Superhelden-Debakel "Suicide Squad" Ein Himmelfahrtskommando, ohne Witz

Wie können so viele schräge Figuren nur so schrecklich langweilen? Mit der Superhelden-Farce "Suicide Squad" wollte sich Marvel-Konkurrent DC endlich auch mal locker machen. Hat nicht geklappt.

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Mit Humor geht vieles besser. Das weiß man seit den Erfolgen, die Konkurrent Marvel mit schrägen Randfiguren wie "Deadpool" und "Guardians of The Galaxy" feierte, auch beim Filmstudio Warner Bros. und dem angeschlossenen Comic-Verlag DC. Nachdem der bei Presse wie Publikum übel beleumundete Prestigetitel "Batman vs. Superman" seit März dieses Jahres immer noch nicht die inzwischen obligatorische Milliarden-Barriere durchbrochen hat, braucht DC dringend einen richtigen, einen coolen, charmanten, möglichst auch noch smarten Hit. Sonst sieht es für die nächsten anstehenden Großprojekte, darunter ein "Wonder Woman"-Film und das "Avengers"-Pendant "Justice League", so finster aus wie in Batmans Höhle.

Denn zwar verfügt DC über mindestens genauso viele berühmte und etablierte Figuren wie Marvel, wo inzwischen "Iron Man", "Avengers" oder "Captain America" erfolgreich die Leinwand erobert haben. Das Cinematic Universe von Warner/DC leidet aber seit Christopher Nolans bahnbrechender "Dark Knight"-Trilogie an der Düsternis, Bleiernheit und Hüftsteife seiner Superhelden-Vehikel.

Die "Suicide Squad", eine chaotische Truppe aus Irren, Misfits und Verbrechern, die von der Regierung gezwungen wird, Helden zu spielen, versprach allemal genug Kickass-Potenzial, um zu beweisen, dass man sich auch bei DC mal locker machen kann. Doch wie so oft, wenn der Druck zu groß ist, könnte das Ergebnis verkrampfter nicht sein. (Einen ausführlichen Bericht über die Produktionsbedingungen von "Suicide Squad" lesen Sie hier.)

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"Suicide Squad": Harley und die Langweiler

Es ist fast schon tragisch, einen guten und versierten Regisseur wie David Ayer an diesem Himmelfahrtskommando scheitern zu sehen. Ayer ist eigentlich ein Spezialist für moralisch hochgradig ambivalente Figuren und Team-Dynamiken. Er schrieb das Drehbuch für "Training Day" und drehte den Polizeiwillkür-Thriller "End of Watch". Zuletzt schickte er Brad Pitt und die Besatzung des Alliiertenpanzers "Herz aus Stahl" in die Wirren des Zweiten Weltkriegs. Die Fülle der zu etablierenden Figuren in "Suicide Squad" aber scheint ihn heillos überfordert zu haben.

Die erste halbe Stunde des knapp zweistündigen Films geht komplett für einzelne Biografie-Vignetten drauf, wobei nur zwei davon wirklich interessant sind: Der Auftragskiller Deadshot ist ein unfehlbarer, skrupelloser Scharfschütze, aber wenn seine kleine Tochter dabei ist, hat er Ladehemmung. So kann er von Batman (Ben Affleck in einer Mini-Cameo) verknackt werden. Will Smith spielt ihn mit gekonnter Balance aus Rührseligkeit und frechen Sprüchen.

Zum Glück gibt's Harley

Die zweite sehenswerte Figur ist Harley Quinn. Sie ist die Geliebte des Superschurken Joker (Jared Leto als aalige Bowie-Hommage), die nicht nur ähnliche Verhaltensstörungen wie ihr Freund an den Tag legt, sondern auch über dessen chemisch induzierten, bleichen Zombieteint verfügt. Margot Robbie spielt sie mit ultrakurzen Hotpants, mädchenhaft wippenden Zöpfen und hinreißend irrem Blick als misshandelte und weggeworfene Cheerleader-Barbie, die als Trash-Amazone aus dem Müllhaufen herausgeklettert ist, um ihre Peiniger heimzusuchen. Die gleichermaßen an "Schweigen der Lämmer" und den Horror-Schocker "The Ring" erinnernde Szene, mit der diese schillernde, verquer-feministische Figur eingeführt wird, ist eine der wenigen wirklich gelungenen Momente von "Suicide Squad" - ein willkommenes buntes Flirren im schnell dichter werdenden Nebel der Handlung.

Hätte man sich auf Deadshot und Quinn konzentriert, wäre vielleicht noch etwas zu retten gewesen. Aber die Selbstmord-Schwadron besteht außerdem noch aus Captain Boomerang, dem Abflussmonster Killer Croc, dem Feuerteufel Diablo, der wortkargen Ninja Katana und dem miesgelaunten Elitesoldaten Rick Flagg, der die Trümmertruppe befehligen soll. Gelenkt wird das Programm von der ebenso ehrgeizigen wie gefühlskalten Regierungsbeamtin Amanda Waller (Viola Davis) unter der Prämisse: "Was, wenn der nächste Superman ein Terrorist ist?" Ihre Schlussfolgerung: Gegen böse "Meta-Humans" lässt man am besten gleich Bösewichte antreten, die kennen sich schließlich aus.

Mittels implantierter Mini-Bomben und purer Erpressung werden die Super-Verbrecher zum Heldenwerk gezwungen. "That is one mean woman", sagt Deadshot einmal über Waller - und charakterisiert sie damit treffsicher als die wahre Schurkin dieser Story. Die offizielle Schreckensfigur, eine antike, von schwarzen CGI-Schatten kunstvoll umwehte Hexe namens Enchantress (Cara Delevingne) wirkt gegen Wallers bürokratisch-faschistische Eiseskälte fast schon niedlich. Zusammen mit ihrem dämonischen Monsterbruder, einer Armee blubberköpfiger Untoter und Spezialeffekten, die mit unfreiwilliger Komik an "Ghostbusters" erinnern, will sie die Welt vernichten.

Irgendwo tief begraben unter dem Gewimmel und Gewurschtel, viel überflüssigem Personal, halbherzig angedeuteten Schicksalen, generisch inszenierter Action und einem Soundtrack, der mit abgenudelten Rock- und Rap-Klassikern nervt - unter all diesen scheinbar hilflos aneinandergebastelten Versatzstücken verbirgt sich eine starke Geschichte über die fragile Psyche von Heldenfiguren und Terrorangst, die den Staat zu fragwürdigen Methoden verleitet.

Es wäre, mal wieder, ein düsterer und ernster DC-Film geworden. Aber vermutlich wäre er einem nicht so vollkommen egal gewesen wie dieses an sich selbst zu schwer tragende Produkt, dem in zu vielen Meetings und Testvorführungen Leichtigkeit und Frische herausoptimiert wurde.

Im Video: Der Trailer zu "Suicide Squad"

"Suicide Squad"

    Originaltitel: Suicide Squad

    USA 2016

    Regie: David Ayer

    Drehbuch: David Ayer

    Darsteller: Will Smith, Margot Robbie, Jared Leto, Viola Davis, Joel Kinnaman, Cara Delevingne, Jai Courtney, Jay Hernández, Adewale Akinnuoye-Agbaje

    Produktion: Atlas Entertainment, DC Entertainment, Lin Pictures

    Verleih: Warner

    Länge: 123 Minuten

    FSK: ab 16

    Start: 18. August 2016

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
madcostelloartist 17.08.2016
1. Schade...
...dabei hatte ich gehofft, dass Suicide Squad womöglich genauso stark ist wie vor acht Jahren The Dark Knight (nicht von der philosophischen Tiefe her, sondern wenigstens von der Figurenzeichnung). Ich schaue mir Suicide Squad demnächst selbst an, um mir ein eigenes Urteil zu bilden. Aber nach diesem Artikel zu urteilen dürfte es nächstes Jahr wahrscheinlich die eine oder andere Goldene Himbeere regnen ...
Marlena 17.08.2016
2.
Was ich witzig finde sowohl GB16 als auch Suicide Squad haben einen Cinema Score von B+. Aber die professionellen Kritiken bewerten beides ziemlich unterschiedlich. So extrem hab ich das bisher noch nicht mitbekommen.
mace_n 17.08.2016
3. Kritikermeinungen...
Nach der vernichtenden SPON-Kritik zu ID2: Wiederkehr und meinem daraus resultierenden, großartigen Kinoabend mit einem Sequel, dass mindest so geil-bescheuert und überragend-cineastisch wie sein Vorgänger aus 1996 war, freue ich mich auf den vermutlich besten DC Film aller (!) Zeiten. Danke SPON
nmare 17.08.2016
4.
Zitat von MarlenaWas ich witzig finde sowohl GB16 als auch Suicide Squad haben einen Cinema Score von B+. Aber die professionellen Kritiken bewerten beides ziemlich unterschiedlich. So extrem hab ich das bisher noch nicht mitbekommen.
Cinemascore schreibt selbst: "On opening night around the country, CinemaScore polls moviegoers for their opinions on new movie releases. Audience members fill out ballot cards right at the theatre, grading a movie A to F and providing demographic information." Opening night heisst die Fans rennen rein. Die befragen sie dann. Natuerlich sagen die der Film war toll. Die gehen ja auch ins Internet und wollen Rotten Tomatoes schliessen lassen weil ihnen die schlechten Kritiken nicht passen.
spon-1209827689289 17.08.2016
5. Publikumsmeinungen...
Klar, wenn man seine Ansprüche runterschraubt und weder sein Geld noch seine eigene Zeit wertschätzt, dann kann man durchaus Filme wie Independence Day 2 und Suicide Squad genießen.
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