"Superman Returns" Messias ohne Mumm

Was für einen Retter braucht die Welt nach dem 11. September? Regisseur Bryan Singer gibt mit seinem nostalgischen Heldenspektakel "Superman Returns" eine unbefriedigende Antwort: denselben rotblauen Langweiler wie vor 30 Jahren.

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Was geht in einem wie Superman vor? Worüber grübelt ein unsterblicher Außerirdischer, wenn er sich in seiner arktischen Festung der Einsamkeit von der alltäglichen Rettung der Welt erholt? Mit der Durchdringung des Wesens Supermans sind Comic-Autoren und Drehbuchschreiber nun schon seit Jahrzehnten beschäftigt. Antworten haben sie bisher noch nicht gefunden.

Brandon Routh als Superman: Sanfter Reeve-Klon
WARNER BROS.

Brandon Routh als Superman: Sanfter Reeve-Klon

Vielleicht muss das so sein. Gottes Wege gelten als unergründlich, und Superman, in den dreißiger Jahren von Jerry Siegel und Joe Shuster erdacht, hatte schon immer messianische Züge. Vielfach gilt der "Mann aus Stahl" als jüdischer Held der Moderne, erfunden von zwei amerikanischen Immigrantenkindern zur Kompensation physischer Unzulänglichkeiten und als Projektion gegen den in Europa dräuenden Nazi-Terror. Die Farben seines Superdresses, blau und rot, werden von Exegeten immer wieder als Hinweise auf die Gewänder der Jungfrau Maria in frühen Darstellungen betrachtet. Und letztlich erinnert seine Genesis zu stark an das Jesus-Motiv, als dass es Zufall sein könnte: Der weise und mächtige Vater Jor-El vom sterbenden Planeten Krypton entsendet seinen kindlichen Sohn Kal-El, auf dass er den moralisch irregeleiteten Menschen auf Erden ein leuchtendes Vorbild sei.

Die Aura des unsterblichen, körperlich unbesiegbaren und moralisch unverwüstlichen Helden ist Fluch und Segen zugleich für den Comic-Veteranen Superman: Einen langweiligeren Action-Charakter als ihn kann man sich kaum vorstellen. Wie viel schillernder wirken dagegen düstere Rächer wie Batman, angstvolle Teenager wie Spider-Man oder unterdrückte Mutanten wie die X-Men. Auf der anderen Seite macht ihn gerade der Nimbus des Reinen und Unbestechlichen zum strahlendsten aller Helden. Nicht zuletzt aus dieser Tatsache erklärt sich der seit fast 70 Jahren andauernde Erfolg des Stählernen. Und sehnt sich die westliche Welt angesichts der Anschläge vom 11. September 2001 und der Aussicht auf den langwierigen Kampf gegen den Terror nicht gerade jetzt nach einer makellosen, christlich verbrämten Helden-Instanz?

Kaum verwunderlich, dass das Hollywood-Studio Warner Brothers nach Jahren der Leinwand-Abstinenz Supermans darauf brannte, die 1987 mit "Superman IV" beendete Kino-Reihe zu reanimieren. Doch wie sollte man den messianischen Langweiler inszenieren? Modern oder klassisch, zeitgeistig zerquält oder nostalgisch gestählt? Allzu psychologisierende oder modernistische Ansätze, die längst auch von den jüngsten Autoren der Comic-Serie verfolgt werden, wurden im Zuge des langen und teuren Findungsprozesses abgeschliffen.

Dem Exzentriker Tim Burton ("Batman"), der zunächst Regie führen sollte, wurde das Vertrauen entzogen, die Action-Spezialisten Brett Ratner ("Rush Hour") und McG ("Charlie's Angels") warfen entnervt das Handtuch. Mit Bryan Singer fand sich schließlich ein Comic-Aficionado und bewährter Helden-Filmer ("X-Men") für den verantwortungsvollen Job. 260 Millionen Dollar hat das Projekt über die Jahre verschlungen, das macht "Superman Returns", der nun endlich in die Kinos gelangt ist, zu einem der teuersten Filme aller Zeiten.

Hat sich der Aufwand gelohnt? Kommt ganz drauf an, was man erwartet hat. Singer, offenbar hingerissen von der Idee, den Superman seiner Jugend auferstehen zu lassen, drehte eine erschreckend banale Hommage an Richard Donners Original-"Superman" von 1978. Ein Jahr nach "Star Wars" faszinierte der spätere "Lethal Weapon"-Regisseur damals mit eindrucksvoll psychedelischen Spezialeffekten und verfügte mit Christopher Reeve über einen Hauptdarsteller, der sowohl den Helden selbst, als auch dessen linkische Tarnexistenz Clark Kent überzeugend verkörperte. Auch damals brauchte Amerika, gebeutelt von Watergate, Vietnam und Energiekrise, den harmlosen Helden mit dem gewinnenden Lächeln. Wie die Reporterin Lois Lane (damals von Margot Kidder gespielt) verliebte sich die ganze Nation in Reeves naiven Sonnyboy.

Singers Verbeugung vor dem Ur-"Superman" geht so weit, dass er sogar Marlon Brando, der damals mit schlohweißer Frisur Supermans Vater verkörperte, für eine Szene digital reanimierte. Hauptdarsteller Brandon Routh, ohnehin kein Charakterkopf, wurde dazu verdammt, als sanfter Reeve-Klon durch die Gegend zu fliegen - Stirnlocke inklusive. Viele Sequenzen und Einstellungen bis hin zur Original-Titelmusik von John Williams wirken wie demütige Reverenzen an jenen in der Rückschau kitischigen und pompösen Blockbuster, der heute höchstens noch mit einem gutmütigen Schmunzeln konsumiert werden kann.

Auch im Plot werden dieselben Motive variiert wie vor 30 Jahren: Erneut tritt Supermans Erz-Widersacher Lex Luthor (damals: Gene Hackman mit Toupet, heute Kevin Spacey mit schiefem Grinsen) auf den Plan. Doch der moderne Luthor droht nicht etwa mit terroristischen Akten oder Kampf der Kulturen, damals wie heute geht es ihm lediglich um Landgewinn. Mit Hilfe eines aus Supermans Festung gestohlenen Kryptonit-Kristalls lässt er eine gigantische Landmasse vor der Ostküste der USA entstehen, die er den vor Überschwemmungen flüchtenden Amerikanern teuer verkaufen will. Der universelle Krieg zwischen Gut und Böse wird in "Superman Returns" also auf einen Immobiliendeal heruntergebrochen. Der Grundstücksmakler als Terrorist.

Singer lässt selbst originellere Ansätze im Sande verlaufen: Die Story beginnt mit der Rückkehr Supermans von einer fünfjährigen Reise, die ihn zu den Überresten seines zerstörten Heimatplaneten geführt hat. Dort draußen im All musste er feststellen, dass sein Platz für immer und ewig auf der Erde, sein Schicksal auf Gedeih und Verderb mit dem der Menschheit verknüpft ist, ob es ihm nun passt oder nicht. Jor-Els Wille geschehe, in Ewigkeit Amen.

Fünf Jahre sind auch seit dem 11. September 2001 vergangen, und die Erde hat sich während Supermans Abwesenheit in einen Hort neuer Ängste und Krisenherde verwandelt. Keine Spur davon jedoch in "Superman Returns". Statt sich, wie in der jüngsten Comic-Adaption von Brian Azzarello und Jim Lee, als sinnkriselndes Wrack mit seiner Verantwortung als Weltenretter herumzuplagen, rettet Singers Superman zum Zeichen seiner Rückkehr ein Passagierflugzeug vor dem Absturz. Mit Strahlemanngrinsen setzt er den Jet unter dem Jubel des Publikums in einem Baseball-Stadion ab - ein amerikanischer Traum.

Statt politischer Veränderungen gibt es private: Supermans heimliche Geliebte, die "Daily Planet"-Reporterin Lois Lane (Kate Bosworth) hat inzwischen nicht nur den Pulitzer-Preis gewonnen (mit dem Artikel "Warum die Welt Superman nicht braucht"), sie hat auch einen festen Freund (James Marsden) und einen fünfjährigen Sohn, der ein bisschen debil wirkt, aber andeutungsweise über paranormale Fähigkeiten verfügt.

Wow, Supermans Sohn! Denkt man und hofft auf titanische Wutausbrüche und den Einsatz aller verfügbaren Superkräfte, um die emanzipierte Lois zurückzuerobern und den sterblichen Nebenbuhler in die nächste Galaxie zu jagen. Doch Singers Dramaturgie erstarrt auch hier im Biedermeier. Das folgt sogar einer gewissen Logik, denn wenn Superman der Messias ist, dann darf er nicht lügen, nicht fluchen, nicht klagen, sondern muss brav die andere Wange hinhalten. Mehr als ein paar melancholische Blicke sind ihm nicht gestattet, dem ewig Einsamen. Ein normales Familienleben ist ihm ebenso verwehrt wie fleischliche Gelüste oder selbstgerechter Zorn. Beim Showdown muss dann natürlich der Schurke Lex Luthor als Ventil für so viel Frustration herhalten.

So liefert Bryan Singer mit seiner frommen Heiligenerzählung genau den aufrechten Heroen, den das Erbauungskino zu brauchen scheint. Sein Film ist ein nostalgischer Action-Blockbuster voller Schauwerte und epischer Bilder. Superman selbst bleibt durch Singers respektvolle Interpretation die glattpolierte Projektionsfläche, die er immer war. Eine undurchdringliche Ikone.



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