Suizid-Drama "Oslo, 31. August": Der Boy ohne Eigenschaften

Von Jörg Schöning

Peripher Filmverleih

Aber leben, nein danke! Der norwegische Regisseur Joachim Trier liefert mit "Oslo, 31. August" die fesselnde Charakterstudie eines suizidalen Mittdreißigers. Obwohl der Film radikal subjektiv von einem einzigen Tag erzählt, zeigt er die Lebenslügen einer ganzen Generation.

Anders entstammt einer bildungsbürgerlichen Familie aus dem Westen Oslos. Er hat eine längere Zeit in einer Drogenklinik verbracht. Er hat die Sucht überwunden und gilt nun als clean. Demnächst soll er entlassen werden. Und doch versucht er, halbherzig und unentschlossen, sich schon frühmorgens das Leben zu nehmen.

24 Stunden aus dem Leben eines jungen Mannes - verlässt man sich allein auf den Plot von "Oslo, 31. August", könnte der Film glatt als Norwegens Antwort auf "Oh Boy" durchgehen - den Schwarzweißfilm von Jan Ole Gerster, in dem Tom Schilling als Endzwanziger Niko einen Tag lang ziellos durch die Hauptstadt treibt und der auf einmal zu den Favoriten beim Deutschen Filmpreis gehört.

Doch eine Antwort ist die Arbeit des Regisseurs Joachim Trier keineswegs, eher schon eine Vorwegnahme. Denn "Oslo, 31. August" erlebte seine Premiere bereits 2011 in Cannes, ein Jahr später lief er beim Sundance-Festival. Und dank des Berliner Kleinstverleihs Peripher kommt diese großartige filmische Gegenwartsanalyse nun endlich doch noch in die deutschen Kinos.

Der Tagesablauf des norwegischen Mittdreißigers Anders wirkt auf den ersten Blick sehr viel bunter als der seines Berliner Altersgenossen. "Oslo, 31. August" ist in Farbe gedreht und lebt von der ersten bis zur letzten Minute vom betörenden skandinavischen Spätsommerlicht - von klarer Luft, kräftigen Farben, scharfen Konturen. Im Vergleich zum schmuddeligen, tristen Berlin ist alles so viel heller! Und doch ist "Oslo, 31. August" sehr viel düsterer angelegt. Denn die 24 Stunden, von denen er erzählt, sind die letzten im Leben des jungen Mannes, dessen Darsteller - Anders Danielsen Lie - ebenfalls den Vornamen Anders trägt.

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"Oslo, 31.August": Warum ins Leben zurückkehren?
Wegen eines Vorstellungsgesprächs in einer Zeitschriftenredaktion, bei der er sich um einen Praktikantenplatz beworben hat, kehrt Anders am Vormittag erstmals wieder nach Oslo zurück. Er besucht einen Freund, der inzwischen eine Familie gegründet hat, und lässt sich durch die Straßen treiben. Er trifft die Freundin seiner Schwester, versucht, seine Ex-Freundin in New York zu erreichen, landet auf einer Geburtstagsparty, schließlich in einem Club, lernt ein Mädchen kennen, geht mit ihr im Morgengrauen ins Schwimmbad - und findet nirgendwo Halt.

Lapidar konstatiert der Film einen Prozess der sozialen Entfremdung. Anders' Überdruss am Leben und das Ungenügen an der eigenen Person ("Ich bin 34 Jahre alt. Ich habe nichts.") tritt aus langen, intensiven Gesprächen hervor. Wie schon in Triers Spielfilmdebüt "Reprise" (2007), der Geschichte eines ambitionierten Nachwuchsschriftstellers, in dem er Zitate des eher abseitigen französischen Autors Maurice Blanchot mit den Klängen der Riot-Grrrl-Band Bikini Kill kombinierte, hat er auch hier eine Vielzahl literarischer und popkultureller Verweise untergebracht. Die "Mad Men" finden ebenso Erwähnung wie Musils "Mann ohne Eigenschaften" - Titel, die genauso gut Anders' eigene Existenz überschreiben könnten.

Vorbild Nouvelle Vague

Hier verweigert einer die Rückkehr in ein Leben, dessen genauer Beobachter er doch ist. In den Osloer Straßen, Parks und Cafés aufgenommen, folgt der Film einem Unbehausten durch die Stadt und porträtiert diese dabei aus einer radikal subjektiven Sicht.

Joachim Trier hat in London studiert. Seine Perspektive ist unprätentiös, sie wirkt beiläufig, positivistisch, schlicht registrierend. Der Drehbuchautor Eskil Vogt, mit dem Trier schon seit Jahren zusammenarbeitet, hat sein Filmstudium in Paris absolviert. Dem Vorbild der französischen Nouvelle Vague ist "Oslo, 31. August" nicht nur stilistisch verpflichtet: Ihrem Film liegt ein Roman des präexistenzialistischen Autors Pierre Drieu La Rochelle aus den frühen dreißiger Jahren zugrunde, den Louis Malle schon 1963 als "Das Irrlicht" adaptiert hat.

Während dieser sein suizidales Drama um einen alkoholkranken Playboy mit Fotos der kurz zuvor durch Medikamente aus dem Leben geschiedenen Marilyn Monroe in der Gegenwart verankerte, ist "Oslo, 31. August" erkennbar an eine Generation adressiert, die die Unwägbarkeiten der eigenen Existenz dann doch eher im rigorosen Freitod Kurt Cobains entdeckt und in ihm einen der von Antonin Artaud beschworenen "Selbstmörder durch die Gesellschaft" erkennt.

Denn die soziale Komponente ist im Film stets präsent: In der Villen- und Wohlstandsgegend des Osloer Westends rund um den Frognerpark angesiedelt, ist der Ennui, den "Oslo, 31. August" konstatiert, schichtenspezifisch verortet. Trotz des provinziellen Lokalkolorits spiegeln sich hier mittelständische Befindlichkeiten, die weltweite Gültigkeit besitzen.

Dank der charismatischen Darstellung seines Hauptakteurs Anders Danielsen Lie ist "Oslo, 31. August" einerseits eine fesselnde Charakterstudie - und aufgrund der präzise wiedergegebenen Ängste, Frustrationen, Lebenslügen zugleich ein ganz der Gegenwart verpflichtetes Generationenporträt.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Aw:
Moxie 05.04.2013
Zitat von sysopObwohl der Film radikal subjektiv von einem einzigen Tag erzählt, zeigt er die Lebenslügen einer ganzen Generation. Suizid-Drama "Oslo, 31. August" von Joachim Trier - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/suizid-drama-oslo-31-august-von-joachim-trier-a-892047.html)
Was sind denn nun die gezeigten "Lebenslügen einer ganzen Generation", Herr Schöning? Im Text drücken Sie sich ja um diese Information herum
2. Moxie hat recht
ApuMichael 05.04.2013
Auch ich habe diesen verblasenen Quatsch nur wegen der 'Lebenslüge' gelesen und fühle mich leicht veräppelt. Ich protestiere!
3.
wieeinspatz 05.04.2013
Viel kann man nicht sagen, wenn es sich um Selbstmord handelt. Meines Erachtens gibt es immer nur einen dünnen Faden zwischen Lebensfreude und Selbstmordgedanken. Es hängt von zahlreichen Faktoren ab, ob einer die unabänderte Tat begeht oder nicht. Die Umgebung spielt eine ausschlaggebende Rolle dafür, aber auch der Psychismus des Individuums. Wahrscheinlich war ich nie so verzweifelt oder so einsam, um mich selbst zu töten. Ich hätte auch nicht gewollt, meinen Kreis bzw. meine Familie mit so einer gewaltigen Last zu belasten, geschweige denn mit Gewissensbissen. Aber wer weiß? Es kommt vielleicht ein Moment, wo all dies unkontrollierbar wird, und dann ist das Ende.
4. optional
u30 05.04.2013
Ich fühl mich grad ein wenig pauschal diskriminiert. Lebenslüge einer ganzen Generation? Also so verloren wie dieser Typ sind wir jetzt auch nicht.
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Oslo, 31. August

NO 2011

Regie: Joachim Trier

Buch: Joachim Trier, Eskil Vogt nach einem Roman von Pierre Drieu La Rochelle

Darsteller: Anders Danielsen Lie, Hans Olav Brenner, Ingrid Olava, Anders Borchgrevink, Andreas Braaten, Malin Crépin

Produktion: Don't Look Now, Motlys

Verleih: Peripher

Länge: 95 Minuten

Start: 4. April 2013