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Südstaaten-Drama "Winter's Bone": Töte das Eichhörnchen, Schwesterherz

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Crystal Meth, Country-Musik und Kleintierjagd: Der Südstaaten-Film "Winter's Bone" erzählt von einer Halbwüchsigen, die mit ihren Geschwistern um das Überleben kämpft. Eine meisterliche Ode an ein vergessenes Stück Amerika - und ein grandioser Auftritt von Jungstar Jennifer Lawrence.

Meisterwerk "Winter's Bone": Nur das Banjo spendet Hoffnung Fotos
Ascot Elite Filmverleih GmbH

Seit der Zäsur des amerikanischen Bürgerkriegs existiert das Bild von verlorenen Regionen in den Südstaaten, die diese Niederlage weder ökonomisch noch gesellschaftspolitisch bewältigen konnten. In diesen aus der Zeit gefallenen Landstrichen blieb angesichts sich stetig fortschreibender Armut als alleiniger, zweifelhafter Reichtum die eigene Geschichte. So hat die tragische Folklore des Südens stets die Kunst beflügelt, und ihr Widerhall findet sich ebenso in überlieferten Bluegrass-Songs wie in der delirierenden Prosa William Faulkners.

Die vollkommen zu Recht gefeierte Verfilmung von Daniel Woodrells Roman "Winter's Bone" weiß um diese Tradition, doch gelingt Regisseurin Debra Granik zugleich etwas aufregend Neues. Ohne bekannte Klischees vom deprivierten Hinterland zu bemühen, taucht ihr Film gänzlich in die harsche Gegenwart der Ozark Mountains im südlichen Missouri ein und schenkt dem Kino eine einzigartige, widerständige Heldin: die 17-jährige Ree Dolly (Jennifer Lawrence), die in einer chronisch rückwärtsgewandten Welt unbeirrt für ein Hier und Jetzt streitet, und sich mit aller Kraft gegen den vorherrschenden Fatalismus stemmt.

Denn wären nicht Pick-up-Trucks, Fernseher und Plastikspielzeug als verstreute Indizien unseres Zeitalters sichtbar, könnte man Rees Heimat direkt in Walker Evans' oder Dorothea Langes Fotochroniken der Großen Depression verorten. Allein versorgt Ree ihre psychisch kranke Mutter, die schweigend im maroden Haus dahindämmert, und übernimmt die Erziehung ihrer zwei kleinen Geschwister. Rees Alltagslektionen für die sechsjährige Ashlee und den zwölfjährigen Sonny reichen dabei von improvisierten Buchstabieraufgaben bis hin zum Schießunterricht mit der Jagdflinte. Die Logik der jungen Lehrerin ist zwingend: Für die Hoffnung auf eine Zukunft jenseits des entlegenen Waldgrundstücks braucht es Bildung, für das unmittelbare Überleben im kargen Winter muss man jedoch wissen, wie ein Eichhörnchen erlegt, gehäutet und zubereitet wird.

Crystal Meth statt Schwarzgebranntem

Dieser entbehrungsreiche Existenzkampf scheint verloren, als der Sheriff (Garret Dillahunt) auf dem Hof vorfährt und eine Hiobsbotschaft überbringt: Jessup Dolly, Rees seit langem absenter und wegen Drogendelikten vorbestrafter Vater, ist nicht zu seinem Gerichtstermin erschienen. Für die Kaution hatte Jessup Haus und Land der Familie verpfändet, und sollte er nicht binnen einer Woche wieder auftauchen, wird beides verloren sein. Die drohende Obdachlosigkeit vor Augen, fasst Ree den folgenschweren Entschluss, den spurlos verschwundenen Vater zu finden.

Ihre Suche bringt sie alsbald in Konflikt mit der übrigen Bevölkerung, die nicht nur zumeist zur erweiterten Verwandtschaft gehört, sondern ebenso wie Rees verschollener Vater ihre Einkünfte aus der Produktion von Crystal Meth bezieht. Die Drogenküchen im Unterholz sind die Schwarzbrennereien des 21. Jahrhunderts, doch es ist ein zynisches Geschäft bar jeder Country-Romantik. Über die brutale Realität des kriminellen Broterwerbs herrscht allseits beredtes Schweigen, das Ree mit ihren Fragen empfindlich stört. Entsprechend unmissverständlich warnt Rees Onkel Teardrop (John Hawkes) das Mädchen davor, weiter nach dem Schicksal seines Bruders Jessup zu forschen. Doch Rees Verantwortungsgefühl für die hilflose Restfamilie wiegt schwerer als die Angst, und so begibt sie sich sehenden Auges in immer größere Gefahr.

Mühelos verschränkt "Winter's Bone" die quasi-dokumentarische Schilderung einer eigenen Regeln und Ritualen unterworfenen Lebenswelt mit dramatischen Elementen des Thrillers, ohne dabei die Perspektive seiner jugendlichen Protagonistin zu verlassen. Schlicht überwältigend ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Oscar-nominierte Schauspielentdeckung Jennifer Lawrence als Ree diesen Film trägt. Ohne in melodramatische Manierismen zu verfallen, lässt sie für einen Augenaufschlag hinter Rees Selbstschutzpanzer aus Pragmatismus und Sturheit die Verzweiflung einer Heranwachsenden aufblitzen, die ihre Überforderung niemals eingestehen darf.

Die Armee soll's richten

So etwa in einer berührenden Szene, die sie im Gespräch mit einem Rekrutierungsoffizier der US-Armee zeigt: Ree will sich verpflichten, um die angepriesenen 40.000 Dollar Prämie zur Rettung ihrer Familie zu erhalten. Doch der Soldat - verkörpert von einem realen Angehörigen der Army - erkennt Rees Not und bringt sie einfühlsam von diesem Vorhaben ab. Leicht hätte diese Begegnung zu einer simplen Aburteilung des Militärs, das die Armen als Kanonenfutter ködert, geraten können. Und ebenso einfach ließe sich Rees naiver Wunsch nach einem vermeintlich goldenen Ausweg aus der Misere ausstellen.

Doch "Winter's Bone" erlaubt sich keine anklagende Außensicht auf die Verhältnisse: Der Film ist weder soziologische Studie noch ethnografisches Projekt, stattdessen bleibt er ganz bei sich und seinen Figuren, die er gottlob nicht für gefällige Typisierungen verrät. Debra Graniks sensible Inszenierung der authentischen Schauplätze und dort lebenden Laiendarsteller zeugt vor allem vom Respekt vor einer Realität, die eben nicht die der Filmemacher ist, sowie vom Mut, nicht jeden Widerspruch dramaturgisch oder psychologisch auflösen zu müssen.

Dafür steht auch der brillante - ebenfalls Oscar-nominierte - John Hawkes, der seine Rolle als Teardrop mit elektrisierender Unberechenbarkeit spielt. Und auf Teardrop, dem scheinbar alles zuzutrauen ist, wird Ree schließlich setzen müssen, will sie wirklich gegen den Willen der heimlichen Herrscher im Hillbilly-Land den Verbleib ihres Vaters klären. Die Szenen der zaghaften Annäherung zwischen dem schroffen Einzelgänger und seiner nicht minder spröden Nichte gehören zu den poetischsten Momenten der letzten Kinojahre.

Das gilt auch und besonders für den Augenblick, in dem ein lange vergessenes Banjo nach Jahren wieder gespielt wird. An anderer Stelle in diesem außergewöhnlichen Film gemahnt der Klang des Instruments an das unwiederbringliche Gestern. Doch dieses eine Mal schwingt darin für Ree die Hoffnung auf ein neues, unbekanntes Morgen.

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1. Der Text zum Film liest sich wie die Klänge von "Spiel mir das Lied vom Tod"
alyeska 30.03.2011
Zitat von sysopCrystal Meth,*Country-Musik und Kleintierjagd: Der Südstaaten-Film "Winter's Bone" erzählt von einer Halbwüchsigen, die*mit ihren Geschwistern um das Überleben kämpft. Eine*meisterliche Ode an ein vergessenes Stück Amerika - und ein grandioser Auftritt*von Jungstar*Jennifer Lawrence. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,753729,00.html
Er verursacht Gänsehaut. Wenn der Film sein sollte wie die Beschreibung, ist der Streifen jetzt schon Kult.
2. Aber
timewalk 30.03.2011
Ich fand den Film langweilig ...
3. Ich gebe keinen Titel mehr an
GyrosPita 30.03.2011
Das wäre gar nicht gut. "Spiel mir das Lied vom Tod" ist einer der lahmarschigsten Western die jemals gedreht wurden, da sind mir vom Zugucken sogar die Füße eingeschlafen...
4. Gut
AxelSchudak 30.03.2011
Eine der - seltenen - wirklich guten Filmbesprechungen.
5. Subjektiv
twister13 30.03.2011
Zitat von GyrosPitaDas wäre gar nicht gut. "Spiel mir das Lied vom Tod" ist einer der lahmarschigsten Western die jemals gedreht wurden, da sind mir vom Zugucken sogar die Füße eingeschlafen...
Liebe(r) GyrosPita, die Formulierung: "ist IN MEINEN AUGEN einer der lahmarschigsten Western die jemals gedreht wurden, da sind mir vom Zugucken sogar die Füße eingeschlafen..." trifft die Wahrheit wohl eher. Ich empfehle Ihnen SAW oder ähnlich bluttriefende Filme.
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Winter's Bone

USA 2010

Originaltitel: Winter's Bone

Regie: Debra Granik

Drehbuch: Debra Granik, Anne Rosellini

Darsteller: Jennifer Lawrence, Valerie Richards, John Hawkes

Produktion: Winter's Bone Productions

Verleih: Ascot Elite

Länge: 100 Minuten

FSK: 12

Start: 31. März 2011

Offizielle Website zum Film



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