Stummfilm-Spezialist über "The Artist" "Die Musik war viel zu leise!"

Mit "The Artist" hat ausgerechnet ein Stummfilm beste Oscar-Chancen. Doch wie authentisch ist der Kino-Hit überhaupt? SPIEGEL ONLINE hat ihn sich zusammen mit dem Stummfilm-Komponisten Stephan von Bothmer angeschaut - und angehört.

Birgit Meixner

SPIEGEL ONLINE: Herr von Bothmer, ist "The Artist" ein authentischer Stummfilm?

von Bothmer: Nein. Niemand würde denken, das wäre ein Film aus den zwanziger Jahren. Wenn ich einen echten Stummfilm sehe, fällt mir etwa nicht auf, dass ich die Schauspieler reden sehe, sie aber nicht höre. Das war hier aber die ganze Zeit präsent.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

von Bothmer: Das habe ich mich auch gefragt. Ich weiß nicht, wie sie das geschafft haben. Ich finde nicht, dass der Film deswegen schlecht gemacht ist - dass der fehlende Ton auffällt, ist gerade gewollt: Es geht in "The Artist" schließlich um den Beginn des Tonfilms.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt dennoch typische Stilelemente: die abrupten Schnitte, die übertriebene Mimik, das leichte Flackern, als ob der Film schneller abgespielt werden würde...

von Bothmer: Der Film ist eindeutig extra auf alt gemacht, damit ihn der Zuschauer von heute als Stummfilm erkennt. Früher waren die Filme aber gestochen scharf. Es kommt mir gar nicht so auf die vermeintlich stummfilmtypischen Stilelemente an. Wenn man viele Stummfilme sieht, erkennt man, dass viele davon Vorurteile sind.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit der Musik, die sich der Komponist des Films, Ludovic Bource, ausgedacht hat? Man hört viel Klarinette, Marimbaphon, alles authentische Instrumente.

von Bothmer: Das war Stummfilmmusik, und es war mir am Anfang auch etwas zu stereotyp. Wahrscheinlich sollte erst einmal gezeigt werden: Das ist ein Stummfilm, das haben die damals auch so gemacht. Mir persönlich geht es nicht um historisch korrekte Musik, ich mache Musik, die mir für heute und im jeweiligen Moment meiner Stimmung angemessen erscheint. Dass Stummfilmmusik alleine noch keinen Stummfilm macht, sieht man ja an Harry Potter.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

von Bothmer: John Williams hat die Filmmusik zu Harry Potter geschrieben, und zwar typische Stummfilmmusik, mit der typischen Instrumentation. Die Komposition bringt die Symbolik der Geschichte stärker hervor, macht aus dem Film ein Märchen - "der Böse" ist da sofort "das Böse", genau wie beim Stummfilm. Und trotzdem: Wer den Harry Potter-Film sieht, denkt nicht an Stummfilme.

SPIEGEL ONLINE: Im Kinosaal war es schockierend still während des Films. Ist es bei Ihnen auch so ruhig, wenn Sie einen Stummfilm begleiten?

von Bothmer: Nein, für mich war die Musik viel zu leise! Wieso denken die Leute eigentlich immer, Stummfilme müssen so leise sein? Das war damals so, aber unsere Hörgewohnheiten im Kino sind heute anders.

SPIEGEL ONLINE: Was war das Problem?

von Bothmer: Man müsste den Kinos sagen, dass sie die Lautstärke für diesen Film anders einstellen müssen als sonst, nach der Werbung einfach hochdrehen. Es handelt sich ja musikalisch eher um Klassik, und da gibt es viel mehr leise Stellen als in der ganz anders abgemischten, extrem komprimierten Tonfilmmusik. Für mich ist immer wesentlich, dass man die tiefen Bässe im Bauch spürt, ich schließe deshalb oft Verstärker ans Klavier. Man muss ja nicht zu den technischen Mitteln von 1927 greifen, nur weil der Film in der Zeit spielt.

SPIEGEL ONLINE: Sehr auffällig waren die Stellen, in denen im Film keine Musik zu hören ist: totale Stille. Machen Sie das auch?

von Bothmer: Ab und an schon setze ich das ein, aber hier hätte ich wahrscheinlich drübergespielt. Weil ich, wenn ich ehrlich bin, vielleicht nicht darauf gekommen wäre. Damals wäre da jedenfalls keine Pause in der Musik gewesen. In dem Film ist das natürlich ein Trick, um auf die Stille hinzuweisen. Denn mit Musik bekommt ein Film Tiefe - ohne sie droht die Illusion in sich zusammenzufallen, dann ist statt des mächtigen Felsens vielleicht nur ein kleines Pappding im Studio zu sehen. Und genau das schafft die Stille hier gezielt: Sie zerstört die Illusion, sie entfernt die Schminke.

SPIEGEL ONLINE: ...und die Gemachtheit des Films tritt zutage, schließlich ist es ja ein Film übers Filmemachen: Die Handlung setzt 1927 ein, als mit "The Jazz Singer" der erste Tonfilm erschien. Danach ging es mit dem Stummfilm bergab.

von Bothmer: Als Selbstreflexion des Kinos ist der Film großartig! Wie schnell der Umbruch damals kam, sieht man etwa am Kino Babylon in Berlin: Es wurde 1929 gebaut, kurz darauf boomte der Tonfilm. Aber in die neue Kinoorgel hatte man eben viel Geld investiert, die riss man nicht einfach wieder raus. Sie ist wahrscheinlich die einzige in ganz Europa, die noch am Originalplatz steht.

SPIEGEL ONLINE: Momentan erlebt die Kinobranche einen ähnlichen Umbruch, die Digitalisierung zwingt die Kinos zum Umrüsten. Und mitten in diesem technologischen Fortschritt erscheint ein analog wirkender Film wie "The Artist", 2012 soll mit "Silent Life" mit Isabella Rossellini ein weiterer Stummfilm ins Kino kommen: Was meinen Sie, wieso ist der Stummfilm so gefragt?

von Bothmer: Das mag Teil einer Nostalgiewelle sein und ist wohl auch einem Hang zum Anachronismus geschuldet. Ich denke aber, der wesentliche Grund liegt im Stummfilm selbst: Durch die reine Bilderflut mit Livemusik kann man in Rauschzustände geraten. Allein in den letzten zehn Jahren sind über 60 Prozent der Stummfilmfestivals weltweit gegründet worden, 2008 gab es mindestens 37 - der Stummfilm erlebt derzeit eine Renaissance. Dass "The Artist" überhaupt gemacht wurde, finanziert werden konnte und so gut geworden ist, ist wirklich ein Erfolg für das Genre.

SPIEGEL ONLINE: Er hat drei Golden Globes gewonnen, ist für zehn Oscars nominiert: Erfolgreiche Filme beeinflussen oft das Filmschaffen ihrer Zeit - welchen Einfluss könnte "The Artist" haben?

von Bothmer: Ich kann mir vorstellen, dass Filmemacher die Tonebene in Zukunft noch kreativer nutzen werden. Man sieht das bereits etwa bei YouTube oder manchen aktuellen Filmtrailern: Da ist der O-Ton komplett abgeschaltet, man setzt nur Musik ein. Ich frage mich immer, wieso das nicht häufiger eingesetzt wird, das ist viel wirkungsvoller. Etwas Ähnliches hat der Komponist von "The Artist" gemacht, indem er über weite Strecken auf Schlagzeug verzichtet hat. Gerade am Anfang.

SPIEGEL ONLINE: Was bewirkt das denn?

von Bothmer: Das Schlagzeug sorgt häufig für geräuschhafte Effekte, Violinen hingegen für die Emotionen. Als der Hauptdarsteller seinen Fahrer feuert und die Tür hinter ihm schließt, erklingt das Türknallen nicht in der Musik. Denn es ist ja egal, dass die Tür knallt, wichtig ist hier, dass er seinen Fahrer feuert, den letzten Menschen, der ihm noch nahe ist. Hanns Eisler hielt nicht viel von Stummfilmmusik, er schrieb: "Filmmusik quatscht wie ein altes Weib." Damals gab es noch kaum Musik ohne Melodien, also Musik, die Raum lässt für den Film. Filmmusik muss also in gewissem Sinn unvollständig sein, finde ich.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch schon Spiele der Fußball-EM am Klavier begleitet - es müssen also keine Stummfilme sein?

von Bothmer: Für mich ist ein Stummfilm ein Film ohne Ton. Deswegen würde ich auch gerne moderne Filme wie "Mikrokosmos" oder "Herr der Ringe" ohne Ton zeigen und sie musikalisch live interpretieren. Das funktioniert bestimmt, emotional und künstlerisch. Aber die Rechteinhaber haben es nie erlaubt.

SPIEGEL ONLINE: Dann wäre ja die letzte Konsequenz, "The Artist" live am Klavier zu begleiten.

von Bothmer: Ja, das habe ich mir schon vorgenommen, die Anfrage schicke ich so schnell wie möglich raus. Aber das dürfte rechtlich ein Problem werden, es gibt ja Verträge, auch mit dem Komponisten. Und machen Sie mal einem Produzenten klar, dass er zwar irrsinnig viel Geld für eine Komposition ausgegeben hat, aber man jetzt einfach den Ton abschalten und live dazu improvisieren will.

Das Interview führte Anne Haeming



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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Gerdd 31.01.2012
1. Typisch Filmkomponist ...
Zitat von sysopMit "The Artist" hat ausgerechnet ein Stummfilm beste Oscar-Chancen. Doch wie authentisch ist der Kino-Hit überhaupt? SPIEGEL ONLINE hat ihn sich*zusammen mit dem Stummfilm-Komponisten Stephan von Bothmer angeschaut - und angehört. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,812184,00.html
... auf die Kamera kann er notfalls verzichten, aber auf die Filmmusik nicht. Auch seine weiteren Kommentare sind von seinem persönlichen Standpunkt aus gegeben. Authentische Filmmusik für einen originalen Stummfilm müßte eben auf einem Klavier oder - Luxus, oh Luxus - auf einer Orgel gespielt werden. Mit größeren Orchestern hätte das Kino so seine Probleme gehabt. Es gab ja noch keine Tonspur auf dem Film, es gab also noch den Pianisten live im Kino. Und da war auch kein Verstärker, der etwaige Bässe dem Zuschauer in den Bauch trieb. Was unser Komponist hier tun will, ist also der totale Anachronismus. Fimmusik von heute auf einen Film aus der Stummfilmzeit. Ich glaube, der Gedanke, daß hier kein O-Ton vorliegt, weckt bei ihm die Begehrlichkeit, nun das ganze akustische Spektrum mit seinem Werk zu beackern. Für mich nicht der richtige Weg.
ohminus 31.01.2012
2.
Zitat von Gerdd... auf die Kamera kann er notfalls verzichten, aber auf die Filmmusik nicht. Auch seine weiteren Kommentare sind von seinem persönlichen Standpunkt aus gegeben. Authentische Filmmusik für einen originalen Stummfilm müßte eben auf einem Klavier oder - Luxus, oh Luxus - auf einer Orgel gespielt werden. Mit größeren Orchestern hätte das Kino so seine Probleme gehabt. Es gab ja noch keine Tonspur auf dem Film, es gab also noch den Pianisten live im Kino. Und da war auch kein Verstärker, der etwaige Bässe dem Zuschauer in den Bauch trieb. Was unser Komponist hier tun will, ist also der totale Anachronismus. Fimmusik von heute auf einen Film aus der Stummfilmzeit. Ich glaube, der Gedanke, daß hier kein O-Ton vorliegt, weckt bei ihm die Begehrlichkeit, nun das ganze akustische Spektrum mit seinem Werk zu beackern. Für mich nicht der richtige Weg.
Ich glaube, Du verwechselst hier was... er selbst macht regelmäßig Live-Musik zu Stummfilmen, und zwar nur mit einem Flügel.
ralf_gabriel 31.01.2012
3.
Zitat von sysopMit "The Artist" hat ausgerechnet ein Stummfilm beste Oscar-Chancen. Doch wie authentisch ist der Kino-Hit überhaupt? SPIEGEL ONLINE hat ihn sich*zusammen mit dem Stummfilm-Komponisten Stephan von Bothmer angeschaut - und angehört. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,812184,00.html
Die Musik zu leise...Bässe im Bauch. Man kann sich ja nen Vibrator an die Stereoanlage anschliessen wenn man das gerappel braucht. Mir sind moderne Filme zu extrem gemischt. Den einen Moment nuscheln sich die Darteller einen ab und im nächsten reißt einem eine 'actionsequenz' die Ohren vom Kopf (und erfreut noch die Nachbarn 2 Häuser weiter dazu)
Peter Boots 31.01.2012
4. Film Musik
Zitat von Gerdd... auf die Kamera kann er notfalls verzichten, aber auf die Filmmusik nicht. Auch seine weiteren Kommentare sind von seinem persönlichen Standpunkt aus gegeben. Authentische Filmmusik für einen originalen Stummfilm müßte eben auf einem Klavier oder - Luxus, oh Luxus - auf einer Orgel gespielt werden. Mit größeren Orchestern hätte das Kino so seine Probleme gehabt. Es gab ja noch keine Tonspur auf dem Film, es gab also noch den Pianisten live im Kino. Und da war auch kein Verstärker, der etwaige Bässe dem Zuschauer in den Bauch trieb. Was unser Komponist hier tun will, ist also der totale Anachronismus. Fimmusik von heute auf einen Film aus der Stummfilmzeit. Ich glaube, der Gedanke, daß hier kein O-Ton vorliegt, weckt bei ihm die Begehrlichkeit, nun das ganze akustische Spektrum mit seinem Werk zu beackern. Für mich nicht der richtige Weg.
Orchester hat es schon gegeben, in den groessten und teuersten Kinos. In anderen kleinere, Fluegel, Violine, Bass, auch Schlagzeug, in den kleinsten dann nur noch das Klavier. Die Wurlizer Orgel sollte in Theatern und Kinos das Orchester ersetzen. Musik wurde zu normal langen Filmen uebliecherweise komponiert oder auf vorhandenes zurueckgegriffen, es wurden dann auch Versionen nur fuer das Klavier erstellt. Leide sind sehr viele dieser Kompositionen heute verschollen. Der Herr von Bothmer hat recht wenn er sagt dass Musik beim Film die Emotionen ausdruecklich macht. Billy Wilder's 'Lost Weekend' (1945) sollte urspruenglich keie Musik haben um bewusst 'natuerlich' zu sein. Bei previews haben jedoch die Zuschauer die "uebertriebe Mimik" des hervorragenden Ray Milland ausgelacht. Miklós Rózsa hat dann Musik fuer den Film komponiert und Ray Milland bekam den Oskar als bester Darsteller und Miklós Rózsa fuer die Musik. `
blitzunddonner 31.01.2012
5. mann, mann, mann ...
Zitat von sysopMit "The Artist" hat ausgerechnet ein Stummfilm beste Oscar-Chancen. Doch wie authentisch ist der Kino-Hit überhaupt? SPIEGEL ONLINE hat ihn sich*zusammen mit dem Stummfilm-Komponisten Stephan von Bothmer angeschaut - und angehört. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,812184,00.html
zu authentisch, zu wenig authentisch ... was ein quatsch. es ist ein film von heute. authentisch mit dem jetzt. auch wenn er sich mit der vergangenheit beschäftigt, thematisch und in der form. der film kann gut sein oder schlecht. wird man erfahren, wenn er gesehen werden kann.
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