Hip-Hop-Film "Straight Outta Compton" Krieg und Freedom

"Straight Outta Compton" erzählt die Geschichte der Gangsta-Rapper N.W.A um Dr. Dre und Ice Cube. Es geht um Polizeigewalt gegen Schwarze und die brutalen Regeln der Musikindustrie. Ein Film zwischen Hip-Hop-Nostalgie und beklemmender Aktualität.


Am Anfang war der Sound. "Straight Outta Compton", das Debüt-Album der Rap-Crew N.W.A ("Niggaz Wit' Attitude") mit 13 derben Tracks wie "Fuck tha Police" oder "Gangsta Gangsta", erschien im Sommer 1988, erhielt nach nur sechs Wochen Goldstatus und bedingte zum einen, dass die Songtexte zwischen US-Polizeiwachen hin- und hergefaxt wurden und das FBI eine Warnung an die Band sandte, zum anderen, dass Gangsta-Rap, ein für dieses Album erdachtes Etikett, populär wurde.

27 Jahre später lebt eines der fünf N.W.A-Mitglieder nicht mehr, zwei sind fast vergessen, aber zwei andere, Dr. Dre und Ice Cube, sind wohlhabende, einflussreiche Bestandteile des Popkultur-Kanons.

Jetzt kommt ein Spielfilm in die Kinos, der ihre Geschichte erzählen soll. Er hat 3000 Mal so viel gekostet wie das Album, nach dem er benannt ist, und spielte an seinem ersten Kinowochenende in den USA fast das Doppelte ein. Wie weit sich die Protagonisten dieser Geschichte von ihrer alten Lebenswelt entfernt haben, zeigt sich daran, dass der Film, der jene von Bandenkriegen geplagte Vorstadt von Los Angeles im Titel trägt, nicht in den Kinos von Compton läuft, weil es dort keine Kinos gibt.

Was soll bloß aus dem Jungen werden?

Zu Beginn des Films sind Erfolg, Glamour und Reichtum Welten entfernt: Eine verzerrte Stimme im Polizeifunk, ein Nachrichtensprecher berichtet aus dem Off vom "War on Drugs", und der Drogendealer Eric Wright (Jason Mitchell), besser bekannt als Eazy-E, will Geld sehen, blickt aber in die Läufe der Schusswaffen seiner Kunden. Das LAPD rückt mit einem Rammbock an, Wright flieht über die Dächer des Problemkiezes Compton. Schon ist man mittendrin in den Problemen junger Afroamerikaner Mitte der Achtzigerjahre.

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"Straight Outta Compton": Zwischen Leid und Bling-Bling
Blick in die Sonne, Schwenk auf ein Zimmer mit einem Drumcomputer vom Typ TR-808 und einem Plattenspieler. Andre Young (Corey Hawkins), Dr. Dre, liegt auf dem Boden inmitten alter Soul- und Funk-Vinyls, hört Musik, spielt Luftklavier. Seine Mutter stoppt die Platte, er hat schon wieder ein Vorstellungsgespräch sausen lassen. Was soll bloß aus dem Jungen werden? Ein paar Szenen später sehen wir O'Shea Jackson alias Ice Cube, wunderbar gespielt von seinem eigenen Sohn, in einem Schulbus sitzen, Menschen beobachten, Texte schreiben. Ein Bandenmitglied hält den Bus an: "Seid ihr bereit zu sterben?"

Das sind die düsteren Motive, die den Mythos N.W.A konstituieren, erzählt in Bildern, die den Spagat zwischen authentisch und hollywoodreif schaffen: Gewaltbereite Polizisten und Gangs, Drogen, Hoffnungslosigkeit, Armut.

Vom Rand der Gesellschaft ins Establishment

Klar, aus diesem Ort muss man raus. Nur wie? Mit Musik. Irgendwann überredet der Beat-Bastler Dr. Dre den Dealer Eazy-E zu rappen und eine Plattenfirma zu gründen. Die beiden finden sich mit dem Reim-Talent Ice Cube, MC Ren und DJ Yella zu N.W.A zusammen. Dann geht alles ganz schnell und steil nach oben. Der weiße Manager Jerry Heller (Paul Giamatti), bekannt für seine Arbeit mit Otis Redding und Marvin Gaye, entdeckt die Rapper, macht einen Deal mit Eazy-E. Einen Deal, von dem N.W.A da noch nicht ahnen, dass er sie später spalten wird. Zunächst: Exzess, Tourneen, Orgien, Pool-Partys.

So schnell der Aufstieg kam, so schnell kommt der Fall. Die fünf Musiker, die sich auf einem Rastplatz geschworen haben, für immer Brüder zu sein, zerstreiten sich, liefern sich Vertrags- und Battle-Rap-Gefechte. Aus dem Kampf ums Überleben und um eine Chance wird ein Kampf um Geld.

Man sieht sie in ihren Villen sitzen, im TV laufen die Filmaufnahmen, die den jungen Schwarzen Rodney King zeigen, der am 3. März 1991 von Polizisten brutal verprügelt wurde; Polizisten, die ein Jahr später eine Jury ohne Afroamerikaner freisprach, was die Los Angeles Riots auslöste, bei denen mehr als 50 Menschen starben. Spätestens hier, am moralischen Tiefpunkt des Films, steht vor allem einer im Fokus, der tragische Held dieser Geschichte: Eazy-E, der 1995 an Aids verstarb und dem dieser Film gewidmet ist.

Leerstellen im Getto-Märchen

"Straight Outta Compton" ist eine dreckige Version der uramerikanischen "Rags to riches"-Erzählung, eine Geschichte mit Helden, die gleichsam Anti-Helden sind und vom Rand der Gesellschaft ins Establishment katapultiert wurden. Fünf Jungs aus dem Getto, die das Gesetz der Straße verinnerlicht hatten, nicht aber die kaum weniger brutalen Mechanismen der Musikindustrie, von denen heute noch ein Rapper wie Kendrick Lamar, der auch aus Compton stammt und sich im Abspann vor N.W.A verneigt, auf seinem Album "To Pimp A Butterfly" berichtet.

Zwar beleuchtet "Straight Outta Compton" viele Schattenseiten sehr eindringlich, mindestens eine aber ignoriert Regisseur F. Gary Gray, der schon Anfang der Neunzigerjahre Musikvideos für Dr. Dre und Ice Cube drehte: Keine Szene befasst sich mit Dr. Dres Gewaltausbrüchen gegenüber Frauen.

Die Rapperin und frühere TV-Moderatorin Dee Barnes wirft ihm vor, sie 1991 zusammengeschlagen zu haben; die R&B-Sängerin Michel'le, Dres Freundin von 1990 bis 1996, die wie Barnes nicht im Film auftaucht, sagt, sie sei verprügelt worden und habe das jahrelang verschwiegen. Dr. Dre hat sich inzwischen entschuldigt, aber der von ihm und Ice Cube co-finanzierte und -produzierte Film lässt hier vermutlich bewusst Leerstellen, damit das Getto-Märchen am Ende versöhnlich und rund wirkt.

Trotzdem ist das alles packend und sehenswert - und von beklemmender Aktualität: "Straight Outta Compton", in dem Szenen der Polizeigewalt gegen Schwarze wiederholt werden wie ein Fluch, feierte zwei Tage nach dem Todestag von Michael Brown seine Premiere. Der 18-jährige Afroamerikaner war von einem weißen Polizisten in Ferguson erschossen worden, Proteste und Unruhen folgten.

Der Sound der Straßen von 1988 ist zwar nicht mehr der Sound der Straßen unserer Zeit, aber die USA, das Land, durch das diese Straßen führen, hat sich in grundlegenden gesellschaftlichen Fragen kaum gewandelt. "Straight Outta Compton" kommt gerade richtig, um daran zu erinnern, wie wenig sich getan hat, wie wichtig Protestkultur ist - und wie fundamental Musik für eine gebeutelte Community sein kann.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Straight Outta Compton"



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