Comicverfilmung "Suicide Squad" Was nicht passt, kann nicht mehr passend gemacht werden

Droht mit "Suicide Squad" der nächste Superhelden-Flop? Miese Kritiken sowie Berichte von gehetzter Produktion und teuren Nachdrehs legen das nah - und bieten Einblicke in ein System, das kaum mehr zu retten scheint.

Warner Bros.

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Als im März "Batman vs. Superman" anlief, konnte man sich als Mitarbeiter von Warner Brothers, dem Studio hinter dem Blockbuster, über vieles ärgern. Über die üblen Kritiken zum Beispiel. Oder über die verhaltenen Reaktionen der Fans. Oder über das Einspielergebnis, das hinter den Erwartungen von rund einer Milliarde Dollar zurück blieb. Doch Warner-Chef Kevin Tsujihara ärgerte sich dem Vernehmen nach über etwas ganz anderes: nämlich "den Schaden an der Marke", den "Batman vs. Superman" verursacht habe.

In der heutigen Filmbranche ist die Wortwahl bezeichnend. Nicht die Qualität, ja nicht einmal der kommerzielle Erfolg eines einzelnen Films sind mehr relevant: Innerhalb ihrer sogenannten Cinematic Universes ordnen Warner (DC Comics) und Disney (Marvel) ihre Superhelden-Filme über Jahrzehnte hinweg an. Im Abschluss einer Trilogie muss die Grundlage für die nächste gelegt werden, die Nebenfigur aus dem aktuellen Film den nächsten bereits als Hauptfigur tragen.

Wie ein gehetzter Staffellauf ohne erkennbares Ziel wirken die Pläne der Studios mittlerweile. "Batman vs. Superman" hat in dieser Logik den Staffelstab fallen gelassen. Nun gilt es, ihn wieder aufzuheben und im Duell mit Disney/Marvel, das mit "Guardians of the Galaxy", "Deadpool" und dem dritten "Captain America" mächtig vorgelegt hat, aufzuschließen. Und genau das soll "Suicide Squad" schaffen, die neue Comicverfilmung, die am Donnerstag in die Kinos kommt.

Böse gegen noch Böser

Um einen Superhelden-Film handelt es sich dabei streng genommen nicht. Im Gegenteil, das Selbstmordkommando besteht aus Verbrechern, Irren und Misfits, die ihre übermenschlichen Kräfte bisher eben nicht in den Dienst des Guten gestellt haben. Eine schillernde Nebenrolle spielt auch Batmans ewiger Gegenspieler Joker, ein Erzschurke des DC-Universums. Die Logik jedoch, warum so gefährliche Kriminelle wie der Scharfschütze Deadshot oder die sadistische Psychopathin Harley Quinn ins Feld gegen die zerstörerische Göttin Enchantress ziehen dürfen, folgt ganz dem Superheldenmuster: Alles ist erlaubt, wenn Schlimmeres verhindert werden kann. (Eine ausführliche Kritik zu "Suicide Squad" lesen Sie morgen auf SPIEGEL ONLINE)

Jared Leto als Joker in "Suicide Squad"
Warner Bros.

Jared Leto als Joker in "Suicide Squad"

Im September 2014 gab Warner Bros. bekannt, dass David Ayer ("End of Watch", "Herz aus Stahl") als Drehbuchautor und Regisseur verpflichtet worden sei. Wenige Monate später wurde das prominente Ensemble bekannt gegeben. Oscar-Preisträger Jared Leto würde den Joker spielen, Will Smith als Deadshot auftreten, Emmy-Gewinnern Viola Davis eine prominente Rolle übernehmen, außerdem war It-Girl Margot Robbie als Harley Quinn gewonnen worden. Gedreht wurde von April bis Juni 2015, am 1. August 2016 feierte "Suicide Squad" Weltpremiere in Los Angeles.

Innerhalb von zwei Jahren vom Schreibauftrag zum fertigen Film - eigentlich, würde man meinen, ein Beweis dafür, wie reibungslos die Maschinen bei Warner arbeiten. Doch dann trudelten die ersten Besprechungen ein: "Verblüffend schlampig" ("The Atlantic"), "ohne erkennbaren Plot" ("New Yorker"), "ein Beweis für die Idiotie von Hollywood" ("New York Times"). Beim Rezensionsaggregator "Rotten Tomatoes" teilen sich "Batman vs. Superman" und "Suicide Squad" mittlerweile den elenden Zustimmungsdurchschnitt von 27 Prozent.

"Besser aufrecht sterben als auf Knien leben"

Aber schlechte Kritiken sind das eine. Wer nicht allzu dünnhäutig ist, kann sie ignorieren, und ohnehin lässt sich ganz gut mit ihnen leben, wenn ein Film wie "Suicide Squad" allein am ersten Startwochenende in den USA über 130 Millionen Dollar einspielt. Bezog sich David Ayer also überhaupt auf die überwiegend enttäuschten bis hämischen Besprechungen, als er kurz vorm US-Kinostart auf Twitter ein Zitat des mexikanischen Revolutionärs Emiliano Zapata teilte: "Besser aufrecht sterben als auf Knien leben"? Und direkt im Anschluss noch einmal beteuerte, dass er hinter seinem Film stehe, ihn für die Fans gedreht habe und überhaupt "Suicide Squad" die beste Erfahrung seines Lebens sei?

Im Video: Der Trailer zu "Suicide Squad"

Denn die zusätzlichen Berichte, die seither über "Suicide Squad" ans Tageslicht getreten sind, sind etwas ganz anderes.Im Branchenblatt "Hollywood Reporter" wurde ausführlich über das Drama hinter den Kulissen berichtet: enormer Zeitdruck, nervöse Produzenten und immer neue Schnittfassungen plagten die Produktion bis unmittelbar vor Kinostart. In einem offenen Brief einer mutmaßlichen ehemaligen Mitarbeiterin von Warner Bros. ist davon zu lesen, dass Kevin Tsujihara seinen Laden nicht im Griff habe und sich genau wie "Batman vs. Superman"-Regisseur Zack Snyder (der bei Warner sämtliche Filme aus dem DC Comics-Universum beaufsichtigt) regelmäßig in den Drehalltag einmische.

Schauspielerin Viola Davis gab zu Protokoll, lange nach Abschluss der Dreharbeiten für eine zusätzliche Szene mit Batman alias Ben Affleck zurückgerufen worden zu sein; ihr Kollege Jared Leto - in den ersten Trailern des Films zunächst als heimlicher Star der Geschichte verkauft - wunderte sich öffentlich darüber, wie wenige seiner Szenen es auf die Leinwand geschafft haben. Was das Publikum nun im Kino zu sehen bekommt, so anonyme Insider, habe nur noch bedingt etwas mit der Schnittfassung zu tun, die Ayer im Sinn gehabt habe.

Drehbuch unter Hochdruck

"Wir haben fast 500.000 Meter Film gedreht, das ist unglaublich viel Material", sagt Ayer im Interview, das vor dem Kinostart geführt wurde. "Natürlich findet da vieles von der Feinabstimmung der Geschichte erst im Schneideraum statt. Es war ein echter Kraftakt, am Ende zu einer finalen Fassung zu kommen. Das war bisweilen eine betäubende Erfahrung, aber da muss man durch, denn das Filmemachen ist ein Prozess, für das es kein Standardrezept gibt."

Regisseur David Ayer vor der Premiere von "Suicide Squad"
AP/ The Canadian Press/ Michelle Siu

Regisseur David Ayer vor der Premiere von "Suicide Squad"

Ayer retweetet seit dem Kinostart überwiegend Lob für seinen Film. Von ihm ist nichts zu hören, das vermuten ließe, dass die Produktion von Problemen und Schwierigkeiten begleitet worden sei. Wozu man erwähnen sollte, dass Ayer als junger Mann zwei Jahre freiwillig bei der Navy diente, was er bis heute stolz als "prägende Zeit" in seinem Leben bezeichnet. Jemand wie er hat einen strengen Ehrenkodex, und so lässt sich sein Zapata-Zitat auch verstehen als: Eher ziehe ich das Ding hier gnadenlos durch, als dass ich irgendwen in die Pfanne haue.

Wobei es wohl eher das Studiosystem gewesen ist, dass ihn in die Pfanne gehauen hat. Innerhalb von wenig mehr als sechs Wochen soll er das Drehbuch geschrieben haben. Für ausführlichere Überarbeitungen war danach keine Zeit mehr: Millionenschwere Verträge mit Spielzeug- und Merchandise-Herstellern, die ebenfalls über mehrere Jahre hinweg planen, lassen keinen Spielraum für Verzögerungen. So gesehen hat das System der eng gestaffelten Superhelden-Filme sein eigenes Scheitern in die Strukturen eingeschrieben. Was nicht passt, kann hier nicht mehr passend gemacht werden.

Überleben im System

So wie einzelne Filme sind in diesem System deshalb auch Regisseure Faktoren von untergeordneter Bedeutung. Dass Ayer bislang nur kleinere Filme verantwortet hat und keiner davon sonderlich popkulturell versiert war, hat man bei Warner jedenfalls in Kauf genommen. Bei Superhelden-Filmen ist es mittlerweile üblich, aufstrebende, aber nicht unbedingt erfahrene Regisseure zu verpflichten. Mal erhoffen sich die Studiobosse, dass ihre Filme dadurch mehr Autorenprofil bekommen und sich so von der Masse abheben. Mal ist schlicht keiner aus der A-Liga verfügbar, denn entweder sind die Regiestars auf Jahre hinweg ausgebucht - oder bestehen auf kreative Freiräume und Vorrechte wie den "final cut", also die Abnahme der finalen Schnittfassung.

Für Ayer scheint vor allem Pragmatismus der Antrieb gewesen zu sein, "Suicide Squad" zu machen: "Einen Superhelden-Film zu drehen war einerseits der nächste logische Schritt in meiner Karriere. Aber andererseits ist das heutzutage eben fast schon eine Notwendigkeit, wenn man als Regisseur auf einem gewissen Level arbeiten will." Er liebe kleine, persönliche Dramen, so Ayer, "doch die werden von Studios schon lange nicht mehr produziert. Wenn man sein Überleben in diesem System sichern will - und das will ich, denn ich liebe meinen Job und will ihn mein Leben lang ausüben - dann muss eben auch solche Filme drehen, die in Hollywood heute das A und O sind."

Was für Ayer als Nächstes ansteht, ist klar: Er wird mit Will Smith den Netflix-Film "Bright" drehen, "eine Mischung aus Fantasy-Film und Polizeigeschichte", so Ayer. "Das wird sicher eine interessante und ziemlich durchgeknallte Sache."

Und bei Warner? Steht als Nächstes "Wonder Woman" an. Mit dem ersten Superhelden-Film der neueren Generation mit einer Frau als Hauptfigur sollte Warner eigentlich endlich einmal die Nase vor Marvel haben. "Versteck dich nicht hinter dem tollen Trailer", heißt es jedoch in dem offenen Brief an Warner-Chef Tsujihara. "Leute, die an der Produktion beteiligt sind, bestätigen bereits, dass es der nächste Flop ist."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, David Ayer habe 500 Meter Film für "Suicide Squad" gedreht. Es waren natürlich 500.000 Meter. Wir haben den Fehler korrigiert.

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insgesamt 87 Beiträge
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stak74 16.08.2016
1. 500m Film
scheint Mir etwas gering. Und wieso wird im Zeitalter von digitalem Film noch analoger Film verwendet. Es bleiben Fragen.
retterdernation 16.08.2016
2. Suicide Squad ...
lässt die Kinokassen klingeln - mit bislang 465 Millionen Dollar Umsatz weltweit. Allein in den USA spielte die Comicverfilmung bis heute rund 230 Millionen ein. Damit liegt Suicide Squad leicht hinter den Einspielergebnissen der 2. Woche von Batman vs Superman und in etwa auf gleicher Höhe mit Deadpool. Analysten erwarten ein Endergebnis von rund 750 - 800 Millionen Dollar. Das der Film nicht in China laufen wird, könnte den Gesamteindruck deutlich trüben. Die hohen Produktionskosten von 175 Millionen Dollar hat der Film aber schon jetzt eingespielt.
twistie-at 16.08.2016
3. Gute Zusammenfassung
Marvel hat es zudem noch geschafft, die Serien und di eFilme miteinander zu verknüpfen, DC schafft es nicht einmal, dass Flash und Arrow in ihren mageren Kurzauftritten von den gleichen Schauspielerin wie in der Serie gespielt werden. Bei Deadpool hat man gesehen, wie viel man auch mit kleinem Budget erreichen kann, wenn gesehen wird, dass derjenige, der dahintersteckt, tatsächlich auch an dem Comic und dem Film interessiert ist und nicht nur an Merchandise, Marke und Aufschließen zur Konkurrenz. DC hat sich einfach auch nicht vom Pathos verabschiedet und schafft nicht die Leichtigkeit von Marvel, sondern ergötzt sich an großartig-wuchtigen Bildern, aneinandergereihten Groupshots und wenig Characterbildung.
hansgustor 16.08.2016
4. Batman v Superman
Dann bin ich wohl einer der wenigen die BvS gut fanden. Endlich wurde einmal glaubhaft dargestellte warum Batman als Verbrecher angesehen wird. Insbesondere die Szenen in denen er Horrorfilmmässig an der Decke entlang krabbelt. Die Story ist allerdings deutlich komplexer als bei den aalglatten Avengers, die sich 100% auf Action stützen (und das gut machen).
Pango 16.08.2016
5. Duell? Welches Duell?
Von welchem Duell bei den Kinoverfilmungen ist denn hier bitte die Rede? DC hatte mit dem Nolan-Batman eine recht gute Trilogie abgeliefert. Alles andere ist für den Comicfan (und Filmfreund) kaum der Rede wert. Dagegen fährt Marvel mit ebenso unterschiedlichen wie unterhaltsamen Einzelhelden und Superheldengruppen einen Erfolg nach dem anderen ein. Warner hat offensichtlich einfach kein Händchen dafür, ein stimmiges Universum aufzubauen. Schade, denn die Vorlagen haben das Potential.
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