Regisseur Steven Soderbergh "Man kann hart arbeiten - oder man kann smart arbeiten"

Aus Ärger über Hollywood hatte Steven Soderbergh dem Filmemachen abgeschworen. Doch nun ist er mit "Logan Lucky" zurück. Ein Gespräch über Arbeitsethos, veränderte Sehgewohnheiten und Kollegen.

Studiocanal

Ein Interview von


Zur Person
    Steven Soderbergh, Jahrgang 1963, hat mit seinem Debütfilm "Sex, Lügen und Video" die Goldene Palme von Cannes gewonnen und wurde für "Traffic" mit dem Regie-Oscar ausgezeichnet. Er gilt als einer der produktivsten Filmemacher überhaupt. Trotzdem verkündete er 2013, keine Filme mehr drehen zu wollen, da er die herkömmlichen Finanzierungsmodelle zu einengend fand. In dieser Woche startet nun sein neuer Film "Logan Lucky", in dem drei verarmte Geschwister aus den Südstaaten einen großen Raubüberfall durchziehen - entstanden nach einem neuen Finanzierungsmodell, bei dem das Budget durch den Verkauf von Auslands- und Streamingrechten abgesichert und der Werbeetat drastisch verschlankt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Herr Soderbergh, stimmt es, dass Sie zwischen den ersten Interviews, die Sie zu "Logan Lucky" vor ein paar Wochen in den USA gegeben haben, und unserem Gespräch noch einen Film gedreht haben?

Soderbergh: Ja, ich bin gerade mit der Postproduktion eines anderen Films beschäftigt. Vor dem US-Start von "Logan Lucky" wollte ich das eigentlich nicht zugeben, um das Gespräch nicht vom aktuellen Film abzulenken. Aber nun kann ich ja ehrlich sein: Ja, diesen Sommer habe ich tatsächlich einen neuen Film gedreht, er heißt "Unsane".

SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns erst einmal über "Logan Lucky" sprechen. Die "GQ" hat geschrieben, mit diesem Film und seinem besonderen Finanzierungsmodell seien Sie zurückgekehrt, "um Hollywood zu zerstören". Wie läuft es denn mit der Zerstörung?

Soderbergh: Hollywood mag vielleicht irgendwann implodieren. Ich glaube aber nicht, dass man es von außen zerstören kann. Die Probleme, die ich mit Hollywood habe, haben vor allem mit den Strukturen dort zu tun. Irgendwann war ich an den Punkt gelangt, an dem die Finanzierungsmechanismen und der kreative Prozess für mich einfach nicht mehr zusammenpassten. Mir boten sich zwei Optionen: Klappe halten, mich fügen und nie wieder einen Film drehen. Oder mir eine Alternative überlegen, wie sich diese Probleme lösen lassen. Wir haben uns eine Alternative überlegt: "Logan Lucky" ist nach unserem alternativen Finanzierungsmodell entstanden, ebenso "Unsane" - wobei wir da einige Veränderungen vornehmen werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Veränderungen werden das sein?

Soderbergh: Nächste Woche werden wir ein Meeting haben, um alle Daten zu "Logan Lucky" auszuwerten. Dass der Film in den Südstaaten und im Mittleren Westen hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist, ist schon reichlich seltsam. Die Leute dort haben wir echt umworben. Außerdem mochten die Kritiker den Film sehr, zwei Testaufführungen - eine in Texas, eine in Tennessee - liefen sehr gut. Für uns sind die vergleichsweise schlechten Besucherzahlen wirklich ein Rätsel.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht weil sich das Nutzungsverhalten der Zuschauer geändert hat - sie bleiben lieber zu Hause und schauen sich Filme im Stream an.

Soderbergh: Stimmt, die Gründe, warum Leute ins Kino gehen, haben sich verändert. Ich bin gerade von einer PR-Tour durch Großbritannien zurück, und ich bin immer wieder verblüfft, dass es dort ein halbes Dutzend Zeitschriften gibt, die sich nur mit Film beschäftigen. In den USA gibt es keine einzige Filmzeitschrift. Das führt mir immer wieder mit voller Härte vor Augen, dass Filme in den USA nicht mehr die Rolle spielen, die sie mal hatten. In den USA reden die Menschen nun übers Fernsehen so, wie sie einst über Filme geredet haben.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb jüngst selber eine Zwischenstation im Fernsehen eingelegt? Sie haben sowohl den Fernsehfilm "Behind the Candelabra" für HBO, als auch die Serie "The Knick" für Cinemaxx gedreht.

Soderbergh: Ich habe bislang nur extrem gute Erfahrungen im Fernsehbereich gemacht - das reicht bis 2003 zurück, als ich mit der Serie "K Street" mein erstes Projekt für HBO umgesetzt habe. Schon damals hatte ich alle Freiheiten. Andererseits arbeite ich gerade daran, einen neuen Film fertig zu kriegen, und ich habe zwei weitere Drehbücher vorliegen, die sehr gut geworden sind und die ich gern verfilmen möchte. In den kommenden anderthalb Jahren werde ich mich höchstwahrscheinlich aufs Filmemachen konzentrieren.

SPIEGEL ONLINE: Aber eigentlich wollten Sie doch eine weitere Staffel von "The Knick" drehen, oder? Allerdings in Schwarz-Weiß, was Ihnen Cinemaxx nicht erlaubte und die Serie nach zwei Staffeln enden ließ. Ist es mit der kreativen Freiheit im TV-Bereich wirklich so weit her?

Soderbergh: Nein, was "The Knick" betrifft, haben sich einfach ein paar Sachen verändert, die niemand kontrollieren konnte. Cinemaxx, ein HBO-Ableger, wollte zurück zu seinem alten Senderprofil, zu dem mehr Action- und Genre-Produktionen gehören. Die dritte Staffel "The Knick", die 50 Jahre später spielen und in Breitband-Schwarzweiß gedreht werden sollte, passte da nicht mehr besonders gut rein. Deshalb wanderte das Projekt zurück zu HBO. Nun ist es aber so, dass du das große Ding bei Cinemaxx sein kannst: Bei HBO bist du eine von hundert Serien, die dort entwickelt werden. In der Regel ist HBO nicht an historischen Stoffen interessiert - außer es spielen Drachen mit. Und dann verließ auch noch der Redakteur, der sich so intensiv um "The Knick" gekümmert hatte, den Sender. So kam eins zum anderen und ohne dass es die Schuld von irgendjemanden war, ist "The Knick" gestorben.

SPIEGEL ONLINE: Dann haben die Erfahrungen im Fernsehen Sie also nicht zurück ins Filmgeschäft getrieben? Denn eigentlich hatten Sie 2013 angekündigt, in den Ruhestand zu gehen und keine Filme mehr zu machen. Dann haben Sie aber nach drei Monaten schon wieder angefangen zu arbeiten….

Soderbergh: Es waren sogar noch etwas weniger als drei Monate. Wir lagen in den Endzügen von "Behind the Candelabra", als ich meinen "Ruhestand" verkündete. Der Plan war, "Behind the Candelabra" noch in Cannes zu zeigen, danach würde ich in den Sonnenuntergang reiten. Aber dann bekam ich kurz vor der Abreise nach Cannes das Drehbuch zu "The Knick" zugesandt und entschloss mich, das zu machen. Ganz ähnlich war es bei "Logan Lucky": Ein Drehbuch, das ich wirklich mochte, kam daher und veränderte alles.

SPIEGEL ONLINE: Was war es denn an dem Drehbuch, das Sie überzeugt hat, wieder einen Film zu drehen?

Soderbergh: Ich mochte, dass keine der Figuren zu Beginn des Films kriminell ist: Sie müssen erst lernen, Diebe zu sein, und sie lernen es "on the job". Außerdem mochte ich, dass sie kein Geld haben und auch keine technischen Hilfsmittel. Sie erschienen mir marginalisiert zu sein, ihre Motivation, einen Raubüberfall zu begehen, war also ganz anders als die Motivation der Leute aus meinen "Ocean's"-Filmen. "Logan Lucky" ist viel stärker in unserer Welt verankert. Die "Ocean's"-Filme waren meine Art einer Superhelden-Comic-Verfilmung. Ich bin viel zu bodenständig, um das noch zu toppen.

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Steven Soderbergh: Comeback mit "Logan Lucky"

SPIEGEL ONLINE: Ihre Filme und die Lebenswelten Ihrer Protagonisten sehen immer gut aus. Wie schaffen Sie eine ansprechende Ästhetik, wenn Ihre Figuren in prekären Verhältnissen leben?

Soderbergh: Mir ist es sehr wichtig, dass die Lebenswelten in meinen Filmen direkt erfahrbar sind. Das zu erreichen, ist eine Frage von Kameraeinstellung, Komposition und Schnittabfolgen. Dabei geht es nicht um Schönheit, sondern darum, dass die Zuschauer in diese Welten wirklich eintauchen. Ich glaube, jedes Setting kann reizvoll aussehen, wenn du es richtig inszenierst. Dass die Settings in "Logan Lucky" wahrhaftig erscheinen, liegt daran, dass es für sie viele reale Vorbilder gibt, an denen wir uns orientiert haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Recherche betreiben Sie für Ihre Filme?

Soderbergh: Generell gesprochen: Ich schau mir Fotos an und besuche mögliche Locations. Was nun konkret "Logan Lucky" betrifft: Ich bin in Georgia geboren und in Louisiana aufgewachsen. Leute wie die aus "Logan Lucky" kenne ich mein Leben lang. Die haben nicht die Ressourcen, um alle zehn Jahre ihr Heim umzugestalten. Als erstes und am häufigsten werden sie wahrscheinlich ihren Fernseher austauschen, danach ihre Haushaltsgeräte.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben schon Ihre "Ocean's"-Filme angesprochen. Bei denen drehte sich alles um Wohlstand und Ruhm. Seitdem hat sich in den USA politisch viel verändert: Haben Sie das Gefühl, es wäre heutzutage unpassend, solche Filme zu drehen?

Soderbergh: Nein, so denke ich überhaupt nicht. Ich will immer nur das Potenzial meines aktuellen Films so weit wie möglich ausschöpfen, er soll nicht mehr als das repräsentieren. Das wäre auch eine sehr gefährliche Dritte-Person-Perspektive, um auf meine Arbeit zu schauen. Aber bei "Logan Lucky" war ich in einer schizophrenen Situation: Ich bin einer der Produzenten von "Ocean's Eight" [der Neuverfilmung mit einem reinen Frauenensemble]. Während ich tagsüber an "Logan Lucky" arbeitete, saß ich abends am Telefon und besprach die Vorbereitungen. Die fingen an dem Tag an zu drehen, als bei "Logan Lucky" die letzte Klappe fiel. Nach unserem Drehschluss flog ich nach New York und ging zum Set von "Ocean's Eight". Was ein echter Ocean's-Film im Sinne der alten Filme ist, mit Leuten in völlig anderen Lebensumständen als in "Logan Lucky". Das passt aber, es ist ein völlig anderer Film, und er ist auch richtig gut geworden.

"Ocean's Eight" mit u.a. Sandra Bullock, Rihanna und Cate Blanchett
Warner Bros.

"Ocean's Eight" mit u.a. Sandra Bullock, Rihanna und Cate Blanchett

SPIEGEL ONLINE: Dass Sie selber keinen Ocean's-Film mehr drehen, liegt aber auch daran, dass Sie nicht gern alte Stoffe aufgreifen, oder? Hatten Sie jemals das Gefühl, bei einem Projekt zu gehetzt zu sein und ihm nicht genügend Zeit gewidmet zu haben?

Soderbergh: Nein, das habe ich ganz früh gelernt: Wenn ich mir endlos den Kopf über etwas zerbreche, bringt das nichts. Ich arbeite am besten, wenn ich zügig arbeite. Die intellektuelle Arbeit besteht bei mir in der genauen Vorbereitung, da mache ich mir auch die großen Gedanken, was genau ich mit dem Film will, und treffe alle wichtigen Entscheidungen, was Drehbuch und Regie betrifft. Beim Dreh selber geht es dann nur noch um Instinktives und Emotionales.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr verändern sich Ihre Filme während des Drehs oder später im Schnitt?

Soderbergh: Das hängt vom jeweiligen Projekt ab. Bei "The Girlfriend Experience" haben wir mit einer sehr einfachen Grundidee gearbeitet, die wir erst am Set, also quasi live vollständig entwickelt haben. Bei "Logan Lucky" war die Sache ganz anders, da habe ich mich nur noch bei bestimmten Kameraeinstellungen umentschieden. Das heißt aber nicht, dass ich mit dem Endprodukt dann sofort zufrieden bin. Ich habe bei jedem meiner Filme, schon bei meinem Debüt, Szenen nachgedreht.

Im Video: Unsere Rezension von "Logan Lucky"

SPIEGEL ONLINE: Ihr Arbeitspensum und Ihr Output sind in der Branche einmalig. Gibt es Regisseure, denen Sie sich in Ihrer Arbeitsweise verbunden fühlen?

Soderbergh: Alle Leute, die ich in der Branche kenne, arbeiten hart. Ihre Arbeitsweisen sind vielleicht anders, aber jeder hängt sich richtig rein. Rebecca Blunt, die Drehbuchautorin von "Logan Lucky", war bei den Dreharbeiten zum ersten Mal länger auf einem Set - es war ihr erstes Drehbuch. Nach dem ersten Drehtag kam sie zu mir und sagte: "Ich kann gar nicht glauben, wie hart hier jeder arbeitet." Ich glaube, dem durchschnittlichen Zuschauer ist das in der Regel nicht bewusst.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten aber besonders gern schnell und hart und sind deshalb auch ein Befürworter der Digitalisierung. Das Material von "Logan Lucky" haben Sie noch am jeweiligen Drehtag geschnitten, am letzten Drehtag hatten Sie schon eine erste Schnittfassung fertig. Das ist außergewöhnlich!

Soderbergh: Nun ja, man kann hart arbeiten - oder man kann smart arbeiten. Mir geht es darum, meine Arbeitsweise so zu optimieren, dass ich möglichst viel Zeit auf die Dinge verwenden kann, die nur ich entscheiden kann. Ein Grund, warum ich so viel arbeiten kann, ist aber auch, dass es eine Gruppe von Leuten gibt, die mich von Dreh zu Dreh begleiten und denen ich sehr viel Verantwortung übertragen kann. Die haben Filter entwickelt, mit denen sie die Sachen herausfischen, von denen sie wissen, dass sie mir gefallen werden. So kriege ich dann nur noch zwei statt fünf Vorschläge für einen Drehort.

SPIEGEL ONLINE: Sind Ihnen Filmemacher suspekt, die sich über die Arbeitsbedingungen in der Filmbranche beschweren und nur alle fünf, sechs Jahre einen Film drehen?

Soderbergh: Meine Haltung ist seit jeher: Je mehr Arbeitserfahrung du hast, desto effizienter solltest du sein. Ich halte es immer für ein schlechtes Zeichen, wenn zwischen den Projekten eines Filmemachers große Lücken klaffen. Dann haben sie sich wahrscheinlich selbst Dinge wieder ausgeredet oder sind aus sonst welchen Gründen gelähmt. Dabei muss man sich doch nur umschauen: Überall liegen Geschichten rum! Ich habe das Gefühl, gar nicht genug Zeit zu haben, um all die Geschichten umzusetzen, die ich gern erzählen würde.

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dus_cph 15.09.2017
1. ad 1: "Logan Lucky" ist ein großartiger Film, subtil, witzig und mit
überragenden Schauspielern. Hat wirklich Spaß gemacht. ad 2: Soderbergh hat vielleicht den Werbeetat zusammengestrichen, jedoch eine super erfolgreiche PR-Kampagne hingelegt (zumindest was DE anbelangt): Süddeutsche, FAZ, Spiegel, Welt, MoMa etc. Dies war der Grund, warum ich gestern Morgen spontan entschied, die Nachmittagsvorstellung zu sehen. Doch dann die Überraschung: im riesigen Kino in DUS saßen meine Frau und ich alleine ! im Saal auf den Premiumplätzen Reihe 19, Sitz 19 + 20. Hatte ich bislang noch nie erlebt. Vielleicht war die PR doch nicht so gut? Ich helfe mal ein bisschen nach: unbedingt ansehen! Vor allem für Bond und Ocean Fans ein Muss.
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