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"Stirb langsam 4.0": Daddy Uncool

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Mit 52 Jahren steigt Bruce Willis noch einmal in die Action-Arena - und kämpft in "Stirb langsam 4.0" als altmodischer Cop gegen wildgewordene Computerfreaks. Dass man diesem Aufbäumen eines echten Kerls gerne zusieht, sagt viel über die Zeit, in der wir leben.

"Stirb langsam 4.0" ist ein Film für die analoge Generation. In einer Szene sitzen John McClane (Bruce Willis) und sein Hacker-Schützling Matt (Justin Long) zusammen im Auto. Im Radio läuft "Fortunate Son" von Creedence Clearwater Revival, eine Underdog-Hymne aus den Sechzigern, die ganz nach dem Geschmack des altgedienten Cops ist, der diesen jungen, ungewaschenen Typen beim FBI abliefern soll. Was folgt, ist vorhersehbar, aber man lacht trotzdem: Matt kriegt beim Hören der Altherren-Mucke sofort Brechreiz, während McClane die Welt nicht mehr versteht - und lauter macht.

Kurz darauf geraten die beiden in einen Riesenschlamassel, der Amerikas Existenz bedroht und die beiden ungleichen Gefährten zu einem perfekten Gespann aus Jung und Alt, digitalem Feintuning und analogem Faustrecht, zusammenschweißt. Nur gemeinsam haben sie eine Chance gegen das böse Programmierergenie Thomas Gabriel (Timothy Olyphant), der einst für die Regierung arbeitete, gefeuert wurde und nun sein Wissen dazu nutzt, sich an der Gesellschaft zu rächen - indem er ihr zeigt, wie schwach sie ist: Mittels sukzessiver Lahmlegung aller computergesteuerten Systeme der USA, lässt er das Alltagsleben vom Straßenverkehr bis zum Onlinebanking zusammenbrechen. Es ist der 4. Juli, Amerika feiert Independence Day - und muss lernen, dass es sich längst in eine neue Abhängigkeit begeben hat - von Stromkraftwerken und Computernetzen.

Es ist ein sehr passender Plot, den sich der relativ unbekannte Drehbuchautor Mark Bomback für den vierten Film der "Stirb langsam"-Reihe ausgedacht hat, denn das übergreifende Thema dieses Actionpakets ist der Zusammenprall von alter und neuer Welt. Zwölf Jahre ist es her, dass Bruce Willis zuletzt als John McClane aufgetreten ist. Damals hatte er noch Haare, und der 11. September 2001 war unvorstellbar wie die Revolution des Actiongenres durch "Matrix", Computerspiele und eine Fernsehserie namens "24". Vor allem seit - der auch nicht mehr jugendliche, aber umso verbissenere - Kiefer Sutherland als neuzeitliches McClane-Derivat Jack Bauer Hatz auf Terroristen macht, sehen die Actionhelden der achtziger und neunziger Jahre noch älter aus als sie inzwischen sind.

Hochhaus-Späße sind verboten

Dass man dem 52-jährigen Bruce Willis die ganze McClane-Nummer mit Blut, Schweiß, Tränen und verschmitztem Yippiee-kay-yeah-Grinsen trotzdem noch einmal abnimmt, grenzt also fast schon an ein Kino-Wunder. Aber es funktioniert: Spätestens als der inzwischen glatzköpfige Cop die ersten Schrammen und Blessuren im Gesicht trägt und mit einem zum Geschoss umgewandelten Polizeiwagen einen Helikopter vom Himmel holt, möchte man Willis umarmen wie ein lange vermissten Freund. Und wenn dann auch noch ein heiser hervorgepresster Spruch wie "Ich hatte keine Patronen mehr" dazukommt, wähnt man sich wieder im Nakatomi-Tower von 1988, als McClane zum ersten Mal am falschen Ort zur falschen Zeit war - und es mit einem ganzen Wolkenkratzer voller Terroristen aufnehmen musste.

Solcherlei Hochhaus-Späße sind natürlich heutzutage verboten, dafür wird in "Stirb langsam 4.0" eine ganze Autobahnbrücke in Schutt und Asche gelegt, auf der sich McClane am Steuer eines riesigen Trucks mit einem Kampfjet duelliert. Doch absurde Schauwert-Sequenzen wie diese gehören eher zu den schwachen Momenten des von dem 1975 geborenen "Underworld"-Regisseur Len Wiseman gedrehten Films, dessen Qualitätsmerkmal eben nicht die größte, lauteste und grellste CGI-Explosion ist, sondern die altmodische inszenierte Action. "Sie sind eine Timex-Uhr in einer digitalen Welt", höhnt der von "Deadwood"-Star Timothy Olyphant herrlich arrogant dargestellte Bösewicht Gabriel einmal über seinen schon arg verbeulten Gegenspieler. Aber am Ende obsiegt dann eben doch der alternde All-American Guy mit seinen analogen Methoden.

So reiht sich "Stirb langsam 4.0" ein in einen größer werdenden Kanon von Filmen, die sich ganz gezielt an ein Publikum wenden, dass eher jenseits der 30 sein dürfte als im Teenager-Alter. Galten Action-Filme bisher vorrangig als Adrenalin-Vehikel für Halbwüchsige, will Hollywood mit Nostalgie-Spektakeln wie "Rocky Balboa" oder demnächst "Indiana Jones 4" und "John Rambo" zahlungskräftigere Ältere anlocken, die noch einmal die Helden ihrer Jugend im Einsatz sehen wollen.

Konsequente Retro-Attitüde

Denn damals, vor fast 20 Jahren, als der noch weitgehend unbekannte TV-Darsteller Willis zum ersten Mal in die Rolle John McClanes schlüpfte und aus reinem Mangel an Schauspielkunst eine ganz neue, authentische Actionfigur zum Anfassen schuf, waren viele Kids, die heutzutage am Wochenende den neuesten Blockbuster im Kino sehen wollen, noch gar nicht geboren. Warum also sollten sie sich einen alten Knacker ansehen, der in "Stirb langsam 4.0" noch dazu mit einer Szene eingeführt wird, in der er seiner Teenager-Tochter (Mary-Elizabeth Winstead) auf einem Parkplatz auflauert und ihr das Knutschen mit einem Jüngling auf dem Autositz untersagt? Papa dabei zusehen, wie er einer Bande ungezogener Lümmel den Hintern versohlt und sich dabei so richtig einsaut? Yeah, Daddy uncool!

Der größte Teil dieses Kino-Faszinosums ist schlicht Bruce Willis geschuldet, der seinem McClane so viel von sich selbst verleiht, dass dieses wandelnde Klischee des aufrechten, einfach gestrickten Amerikaners, der nur seine Familie retten will, einfach echt wirkt. Kino lebt von solchen Typen. "Stirb langsam 4.0", wiewohl alles andere als ein filmisches Meisterwerk, lebt vor allem aber auch von seiner konsequenten Retro-Attitüde. Der Plot um den Rachefeldzug eines durchgeknallten Super-Nerds gaukelt vordergründig Aktualität vor. Doch welchen Reiz übt ein Bösewicht aus, der seine Schurkereien per Mausklick erledigt? Das Erschreckende am modernen Kampf von Gut gegen Böse ist seine Unsichtbarkeit, das Ungreifbare, Unkontrollierbare des digitalen Datenstroms - ein Unbehagen, das Jung und Alt gleichermaßen empfinden dürften.

Figuren wie John McClane geben uns das gute Gefühl, die Mysterien des Computerzeitalters notfalls mit einem Faustschlag auflösen zu können. Da kann Jack Bauer noch so lange in sein Handy quatschen.

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