Komödie "Tammy" Gesundheitssandalen und Dosenbier

Mehr als 20 Jahre nach "Thelma & Louise" ist Susan Sarandon wieder mit dem Auto unterwegs. Dieses Mal sitzt Melissa McCarthy neben ihr. In "Tammy" brechen die beiden zu den Niagarafällen auf, aber kommen in jede Menge Schwierigkeiten.

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Was wäre, wenn Thelma und Louise damals - nachdem sie einen Mann umgebracht, einen Truck in die Luft gesprengt hatten, und von der Polizei bis an den Rand des Grand Canyons gejagt worden waren - nicht in den Abgrund gefahren wären? Wenn man will, kann man die Roadtrip-Komödie "Tammy" in gewisser Weise als Antwort auf diese Frage sehen. Denn Susan Sarandon - die Louise von damals - spielt darin eine alte Frau namens Pearl, die das Leben immer ein bisschen zu sehr gelebt hat, und nun gegen ihren Willen im spießigen Haus ihrer Tochter ein Gästezimmer bewohnen muss und mit gepackten Taschen und gehortetem Bargeld darauf wartet, endlich rauszukommen.

Die Gelegenheit ergibt sich, als ihre Enkelin Tammy (Melissa McCarthy) eine Pechsträhne hat, die damit beginnt, dass sie mit einem Hirsch zusammenprallt. Was vielleicht nur halb so schlimm gewesen wäre, wenn dabei nicht ihr Auto kaputtgegangen wäre, was wiederum vielleicht nur halb so schlimm gewesen wäre, wenn sie deswegen nicht zu spät zu ihrem Job in einem Fast-Food-Restaurant gekommen wäre, was wiederum vielleicht nur halb so schlimm gewesen wäre, wenn sie deswegen nicht gefeuert worden wäre, was wiederum vielleicht nur halb so schlimm gewesen wäre, wenn sie deswegen nicht früher als sonst nach Hause gekommen wäre und so ihren Mann nicht mit der Nachbarin bei einem romantischen Abendessen erwischt hätte.

Unterwegs nach... tja, wohin eigentlich?

Tammy und Pearl haben zwar nicht die beste Beziehung, aber das gleiche Interesse: nur weg. Und so sitzen sie kurz darauf in Pearls Wagen, ziehen sich im Rückspiegel die Lippen nach wie einst Thelma und Louise, brettern an Stoppschildern vorbei, trinken Bier aus der Dose und fahren immer weiter in Richtung - tja, wohin eigentlich? Es gibt eine vage Rahmenhandlung: Irgendwie soll es zu den Niagarafällen gehen, weil Pearl als Kind nie dort war und es dort so hübsch sein soll. Das mag für einen Pauschalurlaub eine überzeugende Motivation sein, für einen Film ist es etwas dürftig. Und so fragt man sich schon, was genau sie dort eigentlich wollen, wenn sie die Niagarafälle endlich erreichen. Und ist fast ein bisschen erleichtert, dass sie die meiste Zeit des Films nicht einmal in die Nähe der Niagarafälle kommen: nicht nur, weil sie gleich zu Beginn in die falsche Richtung fahren, sondern vor allem, weil sie bei jedem Versuch, sich aus einem Schlamassel zu befreien, zuverlässig in den nächst größeren geraten.

Die meisten Handlungswendungen wirken dabei wie das Ziel der Reise, weder dramaturgisch zwingend noch wahnsinnig überraschend. Es scheint, als diene die Geschichte, die Melissa McCarthy zusammen mit Ehemann und Regisseur Ben Falcone geschrieben hat, in erster Linie dazu, einfach eine Menge lustige Figuren auftauchen zu lassen und deren Schauspielern den größtmöglichen Raum zur komödiantischen Entfaltung zu geben. Was einerseits klug und andererseits verheerend ist.

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Komödie "Tammy": Rambo war nichts dagegen
Wie ein Teenie auf Klassenfahrt

Da ist zum Beispiel Sarandon als Großmutter, die im Vergleich zu Heidi Klums berüchtigter Halloween-Verkleidung als alte Frau so jugendlich wirkt wie ein Teenie auf Klassenfahrt. Man braucht sehr viel Abstraktionsvermögen für Szenen wie die, in der Pearl für tot gehalten wird, nur weil sie nach einem ordentlichen Alkoholrausch auf einer Gartenliege eingeschlafen ist. Es ist nicht so, dass Sarandon schlecht spielen würde - ganz im Gegenteil - es ist einfach so, dass offensichtlich im Laufe der Weltgeschichte noch kein Paar Gesundheitssandalen entworfen wurde, das es schaffen würde, diese Frau wirklich alt aussehen zu lassen.

Aber dann sind da eben auch die Figuren, die so überzeugend und lässig und selbstverständlich im Laufe der Geschichte auftauchen, als wäre es für einen Samstagabend-Blockbuster das Normalste der Welt: lesbische Geschäftsfrauen, sensible Farmer, sexuell aktive Senioren, Frauen, deren größte Leidenschaft es ist, Dinge in die Luft zu jagen. Allen voran Tammy, die lustig ist und dick, ohne deswegen die lustige Dicke zu sein. Die Rambo-Radikalität, mit der Melissa McCarthy Tammy spielt, hat man in "Brautalarm" oder "The Heat" so oder so ähnlich schon gesehen. Aber wenn man sich fragt, ob noch ein Film mit noch so einer weiblichen Hauptrolle nötig ist, muss man nur die ersten Kommentare im Internet zum Trailer lesen, die beispielsweise giften, wo so ein Nilpferd überhaupt zur Schauspielschule gehen dürfe. Und dann weiß man: Solange es solche Reaktionen noch gibt, sollte Melissa McCarthy noch Hunderte solcher Filme machen.


Filmangaben:
"Tammy". Start: 3.7. Regie: Ben Falcone. Mit Melissa McCarthy, Susan Sarandon, Kathy Bates, Sandra Oh.



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