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Steven Spielbergs "Tim und Struppi": Saufen Sie mehr, Kapitän Haddock!

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Werktreu oder wagemutig? Weder noch: Hollywood-Großmeister Steven Spielberg versucht sich an einer Computer-Version des Comic-Klassikers "Tim und Struppi" - und baut die Abenteuer des Reporters, seines Hundes und seines trinkfreudigen Kumpels Haddock zu einem sehr zahmen Best-of um.

Mehr als 80 Jahre Publikationsgeschichte, Abermillionen verkaufte Ausgaben und eine weltweite, generationsübergreifende Leserschaft: Nein, es mangelt nicht an Superlativen, wenn es um "Les aventures de Tintin" geht. Die frankobelgische Comic-Reihe, 1929 vom Zeichner und Autor Georges Rémi unter dem Künstlernamen Hergé begonnen, ist ein Schlüsselwerk der europäischen Moderne.

Nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Deutschland als "Tim und Struppi" eingeführt, sind der knabenhafte Reporter mit der Haartolle und sein kleiner Foxterrier längst popkulturelle Ikonen. So stehen sie heute für eine unverwechselbare Ästhetik, sowie für die Sehnsucht nach einer vergangenen und verklärten Welt, die voller Abenteuer und zugleich voller Gewissheiten ist.

Neben dem globalen Wiedererkennungswert der Vorlage ist es wohl auch die Wechselwirkung von Zeitlosigkeit und Nostalgie, die Steven Spielberg und Peter Jackson an Hergés Erzählungen reizt. Die beiden einflussreichen Filmemacher annoncieren die Kinoadaption des Stoffs als persönliches Liebhaberprojekt, bei dem Spielberg als Regisseur und Jackson als Co-Produzent antritt.

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"Tim und Struppi" im Kino: Spielberg findet keine ligne claire
Auch sonst setzt der 3D-Animationsfilm auf prominentes Personal vor und hinter der Kamera: Namhafte Schauspieler verleihen den berühmten Figuren im Performance-Capture-Verfahren Statur und Mimik, während die für unkonventionelles Unterhaltungskino bekannten Edgar Wright ("Shaun of the Dead", "Scott Pilgrim vs. the World") und Joe Cornish ("Attack the Block") am Drehbuch mitwirkten.

An Talent und Aufwand mangelt es dem Film also nicht. Dennoch hinterlässt "Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Einhorn" ein sonderbares Gefühl von Ratlosigkeit. Denn der sichtbare Wunsch, möglichst alle Erwartungshaltungen zu befriedigen, führt zu einem unentschlossenen Spagat zwischen Werktreue und den Notwendigkeiten einer zeitgemäßen Dramaturgie.

Kapitän Haddock musste rein - und ist zu zahm

Für Puristen etwa beginnt das Problem sicherlich mit dem Umstand, dass neben "Das Geheimnis der 'Einhorn'" und dem Folgeband "Der Schatz Rackhams des Roten" auch zentrale Passagen aus "Die Krabbe mit den goldenen Scheren" verfilmt wurden. In letztgenannter Geschichte lernt Tim seinen späteren Freund und Sidekick Kapitän Haddock kennen, und wohl auch um dieses schicksalhafte Aufeinandertreffen einzubauen, weicht das Drehbuch mitunter drastisch von allen drei Vorlagen ab.

So beginnt der neu kompilierte Plot mit Tims (Jamie Bell) Besuch auf dem Flohmarkt, wo er ein Schiffsmodell ersteht. Verborgen im Mast befindet sich der Teil einer Schatzkarte, nach der auch der zwielichtige Sakharin (Daniel Craig) trachtet. Sakharin lässt Tim und Struppi entführen, und an Bord des Frachters Karaboudjan bringen. Zusammen mit dem chronisch betrunkenen Kapitän Haddock (Andy Serkis) können sie von Bord fliehen, und über spektakuläre Umwege kommt das Trio schließlich dem Rätsel des Schatzes sowie dessen Verbindung zu Haddocks Ahnengeschichte auf die Spur. Damit steuern sie auf eine finale Auseinandersetzung mit Sakharin zu.

Freunde der Comics werden kritisch die Charakterisierung ihrer Helden beäugen. Während Tim in seinem ungebrochenen Idealismus akkurat getroffen ist, bleibt Kapitän Haddock schlicht zu zahm. Da kann auch Perfomance-Capture-Profi Andy Serkis - der schon in "King Kong" zu sehen war, Gollum in "Herr der Ringe", und zuletzt in "Planet der Affen: Prevolution" den Schimpansen Caesar gab - mit seiner virtuosen Körperbeherrschung nicht helfen.

Trotz seines Whiskykonsums und der obligatorischen, farbenfrohen Schimpftiraden fehlt dem Kapitän hier das anarchische, unberechenbare Element, das ihn zum hochemotionalen Gegenpol Tims und heimlichen Star der Vorlage machte.

Neben den glücklosen Polizeidetektiven Schulze und Schultze (digital verkörpert durch das britische Darstellergespann Nick Frost und Simon Pegg) treten im Verlauf des Abenteuers zudem etliche weitere Bekannte aus der Comic-Reihe auf, darunter der unerschütterliche Butler Nestor und die berühmt-berüchtigte Opernsängerin Bianca Castafiore. Die hat in den drei zugrundeliegenden Bänden keine Rolle gespielt - ganz im Gegensatz zum wiederum im Film fehlenden Professor Bienlein - und, wie alle Leser wissen, ist die Figur des Sakharin auch mitnichten der Antagonist in Hergés ursprünglicher Erzählung.

Ideologische Altlasten umschifft

Dass der Film sich die Freiheit nimmt, nach heutigen Maßstäben eine eigene Story zu entwickeln, ist allerdings grundsätzlich legitim. In den frühen "Tim und Struppi"-Bänden sind reichlich kulturelle Stereotypen sowie eine koloniale Weltsicht mit entsprechenden rassistischen Darstellungen zu finden, die Spielberg verständlicherweise nicht reproduzieren will.

Während ideologische Altlasten der Vorlage umschifft werden, bleibt der Film an anderer Stelle starr am Original. So ist die ausufernde Exposition im Geist der Comics gehalten, einschließlich jener für das Kino wenig geeigneten Momente, in denen Tim seine Gedanken mit Struppi (und dem Leser) teilt.

Und als ob er den langsamen Beginn doppelt wettmachen müsste, hetzt der Film dafür im letzten Drittel durch gleich zwei große Actionsequenzen. Die sind ohne Frage optisch beeindruckend geraten, wirken in der dichten Abfolge jedoch ermüdend. Schwankend zwischen charmanter Betulichkeit und einer neuen Sehgewohnheiten geschuldeten Hektik fehlt dem Film somit die nötige Balance.

Ähnliches gilt für den Versuch, die stilbildende ligne claire in Hergés Zeichnungen mit den digitalen 3D-Bildern zu versöhnen. Einzelne Panels der Comics werden mit großer Sorgfalt nachgestellt, doch Lichtsetzung und Farbgebung sorgen bisweilen für irritierende Verfremdungseffekte. Purer Zeichentrick käme da dem Vorbild näher, aber die Kernfrage ist eine andere: Warum hat Spielberg nicht gleich einen Realfilm gedreht, anstatt das Performance-Capture-Verfahren zu bemühen?

Das wäre sicher gewagter, aber ungleich reizvoller gewesen. Denn in seinen besten Ansätzen zeitigt Spielbergs "Tim und Struppi" jene überbordende Schaulust, die der letzte, unsagbar dröge "Indiana Jones"-Auftritt vermissen ließ. Eine herkömmliche Inszenierung mit "echten" Schauspielern - und, wenn man sich schon mal traut, einem eigenen Originaldrehbuch - hätte womöglich eher die Essenz der Comics eingefangen als diese immens aufwendige, im Kompromiss verharrende Variante eines Daumenkinos.

Hunderttausend heulende Höllenhunde, es wäre ein Abenteuer, auf das sich Tim und Struppi eingelassen hätten.

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insgesamt 37 Beiträge
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1. Hunderttausend Höllenhunde...
melvin weaver 24.10.2011
Meines Wissens nach hat Spielberg eine "Tim und Struppi"-Realverfilmung wegen der gravierenden Nähe zu den "Indiana Jones"-Filmen verworfen, was anhand des Trailers auch nicht sonderlich abwegig scheint...
2. Beim Schnurrbart von Plekszy-Gladz
Peter Kunze 24.10.2011
Zitat von melvin weaverMeines Wissens nach hat Spielberg eine "Tim und Struppi"-Realverfilmung wegen der gravierenden Nähe zu den "Indiana Jones"-Filmen verworfen, was anhand des Trailers auch nicht sonderlich abwegig scheint...
Tach, Immerhin traut sich wenigstens mal jemand an das Thema. Die Variante High-End Computeranimationsfilm scheint mir für den Zweck durchaus plausibel. Bye Peter
3. inkorrekt
kkonline 24.10.2011
Zitat von sysopWerktreu oder wagemutig? Weder noch:*Hollywood-Großmeister Steven Spielberg versucht sich an einer Computer-Version des*Comic-Klassikers "Tim und Struppi" - und baut die Abenteuer des*Reporters, seines*Hundes und seines*trinkfreudigen*Kumpels Haddock zu einem*sehr zahmen*Best-of um. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,793662,00.html
Das verwendete Verfahren heißt korrekterweise "motion capture", nicht "performance capture".
4. Marketing statt Regie?
avollmer 24.10.2011
Zitat von sysopWerktreu oder wagemutig? Weder noch:*Hollywood-Großmeister Steven Spielberg versucht sich an einer Computer-Version des*Comic-Klassikers "Tim und Struppi" - und baut die Abenteuer des*Reporters, seines*Hundes und seines*trinkfreudigen*Kumpels Haddock zu einem*sehr zahmen*Best-of um. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,793662,00.html
Wenigstens ist die Technik nicht mehr auf dem unsäglichen Stand von Polar-Express, dafür ist der Film immer noch ein industrielles Erzeugnis und kein Kunstwerk und auch keine Independent-Produktion. Mutig wäre es gewesen Tim in Afrika zu verfilmen, in der originalen Fassung, von Aardman in Stop Motion Technik ...
5. Mööp
alsterdorfkater 24.10.2011
Zitat von avollmerWenigstens ist die Technik nicht mehr auf dem unsäglichen Stand von Polar-Express, dafür ist der Film immer noch ein industrielles Erzeugnis und kein Kunstwerk und auch keine Independent-Produktion. Mutig wäre es gewesen Tim in Afrika zu verfilmen, in der originalen Fassung, von Aardman in Stop Motion Technik ...
Das Album heißt "Tim im Kongo".
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Die Abenteuer von Tim und Struppi - Das Geheimnis der Eichhorn

USA 2011

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Steven Moffat, Edgar Wright, Joe Cornish

Darsteller: Jamie Bell, Andy Serkis, Daniel Craig, Nick Frost, Simon Pegg

Produktion: Peter Jackson, Kathleen Kennedy, Steven Spielberg

Verleih: Sony Pictures

FSK: ab 6 Jahren

Länge: 107 Minuten

Start: 27. Oktober 2011



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