, "American Dharma", eine Netflix-Produktion, außer Konkurrenz zu zeigen, ist dennoch mutig. Auch oder gerade weil Morris' Film für liberale Gemüter keine erbauliche, sondern eine sehr frustrierende Erfahrung ist.

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Morris, vielleicht der furchtloseste Polit-Dokumentar seiner Generation, weiß, sich schwierigen Charakteren zu nähern - und im besten Fall auch, wie er sie dazu bringt, sich zu offenbaren und zu entlarven. Seine Interview-Filme mit den kontroversen US-Politikern Robert McNamara ("The Fog of War") und Donald Rumsfeld ("The Unknown Known") sind brillant. Man konnte es Morris, einem erklärten Trump-Gegner, also durchaus zutrauen, auch eine Figur wie Bannon angemessen einzufangen.

Und streckenweise gelingt dies in seinem Film auch ziemlich gut. Die Interview-Situation ist offener als sonst bei Morris, man sieht viel vom Interieur und Ambiente eines alten Kampfbomberhangars, der einer Kulisse aus Henry Kings Kriegsfilm "Twelve O'Clock High" nachempfunden ist. Der Hollywoodklassiker gehört, neben "Die Brücke am Kwai" und John Fords Western "The Searchers" zu Bannons Lieblingsfilmen.

Anhand von Ausschnitten, die Bannon kommentiert, leitet Morris her, wie sich sein Gesprächspartner entlang tougher Filmhelden wie John Wayne oder Alec Guinness eine Lebensphilosophie aus Pflichtbewusstsein, Schicksal, Bestimmung und Opferbereitschaft zimmerte, sein "Dharma": Ein Mann müsse tun, was er tun muss. Vor allem im Krieg.

Rare Wirkungstreffer

Von hier aus geht es über Bannons Zeit bei Breitbart-News zu seiner Rolle als Trump-Berater im Wahlkampf und danach; es geht um Charlottesville, die amerikanische Arbeiterklasse, die vermeintliche Selbstdemontage der Mainstream-Medien und immer wieder um eine Revolution, die kurz bevor stehe - und in Gewalt und Kontrollverlust enden müsse, wenn nicht jemand einschreite; jemand wie Trump, der laut Bannon die Sprache der einfachen Leute spricht.

Als Morris ihn jedoch fragt, wie er denn mit dem Widerspruch umgehe, dass Trumps Politik gerade nicht dem kleinen Mann zuarbeite, sondern der Wirtschaft und den Reichen, bleibt der selbst ernannte "rationale Apokalyptiker" stumm.

Solche Wirkungstreffer sind jedoch rar. Statt sich in konfrontativer Gesprächsführung zu betätigen, die Morris durchaus beherrscht, lässt er Bannon reden. Was der Medienprofi, der beunruhigend souverän wirkt, dazu nutzt, um seine Weltsicht auszubreiten, konterkariert lediglich durch schnelle Abfolgen von Tweets und News-Fetzen. Vor allem die hetzerischen Breitbart-Headlines aber, die Hass und Rassismus schüren, flimmern viel zu schnell über die Leinwand, um sie wirklich reflektieren zu können.

So bleibt auch Bannons Haltung und Verhältnis zu "White Supremacy" und Neonazis so undurchsichtig wie seine entspannte Mimik. Bannons mit Überzeugung vorgetragene Aussage, dass es "Killer" brauche, um die Politik-Eliten abzuräumen und jene "radikale Umstrukturierung der Gesellschaft zu erreichen", die ihm vorschwebt, hallt nach. Einen von Morris gezogenen Vergleich mit Luzifer aus "Paradise Lost" nimmt Bannon sanft lächelnd als Kompliment: "Better to reign in hell than serve in heaven"? Klar, dieses Milton-Zitat benutze er selbst oft.

Auf einer Pressekonferenz am Mittwochvormittag wurde Errol Morris hart angegangen: Warum habe er sich überhaupt auf ein Interview mit diesem Demagogen und Manipulator eingelassen, warum ihn nicht härter angefasst? Sei die Gefahr nicht zu groß, seinen Inhalten eine viel zu große Plattform zu geben?

Erst vor wenigen Tagen hatte das Intellektuellenblatt "New Yorker" Bannon wieder von einer Podiumsdiskussion ausgeladen, obwohl Chefredakteur David Remnick ihn auf der Bühne mit harten Fragen konfrontieren wollte. Doch der Druck aus Leserschaft und absagenden oder protestierenden Teilnehmern der Veranstaltung war zu groß. Anlass genug für Bannon, sich über die Mutlosigkeit Remnicks lustig zu machen, der sich vom "heulenden Mob" habe einschüchtern lassen.

Morris sagte auf der Pressekonferenz, er habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Aber es gebe "eine große Zahl verstörender Dinge, die gerade in der Welt vorgehen. Sie zu ignorieren? Großer Fehler, sehr großer Fehler". Statt sich einer "Vogel-Strauß"-Mentalität hinzugeben und den Kopf in den Sand zu stecken, habe er sich entschlossen, der durch Bannon und Co. drohenden Gefahr ins Auge zu sehen.

Wie schwierig es ist, dabei die richtige Balance aus Ruhe und Empörung zu finden, zeigt "American Dharma" sehr gut. Morris' unbefriedigender Film ist ein Dokument unserer verunsicherten Zeit.

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