Streaming-Alternative byNWR Das Anti-Netflix-Modell

Sex, Horror, C-Movies: Mit dem Streamingportal byNWR zeigt Kult-Regisseur Nicolas Winding Refn obskure Filme. Er schafft damit eine Alternative zu Netflix und Co. - und zwar gratis.

Szene aus "If Footmen Tire You, What Will Horses Do"

Szene aus "If Footmen Tire You, What Will Horses Do"

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Hält man sich nur an den Plot, wirkt der Film erst einmal unverdächtig: Ein verdeckter Ermittler wird in eine Gangsterbande eingeschleust, fliegt auf, flieht durch krokodilverseuchte Sümpfe und strandet verletzt in einem düsteren Hotel. Dort leben eine junge Frau, eingesperrt von ihrer Mutter, und der schratige Hotelbesitzer. Gäste gibt es keine; eine Frau mit Maske ermordet alle, die dem Anwesen zu nahe kommen.

Die Story des 1965 erschienenen "The Nest of the Cuckoo Birds" liest sich wie ein früher Hinterwäldler-Horrorfilm. Allerdings kippt das ganze Geschehen mit seinem holperigen Schnitt und den unbeholfenen Darstellerleistungen gleich zu Beginn ins Befremdliche. Die einzige Regiearbeit des Schauspielers Bert Williams unterläuft nahezu alle Standards professionellen Filmemachens - und erschafft mit seinem kruden Rhythmus und der überhitzten Musik eine vollständig entrückte Atmosphäre.

Dass man diese für lange Zeit verschollene Seltsamkeit nun legal und ohne jede Barriere, auch keine finanzielle, zu sehen bekommt, ist dem dänischen Regisseur Nicolas Winding Refn ("Drive","The Neon Demon") zu verdanken. Das von ihm initiierte Streamingportal byNWR sammelt verschollene filmhistorische Obskuritäten: B- und C-Movies, Sexploitation-Filme und schwer zu kategorisierenden Irrsinn wie etwa den evangelikalen Lehrfilmterror "The Burning Hell".

Nicolas Winding Refn
Getty Images

Nicolas Winding Refn

Was ohne Weiteres ein schlimmer Ramschladen hätte werden können - schließlich interessiert sich kaum jemand für derartiges Zeug, und die Rechteinhaber werden inzwischen zumeist verstorben sein -, entpuppt sich als gründliche Würdigung der Verschrobenen und Vergessenen des Kinos.

Der Aufwand, mit dem byNWR gestaltet ist, unterläuft die Mischung aus Überheblichkeit und müder Dauerironie, mit der man dem sogenannten filmischen Trash inzwischen zumeist begegnet. Die Seite ist so konzipiert, dass der Impuls, sich über diese Bilder lustig zu machen, konsequent unterlaufen wird. Und zu entdecken gibt es viel.

"Welche Karriere?"

Die sieben bislang zu sehenden Filme sind sorgfältig restauriert worden. Kuratoren - der Russ-Meyer-Biograf Jimmy McDonough, die Redaktion der Filmzeitschrift "Little White Lies" - suggerieren Kenntnisreichtum und geheimes Wissen. Die seitenlangen Essays, die jeden einzelnen Film ergänzen und für die man sich ein paar Stunden Lesezeit nehmen muss, überhaupt die Arbeit, die hier für Werke aufgewendet wird, zeigt, dass byNWR als Überzeugungstat gedacht ist.

Bob Mehrs 60.000-Zeichen-Text über das Wirken des "Cuckoo Birds"-Regisseurs enthält so etwas wie ein Konzentrat des auf byNWR versammelten Schaffens. Bert Williams' Leben umweht eine Ed Woodsche Tragik. Mit aller Leidenschaft hat hier einer darauf insistiert, ein großer Regisseur zu sein, während die Welt das schlicht anders gesehen hat.

Sein gesamtes Vermögen investierte Bert Williams in "The Nest of the Cuckoo Birds". Als der Film nach ein paar Vorführungen aus den wenigen Kinos, die ihn zeigten, verschwunden war, erklärte er seiner Familie, es sei nun Zeit, für die Karriere nach Los Angeles umzuziehen. Williams' Frau fragte nach - "Welche Karriere?" - und blieb mit den Kindern, wo sie war. Über fünfzig Jahre lang schlug Williams sich in der Folge als Nebendarsteller in Hollywood durch. Sein Auftritt in Bryan Singers "Die üblichen Verdächtigen" von 1993 war einer seiner letzten.

Dennis Hopper in seinem ersten Film
ddp/ interTOPICS/ Snap Photo

Dennis Hopper in seinem ersten Film

Der Reiz der anderen Filme erschließt sich nicht so unmittelbar. In dem Sexploitation-Reißer "Hot Thrills and Warm Chills" wollen drei Freundinnen ein Schmuckstück rauben - so weit versteht man die Handlung noch gerade. Ansonsten aber herrscht sexualisiertes narratives Chaos: Rückblenden weisen ins Leere, es fällt mitunter schwer, die verschiedenen Männerfiguren auseinanderzuhalten, einer wechselt auch mal unvermittelt den Namen, dann springen wieder nackte Frauen durchs Bild.

Ausnahmslos triebhaft und niederträchtig

"Hot Thrills and Warm Chills" fehlt wie eigentlich allen Filmen auf byNWR ein filterndes Regulativ. Das Ergebnis ist ein durch und durch libidinös strukturiertes Kino, eine Fantasie, die sich um soziale Gepflogenheiten und andere Ansprüche schlicht nicht schert.

Ähnliches gilt für "Shanty Tramp". Auch hier fehlt jede maßhaltende Instanz, die die moralische Stimmigkeit des Ganzen im Blick hätte. Der Film ist in seiner Darstellung von Alltagsrassismus und religiöser Doppelmoral in den USA der Sechzigerjahre konsequenter als das meiste, was 1967 zu sehen war. Alle agieren ausnahmslos triebhaft und niederträchtig - ein Nihilismus, der in den zeitgenössischen Produktionen der großen Studios schlicht nicht erlaubt gewesen wäre.

Andere Filme auf byNWR wiederum entfalten subtilere Reize. "Night Tide" ist die erste Hauptrolle von Dennis Hopper. Die 1961 gedrehte Kastrationsangstfantasie erinnert mit ihren kontrastreichen Schwarz-Weiß-Bildern wie auch ihrem Plot anJacques Tourneurs Horror-Klassiker "Katzenmenschen": Ein junger Mann verliebt sich in eine Frau, die unter Monsterverdacht gerät. Der Film ist der schönste, der zurzeit auf dem Portal zu finden ist; zumindest wenn man die gängigen Kriterien anlegt.

Alles in allem zeigt Refns cinephile Feier des Außenseitertums, wo die ästhetischen Potenziale des Streaming-Wesens liegen könnten. Nicht in einer Konkurrenz zum Kino, sondern in kuratorisch sorgfältig geschaffenen Zugängen zu Bildern, für die es ansonsten keinen Platz mehr gibt oder auch noch nie wirklich gab.

Das ist unter kulturindustriellen Bedingungen natürlich eine utopische Idee. byNWR jedenfalls führt punktuell vor, was möglich wäre, und dokumentiert eine Liebe zum Kino, die den großen Playern wie Netflix nur als Hindernis auf dem Weg zur Profitmaximierung gilt - und nicht als ein zu bewahrendes Gut.

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