Grönlands Kampf gegen Dänemark Stirb, Wikinger, stirb!

Sie waren die Stimme des Widerstands gegen die ehemalige Kolonialmacht Dänemark: Der Dokumentarfilm "Sumé - The Sound of a Revolution" zeichnet die Geschichte der ersten Rockband Grönlands so hinreißend nach, dass man Gänsehaut bekommt.

Von Jörg Schöning

Mindjazz Pictures

Ein Gespenst geht um in Grönland - es ist das Gespenst des Polit-Rocks der Siebzigerjahre. Es hat die Form eines Kastens, und natürlich ist es rot, auch bringt es Klänge hervor. Überhaupt sieht es aus wie eine Lautsprecherbox. Mal taucht es in der offenen Landschaft auf, dann steht es lässig inmitten des Schnees oder vor einem kalbenden Eisberg. Oder es sucht die Grönländer in ihren Wohnungen heim. Dann steht es vor Bücherregalen oder vor einer properen Küchenzeile. Die Wirkung, die es hervorruft, ist aber immer dieselbe: Es zaubert ein glückliches Lächeln auf die Gesichter der Zuhörenden, oder es rührt sie zu Tränen. Denn aus seinen Tiefen erklingen die alten Songs von Sumé - und mit ihnen steigen die Erinnerungen auf an den "Sound of a Revolution".

So zu sehen in einem Film über diese grönländische Band, die zwischen 1973 und 1975 drei Alben herausgebracht hat und in Grönland geradezu legendär ist. Der Dokumentarfilmer Inuk Silis Høegh verbindet in seinem Porträt jede Menge altes Archivmaterial mit aktuellen Interviews. Nicht nur die Bandmitglieder und ihr ehemaliger Produzent kommen dabei zu Wort, sondern auch die Fans von damals. Ihre Gesichter sind inzwischen alle etwas faltig geworden und ihre Haare dünner und grauer. Aber wenn der Regisseur zur Erinnerungsstütze den Regler aufdreht, spürt man förmlich, wie die Emotionen überspringen.

Schwer vorzustellen, dass Grönländer überhaupt jemals frieren. Aber man muss als durchschnittlicher Mitteleuropäer entweder schon sehr alt auf die Welt gekommen oder innerlich total verknöchert sein, um bei diesem Film keine Gänsehaut zu kriegen. Und doch transportieren Sumé weitaus mehr als nur nostalgische Gefühle. "Sumé", der Film, ist ein historisches Dokument. Wie Popgeschichte zu Zeitgeschichte mutiert, führt er geradezu exemplarisch vor.

Demontage der dänischen Vorherrschaft

Nicht weniger schwer als das bis zu 3000 Meter dicke Inlandeis lasten auf Grönland die Folgen eines jahrhundertealten Kolonialismus. Auch wenn die größte Insel der Erde seit 1953 offiziell keine Kolonie des Königreichs Dänemark mehr ist, war auch zwanzig Jahre später die kulturelle Oberherrschaft der dänischen Verwaltung in allen Lebensbereichen uneingeschränkt dominant: Unter dem Mantel der Modernisierung werden alte Wohnsiedlungen aufgehoben und ihre Bewohner aus wirtschaftlichem Kalkül in städtischen Mietskasernen konzentriert. Der Schulunterricht findet fast ausnahmslos auf Dänisch statt. Jugendliche, die eine Lehre oder ein Studium beginnen wollen, müssen dafür ins mehr als 3000 Kilometer entfernte "Mutterland".

Das Cover von "Sumut"

Das Cover von "Sumut"

Das bringt 1972 auch Sumé zusammen, deren Musiker in Kopenhagen studieren. Mit dem Sänger und Gitarristen Malik Høegh hat die Band einen charismatischen Frontmann, der mutmaßlich der Grund ist, warum Sumé bis heute so viele weibliche Fans hat. Das Besondere an der Band aber sind Høeghs Texte. Das Debütalbum "Sumut" ist das erste Rockalbum in grönländischer Sprache. Im Zentrum aller Songs steht die Forderung nach Unabhängigkeit und kultureller Selbstbestimmung. Und natürlich ist allein schon das Plattencover die pure Provokation: Es zeigt einen Grönländer, der einen Wikinger erlegt hat. Mit ihm beginnt die Demontage der dänischen Vorherrschaft.

"Wir wollten gehört werden", erklärt Malik Høegh in der Rückschau. Und das wurden sie: in dänischen TV-Shows, in denen er seine grundsätzlichen Zweifel am kapitalistischen Weg zur Entwicklung Grönlands formulierte, auf Demonstrationen des grönländischen Jugendverbands in Kopenhagen, auf einer herzzerreißenden Tournee durch ihr eigenes, von Verkehrswegen so gut wie gar nicht erschlossenes Land - und sogar in "Østberlin", bei den Weltfestspielen der Jugend.

Wo? Überall!

Dass Sumé, unabhängig von jeder institutionellen Vereinnahmung, tatsächlich der grönländische Arm einer internationalen Jugendbewegung war, macht der Film in einem geradezu genialen "Reenactment" klar, indem er ein Jugendzimmer der Siebzigerjahre nachstellt. Natürlich steht da ein Plattenspieler, auf dem die Platte von Sumé läuft. Und auch in Grönland sind, wie in allen Jugendzimmern der westlichen Welt, Stühle aus dem Zimmer verbannt. Stattdessen lagert sich der junge Mensch lax auf die Bodenmatratze. Wirklich bezeichnend für den weltweiten Siegeszug der Jugendkultur aber ist ein anderes Requisit - nämlich ein Flokati, der hier über das traditionelle Eisbärfell triumphiert.

"Sumé", der Film, hat also auch für Nicht-Grönländer einen großen Wiedererkennungswert. Das ist überraschend, und es fasziniert. Schön ist es auch, in den gealterten Protagonisten der Gegenwart die Jungen von damals zu entdecken. Und erhellend, wie stark Popkultur überall auf der Welt Lebensgeschichten formatiert.

Wie sehr Sumé, die Band, mit ihrer Musik das Selbstbewusstsein der jungen Grönländer prägte, tritt in der Gegenwart, mit der erweiterten Selbstverwaltung ihres Landes, deutlich hervor. "Sumé" heißt übersetzt "Wo?". Die Antwort des Films lautet schlicht: überall!

Im Video: Der Trailer zu "Sumé - The Sound of a Revolution"

"Sumé - The Sound of a Revolution"

DNK, NOR, GRL 2014

Originaltitel: Sume - Mumisitsinerup Nipaa

Regie: Inuk Silis Hoegh

Drehbuch: Inuk Silis Hoegh, Emile H. Péronard

Mit: Erno Aronsen, Per Berthelsen, Hjalmar Dahl, Per Danker, Hans Fleischer, Lise Hegelund, Malik Høegh, Isak Kleist, Kuupik Kleist, Emil Larsen, Arkaluk Lynge, Aviâja E. Lynge, Sakiu Nielsen, Eigil Petersen, Tida Ravn, Karsten Sommer

Verleih: mindjazz pictures

Produktion: Anorak Film

Länge: 73 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Start: 21. Januar 2016

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insgesamt 2 Beiträge
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F.X.Fischer 22.01.2016
1. Wikinger waren vermutlich Ureinwohner!
Es ist durchaus wahrscheinlich, dass zumindest im Süden Grönlands die um das Jahr 1000 eingewanderten Wikinger die Ureinwohner waren und ihr Verschwinden um das Jahr 1450 mit dem Vorstoß der aus dem Norden vordringenen Inuit zusammenhängt! Konflikte und gewalttätige Auseindersetzungen zwischen beiden Volksgruppen sind jedenfalls belegt! Nicht immer sind die Europäer die Bösen und Naturvölker unschuldig!
Butenkieler 22.01.2016
2. Grünland
Um das Jahr 1000 war Grönland im Süden noch grün. Grüne Täler, die leicht zu bewirtschaften waren. Sonst wären die Nordländer aus Dänemark und Norwegen bestimmt nicht geblieben. Dann kam eine weitere kleine Eiszeit und die Inuit kamen von Norden weiter nach Süden. Die Wikinger wurde verjagt oder getötet, denn das Land ließ keine Landwirtschaft mehr zu und die wenigen jagdbaren Tiere wurden von den Inuit bejagt. Es ist fraglich, hier zu entscheiden, wer Ur-Grönlander ist und wer nicht.
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