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Streikgefahr in Hollywood: Für eine Handvoll Cent

Ein Rascheln im Gebüsch, ein gellender Schrei, Fortsetzung folgt. US-Serienhits wie "Lost" leben vom Cliffhanger. Davon könnte es bald mehr geben als den Zuschauern lieb ist - die Drehbuchautoren drohen mit Streik. Schnell könnte es heißen: Fortsetzung fällt aus.

Los Angeles - Am 31. Oktober läuft der Tarifvertrag zwischen der Autorengewerkschaft Writers Guild of America (WGA) und der Produzentenvereinigung Alliance of Motion Picture & Television Producers (AMPTP) aus. Diesmal wollen sich die Autoren nicht mehr so einfach abspeisen lassen wie in den letzten Tarifverhandlungen. Sie gehen aufs Ganze. Kern des Disputs: Die Beteiligung der Autoren an Video- und DVD-Umsätzen und an der Weiterverwertung im Internet und anderen neuen Medien.

Die Drehbuchschreiber fordern nicht weniger als eine Verdoppelung ihrer bisherigen Umsatzbeteiligung. Die Produzentenriege dagegen will sogar noch einen Schritt zurückgehen: In Zukunft sollen die Zahlungen eingefroren werden, bis die Kosten der jeweiligen Produktion wieder eingefahren sind. Und über eine Beteiligung an der digitalen Weiterverwertung wollen die Studios erst einmal gar nicht verhandeln.

Die Acht-Cent-Frage

Die Summe, um die es geht, scheint zunächst harmlos: Bekämen die Autoren ihren Willen, stiege ihre Verkaufsbeteiligung auf acht Cent - umgerechnet knappe sechs Euro-Cent - pro DVD. "Weitaus weniger als die Pappschachtel, in der die DVD geliefert wird", wie John Bowman, Verhandlungspartner auf WGA–Seite, gerne in Medien wie der "Financial Times" verbreitet.

Die Produzenten sehen das anders: Sie halten die Forderungen der Autoren für völlig überzogen. Die Drehbuchschreiber ignorierten die erheblich gestiegenen Marketingkosten für Filme und DVDs, die mittlerweile an den Erlösen knabbern.

Die Acht-Cent-Frage ist nicht der einzige Streitpunkt: Die WGA möchte auch Autoren von Animationsfilmen und Reality-Formaten wie "American Idol" mit in den neuen Tarifvertrag einbinden. Auch dieser Vorschlag stößt auf wenig Gegenliebe bei den Produzenten. Sie fürchten zusätzliche Kosten.

"Das einzige Ergebnis, das wir sehen, ist eine Katastrophe"


Wenn sich die beiden Parteien nicht bald einigen, könnte es ungemütlich werden für die Studios: Die Abstimmung über einen Streik läuft bereits auf Hochtouren, am 18. Oktober schließen die Urnen. Sollten sich die 12.000 Mitglieder der Writers Guild für einen Arbeitskampf aussprechen, könnte es sein, dass sie bereits ab dem 1. November keine einzige Drehbuchzeile mehr zu Papier bringen; weder fürs Fernsehen, noch für Hollywood.

"Streik ist eine absolut realistische Option, wenn unsere Arbeitgeber kein anständiges Angebot machen", sagte Patric Verrone, Präsident des mächtigen Westküsten-Flügels der WGA, in der "Los Angeles Times". Die Produzenten dagegen schieben Verrone und seinen Kollegen den schwarzen Peter zu: Man sei auf eine "Mauer des Schweigens und der Ablehnung" gestoßen, klagte J. Nicholas Counter III., Präsident der AMPTP, der Nachrichtenagentur AP sein Leid. Die Führung der Writers Guild lege es förmlich auf einen Streik an. "Das einzige Ergebnis, das wir kommen sehen, ist eine Katastrophe", so Counter.

Die Vorproduktion läuft auf Hochtouren

Eine Katastrophe, die Film- und Fernsehstudios allerdings nicht gänzlich unvorbereitet träfe. Bereits seit Beginn der Verhandlungen im Frühjahr laufen die Kameras auf Hochtouren. Die Teams von TV-Serien wie "Heroes" und "Ugly Betty" fahren Doppelschichten, um so viele Episoden vorzuproduzieren wie möglich. In den Kalendern von Hollywoods Großprojekten ist der 31. Oktober als äußerste Deadline für sämtliche laufenden Produktionen angestrichen. Und die Produzenten horten fertige Drehbücher auf ihren Schreibtischen wie Schätze.

Wie schlimm es die Film- und Fernsehindustrie trotz aller Vorbereitung treffen könnte, zeigt die Geschichte: 22 Wochen - fast sechs Monate - legten Hollywoods Autoren bei ihrem letzten großen Streik 1988 ihre Federn nieder. Die Auswirkungen waren desaströs: Unzählige Jobs gingen verloren, einige TV-Serien mussten ihre Produktion völlig unterbrechen und büßten so viele Zuschauer ein, dass sie ganz abgesetzt werden mussten. Rund 500 Millionen Dollar Verlust machte die Film- und Fernsehindustrie damals. Und dass heute - in einem härter umkämpften Markt - die Folgen eines Streiks noch gravierender wären, halten viele Experten für sehr wahrscheinlich.

"Letterman" träfe es zuerst

Amerikanische Zeitungen skizzieren jedenfalls bereits munter-maliziös das Untergangszenario der heilen Entertainment-Welt: Im Fernsehen werde es zuerst Sendungen wie die "Tonight Show" oder "Letterman" treffen, die für ihre Comedy-Einlagen auf tagesaktuell arbeitende Autoren angewiesen sind.

Fernsehserien könnten zwar dank der Vorarbeit kurzfristig weiter laufen, spätestens im Frühjahr aber werde es weniger Folgen geben. Und Pläne für neue Serien müssten durch den Streik auf Eis gelegt werden. Dafür würden dann autorenfreie Reality-Formate und Game-Shows die Mattscheiben füllen.

Und auch in der Kinofilmproduktion würde es ein Jahr nach dem Streik mager aussehen: "Es wird eine Reihe schnell zusammen gewürfelter Filme geben, deren Qualität an unfertigen, oberflächlichen Drehbüchern leidet", warnte ein Autor in der "USA Today". "Die Filme werden schlichtweg langweilig sein." Das wäre dann zumindest eine große Chance für den europäischen Film.

acl

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