Island-Drama "Sture Böcke" Mein Bruder, das Schaf

Sie lassen sich nicht gern scheren, tragen viel Wolle am Körper und sind wahre Dickköppe: Die Brüder in "Sture Böcke" ähneln den Schafen, die sie züchten. Ein Island-Drama über Schrecken und Schönheit familiärer Erblast.

Von Jörg Schöning


Nein, so richtig herzlich ist das Verhältnis zwischen den isländischen Brüdern Gummi und Kiddi nicht: Als Gummi (Sigurður Sigurjónsson) den älteren Kiddi (Theodór Júlíusson) wieder einmal sturzbetrunken in einer Schneewehe vor seinem Haus entdeckt, rückt er mit dem Trecker an, nimmt die Schnapsleiche mit dem Frontlader auf und kippt sie dem nächstbesten Krankenhaus vor die Tür.

In einem abgelegenen Tal von Island halten beide Brüder Islandschafe, und so robust wie diese Rasse sind auch ihre Züchter. Äußerlich sind die Unterschiede sowieso denkbar gering: Wie die Tiere sind auch die Männer in derbe Wolle verpackt, nur dass ihre Pullover natürlich ein schöneres Muster aufweisen als das Deckhaar des gewöhnlichen Nordischen Kurzschwanzschafs. Auch ist ihr Haupthaar ähnlich lang, was für eine entsprechende Abneigung gegen die Schur spricht. Die beiden menschlichen Exemplare sind also ganz schön verwildert, und bis sie zu artgerechtem Verhalten zurückfinden, ist es ein langer Prozess.

Zwar leben die Brüder in unmittelbarer Nachbarschaft, aber miteinander gesprochen haben sie, seit einem Streit um das Erbe, schon 40 Jahren nicht mehr. Nun gewinnt Kiddi den Wettbewerb um das prächtigste Schaf, doch gleichzeitig entdeckt Gummi in dessen Bestand ein am Scrapie-Erreger verendetes Tier. Infolge des Virus müssen sämtliche Züchter im Tal ihre Schafe töten - für manche das Ende ihrer beruflichen Existenz.

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"Sture Böcke": Kaltes Land, vereiste Seelen
Auch Gummi tötet seine Herde, eigenhändig, mit dem Bolzenschussgerät. 147 Tiere, wie er sagt. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit: Für ein knappes Dutzend von ihnen richtet er im Keller seines Hauses heimlich einen Indoor-Pferch ein. Hier soll ein rüstiger Bock für den Fortbestand der alten einheimischen Rasse sorgen. Was er pünktlich zur Weihnachtsbrunft am Heiligen Abend auch tut. Doch um die Herde durch den Winter zu bringen, wird Gummi auf die Hilfe Kiddis angewiesen sein.

Grüne Wiesen, grandiose Schrullen

Der isländische Regisseur Grimur Hákonarson hat für "Sture Böcke" beim Festival in Cannes den Hauptpreis der Sektion "Un Certain Regard" gewonnen. Und sein Film erfüllt auch sämtliche Erwartungen, die sich mit Kino aus Island verbinden. Grüne Wiesen unter blauem Himmel oder schneebedeckte Felder in der Wintersonne bilden das naturbelassene Setting, in dem knorrige Charaktere ihre Schrullen offensiv ausleben können. Sogar der Typus "verärgerter alter Mann" darf hier mit Verständnis rechnen, selbst wenn er, wie Kiddi, zur Schusswaffe greift, um seinen Frust abzureagieren.

Typisch für das Island-Kino ist auch der stoische Erzählstil mit langen Einstellungen und ruhigen Kameraschwenks. Die Großaufnahme en face, bei der der Protagonist frontal in die Kamera blickt, dürfte so etwas wie eine isländische Lieblingseinstellung sein, vielleicht weil sie für uneingeschränkte Aufrichtigkeit spricht. Doch so einfach ist das in diesem Fall nicht. "Sture Böcke" erzählt nicht nur von familiärer Aussöhnung, sondern noch von einem anderen Projekt.

Von der nationalen Bedeutung der "tausendjährigen" Koexistenz zwischen Menschen und Schafen auf Island ist in einer gereimten Eloge bei der Preisverleihung des Zuchtwettbewerbs die Rede. Das kann man für Folklore halten - bis einen die Mitteilung, dass ein BSE-Erreger im 19. Jahrhunderts über Zuchtschafe aus England eingeschleppt worden ist, hellhörig macht.

Fischfang und Schafzucht galten in Island als die Säulen der Wirtschaft - bis die internationale Finanzkrise kam. Die Krise, die sie für das Land mit sich brachte, hat der aus Island stammende "Everest"-Regisseur Balthasar Kormákur 2012 in seinem Film "The Deep" zum Thema gemacht. In ihm schildert er die Erlebnisse eines Fischers, der Mitte der Achtzigerjahre nach einer Havarie seines Trawlers in der Nähe der Westmännerinseln mehr als sechs Stunden in der fünf Grad kalten Nordsee schwamm, ehe er die rettende Küste erreichte. Publikum wie Kritik verstanden Kormákurs Darstellung eines erfolgreichen Überlebenskampfes als Lobpreisung der isländischen Hartnäckigkeit bei der Überwindung der Finanzkrise von 2008.

War es in "The Deep" die aufgewühlte See, die dem Protagonisten die letzten Kräfte abverlangte, müssen die Brüder in "Sture Böcke" nun in einem Schneesturm zur Erhaltung ihrer Herde und ihrer reinrassigen DNA die letzten Kraftreserven mobilisieren - buchstäblich ausgezogen "bis aufs letzte Hemd". Wenn sie sich dann aneinanderschmiegen, ist das natürlich ein Ausdruck berührender Herzenswärme.

Und beeindruckend ist ja wirklich, wie es erneut einem Filmemacher aus Island gelingt, für die menschengemachte Krise adäquate Bilder in der heimischen Natur zu finden. Dass dabei aber der von den "sturen Böcken" personifizierte Überlebenswille an die Tradierung "nationaler" Erbanlagen geknüpft ist, macht den Film doch etwas suspekt.

Vehement plädiert der Regisseur für die Bewahrung eines kulturellen Erbes. Doch ebenso ungebrochen trägt Grimur Hákonarson mit seiner kalkuliert provinziellen Genremalerei zur medialen Konservierung eines liebgewonnenen Island-Bildes bei. Mit der Wirklichkeit lässt sich dieses allerdings nur noch schwer in Übereinstimmung bringen, was nicht zuletzt am Islandausläufer der globalen Krise selbst liegt.

Und so fragt man sich: Sind "Sture Böcke" nun schlicht rückwärtsgewandt oder einmal mehr Ausdruck eines lokalen Eigensinns an der europäischen Peripherie?

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insgesamt 5 Beiträge
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noalk 29.12.2015
1. Nein, weder noch
"Sind "Sture Böcke" nun schlicht rückwärtsgewandt oder einmal mehr Ausdruck eines lokalen Eigensinns an der europäischen Peripherie?" --- Sie sind lediglich Ausdruck des speziellen isländischen Humors und Faibles für skurrile Geschichten, die sich nicht nur in der Literatur, sondern eben auch im Kino austoben dürfen. Aber wenn man unbedingt was reininterpretieren will ... wer suchet, der findet.
windpillow 29.12.2015
2.
Erinnert mich von Machart und menschlichen Charakteren etwas an den 1983´er in Schottland spielenden 1983´er Film "Local Hero".
takvor 29.12.2015
3. toller Film
Wir haben den Film in Wiesbadener Filmfestival gesehen. Einfach super!
Miere 30.12.2015
4. Ja, gut, was soll man auf Island auch sonst drehen?
Wilde Verfolgungsjagden mit herumballernden Gangstern und Polizisten wären vielleicht etwas unrealistisch.
Joerg Neubauer 03.01.2016
5. Happy End?
Wieso der Rezensent eine "Versöhnung" in das Filmende hineinprojiziert, ist schwer nachzuvollziehen. Dass die sich in der Eishöhle sich aneinander schmiegenden Brüder am nächsten Tagen mitsamt der verlorenen Schafherde gefunden werden, zusammenziehen und Schafe züchten, scheint doch eher unwahrscheinlich zu sein. Happy End, hä? Es geht in diesem Film auch nicht um Familie, Bruderstreit usw. Das Ganze ist eher eine Art Parabel über Sturheit. Der Einsatz "typisch isländischer" Elemente wie die "reinen Gene" (der Schafe) und der "Überlebenswille" (der sturen Menschen) nehme ich als Ausdruck des sarkastischen Humors des Filmemachers angesichts der tödlichen Folgen von STURHEIT. Die neoliberalen Polit- und Wirtschaftschaoten, die das Land in die Pleite jagten und zeitweise aus der Politik verschwanden, sind ja auch schon wieder da... Sturheit.
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