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Streitfall "Borat": Vom Witz zur Justiz

Von Anne Meyer-Gatermann

Kein Spaß: Das Europäische Zentrum für Antiziganismusforschung hat gegen "Borat"-Darsteller Sacha Baron Cohen Strafanzeige erstattet. Auch Fernsehsender, die Werbespots zu dem Film ausgestrahlt haben, und "Welt.de" sollen sich vor Gericht verantworten.

Hamburg – Ob Sacha Baron Cohen in seinem aktuellen Film "Borat" tatsächlich zu weit gegangen ist – darüber wird bald ein Gericht befinden. Die Hamburger Staatsanwaltschaft bestätigte gestern gegenüber der dpa, dass gegen Cohen und die Filmproduktionsfirma Twentieth Century Fox in Deutschland Strafanzeigen vorliegen. Das Europäische Zentrum für Antiziganismusforschung geht außerdem juristisch gegen die Fernsehsender RTL, Sat1, ProSieben und MTV vor, weil sie Werbespots zum Film ausgestrahlt haben. Auch die Internetseite "Welt.de" soll sich vor Gericht für ein Interview mit dem "Borat"-Darsteller verantworten.

Komiker Cohen in der Rolle des "Borat": Angezeigt in Hamburg
DPA

Komiker Cohen in der Rolle des "Borat": Angezeigt in Hamburg

Während Cohen-Fans in die deutschen Kinos strömen, ist das Europäische Zentrum für Antiziganismusforschung in Hamburg nicht amüsiert. Die wissenschaftliche Einrichtung versteht sich als Prüfstelle für rassistische Äußerungen gegen Sinti und Roma.

Deren Vorsitzender Marko D. Knudsen beanstandet in erster Linie die "Jeep-Szene" im Werbetrailer zum Film: Darin erkundigt sich der kasachische Borat bei einem Autohändler, ob ein Hummer-Jeep beschädigt werde, wenn er in eine Gruppe "Zigeuner" fahre. Weil nicht jeder die fiktive Figur "Borat" kenne, würden die Filmausschnitte suggerieren, es handele sich um eine reale Szene, sagte Knudsen zu SPIEGEL ONLINE. Er wirft dem Darsteller und seiner Produktionsfirma unter anderem Beleidigung und Aufrufe zur Gewalt gegen Sinti und Roma vor. Darüber hinaus verstoße das Wort "Zigeuner" gegen das Gleichbehandlungsgesetz.

Die Produktionsfirma Twentieth Century Fox hat bereits reagiert: In einer Pressemitteilung zitiert das Zentrum einen Brief, in dem die Produktionsfirma versichert, dass sie sowohl von der Internetseite www.borat.de als auch aus Trailern im Internet und Fernsehen "Elemente, von denen sich die Volksgruppe Sinti und Roma beleidigt fühlen könnte" entfernt habe. Allerdings könnten die strittigen Passagen aus den TV-Spots "aus technisch-organisatorischen Gründen" nur Zug um Zug erfolgen, "so dass spätestens mit Ablauf des Freitags keine solchen TV-Trailer mehr laufen werden", so eine Sprecherin der Fox. Man lenke ein, "um zu beweisen, dass wir das nicht aus Bosheit tun". An dem Film werden allerdings keine Änderungen vorgenommen, schließlich sei dies eine Satire.

Knudsen besteht jedoch weiterhin auf die Einschaltung der Staatsanwaltschaft. "Es ist ja trotzdem passiert, was passiert ist", sagte er gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Wenn man zusammengeschlagen wird und der Täter sich hinterher entschuldigt – das reicht ja auch nicht."

Das Interview auf "Welt.de" hat nach Ansicht Knudsens journalistische Mängel. "Borat" werde wie eine reale Figur interviewt, was dem Darsteller ermögliche, "vermeintlich satirische, aber tatsächlich volksverhetzende, beleidigende und zu öffentlichen Gewalthandlungen aufrufende Äußerungen gegen Roma und Sinti zu tätigen." In dem Gespräch rühmt die Figur "Borat" ein kasachisches Hotel, in dem es ein Gehege gebe, "wo Kinder auf Eichhörnchen, Hunde und Zigeuner schießen können".

Oliver Michalsky, Redaktionsleiter von "Welt.de", findet die Klage des Vereins "albern". Die Rechstabteilung prüfe den Vorwurf, er sehe den Vorfall allerdings "ganz gelassen." "Welt.de" habe sich nichts zu Schulden kommen lassen, der Film sei eine Satire.

Auf die Frage, ob die Vorwürfe des Vereins gegenüber "Welt.de" die Pressefreiheit beeinträchtigten, reagierte der Sprecher des Deutschen Journalistenverbandes (DJV), Hendrik Zörner, "zwiespältig". Prinzipiell gelte auch in Interviews der Deutsche Pressekodex. Das Wort "Zigeuner" müsse "eigentlich" vermieden werden. "Es kommt aber sehr darauf an, wie der Satz zu interpretieren ist." Insgesamt enthalte das Interview jedenfalls "problematische Äußerungen."

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