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Wahlrechtsdrama "Suffragette": Als Mama militant wurde

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Sie legten Bomben und warfen sich vor Pferde: "Suffragette" mit Carey Mulligan und Meryl Streep erzählt die Geschichte der Bewegung fürs Frauenwahlrecht. Wenn der Film doch nur halb so radikal wäre wie diese Frauen.

"Die Wanderin schreitet weiter auf dem Weg, der zur Freiheit führt. Sie fragt sich: 'Ich bin allein, vollkommen allein. Warum strebe ich diesem fernen Land entgegen?' Und Vernunft sagt ihr: 'Still, was hörst du? Tausende, und sie kommen näher... die Füße derer, die dir folgen. Führe sie." (Olive Schreiner, "Dreams", 1890)

Mit diesen Worten endet "Suffragette", Sarah Gavrons Film über die militanten Aktivistinnen, die um 1912 in Großbritannien für das Frauenwahlrecht kämpften. Da der Ausgang dieses Kampfes weithin bekannt ist, ist der Vorgriff auf das Ende des Films hoffentlich gestattet - die Worte sind einfach zu klangvoll und bringen die Einsamkeit und Entschlossenheit von Hauptfigur Maud zu gut auf den Punkt, um sie nicht zu zitieren.

Allerdings heißt "Suffragette" im Untertitel "Taten statt Worte", das poetische Ende ist also unglücklich gewählt. Da der gesamte Film von unglücklichen Entscheidungen durchzogen ist, fällt der Schluss aber kaum mehr ins Gewicht.

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"Suffragette": Taten, Worte und Klischees
Lange Zeit hätten sie und Drehbuchautorin Abi Morgan ("Shame", "The Hours") darüber nachgedacht, einen Porträtfilm über Emmeline Pankhurst, die großbürgerliche Anführerin der Suffragetten, zu machen, hat Regisseurin Gavron in einem Interview erzählt. "Das wäre großartig gewesen, aber uns wurde klar, dass das die Geschichte einer außergewöhnlichen Frau auf einer außergewöhnlichen Reise gewesen wäre." Stattdessen hätten sie lieber einen Film über die Arbeiterinnen machen wollen, die durch den Kampf fürs Frauenwahlrecht politisiert wurden und in der Folge von ihren Familien und Kollegen wegen ihres Engagements verstoßen wurden.

Best-of-Wahlrechtsbewegung

Herausgekommen ist Maud, trotz größtem schauspielerischen Einsatzes von Carey Mulligan mehr Chiffre als Mensch. Maud ist eine junge Mutter, die seit dem zwölften Lebensjahr Vollzeit in einer Londoner Wäscherei arbeitet. Als sie nach einer langen, anstrengenden Schicht von ihrem Vorgesetzen noch angehalten wird, ein Paket mit frischer Wäsche im West End auszuliefern, wird sie Zeugin eines Angriffs: Statt eines Babys schiebt eine Frauenrechtlerin Pflastersteine durch die Straßen und wirft diese plötzlich in die Schaufenster eines edlen Kaufhauses. Verschreckt von den daraufhin ausbrechenden Tumulten fährt Maud sofort nach Hause in ihre beengte Wohnung, wo Mann und Sohn warten.

Als Maud am nächsten Tag in der Wäscherei die Frau mit den Pflastersteinen wiedererkennt, gibt es für sie kein Wegrennen mehr. Fortan ist sie überall da, wo es historisch zählt: Im britischen Parlament, als kurzfristig eine Rednerin ausfällt, die über die skandalösen Arbeitsbedingungen von Wäscherinnen berichten soll, und für die Maud bravourös einspringt; als die untergetauchte Emmeline Pankhurst ad hoc eine Rede hält; als eine Bombe am Haus von Finanzminister David Lloyd-George gelegt wird; und nicht zuletzt bei der berühmtesten Aktion der Suffragetten, nämlich als sich Emily Davison beim Derby von Epsom vor das Pferd des Königs warf und dabei ums Leben kam.

So unbeholfen wie dieses Best-of-Wahlrechtsbewegung aufgefädelt ist, so plump konstruiert der Film auch Mauds Wandel von der braven Arbeiterin zur überzeugten Bombenlegerin. Jeder Eskalationsstufe geht eine Kränkung oder ein Übergriff vonseiten ihres Ehemanns, der Polizei oder ihres Wäschereichefs voraus, ihre Handlungen sind stets psychologisch begründet.

Keine Angst, ist doch nur die Thatcher

Wie viel interessanter wäre es da gewesen, die Frau, die buchstäblich ohne Not - weder wirtschaftliche noch emotionale - zur militanten Kämpferin wurde, zu porträtieren: nämlich Emmeline Pankhurst. Die eine der wenigen Frauen war, die eine politische Bewegung angeführt hat. Die sich im Gegensatz etwa zu Martin Luther King Jr. für die Bombe entschieden hat. Die aber genauso wie er im Stillen mit sich gerungen haben muss, ob sie die richtigen Mittel gewählt hat. Das wäre ein Konflikt gewesen, der ebenso persönlich wie politisch und damit perfekt für einen Film gewesen wäre - so wie es Ava DuVernay mit ihrem furiosen King-Porträt "Selma" bewiesen hat.

Doch Frauen mit politischen Überzeugungen scheinen die Macherinnen von "Suffragette" zu misstrauen. Das zeigte sich schon bei "Die Eiserne Lady", dem Biopic über Margaret Thatcher, das ebenfalls Abi Morgan geschrieben hat. Dort wurde die rücksichtsloseste Kämpferin für den Neoliberalismus zur leicht schrulligen Matrone, deren Durchsetzungsfähigkeit man jenseits ihrer Ideologie würdigen sollte.

"Die Eiserne Lady" brachte Meryl Streep einen Oscar als beste Hauptdarstellerin ein, und auch in "Suffragette" ist sie zu sehen. In einem Kürzestauftritt spielt sie Pankhurst, aber so überdreht beherzt, dass es an Selbstpersiflage grenzt. Vor dieser Frau muss man - ebenso wie vor Streeps Thatcher - keinerlei Angst haben. So kann man just die Politikerinnen, die man vorgibt zu würdigen, ihrer Politik berauben.

Bei den Oscars wurde "Suffragette" dieses Jahr übrigens ignoriert. Ein Glück, denn das dürfte die Art von Signal sein, die bei den Filmemacherinnen ankommt und sie zögern lässt, weitere Filme zu drehen, die unter dem Deckmantel des Feminismus eben dessen Entkernung betreiben.

Im Video: Der Trailer zu "Suffragette"

"Suffragette - Taten statt Worte"

UK 2015

Regie: Sarah Gavron

Drehbuch: Abi Morgan

Darsteller: Carey Mulligan, Anne-Marie Duff, Helena Bonham Carter, Ben Wishaw, Meryl Streep

Produktion: Ruby Films, Pathé, Film4 et al.

Verleih: Concorde

Länge: 106 Minuten

FSK: 12 Jahre

Start: 4. Februar 2016

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