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Coming-of-Age-Drama "Still the Water": Ein Film wie ein Taifun

Von Jörg Schöning

Schwimmen heißt Lieben: In ihrem Film "Still the Water" erzählt Naomi Kawase von einer Ferienliebe am Strand, die weit über unverbindliches Feriengeplänkel hinausgeht. Ihr berührendes Drama entfesselt die Elementarkräfte des Kinos.

Nichts gegen einen Strandurlaub. Nichts gegen blaue Nivea-Bälle und Kindergeschrei. Auch nichts gegen Eis am Stiel. Aber das wirklich Elementare des Meeres ist im unverbindlichen Feriengeplänkel wohl eher nicht wahrzunehmen. Da kommt "Still the Water" gerade recht. In den Flauten des Sommerkinos ist dieser Film ein Taifun. Der zudem auch noch all das enthält, was auch der Strandurlaub verspricht: Sommer, Sonne, Sex.

Regisseurin ist die Japanerin Naomi Kawase, eine der wenigen international renommierten Filmemacherinnen aus Asien. Im männlich dominierten Cannes ist sie ein häufiger Gast. Hier wurde ihr Erstlingsfilm ("Moe no Suzaku") 1996 mit der Caméra d'Or ausgezeichnet. Mit ihren Familiendramen, die - wie "Der Wald der Trauer" ("Mogari no Mori", 2007) - stets die Natur als Protagonisten einbeziehen, war sie im offiziellen Programm der Filmfestspiele seither mehrmals vertreten, zuletzt in diesem Jahr mit "An", einer japanisch-deutschen Co-Produktion über eine wackere Seniorin, die demnächst in den Kinos zu sehen sein wird.

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"Still the Water": Schwimm mit mir, schlaf mit mir
"Still the Water" hat Kawase weit draußen im Pazifischen Ozean angesiedelt, auf der subtropischen Insel Amami-Oshima. Dies verleiht ihrem Film von vornherein ein ozeanisches Daseinsgefühl, wie es schon der Tahiti-Reisende Georg Forster im 18. Jahrhundert wahrnahm. Ihm erschien die Menschheit wie das unendliche Meer, in dem das Leben des einzelnen Menschen "nur die Welle" ist.

Die See spült eine Leiche an

"Die für mich beste aller möglichen Wellen" nennt in "Still the Water" der Surfer und Gelegenheitsfischer Tetsu (Tetta Sugimoto) seine zu Beginn des Films im Sterben liegende Frau. Denn ohne den Tod ist Eros hier nicht zu haben.

Ihren erzählerischen Sog entwickelt Kawases Geschichte nicht zuletzt durch ihren verstörenden Auftakt: die Entdeckung einer nackten männlichen Leiche in der nächtlichen See. Über deren Schicksal weiß der 16-jährige Kaito (Nuiro Murakami) offenkundig mehr, als er zur Beantwortung der Frage "Unfall oder Verbrechen?" im Rahmen polizeilicher Ermittlungen am nächsten Morgen beitragen wird.

Naomi Kawase wurde früh von den Eltern verlassen und wuchs bei ihren Großeltern auf. Vielleicht ist dies ausschlaggebend dafür, dass die 1969 in Osaka geborene Regisseurin das familiäre Zusammenleben und dessen vielfältige Auflösungserscheinungen - seit den Zeiten des Altmeisters Ozu ein zentraler Themenstrang im japanischen Kino - aus einer sehr persönlichen Perspektive darstellt: Kaitos Eltern leben getrennt.

Der Vater ist in Tokio geblieben; die Mutter hat am neuen Wohnort wechselnde Männerbekanntschaften. Kaito verbindet eine scheue Freundschaft mit der deutlich selbstbewussteren Tochter des Surfers. Kyoko (Jun Yoshinaga) fürchtet den baldigen Tod ihrer Mutter (Miyuki Matsuda), die sie mit ihrem Vater hingebungsvoll pflegt. Daher ist es nur natürlich, dass die beiden Jugendlichen Halt aneinander suchen - und ihn auch finden. Schwimmen heißt in diesem Film Lieben - und beides bringt Kyoko dem Jungen bis zum Ende des gemeinsamen Sommers bei.

Aus der Genauigkeit entsteht das Phantastische

Als Nixe in Schuluniform stürzt sich dieses Wellenmädchen in die Fluten. Der sublime Reiz, der von ihrem feuchten Faltenrock ausgeht, ist allen Wet-T-Shirt-Contests an hiesigen Stränden mastkorbhoch überlegen. Vom "Schwimm mit mir!" zum "Schlaf mit mir!" ist es dann aber doch etwas mehr als bloß ein Kraulzug. Auf die Kunst der visuellen Andeutung versteht sich Naomi Kawase perfekt.

Aus scheinbar absichtslosem Nacheinander fügt sich eine dichte Erzählung über Liebe und Tod, Familie und Individuum, Mensch und Natur. Dabei folgt sie selbst dem Entstehungsprinzip einer Welle: Das zunächst sanfte Wogen der Bilder steigert sich an dessen Scheitelpunkt mit den authentischen Dokumentaraufnahmen des "Taifuns Nr. 28" zu dramatischen Kaskaden auf der Kinoleinwand.

Kyokos Mutter ist Schamanin, doch die Spiritualität der indigenen Bevölkerungsgruppe auf Amami-Oshima nimmt man bestenfalls als Unterströmung wahr. Denn wie etwa bei einem herzzerreißenden Tanz am Sterbebett ist sie immer an die konkrete Erscheinung gebunden. "Still the Water" zeigt Leben im Einklang mit der Natur, ohne allerdings den Raubbau an den Mangrovenwäldern zu unterschlagen. Stets gilt dabei die Beobachtung dem bestimmten Detail: Aus der Genauigkeit entsteht hier das Phantastische.

"Ich glaube", sagt bei Ibsen "Die Frau vom Meer", "wenn die Menschen sich nur erst daran gewöhnen würden, auf dem Meer zu leben - oder vielleicht sogar im Meer -, dann würden sie auf eine ganz andere Art vollkommen werden, als wir es sind. Sowohl besser als auch glücklicher." Diesen Wunschtraum hat die Japanerin Naomi Kawase mit ihrem Film im Kino auf geradezu magische Art Wirklichkeit werden lassen.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Still the Water"

"Still the Water"

Originaltitel: Futatsume no mado

Japan, Spanien, Frankreich 2014

Buch und Regie: Naomi Kawase

Darsteller: Nijirô Murakami, Jun Yoshinaga, Miyuki Matsuda

Verleih: Film Kino Text

Länge: 121 Minuten

FSK: Ab 6 Jahren

Start: 30. Juli 2015

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